Home - English - Externe Links - Über den Autor - Tagebuch einer Psychose - Buchtipps - Leserforum


Schizophrenie und Psychose
WISSENSWERTES
über die Krankheit

Was ist eine Psychose?
Was ist Schizophrenie?
Was sind die Ursachen?
Warum wird einer "verrückt"?
Wie ist die Behandlung?
Wie können Sie helfen?
Wie sind die Aussichten?
Schizophrenie und die Öffentlichkeit


Was ist eine Psychose?

Eine Psychose ist ein außergewöhnlicher Geisteszustand, der geprägt ist durch Wahnerleben und veränderte Wahrnehmung bzw. Interpretation der Realität. Dieser Zustand tritt am häufigsten bei der bipolaren Störung (manische Depression) und bei der Schizophrenie auf. Auslöser ist in beiden Fällen eine Überreaktion des Gehirns, basierend auf biochemischen Vorgängen. Das ist allerdings eine Vermutung im logischen Umkehrschluss, weil sich beide Erkrankungen gut mit Medikamenten in den Griff bekommen lassen.

Die Medikamente sind aber nur die eine Seite. Im psychotischen Zustand erkennt der Erkrankte meistens nicht, dass er krank ist. Bei der schizophrenen Psychose kommt oft ein Beeinträchtigungs- und Verfolgungserleben dazu. Deshalb ist es in vielen Fällen notwendig, zum Schutz des Erkrankten vor einem Suizid oder zum Schutze der Umwelt vor evtl. zerstörerischen Aktivitäten, den Erkrankten (oder die Erkrankte) in eine psychiatrische Einrichtung einweisen zu lassen. Dort wird der Erkrankte mit entsprechenden Psychopharmaka behandelt, die in der Regel schnelle Besserung bringen. Das Problem bei der Genesung ist, dass nach erfolgter Entlassung aus dem Krankenhaus bei dem Patienten die Einsicht für die Medikation vorhanden sein muss. Ohne Medizin tritt die Krankheit meistens wieder auf. Es gibt aber auch Leute, die wieder gesund werden, ohne fortdauernd Medikamente zu nehmen.

Der Ausbruch einer Psychose bringt für den Betroffenen meistens auch einen herben Einschnitt in das bisherige Leben. Beim Auftreten in jungen Jahren be- oder verhindert sie die Ausbildung des jungen Erwachsenen. Später ist sie oft Grund für eine Kündigung. Die oft bleibende Behinderung bzw. Beeinträchtigung des Leistungsvermögens verringert die Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Oft wird der Erkrankte dann zum Sozialfall – oder, wenn er „Glück“ hat, bekommt er Leistungen aus seiner Rentenversicherung. Er kommt, wenn sich nicht andere um ihn kümmern, in eine soziale Isolation. Das Bild eines psychisch Kranken in der Öffentlichkeit ist auch nicht gerade vertrauenserweckend: Der Begriff verrückt oder schizophren wird meistens abwertend gebraucht. Und wenn man mal etwas von Schizophrenie hört, dann meist in den Nachrichten nur in Zusammenhang mit Mord und Totschlag! Die bizarren Motive, die man da hört, ziehen die Reporter magisch an. Dabei sind schizophren erkrankte Menschen im Durchschnitt auch nicht gewalttätiger als der „normale“ Teil der Bevölkerung.

Was ist Schizophrenie?

Der Begriff Schizophrenie wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von einem Schweizer Psychiater eingeführt und ist eigentlich ein wissenschaftliches Konstrukt. Denn die Krankheit zeigt kein einheitliches Bild und kann sogar bei demselben Patienten zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich verlaufen. Man spricht deshalb auch von den Psychosen aus dem schizophrenen Formenkreis. Bei der Ersterkrankung sollte der Arzt eine solche Diagnose für sich behalten und den verunsicherten Patienten nicht noch weiter belasten. Schizophrenie bedeutet Bewusstseinsspaltung und soll damit meinen, dass das Erleben des Erkrankten geteilt ist in die Wahrnehmung der Realität so wie sie ist und in die Wahrnehmung einer „virtuellen“ Realität, nämlich der eingebildeten. Von Einbildung kann man vielleicht gar nicht sprechen: Manche „Gottes-Offenbarungen“ und „Zeichen“ spürt der Betroffene so tief und so direkt in seiner Seele, dass jeder Hinweis auf eine Einbildung ihn oder sie tief kränken würde.

Der Verlauf der Krankheit gibt oft Rätsel auf. So hören manche Patienten innere Stimmen, die sie beeinträchtigen; sie haben optische Halluzinationen, fühlen sich von Strahlen bedroht und von magnetischen Einflüssen. Insbesondere letztere Phänomene erleben die Erkrankten als Gedankenentzug. In der akuten Phase der Psychose, insbesondere bei Ersterkrankung, wenn man noch nicht weiß, dass man krank ist, versucht man sich verständlicherweise eine Erklärung für all diese, zum Teil körperlich erfahrbaren Dinge, zurechtzulegen. Die Erklärung findet sich leicht in vermeintlicher Überwachung und Verfolgung der eigenen Person. Von CIA und Stasi hat man ja genug schlimme Dinge gehört. Oder in der Anwesenheit von Gott, der einen führen will.

Hinzu kommt, dass bei akuter Überforderung des Gehirns, verursacht durch den Wahrnehmungsstress, alle Dinge um einen herum als auf die eigene Person bezogen fehlinterpretiert werden können. So bildet sich schnell ein Wahn, in dem sich alles um die eigene Person dreht. Das Charakteristische an der ganzen Geschichte ist aber, dass der Verstand dem Kranken bleibt, er ist nur in eine Falle geraten und wandelt auf den Spuren des Wahns. Selbst im von außen betrachtet desolaten Zustand der Gedankenverwirrung und der Katatonie arbeitet der Verstand des Kranken normal, er sieht sich jedoch auf Grund der Wahneinbildungen zu diesem Verhalten gezwungen, was immer auch das konkrete Wahnmotiv sein möge.

Durch medikamentöse Behandlung der Erkrankten mit speziellen Neuroleptika können die Symptome gemildert und dadurch der Wahn oft beseitigt werden. In schweren Fällen, insbesondere bei Katatonien, ist oft die Elektroheilkrampfbehandlung die einzige Rettung. Sie hat unverdientermaßen einen etwas schlechten Ruf als Elektroschocktherapie, weil sie früher ohne Narkose durchgeführt wurde und nicht selten zur Disziplinierung störender Patienten diente.

Schizophrenie ist gar nicht so selten. Zirka 1% der Bevölkerung ist davon betroffen. Das heißt aber nun nicht, dass jeder Hundertste, dem wir begegnen, vom Wahn befallen ist. Die akute Krankheitssymptomatik tritt bei einem Drittel der Betroffenen einmal auf im Leben und dann nie wieder. Bei einem weiteren Drittel kann es in größeren Abständen zu Rückfällen kommen. In der Zwischenzeit sind sie aber völlig gesund, was ihren Geisteszustand anbelangt. Nur beim letzten Drittel überwiegen die Rückfälle und die Krankheitssymptomatik. Für fast alle Betroffenen gilt: Eine bestimmte, regelmäßig eingenommene Erhaltungsdosis von Neuroleptika verhindert in der Regel den Rückfall. Oft bleibt nach Rückfällen eine Behinderung in Form von verminderter Stressverträglichkeit und Defiziten bei der sozialen Kommunikation. Somit ist die Schizophrenie eine der Hauptursachen für die Invalidisierung junger Menschen. Bei Männern tritt die Ersterkrankung angefangen vom Teenageralter bis in die 20er hinein auf, bei Frauen ein paar Jahre später.

Obwohl es oft fälschlicherweise angenommen wird, ist die Schizophrenie keine Persönlichkeitsspaltung! Störungen der Persönlichkeit sind eine völlig andere Form psychischer Erkrankung.

Was sind die Ursachen?

Die Ursachen für das Entstehen der Schizophrenie liegen noch weitgehend im Dunkeln. Anfang des Jahrhunderts glaubte man, die Krankheit sei eine Sache der Vererbung, weil sie in der Tat oft familiär gehäuft auftritt. In den 60ern und 70ern glaubte man, in den gestörten Familienverhältnissen die Ursache gefunden zu haben. Zu den familiären psychologischen Faktoren zählten z.B. das Fortbestehen der Mutter-Kind-Symbiose, inkonsequente Erziehung und das Herhalten des Kindes als Ersatzpartner. Heute geht man davon aus, dass eine Vielzahl von Faktoren zum Entstehen der Krankheit beiträgt. Biologische Veranlagung, soziale Umwelteinflüsse im Verlaufe der Entwicklung und gewisse Stressereignisse führen zu einer Verletzlichkeit, auf deren Grundlage die Krankheit ausbrechen kann. Man könnte sagen, dass man dann zu sensibel für die Stürme des Lebens ist. Auslöser sind oft belastende oder entlastende Ereignisse im Leben der Person (Todesfall, Trennung vom Partner, Prüfungen etc.) Es wird sogar von Psychiatern die Ansicht vertreten, dass jeder Mensch unter gewissen Umständen eine Psychose bzw. eine Schizophrenie entwickeln kann – jedermann hat seine eigene, ganz individuelle Stressgrenze. Gewissenlose Regimes missbrauchen diese Erkenntnis und foltern „gefährliche Staatsfeinde“ mit psychologischen Methoden, bis diese gebrochen und psychisch krank sind.

Vermutete Ursache für verschiedene Symptome der Krankheit ist eine mit der Erkrankung einhergehende Störung des Gehirnstoffwechsels. Das Gehirn kommt mit der Reizflut von außen nicht mehr klar. Es „schaltet“ auf eine andere Stufe der Umweltwahrnehmung. Das gestresste Nervensystem kann auch körperlich spürbare Symptome verursachen. Die Frage, ob sich dann ein Wahn herausbildet, ist meines Erachtens eine Sache der Erfahrung. Patienten, die schon einmal „wahnsinnig“ waren, können die Falle erkennen, in die sie das Gehirn schicken will und entsprechend darauf reagieren, indem sie sich vom Stress zurückziehen und eine höhere Dosis Neuroleptika einnehmen. Die Medikamente geben dem Patienten ein „dickeres Fell“ auf chemischer Grundlage.

Warum wird einer "verrückt"?

Wie schon oben beschrieben, befindet sich das Gehirn in einer bestimmten Phase der Erkrankung in einer Art Stress-Situation. Die ständig eingehenden optischen und akustischen Umweltinformationen sind dann irgendwie zuviel. Es schaltet praktisch einen Filter ein, der die Bedeutung des Wahrgenommenen verschiebt. Die Wahrnehmung wird „verrückt“. Es ist ein Phänomen und muss ganz tief in unserer Gehirnfunktion verankert sein. Man kann auch sagen, dass der Informationsfilter des gesunden Unterbewusstseins wegfällt. Diese Gehirnregionen, die uns unter normalen Bedingungen von den verschiedensten, für uns zweitrangigen Informationen abschotten, so dass wir uns zum Beispiel auf einen Sachverhalt konzentrieren können – sie funktionieren nicht mehr richtig. So verhält es sich beispielsweise mit der Reaktion auf Farben und der plötzlichen Wahrnehmung der Bezüge auf die eigene Person. Der Erkrankte erkennt neue Bedeutungen in den Dingen und fühlt sich deshalb wie ein „Erleuchteter“, er hat eine psychospirituelle Krise (wie Peter R. Breggin es ausdrückt). Zu dem Gefühl, etwas Besonderes zu sein, kommen bei der Schizophrenie oft körperliche Symptome und Halluzinationen hinzu.

Die Symptome verlangen nach einer Begründung. So werden eventuelle Beschwerden in der Herzgegend mit einem Strahlengerät begründet, das irgendwelche Fremden auf einen ausgerichtet haben. Schließlich ist man ja eine besondere Person! Sicher ist der Geheimdienst an einem interessiert! Oder wenn man plötzlich Bilder oder Lichterscheinungen sieht, glaubt man, sie seien extra für einen projiziert worden, damit man ein Rätsel löst, um die Welt zu retten. So in der Art entsteht dann ein Wahn, der sich zu einem ganzen Wahngebilde entwickeln kann, der zu einer festen Überzeugung werden kann. Deshalb ist es auch so schwer, einem offensichtlich Kranken klarzumachen, dass er in psychiatrische Behandlung gehört! Nach Überzeugung des Kranken ist das sicherlich nur ein Komplott oder eine Finte. Denn er ist gesund und ein Auserwählter! Diese Überzeugung wird ohne Zweifel verstärkt, wenn Gewalt angewendet werden muss, um den Erkrankten vor gefährlichen Aktivitäten zu bewahren und einer angemessenen Behandlung zuzuführen.

Wie ist die Behandlung?

Die meisten Patienten begeben sich auf Wunsch ihrer Eltern, oder von sich aus, freiwillig in eine Behandlung. Es kommt aber auch vor, dass Betroffene zwangsweise eingewiesen werden müssen. Diese Patienten fühlen sich dann oft bedroht und – aus ihrer Todesangst heraus – werden sie manchmal gegenüber den Rettungskräften gewalttätig. Aus ihrer Überzeugung heraus ist das nur das Recht der Selbstverteidigung: Sie können es nicht verstehen und fürchten um ihr Leben! Solche Patienten müssen dann oft die demütigende Prozedur der Fixierung ans Bett über sich ergehen lassen, bis sie durch Medikamente ruhiggestellt worden sind. Für die Reduzierung der Krankheitssymptome steht eine breite Palette von Neuroleptika zur Verfügung. Die Art der Medikation und die Dosierung muss individuell vom Arzt festgelegt werden. In der Regel setzt die antipsychotische Wirkung der Medikamente erst nach 2-3 Wochen ein. Allerdings streiten sich die Gelehrten noch darüber, ob die Neuroleptika direkt Auswirkungen auf die Wahngedanken haben oder ob sie durch die generelle Abstumpfung der Gehirnfunktionen und der Beseitigung bestimmter Krankheitssymptome bewirken, dass der Patient das intellektuelle Interesse an seinen Wahnideen verliert. Bei einigen Medikamenten gibt es mehr oder weniger starke Nebenwirkungen wie z.B. Muskellähmungen, Muskelkrämpfe oder -zuckungen, Mundtrockenheit oder sie wirken sehr stark sedierend oder erzeugen Ängste.

Diese Wirkungen sollten vorher mit dem Patienten besprochen werden, damit er sich keine falschen Erklärungen dazu zurechtlegt. Auch die neueren sogenannten „atypischen“ Neuroleptika – z.B. Risperidon, Olanzapin, Quetiapin, Amisulprid, Ziprasidon, Zotepin oder Aripiprazol – sind keine Wundermittel, wie es die Pharmaindustrie gerne dargestellt sähe. Fast nebenwirkungsfrei und trotzdem gut wirksam erweisen sich beispielsweise die klassischen Medikamente Leponex ®, Perazin ® oder Fluanxol ®. Bei schizoaffektiver Erkrankung muss eventuell zusätzlich noch ein Stimmungsstabilisator genommen werden (z.B. Lithium). Nach Abklingen des psychotischen Zustandes sollte man nur noch die niedrigstmögliche Erhaltungsdosis an Neuroleptika bekommen, so dass ein Wiederausbruch der Psychose verhindert werden kann. Glücklich kann sich schätzen, wer ganz ohne Tabletten oder Depotspritzen auskommt. Meist kommt es aber zu einem Rückfall, wenn der Patient seine Medizin (von sich aus) absetzt.

Ein akut psychotischer Patient braucht in zweiter Hinsicht natürlich auch Ruhe. Eine möglichst gewohnte Umgebung, viel Schlaf und Vermeidung von unnötigem Informationsstress wirken wahre Wunder. Zugegebenermaßen ist ein Krankenhausaufenthalt (ungewohnte Umgebung, fremde Menschen, neue Prozeduren) in dieser Hinsicht nur die zweite Wahl. Besser wäre es, man könnte zu Hause bleiben. Meistens sind überforderte Angehörige oder das Unvermögen der Patienten, für sich selbst zu sorgen, der Grund für die Klinik. Bei längeren Krankenhausaufenthalten gibt es die Möglichkeit von Beschäftigungstherapie und anderen Formen sozialen Trainings. Nach Entlassung aus der Klinik gibt es heutzutage auf der einen Seite die Möglichkeit des betreuten Wohnens und auf der anderen Seite die Möglichkeit der Tagesstrukturierung und/oder Rehabilitation in Tagesstätten und Zuverdienstprojekten. Diese Möglichkeiten variieren von Ort zu Ort.

Wie können Sie helfen?

Wenn sich plötzlich ein Mensch aus Ihrer Umgebung auffällig verhält, sei es nun ein Familienmitglied oder ein Arbeitskollege, und Sie haben den Verdacht, dass es sich um eine geistige Störung handelt, dann sollten Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst sein und die Sache nicht von sich wegschieben. Der sich auffällig Verhaltende ist krank und bedarf einer professionellen ärztlichen Hilfe! Als erstes sollten Sie dafür sorgen, dass eine Krankschreibung erfolgt. Schaffen Sie für den Kranken zu Hause eine reizarme, ruhige Atmosphäre und sorgen Sie für gutes, regelmäßiges Essen. Und der Schlaf ist das beste Heilmittel! Wenn nötig mit Tropfen oder Tabletten. Gehen Sie auf die „Erkenntnisse“ ihres Angehörigen ein und sagen nicht einfach, dass es Unfug wäre! Der Kranke muss Vertrauen spüren und braucht einen „sicheren Hafen“ zu Hause! Überzeugen Sie den Kranken, dass er sich in ärztliche Behandlung begibt. Dabei sollten Sie vermeiden, eine eventuelle psychische Störung zu erwähnen. Das kann als Angriff und Komplott missverstanden werden. Hilfreiche „Aufhänger“ sind der oft vorhandene Erschöpfungszustand oder unbestimmte körperliche Beschwerden und Symptome (besonders die Angst), die Ihnen der Kranke sicher nennen kann. Auf dieser Grundlage gehen Sie als Vertrauensperson mit ihm oder ihr am besten gleich zum Spezialisten, einem Facharzt für Neurologie und Psychiatrie. Schildern Sie dem Arzt ihre Beobachtungen des auffälligen Verhaltens und die Symptome des Kranken, ohne dass dieser misstrauisch wird. Der Arzt muss dann entscheiden, was weiter passiert und wie die Behandlung aussieht.

Wenn der Erkrankte schon im schweren Wahn und für Argumente nicht mehr zugänglich ist; wenn er aggressiv wird oder die Gefahr einer Selbsttötung besteht, ist die zwangsweise Einlieferung in eine Klinik unerlässlich! Also muss man entweder den Krankenwagen/Notarzt oder die Polizei rufen. Das ist eine schwere Aufgabe, aber keiner nimmt sie Ihnen ab. Hinterher wird er Ihnen vielleicht vorwerfen, dass Sie ihn in seinen Rechten als freier Bürger dieses Landes hintergangen haben, aber es kann auch passieren, dass er Ihnen dankbar ist, weil Sie ihn vor Unheil bewahrt haben oder zumindest vor weiteren peinlichen Situationen. Allerdings ist es nach geltendem Recht so, dass erst eine Selbst- oder Fremdgefährdung vorliegen muss, bevor eine Zwangseinweisung vorgenommen werden kann. Gibt es keine akute Gefährdung, ist Geduld vonnöten und eine Vertrauen schaffende Behandlung des Kranken.

Nach Entlassung aus dem Krankenhaus ist die beste Hilfe für den Patienten die Hilfe zur Selbsthilfe. Er muss wieder lernen, im täglichen Leben klarzukommen. Helfen Sie ihm oder ihr, eine eigene Wohnung zu finden. Damit tragen Sie zur gesundheitlichen Stabilisierung bei und entlasten gleichzeitig Ihre finanzielle Situation, falls der erkrankte Sohn oder die Tochter noch zu Hause wohnt. Das soll nicht heißen, dass Sie Ihren Sohn oder Ihre Tochter mit aller Macht aus dem Haus bekommen sollen. Es kommt ganz auf die Situation an. Es gibt ja auch noch das betreute Wohnen in WGs. Gehen Sie Ihrem erkrankten Kind nicht ständig „auf den Wecker“!

Vermitteln Sie ihm eine geeignete Arbeitsstelle oder Lehrstelle oder zumindest eine Tagesstrukturierung. Lassen Sie den Patienten ein Gefühl der Wärme sowie der Gelassenheit gegenüber der Situation spüren. Überzogene Ansprüche und ein gereiztes Klima begünstigen nur den Rückfall. Seien Sie sich bewusst, dass der Verlauf der Krankheit chronisch sein kann und damit eine bleibende Behinderung fortbesteht. Lassen Sie sich nicht entmutigen durch die ständige Unsicherheit. Holen Sie sich Hilfe in Selbsthilfegruppen und Beratungsstellen. Dies gilt sowohl für die Patienten als auch für die Angehörigen.

Wie sind die Aussichten?

Ein Drittel der von Schizophrenie betroffenen Bevölkerung erkrankt nur einmal im Leben und genest danach wieder vollständig. Damit ist schon widerlegt, dass die Krankheit unheilbar ist. Heilung setzt auch beim zweiten Drittel größtenteils ein, nur wird der gesunde Zustand gelegentlich von Rückfallen unterbrochen (z.B. alle 2 Jahre). Es können aber auch größere Zeitabstände bis zum nächsten Rezidiv auftreten. Eine genaue Vorhersage lässt sich nicht machen. Trotz dieser Unsicherheit ist die Schizophrenie eine Krankheit, die sich mit entsprechender Medikation und Therapie gut in den Griff kriegen lässt. Nur beim letzten Drittel überwiegt der chronische Zustand und die Krankheitssymptome sind mehr oder weniger präsent. Leider ist das Suizidrisiko für alle Erkrankten erhöht. Das liegt aber weniger an der Krankheit selber als an der als bedrückend empfundenen gesellschaftlichen Isolierung, in der sich viele Betroffene befinden.

Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass es neben der Schizophrenie auch noch andere Krankheitsbilder mit Wahnentwicklungen gibt, z.B. chronische Paranoia, wo man auf Grund des Fehlens typischer Symptome eben nicht schizophren diagnostizieren kann. Diese Fälle haben einen eher ungünstigen Verlauf – wegen fehlender Behandlungseinsicht und weil der (manchmal nur subtile) Wahn schon Jahre andauert.

Bis vor wenigen Jahrzehnten wurden die meisten Patienten noch in den Irrenhäusern weggeschlossen. Von dem dunkelsten Kapitel deutscher Psychiatrie-Geschichte mag man gar nicht berichten, als erbideologisch überzeugte Ärzte rechtlose, als lebensunwert eingestufte Kranke in den Anstalten mittels Gas, Giftspritzen oder durch Aushungern ermordeten. Seither hat sich viel getan. Zum einen sind wirksame Medikamente verfügbar, die die Heilung begünstigen, zum anderen hat sich die Psychiatrie der Gesellschaft gegenüber geöffnet. Es gibt Tagesstätten und betreute Wohnformen. Heutzutage ist es für einen an Schizophrenie Erkrankten möglich, ein erfülltes und befriedigendes Leben zu führen. Nur mit der finanziellen Situation der Betroffenen sieht es meist nicht rosig aus. Auch lässt die berufliche Wiedereingliederung oft zu wünschen übrig. Gehen Sie mal zu einem Bewerbungsgespräch und sagen Sie, dass Sie dann und dann ein halbes Jahr an Schizophrenie erkrankt waren und gerne den Job hätten! Oft reicht auch das Wort Psychose für die prompte Ablehnungsreaktion. Da hilft nur lügen. Ein Glücksfall wäre es, einen Chef zu finden, der Verständnis für diese Krankheit hat.

Auf einem anderen Gebiet sollte man nicht lügen, nämlich auf der Suche nach einem Partner oder einer Partnerin: Es ist sehr wichtig, dass man jemanden findet, der Verständnis und Einfühlungsvermögen für diese schwierige Problematik zeigt und wirklich bereit ist, sich mit einem einzulassen. Den richtigen Partner zu finden ist schon für gesunde Singles nicht leicht, umso mehr gilt das für psychisch Kranke. Gemeinsame Interessen und ein ähnlicher persönlicher Hintergrund sind auf alle Fälle positiv für einen Start in eine Beziehung.

Schizophrenie und die Öffentlichkeit
 

An anderer Stelle, z.B. in der Nachbarschaft oder bei der Wohnungssuche, ist es nicht ratsam, zu sagen, dass man an Schizophrenie leidet oder gelitten hat. Die breite Öffentlichkeit fürchtet diese Krankheit, sie verbreitet Schrecken. Das liegt zum einen am Mythos der Unheilbarkeit und zum anderen an der Darstellung durch die Medien. Wie oft gibt es „Psychothriller“ im Fernsehen zu sehen, wo ein Mensch zu einem mordlüsternen Verrückten mutiert! Wie oft wird in den Nachrichten im Zusammenhang mit Schizophrenie nur Mord und Totschlag erwähnt! Dabei sind das nur ganz seltene Fälle. Bei unvorhersehbaren Taten sind oft nahestehende Personen die Opfer. Wenn es wirklich so wäre, dass alle Schizophrenen Gewalttäter wären, so müssten ja die Sprechstunden der Psychiater nur unter Polizeischutz ablaufen. Es besteht eine generelle Übereinkunft darüber, dass die meisten Verbrechen nicht von schizophrenen Personen begangen werden. Und die meisten Schizophrenen werden auch nicht gewalttätig. Die Angst gegenüber dieser Krankheit ist also völlig unbegründet.

Ein aktueller Fall

Breivik ist schizophren, aber nicht jeder Schizophrene ist Breivik
Der Massenmord von Norwegen darf nicht zu einer Diskriminierung psychisch kranker Menschen führen

Onlineausgabe der Wochenzeitung DIE ZEIT, übernommen vom TAGESSPIEGEL
vom 02.12.2011

Aber das öffentliche Stigma besteht weiterhin. Schon alleine der abwertende Gebrauch des Wortes „schizophren“ in sogenannten gebildeten Kreisen führt zur Verdammung von unschuldigen Kranken. Es ist ja nichts dagegen einzuwenden, dass ein Wort mehrere Bedeutungen haben kann, aber um einen Sachverhalt abwertend darzustellen, gibt es in der deutschen Sprache wohl genug andere Möglichkeiten, als dass man in dieser leichtfertigen Weise mit einem Fremdwort „glänzen“ müsste. Auch die medizinische Diagnose „schizophren“ schießt weit über das Ziel hinaus: Wirklich schizophren ist ein Patient nur im akuten Stadium des Wahns! Nach der Genesung ist er ein ganz normaler Mensch mit einer kleinen mehr oder minder beeinträchtigenden Stoffwechselstörung. Also Mediziner – denkt Euch für den Zustand „danach“ ein anderes Wort aus! In Amerika nennen sich die Patienten selbst „survivors“ (Überlebende), in Deutschland „Psychiatrie-Erfahrene“. Für den Erkrankten ist das ständige Verstecken und Verheimlichen der Diagnose bald schon belastender als die eigentliche Krankheit. Auch die Angehörigen werden in diese Situation mit hineingezogen. Welche Familie gibt schon gern zu, dass sie einen Schizophreniekranken in ihrer Mitte hat. So werden die Betroffenen in eine soziale Isolation gezwungen. Nur Aufklärung kann hier helfen. Es ist dabei die Schwierigkeit zu überwinden, dass sich kaum jemand freiwillig ernsthaft mit einem solchen oft belächeltem oder abgelehnten Thema wie einer psychischen Krankheit beschäftigt, außer vielleicht im späten Abendprogramm des Grusel-Fernsehens. Dabei kann jeder ein Betroffener werden!



Der vorliegende Text ist Teil dieses Buches
von Bodo Bodenstein.








132 Seiten
ISBN 978-3-8370-1677-2

erhältlich in Online-Buchshops
und im Buchhandel



© 1997-2013

eXTReMe Tracker
Statistik

Home - Externe Links - English - Über den Autor - Tagebuch einer Psychose - Buchtipps - Leserforum