P.B.: Sie sind Biologe und Systemtheoretiker, aber Ihre Forschungsergebnisse werden auch direkt auf die Musik, beispielsweise von John Cage, bezogen. Erstaunt Sie das?
H.v.F.: Aber überhaupt nicht - ich bin ja ein guter Freund von John Cage. Wir amüsieren uns enorm miteinander! Cage kam irgendwann zur Universität von Illinois, wo ich das Biological Computer Laboratory leitete. Er wollte mit meinem Freund und Kollegen Lejaren Hiller Computermusik machen, und wir haben alle viel Spaß gehabt zusammen. Cage hatte dieses 'prepared piano', wo er Papier und tausend andere Sachen hineinlegte, um den Klang zu modifizieren. Und wir haben alle geredet: Was legen wir noch hinein? Was können wir noch machen? Wie können wir das erweitern? Können wir mit einem Piano zwei Pianos spielen? Warum bauen wir nicht eine elektronische Verbindung? Wenn zum Beispiel hier Magneten wären wie bei einer Elektrogitarre, dann könnte man doch ein zweites Piano damit anhängen et cetera.
P.B.: Gibt es über die private Freundschaft hinaus denn einen inneren Zusammenhang zwischen Ihrer Forschung und Musik
H.v.F.: Natürlich, das hängt alles zusammen! Schauen Sie: Im Jahre 1960 wurde in Chicago eine Konferenz zum Thema 'Selbstorganisierte Systeme' veranstaltet. Zu dieser Zeit haben wir auch in meinem Laboratorium an der Idee der Selbstorganisation von Systemen gearbeitet, und natürlich waren wir alle nach Chicago eingeladen. Dort habe ich zum ersten Mal das 'order from noise principle' vorgestellt. Es gab verschiedene Experimente dazu, ich werde eins beschreiben: Man nimmt kleine Würfel, die teilweise magnetisiert sind und vom Gewicht her gerade noch schwimmen können. Die setzt man also ins Wasser und beginnt nun, das Ganze ein bisschen zu schütteln. Anfangs driften die Würfel nur so herum, aber plötzlich fangen sie an, sich zu kombinieren und die schönsten Kristalle zu bilden. Ob sie dünne lange Stäbe machen oder sich in Klumpen formen, hängt natürlich davon ab, wie sie magnetisiert sind. Die jeweilige Struktur ist eine innere, die aber nur durch den 'noise' - das heißt in diesem Fall: das Schütteln - zur Manifestation gebracht wird. 'Order from noise' ist ein Manifestierungsprinzip. Wir haben es mathematisch genau dargestellt. Die Sache erinnert ein bisschen an den Maxwellschen Dämon - das ist auch einer, der mit 'noise' Ordnung macht.
P.B.: Und was hat das mit Musik zu tun?
H.v.F.: Genau so komponiert John Cage. Er würfelt verschiedene Dinge durcheinander und auf einmal ist es dann eine Partitur.
P.B.: Sie haben also in Ihrem Computer-Labor sozusagen Wissenschaftsmusik gemacht?
H.v.F.: Als Antwort darauf werde ich von Gordon Pask erzählen. Der kam nämlich vom Vaudeville direkt in mein Labor. Gordon Pask ist ein wirkliches Genie, ein unwahrscheinlicher Bursche! Er kam also von der Bühne und hatte die Music-Color-Machine erfunden, die später alle Jazz-Leute benutzt haben. Mit dieser Maschine ist er herumgefahren und in Hotels und Restaurants aufgetreten. Die Sache funktionierte so: Wenn eine Kapelle aufspielte, dann hat die Music-Color-Machine die Klangfarben in entsprechende optische Farben übertragen und Stimmungsbilder auf die Wände projiziert. Dadurch ist die Musik noch dynamischer geworden, die Leute haben immer mehr und wilder getanzt - bis schließlich die Polizei aufgetaucht ist und Gordon Pask verhaftet hat. Das ist immer wieder passiert, bis seine Frau gesagt hat: 'Ich will mich nicht mehr verhaften lassen! Du musst dir etwas anderes ausdenken.' Und so hat er darüber nachgedacht, dass diese Maschine eigentlich eine Lernmaschine ist - sie lernt ja von der Musik und formt insofern eine Art von Selbstorganisation. An diesem Punkt der Überlegungen habe ich Cordon Pask kennen gelernt, das war 1958. Ich habe ihn sogleich in mein Laboratorium eingeladen, und dort haben wir über Selbstorganisation gearbeitet.
P.B.: An diesem Prinzip haben Sie jedenfalls nicht nur wissenschaftliches Interesse, sondern auch ästhetisches Vergnügen?
H.v.F.: Selbstverständlich, ich bin doch einer der Pioniere der Computermusik! Und in vielen Fällen kauft man sich ja auch schon keine Schallplatte mehr, sondern ein Programm, das etwas Musikalisches erzeugt Es gibt beispielsweise Programme, die vom Initialwert abhängen. So eins kann ich mir nun kaufen, und dann sage ich: Was wollen wir heute für eine Musik hören? Keine Ahnung! Fangen wir doch mal mit 'tuht' an. So machen ja Computer immer: 'tuht' und „böööh" und 'chrrrt'. Je nachdem, wo wir anfangen, hören wir immer eine neue Musik und erleben vielleicht etwas Überraschendes - ohne dass es einfach Chaos wäre! Denn es sitzt ja ein Algorithmus dahinter, ein durchaus nicht trivialer Algorithmus. Synthetisch ist alles bestimmt, nur ist es nicht mehr analytisch auflösbar.
P.B.: Warum aber sind denn diese Rechenhirne eigentlich so beneidenswert musikalisch? Warum funktioniert das so gut?
H.v.F.: Weil Mathematik Musik für den Geist ist und Musik Mathematik für die Seele - so hat es. irgend jemand einmal gesagt. Seit Pythagoras Intervalle in Zahlenwerten fasste, gibt es einen klaren Trend in der westlichen Musik, den man entweder Reduktion von Redundanz oder kontinuierliches Anwachsen von Komplexität nennen kann. Schönbergs Zwölftonskala stand in diesem Trend. Aber an Stelle seiner zwölf Töne könnte man beispielsweise auch achtzehn nehmen und damit die Kombinationsmöglichkeiten enorm steigern. Und genau an diesem Punkt, wo uns die Komplexität des Phänomens über den Kopf zu wachsen droht, kommen die Computer ins Spiel.
P.B.: Der ideale Hörer wäre also ein zweiter Computer, der dem ersten noch folgen kann. Läuft es nicht darauf hinaus, dass irgendwann die Rechner sich gegenseitig Musik machen, während wir daneben stehen und zuschauen. wie die sich amüsieren?
H.v.F.: Das ist doch ein Riesenspaß. In vielen Fällen besteht das Amüsement gerade darin, nicht mehr fassen zu können, was alles an herrlichen Sachen gleichzeitig passiert.
P.B.: Können Sie als Wahrnehmungstheoretiker ein Unterscheidungskriterium dafür nennen, was Musik ist und was Krach ist?
H.v.F.: Man kann es nicht wahrnehmungstheoretisch unterscheiden, sondern nur metaphysisch. Man muß einen Entschluss fassen, anfangen zu integrieren, zu hören, zu fragen: Verstehe ich das? Wahrnehrnungstheoretisch gibt es kein Kriterium dafür. Schauen Sie sich Richard Wagner an! Als das Vorspiel zu den 'Meistersingern' erstmals in Wien gespielt werden sollte, da sind die Musiker aufgestanden und haben gesagt: Dieses Geräusch, diesen Krach wollen wir nicht mehr weiter produzieren! Wir lehnen ab! Das ist keine Musik, das ist Rockn' Roll, da geht man fort! So ist es dann in Dresden uraufgeführt worden.
P.B.: Ähnlich hat seinerzeit die New York Times reagiert, als Sie 1966 eine Konferenz über 'Music by Computers' hielten: Erstens sei es Krach, und zweitens würden die Musiker wegsimuliert. Was sagen Sie dazu?
H.v.F.: Ein Computer simuliert keinen Menschen, und schon gar keinen Musiker. Das Wort 'Simulation' wird so häufig missverstanden. Da sagt man beispielsweise, der Hebel simuliere den Arm. Ich würde darauf gern antworten: Ach so - Sie meinen, dass der Arm eine Simulation des Hebels ist! Wenn man nur bedenkt, wie viel verschiedene Funktionen der Arm hat und dass er noch dazu ein umgekehrter Hebel ist, der auf der kurzen Seite zieht und die große bewegt. Bei Hebeln, wie wir sie verwenden, ist das genau umgekehrt. Alles ist also verkehrt. Artifizielle Intelligenz simuliert nicht das menschliche Hirn, denn niemand weiß, wie das funktioniert. Wie will man etwas simulieren, was man nicht kennt? Aber natürlich haben die Neurologen und Psychiater sofort die Computersprache übernommen, von digitalen und analogen Sachen im Nervensystem geredet. Ich kann mich noch gut entsinnen, wie John von Neumann eines Tages darüber in Rage geraten ist. Er war ja ein unerhört temperamentvoller Mann, und wir sassen damals in einer sehr gemischten Kybernetik-Arbeitsgruppe, an der auch Anthropologen wie Margaret Mead teilnahmen, und so weiter. Eines schönen Tages also springt der John von Neumann auf, haut mit der Faust auf den Tisch: 'Also bitte vielmals, wollen Sie doch bitte eine Unterscheidung machen zwischen zwei fundamental verschiedenen Dingen: Das eine ist digital/analog, und das andere ist kontinuierlich/diskret. Bitte diese zwei nicht zu verwechseln, sonst verwirren wir uns und glauben am Ende, eine Rechenmaschine im Kopf zu haben.'
P.B.: Was aber haben wir nun im Kopf?
H.v.F.: Das Hirn. Gewiss kann man ohne weiteres sagen, dass dort bestimmte Dinge errechnet werden; die Errechnungsmetapher würde ich durchaus zulassen. Sobald ich aber sage, in meinem Kopf sei eine Rechenmaschine, mache ich zweierlei: Erstens beziehe ich mich auf etwas, was ich kenne, nämlich die Rechenmaschine; und zweitens projiziere ich diese metaphorisch zurück auf etwas, was ich nicht kenne, nämlich mein Hirn.
P.B.: Haben eigentlich die sprachphilosophischen Arbeiten Ihres Onkels Ludwig Wittgenstein für Sie eine Rolle gespielt?
H.v.F.: Ja, ganz entscheidend - den Onkel Ludwig Wittgenstein, den habe ich als ganz kleines Kind noch gekannt. Sein Haus war nicht sehr weit entfernt vom unsrigen in Wien, so kamen wir manchmal dorthin. Da hat man sich schön angezogen und bekam eine wunderschöne heiße Schokolade. Und einmal hat er mich gefragt: 'Sag, Heinz, was möchtest du denn gerne werden?' Ich war damals sieben Jahre alt und habe geantwortet: 'Ich möchte gerne Naturforscher werden.' - 'Dann musst du aber doch sehr viel wissen.' Da habe ich gesagt: 'Aber ich weiß sehr viel!' Darauf hat er entgegnet: 'Ja, aber du weißt eines nicht - wie recht du hast!' Und das hat mich geärgert, diesen Satz habe ich mir gemerkt.
P.B.: War das sozusagen Ihre Initiation in die Philosophie?
H.v.F.: Ja, vielleicht. Er ging dann bald nach England, ich habe ihn als Kind schon aus den Augen verloren und auch vergessen. Sehr viel später bin ich auf den 'Tractatus logico-philosophicus' gestoßen, ohne zu bemerken, dass er von Onkel Ludwig stammt. Da stolpere ich also über dieses Buch, fange an zu lesen und bin völlig hingerissen. Mit neunzehn konnte ich fast alles auswendig, von Satz 1 bis Satz 7. Ich war ein 'pain in the neck', ein schrecklicher Mensch für alle meine Bekannten. Denn jedesmal, wenn philosophische Gespräche aufkamen, habe ich gesagt: Ja, aber Wittgenstein schreibt...! Ganz unabhängig davon, dass er mich beeinflusst hat, freue ich mich natürlich, ihn persönlich gekannt zu haben. Und selbstverständlich reflektiere ich seine Arbeit auch. Wenn man ihn liest, ist ja der erste Fundamentaleindruck: Die Theorie ist falsch! Aber man braucht ihr nur einen kleinen Twist zu geben, dann wird sie richtig. Er hat wirklich ein Zentralproblem berührt, das auch für meine wissenschaftlichen Arbeiten entscheidend war, nämlich das Sprachproblem.
P.B.: Täuscht der Eindruck, oder kann der neueste Boom der Computerwissenschaft, nämlich die Entwicklung neuronaler Netze, unmittelbar an Ihre alten Forschungen an knüpfen?
H.v.F.: Ja. Man kann meine alten Papiere aus den Fünfzigern und Sechzigern direkt nehmen und einbauen. Das Faszinierende für mich ist: Da haben wir damals geschrieben und gerechnet und geredet und geschrieben, aber die Stiftungen oder Sponsoren haben alles abgelehnt. Sogar die Fachleute haben alles abgelehnt. Es war irrsinnig komisch.
P.B.: Außer ein paar Musikern?
H.v.F.: Das spielt auf einer anderen Ebene. Trotzdem bin ich überzeugt davon, dass heute die Computerbauer eine ähnliche Rolle für die Musiker spielen können wie seinerzeit Andreas Werckmeister für Johann Sebastian Bach. Dieser Werckmeister hat sich als Instrumentenbauer eines Tages überlegt: Ich habe immer solche Schwierigkeiten mit dem Stimmen meiner Cembali. Warum stimme ich die nicht so, dass ich von überall anfangen kann, einen Akkord zu schlagen - von jeder Taste, von den schwarzen, von den weißen, so dass überall dieselbe Relation gilt? - Er hat es versucht, und dabei ist das wohltemperierte Klavier entstanden, auf dem man endlich ein Thema durch alle Tonarten führen konnte. Musikgeschichte ist auch Technikgeschichte, und es wird immer einen Weg geben zwischen Konstrukteuren und Musikern, die Spaß daran haben, etwas Neues zu erproben; die sich fragen: Was passiert, wenn ich noch ein paar Löcher in die Flöte bohre?