Ostthüringer Zeitung, Beilage – 29.Mai 2004
Ein Dichter träumt vom Nirgendwo
Für Rudi W. Berger sind Gedanken
Vögel „Fliege,/
mein Vers,/ lachender,/ wütender/ weinender./ Lärme,/
wage,/ schlage./ Mein Arm bist du,/ mein Kopf, mein Fleisch -/ meine
entschwindende Wärme“, schreibt Rudi W. Berger
in seinem Gedicht „Mein Vers‘. Das geschriebene Wort begleitet ihn
seit Jahrzehnten, Gedichte, Prosa, veröffentlicht in der
DDR in der Tagespresse und in Anthologien, und Hörspiele
und Theaterstücke. Den Traum von eigenen Büchern
hat sich der Rentier, Jahrgang 1924, erst nach 1989 erfüllen können. 2003
erschien sein Gedichtband „Traum nirgendwo“/ „Heißer
Lippen Hauch“ im Eigenverlag. Es war dem Langenwetzendorfer wichtig,
seine Worte gedruckt zu sehen. Auch Erzählungen hat er veröffentlicht
unter dem Titel „Bevor du gehst“, über einen Mann ohne Vergangenheit,
einen stellenlosen Single oder einen Jungen ‚der gerne träumt.
Rudi W. Berger schreibt, weil es ihm Vergnügen bereitet,
er über sich und andere dabei Neues erfährt. Er nimmt
alle Themen des Alltags auf, beschäftigt sich mit der deutschen
Vergangenheit und der aktuellen Politik. Aus „liebeslyrischer Handwerksstube“
berichtet er und wirft eine Blick in Künstlerateliers, wo er
Inspiration für Gedichte zu Bildern erhält. Er
war in verschiedenen Berufen tätig, als Tischler, Berufsschullehrer
und Betriebszeitungsredakteur.
1964 bis 1965 besuchte er das Institut für Literatur
„Johannes R. Becher“ Leipzig. Geschrieben hat er viel und er schreibt
fleißig weiter auch an einem Roman mit Gegenwartsthematik.
Mit Ironie packt er manches Thema, will provokant sein und formuliert
„Boshafte Bemerkungen“: „Alles zusammengeramscht,/ gedealt oder
geklaut. Hauptsache es rollt,/ jauchzt Hans im Glück./ Das
Leben ist schön.“ (M.)
unsere zeit, Feuilleton – 7.Oktober 2005
Laura — ein Roman
Brecht hatte einmal Büchners „Woyzeck“ zusammengefaßt in den Satz:
Woyzeck geht in einen Laden, kauft ein Messer und ersticht Marie — In
dieser Kurzfabel ist nichts über die handelnden Personen oder den
Stückaufbau gesagt, nichts über die Ideologie oder Ästhetik des ganz
jungen Autors aus dem Jahre 1836. Laura, den Roman des schon
älteren Autors Rudi W. Berger vom Jahre 2005, könnte man in derselben
rigorosen Weise in dem Satz zusammenfassen: Laura findet eine Pistole
und erschießt Frank.
Frank ist ein junger Flieger der BRD-Luftwaffe und Laura ist seine
Großmutter, eine Fliegerwitwe des Zweiten Weltkriegs, die auch ihren
Sohn schon bei einem Einsatz der BRD-Luftwaffe verlor. Das klingt nach
starkem Tobak, ist es über weite Strecken auch, vor allem ästhetisch.
Politisch gesehen ist es schon die Realität der BRD, die von vielen
sozialen Gruppen und Schichten völlig unterschiedlich wahrgenommen wird,
So stützt sich der Autor auch zu Beginn auf ein Zitat von Gabriel Garcia
Marquez: Nicht was wir gelebt haben, ist das Leben, sondern das was wir
erinnern und wie wir es erinnern, um davon zu erzählen. Es handelt sich
im landläufigen Sinne um einen Kolportageroman, der mit diversen
Stilmitteln arbeitet, um Unterhaltungsliteratur mit scharfer
sozialkritischer Stoßrichtung, mit einem breiten Figurenensemble,
gruppiert um die Titelfigur. Laura wird in einen Strudel von Ereignissen
hineingezogen, die ihr ganzes Leben in Frage stellen und wie in der
antiken Tragödie zur schlimmstmöglichen Wendung führen, obwohl das Ende
des Romans auf den Leser wie eine Befreiung wirken soll.
Sie schert aus dem Kreis des jahrzehntelangen militärischen Tötens ihrer
kriegerischen Familie aus, an dem sie sich mitschuldig fühlt, und bricht
durch einen verzweifelten Alleingang mit einer Vergangenheit, die ihr
nur Leid gebracht hat. Katalysator für diese Entwicklung ist der junge
Henry, Sohn der Nachbarin, Vater eines Söhnchens, entschiedener
Kriegsdienstverweigerer und Demonstrant des 1. Mai in Kreuzberg, der von
der Polizei gesucht wird. Er ist eigentlich kein Linker, eher ein
sympathischer Chaot mit intellektuellem Anstrich, der Hölderlin und
Hebbel liest, Diotima und Judith sind seine Bezugspersonen, ein
besonderer Autonomer mit Hang zur freien Liebe. Der Autor hat viel
Gegenwärtiges in den Roman hineingepackt, er besitzt durchaus auch einen
langen Atem beim Erzählen, aber es besteht die Gefahr der Überfrachtung.
Dennoch eignen sich Romane dieser Art oft gut zur Verfilmung.
Die Begegnung mit diesem Henry, der gut und gerne Lauras Sohn sein
könnte, wird also zum dramatischen Wendepunkt ihres Lebens, das nach dem
Verlust ihrer Arbeitsstelle, allein mit Kater und Wellensittich, nicht mehr
viel wert war. Gelegentlich wird sie von ihrem amerikanisierten Enkel
besucht, der Democracy-Phrasen drischt und immer nur "My
granny, my dear granny“ zu ihr sagt, und von ihrer Schwiegertochter,
die sich als Witwe schnell mit einem anderen Luftwaffenoffizier
getröstet hat, scharf auf die Kriegerwitwengroschen der Schwiegermutter
schielt etc.
Da kommt es schon zu Klischees, die durchaus der Wirklichkeit entlehnt
sein mögen, gelegentlich in die Satire tendierend. Doch die Titelfigur
bleibt nach der Lektüre wegen ihrer zunehmenden erotisch-sexuellen
Besessenheit, vor allem aber durch ihre Erinnerungen und Monologe stark
im Gedächtnis. (M. Hocke)
Vogtland-Panorama – 1. August 2006
Spitzenstadt Plauen im Mittelpunkt eines Romans
Nach dem Rausch kommt der Katzenjammer
Bärenstein, Bahnhofstraße, Tunnel, Johanniskirche – das sind
Stichworte die jedem Plauener vertraut sind. Sie ließen sich
beliebig erweitern und bilden die reizvolle Kulisse in Rudi W.
Bergers Roman: SpitzenRausch. Erzählt wird im 251-Seiten-
Werk vor allein über Johannes Höhnert: „Stadtrat, Leiter des
Branchenverbandes, Könner im Musterschutz, das alles hat er am Hut.“
Mit einem Wort: ein Spitzenmann und ein Mann der Spitze.
PLAUEN – Hannes, Jo oder eben Johannes Höhnert ist auch ein Mann für
drei Frauen. Als da wären: Ehefrau Hertha, deren schwabbelnde
Schwimmringe und kleinbürgerliche Anwandlungen ihn eher abstoßen (und
die sich alsbald in die Arme eines Mannes flüchtet, dem Fülle und Fett
noch etwas bedeuten); Lydia, die leidenschaftliche über 50 Jahre nicht
zu vergessende Liebe, eine „Halbjüdin“, Widerständlerin und verschollen
im Bombenchaos des 10. April 1945; und Lyssi, auch rotblond, Tochter des
„Generals“ der Plawener Spitze, Stickerin, Demonstrantin am 7. Oktober
1989 und am Ende ohne Arbeit.
Pralle Realität zwischen zwei Buchdeckeln
Schon die nur angedeuteten Verstrickungen des Personals dieses Romans
machen deutlich, daß der Autor nichts ausläßt. Pralle Realität wird
benutzt und zwischen zwei Buchdeckel gepreßt, koste es, was es wolle.
Beginnend mit der Zerstörung Plauens im April 1945, geht es weiter mit
dem Sommer 1989, wird der 17. Juni 1953 erwähnt wechselt zur
Grenzöffnung nach Ungarn und gestaltet als zentrales Thema den
unwürdigen Ausverkauf der Plauener (hier: Plawener) Spitzenindustrie in
den frühen neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts.
Weil der Roman konkret nachvollziehbare und eben auch jüngste
Zeitgeschichte bündelt, ständig etwas passiert und selten Raum für
Reflexionen, gar Beschreibungen bleibt, wird der Leser gepackt und in
Spannung gehalten.
So taucht beispielsweise Höhnert rein zufällig – immer wieder an Orten
auf, wo er in der Lage ist, Lyssi zu Hilfe zu eilen. Auch fällt auf, daß
der Autor sich nicht scheut, in den Medien dokumentierte Ereignisse in
seinen Roman einzubauen. Mit solcherart Versatzstücken wird Bergers Buch
manchmal zur Kolportage und läßt sich mit Werken von Simmel oder Loest
vergleichen. Deren Auflagenzahlen sprechen bekanntlich nicht gegen ein
solches Vorgehen.
Typisch Berger (und ein reizvolles Detail) ist, daß der Autor Sagen und
Mythen des Vogtlandes für den Roman nutzt. So taucht immer wieder eine
Legende auf, die sich um den Bärenstein rankt. Auch läßt er den am Alten
Rathaus in Plauen stehenden Heinrich als Großkomtur zu Wort kommen und
mit Höhnert philosophieren. Dieser wehrt sich als Hauptbuchhalter der
„Spitze“ gegen deren Ausverkauf nach der Wende. Vergeblich. Und er
sträubt sich – nach 40 Jahren praktiziertem Volkseigentum – als frisch
gebackener Spitzenfabrikant gegen die Allmacht des Profitmachens, gegen
das Wolfsgesetz des wieder installierten Kapitalismus. Vergeblich.
Höhnert, dessen Vater SA-Mann und Fabrikbesitzer war, ist geschlagen mit
Sohn Hartmut, der 1989 über Ungarn in den Westen geht und als
bekennender Rechtsextremist zurückkehrt. Hartmut ist es dann auch, der
dem Vater – in einer rauschhaften Schlußszene – jegliche Hilfe versagt,
als dieser sich mit einer Schere selbst verletzt. Höhnert stirbt; damit
ist der Weg frei für den Sohn und einen ungebremsten
Manchesterkapitalismus in der zurückerhaltenen großväterlichen
Spitzenfabrik. Nun gilt: „Das Königinnentum der Stickerinnen ist tot.“
Ein gut lesbarer Roman nicht nur für
Plauener
Gegliedert ist der Roman in
einen Prolog und 26 Kapitel. Diesen werden kursiv gehaltene kurze
Ankündigungen vorangestellt. Bevorzugt werden knappe Hauptsätze. Gut
geschriebene Dialoge beleben die Handlung, die sich auch für eine
Verfilmung eignet. Verschiedene Zeitebenen werden miteinander
Verschachtelt. Ansonsten folgt der Roman einer Chronologie, die von
Sommer 1989 bis in die Mitte der neunziger Jahre reicht. Sparsam
verwendet der Autor Mundartliches. „Spitzenrausch“ ist ein flüssig
geschriebener und gut lesbarer Roman, der nicht nur für Plauener zu
empfehlen ist. (L.Behrens) |