Der Aerobus in Mannheim



Dieser Artikel ist der Zeitschrift Merian, Ausgabe 07/1976 entnommen:

Es ist ein Sonntag im Jahr 1965. Ein Mann besucht Vancouver. Auf der Sight-Seeing-Tour macht er halt. Fasziniert betrachtet er vom Ufer das kühne Bauwerk: die Lyons-Gate Bridge. Die Hängekonstruktion fesselt ihn. Plötzlich hat er eine Idee. Er fährt nach Hause, bringt alles zu Papier und meldet ein Patent an. Es ist Gerhard Müller aus Dietlikon bei Zürich, ein seit Jahrzehnten erfolgreicher „Beförderungsspezialist". Über 900 Seilbahnen und Schlepplifte hat er konstruiert. Für Neuseeland genauso wie für Kanada, Japan oder die Alpen. Allein in der Schweiz sind es 300. Mit seinem neuen „Overground-Traffic-System« hofft der eidgenössische Tüftler weltweit Furore zu machen. Dafür braucht er allerdings jemanden, der an seine Idee glaubt und genügend Geld hat, sie umzusetzen. Dieser Jemand läßt jedoch auf sich warten. Andere Aufgaben stapeln sich in seiner Erfinderwerkstatt. Das Projekt wandert in die Schublade.


In der Gottlieb-Daimler-Straße 14 wird heiß diskutiert. 1975 soll die Bundesgartenschau veranstaltet werden. Noch immer ist ein kniffliges Problem nicht gelöst. Die beiden Gelände - Luisenpark und Herzogenried - liegen über 3 km voneinander entfernt. Dazwischen fließt der Neckar. In der „rush hour" sind die beiden Brücken bereits hoffnungslos verstopft. Selbst ein Radfahrer hat es schwer, sich durch dieses Nadelöhr zu schlängeln. Wie soll das erst zur Bundesgartenschau werden? 185 Tage dauert das grüne Fest. 6 bis 8 Millionen Besucher werden erwartet. Durchschnittlich rechnet man pro Tag mit 25 000 bis 100 000 Besuchern. Preisfrage: Wie kommen die Leute schnell und bequem von dem einen Geländeteil in den anderen? Spontan hat keiner eine Antwort parat, und auch langwierige Erhebungen und Untersuchungen bringen keine akzeptable Lösung auf den Tisch. Also geht die Suche nach einem Beförderungsfahrzeug für den Millionen-Besucher-Ansturm weiter. Rund um den Erdball werden Ausstellungsbahnen auf, über und unter der Erde getestet. Der Zufall führt die Planer auf die Müller-Fährte. Er öffnet seine Schublade und zieht sein Aerobus-Patent heraus. Das Problem ist gelöst. Zunächst.
Die Mitglieder des Aufsichtsrates sind vorsichtig und neugierig. Bevor sie ihr Plazet geben, wollen sie wissen, ob die geniale Idee auch in der Praxis bestehen kann. Also fahren sie nach Zürich. Obwohl der Aerobus noch auf einer Schiene läuft, merkt man, daß Müller Seilbahnexperte ist. Ein neues Fahrgefühl wird geprobt. Hoffnung und Skepsis wechseln einander ab. Doch der Aerobus läuft. Seine Welt-Premiere ist gebucht für den 18. April 1975.


Was Gerhard Müller beim Anblick der Lyons-Gate-Bridge ersann, beginnt in Mannheim Gestalt anzunehmen. Über 30 m hohe Pfeiler werden in den Boden gerammt. Sie sind wuchtig und elegant zugleich. In der Seitenansicht sehen die Stützen, Masten und Seile so ähnlich wie die Konstruktion einer Hängebrücke aus. Von einer konventionellen Seilbahn unterscheidet sich das Ganze dadurch, daß es nicht mehr oder weniger steil auf einen Berg hochgeht, sondern daß alles waagerecht verläuft. Über 200 m sind die Masten teilweise voneinander entfernt. Die Trasse führt vom Fernsehturm entlang dem Neckar bis zur Kurpfalzbrücke und biegt dort in einem Winkel von 90 Grad ab. Auf der anderen Seite senkt sich die Höhe von 22 m auf 4,60 m. Die Fahrseile und Masten tauchen zwischen die Baumkronen der Max-Josef-Straße ein. In Mannheim, so scheint es, hat die Zukunft begonnen. Die Skyline der Stadt verändert sich durch die Aerobus-Masten. Die Leute gucken öfter als früher nach oben.


Auf dem alten Meßplatz wird ein kleines Volksfest gefeiert. Mit Pauken und Trompeten, mit Bier und Limonade, Luftballons und Bravorufen empfangen die Mannheimer ein Jahr vor Eröffnung der Bundesgartenschau die erste Aerobus-Kabine. 20 m lang, 2,20 m breit, 2,10 m hoch, 7,5 Tonnen schwer, knallrot und weiß gestrichen. Jetzt glauben auch die Zweifler an die Zukunft. Das Interesse wächst und auch die Vorfreude. Die Probefahrten in der Luft beginnen. In Mannheim dreht sich alles um den Aerobus.


Der Oberbürgermeister bekommt weiche Knie, der Fahrer Schweißperlen auf die Stirn. Bei der ersten Probefahrt bleibt Mannheims Erster Mann und Aerobusfahrer, Oberbürgermeister Dr. Ratzel, mitten auf der Strecke hängen. Um wieder Boden unter den Füßen zu gewinnen, muß er den ,,Luft-Bus" über eine Leiter verlassen. Die Story geht durch den Blätterwald. Mannheims Aerobus bleibt im Gespräch. Der Bundespräsident bekommt keine weichen Knie. Wie am Schnürchen flitzt der Aerobus vom Luisenpark zum Herzogenried. Walter Scheel ist begeistert und mit ihm Hunderte prominenter Ehrengäste. Zwar bleibt der Aerobus an diesem Eröffnungstag der Bundesgartenschau noch einmal hängen, weil ein Stromabnehmer versagt, und die Feuerwehr muß die Passagiere aus schwindelnder Höhe befreien, aber dann läuft und läuft und läuft er.


Am 19. Oktober wird Bilanz gemacht. Die Bundesgartenschau ist vorbei. 2,2 Millionen Menschen hat der Aerobus befördert, 17oCookm zurückgelegt und an Spitzentagen innerhalb von 10 Stunden bis zu 27000 Menschen vom Luisenpark ins Herzogenried gebracht und zurück. Finanziell ist der private Betreiber nicht auf seine Kosten gekommen. Das war auch nicht zu erwarten. Rund 10 Millionen hat das Projekt gekostet. Es steht fest: Mannheim hat wichtige Pionierarbeit geleistet. Vor allem: Ein halbes Jahr lang wurde die Konstruktion Aerobus auf Herz und Nieren geprüft. Von Gerhard Müller blieb die Idee - alles andere wurde jedoch, und darüber staunten selbst Insider, laufend verändert, verbessert, umkonstruiert. Kaum eine Schraube dürfte letztlich da geblieben sein, wo sie anfänglich vielleicht konzipiert war. Nicht mit dem Anspruch, aber mit der Möglichkeit, ein Nahverkehrsmittel für die Zukunft zu finden, hatte man den Aerobus von der Idee in die Praxis umgesetzt. Mit Erfolg.
Wie verwitterte Fragezeichen stehen die Masten inzwischen in der Gegend herum. Wird der Aerobus eingemottet? Um sich aufgrund der prekären Finanzsituation seine anfänglich so strahlende und für den Betreiber lukrative Zukunft verdüstert? Sind versprühter Erfindergeist und kompliziert-; penible, technische Detailkonstruktionen zu Abschreibungsprojekten geworden? Die Mannheimer bleiben ehrgeizig. Auch wenn der Bund kein Geld für die Weiterentwicklung geben sollte, wollen sie „ihren" Aerobus nicht verschrotten oder als Attraktion der Bundesgartenschau dem Deutschen Verkehrsmuseum schenken. Die letzten Überlegungen zielen in die Richtung, die jetzige Trasse beizubehalten und sie über die Mannheimer Gartenstadt bis zum Karlstern in den Käfertaler Wald weiterzuführen. Doch bis der Aerobus wieder flott ist, muß erneut »brain storming« betrieben werden. Das Mannheimer Testhalbjahr hat gezeigt, daß die Seilverspannung zu vielgliedrig ist. Jeden Morgen mußten vor Betriebsbeginn die 1800 Hänger geprüft und praktisch jede Schraube nachgezogen werden. Eine solche Wartung wäre zu teuer. Hinzu kommt, daß auch die Seile selbst ständig überprüft werden müssen. Dazu ist allerdings eine völlige Demontage Voraussetzung.


Mannheim ist für kühne Erfindungen auf dem Beförderungssektor bekannt. Warum sollte nicht auch der Aerobus Zukunft haben?

Merian, Ausgabe 07/1976

 

> specials > Mannheim Citylights

> Mannheim offiziell



Eine Postkarte anlässlich
der Bundesgartenschau 1975