Ich bin etliche Male nach einem Essay über Kampfszenen gefragt worden, ja, wollte aber nie eines schreiben. Ich schreibe gerne Essays, und ich frage oft nach, was nützlich wäre und was die Leute interessieren würde. Einem Kampfszenenessay habe ich mich allerdings immer verweigert. Es gibt hundert Aspekte von Kampfszenen, über die ich etwas schreiben könnte, und jeder davon wäre einen eigenen Essay wert, nur dass alles irgendwie zusammenhängt. Davon abgesehen müsste ich dauernd Wörter benutzen, die nicht unbedingt zum Standardwortschatz zählen. Alle Ansätze für Essays über Kampfszenen sind bisher gescheitert, weil ich innerhalb kürzester Zeit den Faden verloren habe und vom Hundertsten ins Tausendste geraten bin. Die Wahrheit ist, ich bin zwar normalerweise Technikerin, wenn es ums Schreiben geht, aber für Actionszenen atme ich trotzdem einfach dreimal tief durch und lege los.
Woher dieser Essay kommt, weiß ich daher auch nicht so genau, aber jetzt ist er da. Ich bin sicher, ich habe etliche Kleinigkeiten vergessen. Ich bin sicher, ich habe etliche Varianten von Kampfszenen nicht einbezogen - vor allem solche, die man schreiben würde, wenn man es mit Schwertern oder Panzerinfanterie oder Raumschiffen anstatt mit Zauberern und Flüchen zu tun hat, denn die Wahl der Waffen bestimmt die Szene immer ganz entscheidend mit.
Ich hoffe trotzdem, dass euch dieser Essay einen Überblick verschafft und euch ermöglicht, die Tipps herauszupicken, die euch für euren spezifischen Stil und eure spezifische Geschichte weiterhelfen. Weiterführende Lesetipps kann ich euch diesmal leider nicht geben; ich kenne keinen anderen Text zu diesem Thema.
Zuletzt sei gesagt, dass sich viele dieser Tipps auch auf andere Arten von Action beziehen lassen, darunter Beschreibungen von Quidditch (ich selbst habe mit Fußballszenen angefangen) und - lacht nicht - Sex. Im Prinzip ist alles eine Actionszene, in dem unheimlich viel passiert, während unheimlich wenig Zeit vergeht.
Fangen wir an.
In schlechten Texten tauchen oft Alltagskämpfe auf, die geschrieben sind, als wären sie die Schlacht vor Mordor. In anderen schlechten Texten werden große, epische Kämpfe mit drei verlegenen Sätzen abgehandelt.
Eine Kampfszene ist nicht immer nötig; eine epische Kampfszene ist nicht immer nötig. Wie wichtig, wie außergewöhnlich ist euer Kampf? Trägt die Beschreibung eures Kampfes zur Geschichte bei oder ist nur wichtig, dass er stattgefunden hat? Wenn eine Beschreibung nicht nötig ist, blendet ab, oder lasst euren Held am nächsten Tag in der Zeitung davon lesen. Im 9. Kapitel von „Aus der Asche“ hätte eine Kampfbeschreibung meine Geschichte überhaupt nicht vorangetrieben - deshalb habe ich meinen Held aus dem Kampf entfernt, bevor es richtig losging. Im 2. Kapitel des „Sommer der Wölfe“ kämpft Sirius zum ersten Mal in seinem Leben gegen Muggel und gerät in eine Situation, in der er viel mächtiger ist als all seine Gegner - deshalb dauert der ganze Kampf nur einen einzigen Absatz lang. Es ist eine Hinrichtung, kein Duell - eine ausführliche Beschreibung wäre völlig fehl am Platz.
Es gibt Mittel und Wege, um einen „kleinen“ Kampf groß wirken zu lassen und andersherum - ich gehe später auf sie ein. Ihr müsst euch jedoch immer fragen, ob es Sinn ergibt, diese Mittel zu benutzen. Wenige Personen auf engem Raum bedürfen meist keiner epischen Stilmittel. Eine Armee, die auf Hogwarts zumarschiert, verdient jedoch durchaus ein paar blumige Metaphern und hohe Gefühle.
Wenn ihr Komödie oder Parodien schreibt, spricht nichts gegen eine lustige Kampfszene. Gleiches gilt für Geschichten mit einem lustigen oder sarkastischen Erzähler - vorausgesetzt, er ist abgebrüht genug, um im Kampf für Witze nicht zu nervös zu sein. „Aus der Asche“ hat einen sarkastischen Erzähler. Manchmal behält er seinen Humor im Kampf bei; es ist aber auch sehr effektiv, wenn er die Witze weglässt, denn dann weiß der Leser sofort, dass es jetzt richtig ernst wird.
In epischen Kämpfen in epischen Geschichten ist Humor absolut verboten. Und dazu zählen nicht nur flotte Sprüche, sondern vor allem auch unfreiwilliger Humor. Unfreiwilliger Humor kommt meistens entweder durch inkompetente Helden oder übertriebenes Pathos zustande.
Pathos nennt man das Element einer Geschichte, das Gefühle im Leser weckt - die Leidenschaft des Texts. Ein pathetischer, epischer Schreibstil kann das wichtigste Stilmittel sein, um euren Kampf groß und episch erscheinen zu lassen. Der Himmel entlud seinen Zorn ist die pathetische Variante von Es regnete in Strömen - in pathetischen Szenen sind Worte nicht einfach Worte, sondern Explosionen. Wenn man pathetisch schreiben will, muss man Umgangssprache, Wortwitz und Slang vermeiden und stattdessen mit Metaphern (Moody war ein Löwe im Kampf), Vergleichen (Gewandt wie eine Schlange wich er ihm aus) oder Personifikationen (eben Der Himmel entlud seinen Zorn) arbeiten. Googelt „rhetorische Figuren“, wenn ihr euch in diesem Gebiet weiterbilden wollt, und sucht euch aus, was euch liegt.
Das deutsche Wort pathetisch bedeutet in etwa leidenschaftlich. Das englische Wort pathetic bedeutet lächerlich, und das sollte uns zu denken geben. Sobald der Leser das Gefühl erhält, dass der Text sich zu ernst nimmt und der Autor das Pathos übertreibt, wirkt der Kampf bestenfalls lustig, schlimmstenfalls lächerlich. Geht mit blumig großen Worten sparsam und vorsichtig um - haltet euch im Zweifelsfall an die Fakten, beschreibt nüchtern, was geschieht und was euer Charakter fühlt. Behandelt Pathos wie teuren Schmuck - etwas, das man nur zu feierlichen Anlässen benutzt, mit dem man es nicht übertreibt und das auf keinen Fall Kleidung ersetzt.
Ein Beispiel für einen großen, pathetischen Sprachstil ist meine Komödie „Merlin“. Eine junge Frau erzählt in sehr bombastischen Worten die Geschichte eines Mannes, der in einem ganz normalen Umgangston spricht - das, und nur das, macht die Geschichte lustig. Wenn ihr lernen wollt, euren Stil unter Kontrolle zu bringen und euch nicht versehentlich mit Pathos lächerlich zu machen, empfehle ich euch, ein paar Parodien von Kämpfen zu schreiben, in denen ihr völlig überzogene große Worte benutzt - Texte, die lustig sind, weil sich der Erzähler so furchtbar ernstnimmt. Ihr werdet bald lernen zu verstehen, wann blumige Sprache lustig wirkt und wann nicht, wann Humor angebracht ist und wann nicht. Ein dramatischer Autor muss mehr von Humor verstehen als ein komödiantischer Autor.
Stellt genauso sicher, dass euer Held niemals aus Inkompetenz einen Fehler begeht - Charaktere - insbesondere epische Charaktere - begehen niemals vermeidbare Fehler. Sie sind stets etwas besser als echte Menschen. Ihr schreibt keine Menschen - ihr schreibt Helden. Und ein Held, der einen Fehler begeht, macht sich lächerlich.
Es kann nie verkehrt sein zu wissen, was in einem Menschen vorgeht, der kämpft. Helden in Kämpfen sind besser als echte Menschen, ja. Das hat teilweise damit zu tun, dass sie Helden sind. Aber es hat genauso damit zu tun, dass gerade große Mengen Noradrenalin, Adrenalin, Cortisol und anderer Stereoide in ihren Körper ausgeschüttet werden. Es lohnt sich, im Biologieunterricht aufzupassen, wenn ihr mehr wissen wollt - die 10. Klasse hat meine Schreibe jedenfalls sehr verbessert.
In einem Mensch in einer Gefahrensituation wird entweder ein unbezwingbarer Wunsch geweckt, wegzulaufen, so schnell er nur kann (aber das kommt bei Helden eher selten vor), oder er gehört zu den Menschen mit hoher Gefahrentoleranz, bei denen das Adrenalin den Kampfmodus aktiviert. Blut wird dann in ihren Kopf gepumpt und macht sie ausgesprochen wach - sogar, wenn sie abrupt geweckt worden sind. Sie werden wachsam und aufmerksam. Ihr Fokus verengt sich, sie entwickeln manchmal einen „Tunnelblick“ - nichts außer dem Kampf hat jetzt noch Platz in ihrem Kopf. Ihr Herz schlägt wie verrückt. Alle Gefühle, die nichts mit dem Kampf zu tun haben, werden verdrängt. Ihre Schmerztoleranz steigt rapide, und sie sind fähig, Verletzungen auszublenden, die sie normalerweise zu Fall bringen würden.
Aus anderen Teilen des Körpers wird Energie abgezogen. Alle Energie, die zur Verfügung steht, wird jetzt dazu eingesetzt, das Überleben unserer Helden zu sichern, ihre Konzentration zu steigern und ihnen alle mögliche zusätzliche körperliche Kraft zu geben. Alle überflüssigen Systeme werden heruntergefahren - darunter auch die Verdauung. Sodbrennen und ein voller Magen sind kein Problem, das man in einem Kampf bekommt - im Kampf muss ein Held nie plötzlich aufs Klo, denn sein Verdauungstrakt ist deaktiviert.
Nach dem Kampf dauert es einen Moment, bis das Adrenalin wieder abgebaut ist. Ein gewisser dramaturgisch wertvoller Zeitraum vergeht, bis die erhöhte Wachsamkeit unseren Helden verlässt; er wird kurz nach dem Kampf energiegeladen sein, überall anpacken, nicht ruhen, bis alles gesichert ist. Ist das Adrenalin weg, erinnert ihn sein Körper daran, dass er einen Haufen Arbeit geleistet hat. Unser Held ist überanstrengt. Es verlangt ihn nach warmem Tee mit Zucker und einem Bett. Hunger lässt aber noch eine Weile auf sich warten, der Verdauungstrakt ist schwerfälliger.
Wie ihr sehen könnt, hat das Kampfverhalten klassischer Helden nicht nur damit zu tun, dass sie Helden sind, sondern sehr viel mit einer natürlichen Hormonreaktion. Und wir können davon ausgehen, dass alles, was es in den Phönixorden oder die Zentrale geschafft hat, gute Kontrolle über seinen Fluchtinstinkt besitzt.
Kleine Erklärung vorne weg: Erzählzeit nennt man die Zeit, die ein Leser braucht, um einen Text zu lesen. Sagen wir, um einen durchschnittlichen Kampf aus „Mors Ante Infamiam“ zu lesen, braucht man 10 Minuten. Erzählte Zeit nennt man die Zeit, die in der Geschichte verstreicht; ein durchschnittlicher Kampf in derselben Fanfic hat eine Dauer von fünf Minuten. Ein Satz wie „Und dann strichen viele Jahre ins Land“ hat eine Erzählzeit von 3 Sekunden und eine erzählte Zeit von vielen Jahren. Klar?
In einer Kampfszene sind der Unterschied zwischen erzählter Zeit und Erzählzeit euer größtes Problem. Normalerweise vergeht in Romanen innerhalb der Geschichte schneller Zeit als außerhalb der Geschichte - mehr erzählte Zeit als Erzählzeit. Ein Kampf dauert oft nicht länger als 5 Minuten, aber weil sehr viel auf einmal passiert, muss sehr viel beschrieben werden - mehr Erzählzeit als erzählte Zeit. Das ist ein Problem, weil ja gleichzeitig alles in einem Kampf furchtbar schnell geht.
Benutzt daher jeden Trick, den ihr kennt, um dem Leser das Gefühl zu geben, dass alles furchtbar schnell geht, beispielsweise: Haltet euch mit den Umgebungsbeschreibungen so kurz wie möglich (niemanden interessiert das Wetter, während Flüche fliegen!). Benutzt Gedankenfetzen, Ausrufe und brecht Sätze in der Mitte ab (Aber das war... Etwas knallte hinter ihm. Er fuhr herum.). Wechselt nie das Thema - eine Kampfszene ist weder der Ort, um zu beschreiben, wie eine Person aussieht, noch hat sie Platz für Flashbacks oder Überlegungen des Helden über sein letztes Frühstück.
Schreibt so, dass ein Vorleser sich versucht fühlen würde, den Text schnell und atemlos zu lesen. Eure Erzählzeit wird immer größer sein als eure erzählte Zeit, also arbeitet dagegen, so gut ihr könnt.
Um so viele Worte wie möglich zu sparen, ist es wichtig, dass ihr euren Kampf an einem möglichst überschaubaren Ort ansiedelt, immer genau wisst, wo sich wer befindet, und dies euren Lesern so klar und deutlich wie möglich vermittelt - in möglichst wenigen Sätzen. Ihr wollt immerhin Zeilen sparen, und euer Charakter hat auch momentan nicht gerade Zeit für Sightseeing.
Ihr seid dabei, den Überblick zu verlieren? Arbeitet mit Skizzen. Solange ihr verwirrt seid, könnt ihr es auch nicht klar vermitteln.
Wählt Settings, unter denen sich eure Leser leicht etwas vorstellen können, ohne dass ihr sie beschreiben müsst. In einem Kampf in der Winkelgasse ist jedem Leser von vorneherein klar, dass da links Läden sind und rechts auch, und es gibt Seitengassen und Laternen und Mülleimer, hinter denen man in Deckung gehen oder die man in die Luft jagen kann. Das ist nützlich für euch, denn ihr müsst es dem Leser nicht sagen, bevor ihr es im Kampf benutzt. Verzichtet auf ein kompliziertes Setting mit Fortescues Eissalon, vor dem sich eine Terrasse befindet, die von einem Zaun umschlossen wird und mit girlandenbehangenen Markisen überdacht ist. Schreibt stattdessen: „Avada Kedavra!“, bellte eine Stimme. Kingsley war unter seinem Tisch abgetaucht, bevor er denken konnte. Hinter ihm zerbarst ein Fenster. Panik brach aus. Streicht den Zaun und die Girlanden. Es ist Fortescues. Es gibt Tische. Mehr muss der Leser nicht wissen.
Kleiner Tipp am Rande: vermeidet spezifische Positionsbeschreibungen. Vermeidet zu sagen, wer genau neben wem steht und wie genau Räume aufgeteilt sind. Vermeidet „links“ und „rechts“, außer es gestaltet die Sache eindeutig übersichtlicher. Euer Leser erschafft sich ein Bild des Settings in seinem Kopf, und wenn ihr diesem Bild mitten im Text widersprecht (und sei es nur, weil Ron rechts neben Harry steht anstatt links), muss sich euer Leser umorientieren.
Benutzt, was schon da ist. Bleibt darüber hinaus unspezifisch. Nehmt typische Settings. Es macht die Szene übersichtlicher, kreiert die schöneren Bilder im Kopf eures Lesers und spart wertvolle Zeilen, die ansonsten euer Tempo senken würden.
Manche Kämpfe werden von vorne bis hinten in einer langen Szene erzählt, ohne dass der Autor die Erzählperspektive wechselt. Andere Kämpfe werden in kleine Szenen unterteilt, so dass man immer nur Ausschnitte des Kampfes sieht, oder brechen an irgendeiner Stelle ab. Unendliche Kombinationen sind möglich.
Erzählt man einen Kampf von vorne bis hinten in einer einzelnen langen Szene und behält dabei die Erzählperspektive bei, erhält man einen vergleichsweise unepischen, „kleinen“ Kampf. So einen Fall haben wir in „Orden des Phönix“ im Ministerium, wo von vorne bis hinten aus Harrys Perspektive erzählt wird, was Harry so im Kampf erlebt, obwohl ja noch viel mehr in anderen Räumen passiert. Hätte JKR die Möglichkeit gehabt, die Perspektive zu wechseln und bspw. an den Stellen mit den Leerlaufphasen Nevilles oder Remus Erlebnisse zu erzählen, hätte der Kampf sehr viel größer und epischer gewirkt.
Im Endkampf im „Halbblutprinz“ ist JKR natürlich nach wie vor an Harrys Perspektive gebunden, doch diesmal sieht man nur kleine Ausschnitte des Kampfs. Dadurch wirkt er automatisch größer und epischer, denn man hat das Gefühl, dass sehr viele andere wichtige Dinge passieren, die man nicht sieht.
Normalerweise will man, dass ein Kampf, der auf großem Raum stattfindet und an dem viele Personen beteiligt sind, auch groß und episch wirkt. Ein kleines Duell zwischen zwei Personen soll dagegen oft klein wirken. Aber das ist nicht immer der Fall. JKR hat einen großen Kampf in „Orden des Phönix“, aber sie hat noch zwei Bände und zwei Endkämpfe vor sich, und sie muss sich noch steigern können. Und wollten wir den Showdown von Grindelwald und Dumbledore schreiben, würden wir auch einen epischen Endkampf wollen, nicht nur ein kleines Scharmützel, selbst wenn wir ihn aus irgendeinem Grund in Gellerts Schlafzimmer ansiedeln müssten. Also können wir epischen Stil, Perspektivenwechsel und Schreiben in Ausschnitten (oder eben das Gegenteil davon) einsetzen, um unseren Kampf größer oder kleiner wirken zu lassen.
Im Kapitel „Der Mulciber-Zwischenfall“ von „Mors Ante Infamiam“ wird der Mulciber-Zwischenfall von vorne bis hinten in einer Szene aus Sirius Perspektive erzählt. Es ist in dem Moment, in dem er ausgetragen wird, kein großer Kampf (Sirius kann nicht ahnen, dass er gerade ein Held wird). Es ist eine Aurorenroutinemission, so was passiert jeden Tag. Außerdem ist Sirius die ganze Zeit dabei, wird nicht ohnmächtig und erlebt den ganzen Kampf, der in einem einzigen Raum stattfindet, mit. Es ist ein kleiner, unepischer Kampf, der in diesem Moment für niemanden wichtig zu sein scheint außer für die Beteiligten, die gerne überleben wollen. Perspektivenwechsel oder mehrere Szenenabschnitte wären deshalb unsinnig. Davon abgesehen ist es das erste Mal, dass man Sirius in „Mors Ante Infamiam“ kämpfen sieht, und es wäre sozusagen Verrat am Fandom, auch nur eine Sekunde lang abzublenden - aber solche I-Tüpfchen können warten, bis ihr diesen Essay nicht mehr braucht.
Im Kapitel „Dunkelgrau“ derselben Fanfic greifen Voldemort und zahlreiche Todesser die Winkelgasse an. Man sollte meinen, das ist ein augesprochen episches Großereignis. Der Überfall auf die Winkelgasse ist aber für die Geschichte überhaupt nicht wichtig - wichtig ist nur, dass Dorcas Meadowes vor dem Eintreffen ihrer Kollegen vor Ort ist, kämpft und stirbt. Die Szene endet daher mit ihrem Tod. Alles, was später passiert, wird ausgeblendet, es ist nicht relevant. In Todesszenen wichtiger Charaktere wechsle ich niemals die Perspektive - indem ich dem Charakter auf diese Weise Respekt erweise, erhält mein Leser die Chance, sich sozusagen zu verabschieden. So vermeidet man, dass unbefriedigte Gefühle zurückbleiben, wie bei Sirius Tod in „Orden des Phönix“ - hätte JKR die Möglichkeit gehabt, seine Perspektive zu wählen, hätte danach niemand eine Beerdigungsszene gefordert, und niemand hätte angezweifelt, dass er tot ist. Plant man, den Charakter überraschend zurückzuholen, sollte man allerdings auch auf eine befriedigende Todesszene verzichten, denn das hält die Spannung aufrecht.
Im Kapitel „Fletcher, Hogsmeade, Todesfluch“ von „Mors Ante Infamiam“ greifen die Todesser Hogsmeade an. Es ist ein großer Kampf. Es ist ein epischer Kampf. Es ist davon abgesehen ein völlig chaotischer Kampf, in dem sehr wenige Auroren gegen sehr viele Todesser kämpfen. Außerdem ist es der Kampf, in dem Lily und James Voldemort zum dritten Mal gegenüberstehen (und das erste Mal, dass sie versuchen ihn anzugreifen!). Entsprechend wechsle ich häufig die Perspektive und benutze viele kurze Szenen: James appariert mit den Auroren nach Hogsmeade. Sirius sucht die Straßen nach Lily ab. Lily wird von Fletcher das Leben gerettet. James findet Lily bei Voldemort - Lily versucht Voldemort zu verfluchen - James rappelt sich auf, der Kampf ist vorbei. So kommt das Chaos gut zum Ausdruck. Es wird vermittelt, dass unheimlich viele Dinge passieren, die nicht gezeigt werden. Es gibt sogar eine kleine Szene mit Lily, die von Fletcher gerettet wird, die einen eigenen kleinen Spannungsbogen besitzt und eine Geschichte innerhalb der Geschichte erzählt.
Als ich mal sagte, dass ich vorhätte, einen Kampf am Anfang einer Geschichte nicht zu beschreiben, sondern nur zu erwähnen, wurde ich von allen Seiten schräg angeguckt. Wie, nicht beschreiben? Es ist doch eine Actiongeschichte, da ist ein Kampf doch nie verkehrt!
Kann er aber natürlich doch sein.
Erstens kann es sein, dass die Kampfbeschreibung nicht wichtig für den Plot ist. In diesem Fall lassen wir den Kampf weg.
Zweitens ist ein Kampf nicht notgedrungen spannend, nur weil er ein Kampf ist (gleiches Prinzip für Sexszenen, wenn wir schon dabei sind: Wenn man Sex des Sexes wegen in die Geschichte schreibt, ist es Pornographie, nicht Literatur). Vor allem in einer Geschichte mit sehr vielen Kampfszenen wie „Mors Ante Infamiam“ ist es wichtig darauf zu achten, dass jeder Kampf anders ist. Es ist viel interessanter und abwechslungsreicher, mal aufzuschreiben, wie die Leichen gefunden werden, anstatt den Kampf davor zu zeigen; oder lasst einen Charakter einem anderen erzählen, was geschehen ist. So beginnt fast jeder Krimi - mit einer Tatortbeschreibung.
Die Phantasie des Lesers ist weit gruseliger als alles, was ein Autor je beschreiben kann. Ich schreibe fast nie Folterszenen aus; ich gebe fast immer nur Beschreibungen des Opfers. Die Rückstände der dunkelsten Schmerzflüche, Peitschenmale und das Fehlen bestimmter Organe sprachen die Sprache der Lestranges („Mors Ante Infamiam“) - der Leser kann sich ganz alleine dazugruseln, was Bella im Einzelnen getan hat.
Verschießt euer Pulver nicht gleich am Anfang. Große, epische Kämpfe gehören nicht in das erste Drittel einer Geschichte. Habt ihr einen Endkampf, dann stellt sicher, dass er das Epischste ist, was ihr aufbieten könnt. Habt ihr früh in der Geschichte einen epischen Kampf, dann haltet ihn via Struktur, Perspektive und Sprache klein, damit ihr euch später noch steigern könnt. Ich hatte einen sehr epischen Kampf, den Kampf um Hogwarts im Kapitel „Nur ein Schloss“ von „Mors Ante Infamiam“; er bedient sich epischer Sprache und wirkt sehr groß, doch ich erzähle nur den halben Kampf - breche vor dem Ende ab. Er liegt im ersten Drittel der Geschichte, und ich muss mich steigern können.
Mein „Aus der Asche“ hat drei Kampfszenen; jeder Kampf ist buchstäblich größer als der vorherige. Im 9. Kapitel kämpfen ein paar Ordensauroren gegen ein paar Dementoren - das ist traumatisierend für meinen Held, allerdings davon abgesehen ein ziemlich kleiner Plotpunkt, deshalb blende ich auch ab und zeige nicht den Kampf (ja, ich bin an die Ich-Form gebunden; aber ich hätte auch einen Weg finden können, meinen Held am Kampf teilnehmen zu lassen, hätte ich das gewollt). Im 15. Kapitel kämpft mein Held gegen ein paar mehr Dementoren - Zivilisten sind in Gefahr, und es geht darum durchzuhalten, bis Verstärkung eintrifft. Im 20. und 21. Kapitel schließlich kämpfen alle Auroren gegen alle Dementoren. „Aus der Asche“ ist diesbezüglich eine sehr klassische Actiongeschichte. Es gibt wenige Kämpfe, jeder größer als der vorherige. Die meisten Geschichten sind so simpel strukturiert - „Mors Ante Infamiam“ ist kein klassischer Roman und eine seltene Ausnahme zu dieser Regel; „Sommer der Wölfe“ und „Winter der Krieger“ sind wiederum genauso klassisch aufgebaut wie „Aus der Asche“.
Viele Fanfic-Autoren - vor allem solche, die Herr der Ringe, X-Men oder Buffy schreiben - versuchen in ihren Geschichten, Kampfszenen aus Filmen nachzuahmen. Das ist ein Fehler, den man niemals machen darf. Kampfszenen in Filmen sind hauptsächlich aufregend, weil dabei viel Lärm gemacht wird und viele Lichter blinken und viele clevere Handkantenschläge zum Einsatz kommen. Gute Kampfszene in Filmen sind eine Mischung aus guten Effekten und guten Stuntmen. Beides steht uns in einem Text nicht zur Verfügung, so dass eine Nachahmung einer Filmszene sich häufig liest wie eine Yoga-Anleitung.
Meistens wollt ihr mit einer Kampfszene höchstens einen oder zwei Plotpunkte machen, alles andere, was geschieht, ist zweitrangig. James und Lily stehen Voldemort gegenüber - wie es innerhalb der Szene dazu kommt, ist reines Füllmaterial. Dorcas Meadowes stirbt - welche Versuche sie vorher unternimmt, um es zu verhindern, kann man sich in der Regel aussuchen, ohne etwas an der Geschichte zu verändern. Ob sie einen Imperius oder einen Avada Kedavra versucht - wirklich, wen interessiert’s?
Kampfszenen sind nicht wegen ihrer Handlung spannend. Kampfszenen sind spannend, weil sie jemanden beinhalten, der unbedingt jemanden töten will, und jemand anderen, der es unbedingt verhindern möchte. Für gewöhnlich stellt Motivation in einer Actionszene kein Problem dar. Sie liegt von vorneherein in der Stirb-du-Bastard-Stirb vs. Will-Nicht-Sterben-Will-Nicht-Sterben-Dynamik der Szene begründet.
Was eine Actionszene spannend macht, sind die Gefühle des Hauptcharakters, die aus seiner Motivation hervorgehen. Er hat entweder Angst zu sterben, oder er hat Angst, dass jemand anderes stirbt. Beides möchte er verhindern. Er ist hier, weil er den Gegner hasst. Oder weil er geschworen hat, Unschuldige zu beschützen. Oder weil es das Richtige ist. Oder weil er nicht apparieren kann (ein verängstiger Wurm kann ein starker Hauptcharakter sein!). All das kann gute, starke Motivation sein. Das ist die eine Seite der Medaille, und die Anfälle von Panik, eiserner Beherrschung, Hass, Angst, Nervosität, die er dabei aussteht, sind die andere Seite, überlagern alles andere im Kampfgeschehen und machen die Geschichte spannend.
Der Spaß an einer Actionszene besteht darin zu beobachten, wie sich der Held durch einen Kampf leidet. Eine Kampfszene ohne Gefühlsbeschreibungen kann niemals spannend sein. Es geht nicht darum, welche cleveren Nahkampffähigkeiten eingesetzt werden, sondern um einen hochmotivierten Charakter in einer gefährlichen Situation, in der sein Herz wie wahnsinnig klopft.
Lieben Gruß,
Trovia,
die sich immer über Reviews freut :-)