[3] Dancer in the Dark [Lars von Trier]

In Zürich gibt es ein Kino am See. Dort laufen Vorpremieren. Man kann Glück haben mit dem Wetter oder auch Pech. Wenn man Pech hat, dann regnet es, man wird trotz Regenhaut naß und von den Schirmen tropft es leise in den Nacken. Vor zwei Jahren war es so, diesmal hatten wir den Sonnenuntergang über dem See inclusive und einen sternenklaren Himmel über den Köpfen. Dorthin konnte man sehen, wenn der Film gar zu dicht wurde, wenn sich die Bilder nicht mehr aushalten ließen. Besonders gegen Ende des Filmes schweiften meine Blicke immer wieder hinüber zu den erleuchteten Fenstern am anderen Ufer.

Selma (Björk) ist eine alleinerziehende Frau, die aus der Tschechoslowakei nach Amerika ausgewandert ist. Sie leidet unter einer irreparablen Augenerkrankung, weiß, daß sie immer weniger sehen und irgendwann völlig blind sein wird. Bis dahin schuftet sie tagsüber in einer Fabrik wie ein Tier una nachts in Heimarbeit, belügt den Augenarzt bei der Kontrolluntersuchung, indem sie die Buchstaben auswendig lernt und spart am Geburtstagsgeschenk ihres Sohnes, der diese Krankheit von ihr geerbt hat. Sie tut dies, um die Augenoperation für ihn bezahlen zu können. Am Anfang ist alles sehr idyllisch, man sieht die Nachbarn, auf deren Grundstück die beiden in einem Wohnwagen leben, die Fabrik, ihre Musicalwelt, in die sie, inspiriert durch den Rhythmus der Maschinen, immer wieder singend und tanzend flüchtet. Und man fragt sich, wohin man da geraten ist, was die Aussage des Filmes wohl sein soll. Nebenher verstärkt sich das Gefühl, daß sich irgendetwas zusammenbraut im Hintergrund und man hofft, daß es sich dabei nur um einen Unfall an der Maschine handelt. So einfach ist das jedoch nicht. Der Nachbar + Frau leben über ihre Bedürfnisse, der Mann läßt seine Frau im Unklaren über die finanzielle Situation, um sie nicht zu verlieren - so heult er sich also einen schönen Tages unter dem Siegel der Verschwiegenheit bei ihr aus, sie wiederum erzählt ihm von dem Geld für die Operation. Beide sind quitt denkt man und die Geheimnisse gut aufgehoben. Bis der Typ auf die Idee kommt, sein finanzielles Problem auf elegante Art und Weise zu lösen - er beklaut Selma. Diese wiederum hat just an dem Tag einen Termin beim Augenarzt und will ihm das Geld für die OP, 2056 Dollar, 10 Cent, bringen. Als das Geld verschwunden ist, geht sie hin zum Nachbarn und will sich zurückholen, was ihr gehört. Sie ist ja inzwischen fast blind und noch einmal würde es nicht gelingen, soviel Geld zusammenzuarbeiten. Es kommt zum Kampf, es gibt einen Toten, es gelingt ihr, das Geld zum Doktor zu bringen. Die Geheimnisse bleiben Geheimnisse und so wird sie verurteilt zum Tod durch Erhängen. Der Gerichtssaal ist ihre Bühne, sie driftet weit ab in Gesang und Tanz, sie sucht so ihren Halt, ohne ihn zu finden. Ihre Freunde kämpfen um die Wiederaufnahme des Verfahrens ... und mehr verrate ich diesmal nicht. Cathy (Cathérine Deneuve), ihre Freundin, stellt ihr im Gefängnis die Frage, was denn wichtiger für den Jungen wäre - die blinde Mutter oder sein Augenlicht? Ja, was ist wichtiger? Der Film hat Bilder, die nicht spurlos an einem vorbeigehen und die mich diesen Film ganz gewiß kein zweites Mal ansehen lassen werden. Aber ich empfehle ihn, er packt die Seele mit schwerer Hand und läßt sie so schnell nicht wieder los. Taschentücher nicht vergessen. Und danach unbedingt noch etwas anderes vornehmen, sonst nimmt man die Bilder mit in´s Bett.
 

(c) by pecola

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