Der Betrieb
von Bodo Bodenstein


Wenn früh am Morgen Nebelschwaden
wabern langsam übers Ufer,
kommen Züge, vollbeladen -
es grüßt sie schrill der Bahnsteigsrufer.

Der graue Masse Menschenstrom
ergießt sich hin zum Backsteinbau;
die täglich Arbeit wartet schon,
stets überwacht durch EDV.

Die Spindel surrt, die Tippse tippt;
die Chefs, die planen Monatsziele -
Controller werden fast verrückt
in ihrer großen Zahlenmühle.

So vergehen Jahr' um Jahr'
im Firmen-Gänge-Labyrinth
und mittags speist die Menschenschar
den Milchreis, Zucker und den Zimt.

Der Mensch, der denkt: Das währt so ewig -
Meine Arbeit! Mein Gehalt!
Doch die Geschichte kümmert's wenig,
wenn der Ruf der Zeit erschallt.

Der Markt ist ständig in Bewegung -
der Sparte drohen schwere Stürme
und Kunden zeigen wenig Regung
für firmeneig'ne Schuldentürme.

Der Gewerkschaft, der wird bang und bänger -
die Ratten suchen sich'res Land -
der Entlass'nen Zahl wird lang und länger:
Sie reih'n sich ein beim Arbeitsamt.

Was bleibt an Wert vom Großkonzern?
Das ist das Haus, der Bodengrund,
und "Investoren" kaufen gern
so billig ein für ihren Schlund.

Einsam steht er nun am Ufer,
"Frühschicht" - das ist lange her,
- entlassen auch der Bahnsteigrufer -
Industrie-Palast! Du bist nicht mehr!


© Juni 2009 Bodo Bodenstein

(in Memoriam des VEB "Elektro-Apparate-Werke Berlin-Treptow" 1990,
stellvertretend für zahllose ehemalige Betriebe Ostdeutschlands)

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