Ein Interview mit Cindy *. Sie ist 20 Jahre alt, wird zur Zeit substituiert und befindet sich in ambulanter Therapie.                                                                               *(Name wurde geändert)

 

 

Ich: Hi Cindy, wie geht es dir heute?

Cindy: Gut, bin im Moment nur wieder mal müde wegen Methadon.

 

Ich: Wie lange bist du schon auf Methadon?

Cindy: Ich war letztes Jahr schon einmal im Methadon-Programm, da waren es 6 Monate und bin jetzt  wieder seit März im Programm.

 

Ich: Warst du letztes Jahr aus dem Programm geflogen, oder wieso hattest du einen Stopp eingelegt?

Cindy: Nein, ich bin nicht rausgeflogen, hatte regulär aufgehört, denn ich bin im Oktober in stationäre Therapie gegangen.

 

Ich: Wie hat das mit den Drogen bei dir angefangen?

Cindy: Oje, Ich war so ungefähr 13 als ich mit „meinen Freunden“ angefangen habe Alkohol zu trinken. Am Anfang war es nur mal ab und zu, aber schon nach

kurzer Zeit hatten wir dann schon immer nach der Schule angefangen Alk` zu trinken. Ab und zu auch noch Haschisch geraucht. Mit 14 ungefähr habe ich dann auf Partys Speed, LSD, XTC und Koks ausprobiert. Am Anfang wie immer nur ab und zu und dann täglich. (greift nach einer Zigarette) Also, als ich mit 15 auf einner Party war, wollten wir natürlich wieder Pep und Koks haben, da es aber keins gab hat uns ein Russe etwas angeboten, was ziemlich gut sein sollte. Wir sollten es mal probieren. Er war in diesem Moment schon „drauf“ und ich sah dass es ihm „gut“ ging. Also probierte ich es auch aus. Mir war es im ersten Moment erst einmal ziemlich egal, was es für eine Droge war, Hauptsache ich hatte etwas in mir und ich habe ein gutes Feeling. Als er mir im Nachhinein sagte, dass es Heroin war, war ich im ersten Moment sehr erschrocken, aber anderseits war es mir auch egal.

 

Ich: Wer waren wir? Du sagtest „Wir sollten es mal ausprobieren!“

Cindy: Also wir waren mein Ex-Freund und ich!

 

Ich: Hatte keiner von euch Angst vor Drogen, oder hattet ihr andere Probleme mit denen ihr gekämpft habt?

Cindy: Ehrlich gesagt hatte ich keine Angst vor Drogen. Denn ich dachte, dass ich nicht abrutschen könnte.

 

Ich: Was geschah nach deinem ersten Heroinkonsum mit dir?

Cindy: Da mir die Wirkung von Heroin sehr gefiel nahm ich es die Anfangszeit nur ab und zu und dann immer mehr.

 

Ich: Woher hattest du denn all das Geld für die Drogen, denn mit 15 bekommt man ja eigentlich noch nicht soviel Taschengeld?

Cindy: Mit 15 ging mein Taschengeld und das Geld meines Freundes drauf. Als ich 16 war hatte ich einen Nebenjob in einer Tierpension, wo ich wirklich sehr viel Geld verdient hatte. Dies ging natürlich auch alles dafür drauf.

 

Ich: Haben deine Eltern nichts davon mitbekommen?

Cindy: Die Anfangszeit wussten sie nichts von den Drogen, sie hatten zwar bemerkt, dass ich mich immer mehr von der Familie abwandte. Ich wollte nur noch mit meinen Freunden abhängen und nichts mehr mit der Familie unternehmen.

 

Ich: Wann hatten Sie herausgefunden, dass du Drogen genommen hattest.

Cindy: Nach ungefähr 1 1/2 Jahren fand meine Mutter zusammengerollte Alufolie und Briefchen wo noch Reste vom Heroin drin waren. Darauf sprach sie mich an und fragte was los sei. Ich blockte nur ab.

 

Ich: Hatte sie gewusst was das sei?

Cindy: Sie hat nicht gewusst das es H sei, ich denke mal das sie dachte dass es Pep oder so was sei. Sie erkundigte sich bei einer Drogenberatung und die erklärten Ihr das braunes Pulver Heroin sei. Ab dann wusste sie was los ist.

 

Ich: Wie reagierte sie?

Cindy: Sie war total am Boden zerstört, machte sich Vorwürfe, dass sie was an der Erziehung falsch gemacht hätte. Versuchte mir dann aber zu helfen. Sie bot mir an mit zur Drogenberatung zu gehen und mich ins Krankenhaus zu fahren, damit ich entgiften konnte.

 

Ich: Hast du damals schon aufhören wollen?

Cindy: Nein, nicht wirklich!

 

Ich: Wieso nicht, oder gab es ab und zu Momente, wo du sagtest, es kann nicht so weiter gehen?

Cindy: Die Anfangszeit wollte ich nicht aufhören, da es mir ja noch gut ging. Hatte immer genug Geld mir Stoff zu kaufen und wollte eigentlich noch nicht aufhören. Ab dann wo ich anfangen musste zu klauen, illegal Geld zu besorgen und Probleme mit den Bullen hatte dachte ich dass es so nicht weiter gehen könne.

 

Ich: Wieviel Jahre warst du zu diesem Zeitpunkt, wo du dachtest dass es so nicht weiter geht?

Cindy: Ich würde sagen mit 18.

 

Ich: Wie war dein Drogenkonsum zu diesem Zeitpunkt?

Cindy: Als ich 18 war nahm ich täglich Heroin, spritzte es mir zu diesem Zeitpunkt schon und meine tägliche Dosis die ich mindestens brauchte war ein Gramm.

 

Ich: Hast du auch andere Drogen genommen oder blieb es nur bei Heroin?

Cindy: Überwiegend nahm ich Heroin aber als ich auf Partys gegangen bin nahm ich auch XTC und Koks.

 

Ich: Woher hattest du die Drogen bekommen, ich meine es ist ja nicht so leicht irgendwo Drogen zu finden. Man kann ja nicht auf die Straße gehen und schreien, gebt mir Heroin!

Cindy: Bei mir im Ort war es schon ziemlich einfach an Heroin heran zu kommen. Ich kannte natürlich durch meine Freunde die ganzen Dealer, da hatte ich keine Probleme. Aber als sie von den Bullen hochgenommen wurden sah das ganze schon anders aus. Zu diesem Zeitpunkt lernte ich ein Drogenhilfezentrum in meiner Nähe kennen. Da gab es wirklich jeden Tag und zu jeder Zeit Heroin und Koks. Man brauchte noch nicht einmal suchen oder fragen, denn schon vor der Tür bekam man Drogen illegal angeboten. Das war für mich ein gefundenes Fressen.

 

Ich: Was ist ein Drogenhilfezentrum?

Cindy: In dem Drogenhilfezentrum wo ich immer war konnte man saubere Spritzen und die dazu nötigen Utensilien bekommen Da gab es ein Cafe, wo man sich tagsüber aufhalten konnte, sich mit anderen Unterhalten konnte, essen bekam und einen Druckraum indem man seine mitgebrachten Drogen spritzen konnte.

 

Ich: Meinst du es war das Paradies auf Erden, zu diesem Zeitpunkt für dich?

Cindy: Es war schon grausam, was für Menschen da rum liefen, aber zu diesem Zeitpunkt fühlte ich mich einfach wohl, wenn ich an diesem Ort bei Menschen war. Ich fühlte mich einfach verstanden und keiner guckte mich doof an, weil ich Drogen nahm. Es ging ja allen gleich dort!

 

Ich: Was war mit der Schule, Ausbildung, Zukunft?

Cindy: Die Anfangszeit, als ich drauf kam war ich grad mit meiner Realschule fertig, hatte sie glücklicher weise mit Abschluss beendet. Danach ging ich auf die höhere Berufsfachschule um mein Fachabi zu machen. Doch ich hab es kurz vor der Prüfung geschmissen. Hatte keine Lust und Kraft mehr fürs lernen. Hab zwar 2001 eine Ausbildung als Rettungsassistenten angefangen, da es mein Traumjob war, aber mit Drogen schaffte ich es nicht.

Auch hatte es mit dem benötigten Führerschein nicht so geklappt wie ich wollte, denn ich gab das ganze gesparte Geld für Drogen aus.

 

Ich: Wie hattest du dich dann über Wasser halten können, wie dachtest du über deine Zukunft?

Cindy: Nach dem Job in der Tierpension habe ich ein Jahr als Verkäuferin gearbeitet, doch das Geld reichte nicht mehr aus, also musste ich Sachen von mir verkaufen, klauen gehen und so leid es mir auch jetzt tut habe ich alten Leuten das Geld geklaut.

 

Ich: Hattest du keine Angst, dass dich die Polizei aufschnappt?

Cindy: Doch schon, sie hatten mich auch schon einige Male beim Klauen erwischt, aber ich musste es ja machen, ich brauchte es für die Drogen.

 

Ich: Welche Drogen hattest du hauptsächlich konsumiert?

Cindy: Mein Hauptdrogen waren Heroin und Kokain, ab und zu Benzodiazepine immer wenn ich nicht soviel Heroin hatte.

 

Ich: Wieviel brauchtstet du an Stoff um einiger Maßen über den Tag zu kommen?

Cindy: Also, vom Heroin mindestens zwei Gramm pro Tag, wenn ich mehr Geld hatte, habe ich mir natürlich mehr geholt. Koks habe ich mir ein Gramm pro Tag geholt.

 

Ich: Wann wurde dir klar, dass du Hilfe benötigst, wenn man das so genau sagen kann? Gab es einen bestimmten Punkt, wo du meintest es geht nicht mehr weiter, oder hast du nach und nach begriffen das du in ein großes Loch gefallen warst?

Cindy:  Mir wurde es klar, als ich bemerkte das ich immer mehr abrutschte. Ich war nicht mehr zuverlässig… Schule, Job gingen flöten. Ich kam alleine einfach nicht mehr klar. Der bestimmte Punkt war halt als ich ne Zeit lang im Drogenhilfezentrum übernachtet habe. Auf der Straße gelebt habe.

 

Ich: Wann war das?

Cindy: Vor Zwei, anderthalb Jahren.

 

Ich: Wie hast du versucht, davon los zu kommen?

Cindy: Der erste Schritt den ich versucht habe war die Drogenberatung aufzusuchen, die haben mir gesagt, dass ich zum Arzt muss und ne Überweisung ins Krankenhaus brauch… für die Entgiftung. Hab mich natürlich auch darum gekümmert, dass ich in eine Therapie komme. Hat alles ziemlich lange gedauert, da ich immer wieder rückfällig wurde und wieder neu entgiften musste.

 

Ich: Wie viele Entgiftungen und Therapien hast du durchgemacht?

Cindy: Puh, zehn stationäre Entgiftungen, im Krankenhaus… ähh die Entgiftungen zu hause kann ich nicht zählen. Es waren zu viele. Auch zwei stationäre Therapien habe ich angefangen. Die erste war 5 Tage lang in einer falschen Einrichtung. Es war eine für Mütter und Kind und ich hatte ja kein Kind, dort war der Schwerpunkt die Behandlung für Mütter ausgerichtet. Die andere war 3 Monate, dort war ich sehr glücklich, wurde aber rausgeschmissen, da ich einen Alkoholrückfall gedeckt hatte und ne Schlaftablette genommen hatte.

 

Ich: Wann war deine letzte Therapie und was geschah nach dem Rausschmiss?

Cindy: Meine letzte Therapie ging von Oktober bis zum 31.12.02, als ich rausflog. Danach bin ich erst mal 3 Tage in Wiesbaden rumgeirrt, hatte dort meinen ersten Rückfall bin danach wieder nach Hause gefahren wo ich wieder jeden Tag gespritzt hatte. Zu hause war viel Stress wegen dem Rausschmiss und den Stress wollte ich mir nicht antun, außerdem war ich ja schließlich selbst traurig und verzweifelt, aber irgendwie haben die anderen das wohl nicht so gesehen.

 

Ich: (Cindy raucht gerade eine Zigarette) Und wie sieht es bei dir nun aus? Die Therapie rund 5 Monate hinter uns. Was hat sich in der Zeit bei dir ergeben?

Cindy: Also ich habe zwar in den 3 Monaten in der Therapie viel gelernt und auch wenn ich in den danach folgenden zwei Monaten ziemlich weit unten war und jeden Tag drauf war habe ich nach der Entgiftung die ich im Februar gemacht hatte halt kapiert das es so weiter nicht geht und nun bin ich an dem Punkt angekommen, dass ich nicht mehr weitermachen will. Ich kümmere mich darum, dass ich eine Ausbildungsstelle bzw. FSJ machen kann und will danach mein Fachabi nachmachen. Studieren will ich auch noch, wenn alles klappt. Neben dem Methadonprogramm gehe ich zum Psychotherapeuten, wo ich eine ambulante Therapie mache, welche mir sehr hilft.

 

Ich: Wer hilft dir alles bei deinem neuen Lebensvorhaben? Unterstützen dich deine Eltern oder haben die dich schon aufgegeben?

Cindy: Also ich habe seit März einen neuen Freund, den ich sehr liebe und der mir auch sehr hilft in der Hinsicht. Der mir Verständnis, Wärme, Geborgenheit und liebe entgegenbringt, was ich sehr vermisst habe.

Er versucht mich zu unterstützen wo es nur geht. Meine Familie steht zu mir, obwohl ich ihr schon sehr weh getan habe. Meine Mutter hilft mir auch immer wo sie kann. Kurz gesagt ich habe sie sehr gern und es tut mir leid, was ich ihnen in den letzten 5 Jahren angetan habe.

 

Ich: Ist dein Freund eigentlich auch drauf gewesen oder hatte er was mit Drogen zu tun?

Cindy: Mein jetziger Freund ist nicht drauf und war auch noch nie drauf. Mein Ex mit dem ich 5 Jahre zusammen war, war natürlich auch drauf. Wir haben eigentlich die ganze Drogenkarriere durchgemacht.

 

Ich: Wie kam es dazu, dass du nicht mehr mit ihm zusammen bist?

Cindy: Wir wollten normaler Weise eine Paartherapie machen, dass war die letzte Chance für unsere Beziehung. Wir hofften, dass danach unsere Beziehung wieder läuft. Doch er ist noch nicht mal nachgekommen in die Therapie. Er musste wegen den Kostenträger vorher in eine andere Therapie um Motivation zu testen. Danach sollte er normaler Weise nachkommen. Doch er kam nicht.

 

Ich: Wie ging es dir, als er nicht auftauchte, wolltest du raus aus der Therapie?

Cindy: Ich war sehr enttäuscht, als er nicht gekommen ist, habe versucht ihn zu erreichen, um zu fragen wieso und warum er nicht gekommen ist. Weil ich so enttäuscht war habe ich wieder angefangen meine Arme aufzuritzen. Die Therapie abbrechen, dass wollte ich nicht. Ich wollte mein Leben ändern, wenn er es nicht wollte hatte er Pech gehabt.

 

Ich: Du sagst, dass du wieder angefangen hast deine Arme aufzuschnippeln, so wie du es sagst…Wieso wieder? Worin lag die ursprüngliche Ursache?

Cindy: Als ich damit anfing war ich ungefähr 12 Jahre alt, die genaue Ursache weiß ich nicht mehr. Wenn ich es heut zu Tage mache, dann ist es wenn ich sehr traurig, wütend bin. Damit möchte ich den inneren Schmerz betäuben. Wenn ich mich schneide und das Blut am Arm sehe dann ist der innere Druck weg und ich fühle mich erleichtert.

 

Ich: Ist dies eine Altnernative zu Drogen?

Cindy: Mm, ja zur Zeit schon, denn grad in solchen Situationen hätte ich ja früher zu Drogen gegriffen. Heut ist es das Teppichmesser.

 

Ich: Hast du in letzter Zeit einen neuen Freundeskreis gefunden.

Cindy: Durch meinen neuen Freund habe ich eine neue Freundin kennen gelernt, mit der ich mich gut verstehe. Sie weiß was mit mir los ist und versucht uns auch zu Helfen. Habe auch eine Gleichgesinnte näher kennen gelernt und tausche mit ihr die Erfahrungen aus. Und wir reden miteinander, weil es ja doch was anderes ist, wenn man das Gleiche schon durchgemacht hat.

 

Ich: Meinst du, dass du diesmal den Absprung schaffen wirst?

Cindy: Ja ich denke schon das ich es schaffen werde, habe zur Zeit ein sehr gutes Gefühl und es läuft zur Zeit prima. Ich versuche so gut, wie es geht meine Zukunft in den Griff zu kriegen.

 

Ich: Ich wünsche dir viel Erfolg und wir sehen uns hoffentlich… Viel Glück

 

 

zurück