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Hubert Fichte
wird am 21. März 1935 im Krankenhaus Perleberg geboren. Wenige Wochen nach der Geburt
zieht die Familie nach Hamburg-Lokstedt. Die Mutter arbeitet als Stenotypistin, die
Großmutter übernimmt einen bedeutenden Teil der Erziehung des Jungen. Der Vater, ein
jüdischer Kaufmann, emigriert nach Schweden. Die wiederkehrende Rede von der
"Halbwaise" Hubert Fichte ist somit durchaus problematisch. Die Bezeichnung
"Halbwaise" wurde von der Mutter zweifellos als Schutzbehauptung gebraucht.
Recherchen von Koller/Madsen haben ergeben, dass Fichtes Vater Reinhard Oberschützky erst
1962 in Stockholm starb. Hubert Fichte, statt "Halbwaise" vielmehr uneheliches
Kind und "Halbjude", muss als Kind vom Tod seines Vaters überzeugt gewesen
sein, wusste aber später sehr wahrscheinlich sogar um dessen Aufenthaltsort.
Nach Kinderlandverschickung (1941) und
dem später dann literarisch bedeutsam werdenden Aufenthalt im Waisenhaus Schrobenhausen,
Oberbayern (1942-43) kehrt Fichte im Juli 1943 nach Hamburg zurück, wo er die
Bombennächte der Operation Gomorrha erlebt, in denen zwischen Ende Juli und Anfang August
mehr als 50% der Stadt und 80% des Hafens zerstört werden. Schätzungen sprechen von 55
000 Toten. Es kommt zur Evakuierung nach Liegnitz, Schlesien.
Nach Kriegsende arbeitet die Mutter als
Schauspielerin und Souffleuse an verschiedenen Hamburger Theatern. Fichte selbst wird
durch ihre Vermittlung als Kinderdarsteller am Deutschen Schauspielhaus, am Thalia-Theater
und an den Hamburger Kammerspielen engagiert, u. a. unter Helmut Käutner. Neben Lil
Dagover spielt Fichte auch in dem Film "Die Söhne des Herrn Gaspary" (1948).
Literatur, Theater, Schauspiel prägen Fichtes frühe Jugend. Für seine
Schauspielerkarriere brach Fichte Ende 1950 in Klasse 10 das Gymnasium ohne Abschluss mit
dem Notendurchschnitt "befriedigend" ab. Seit 1949 ist Fichte mit Hans Henny
Jahnn bekannt. 1950 beginnt die Freundschaft mit dem Schauspieler und Regisseur Andreas
Hunzinger. 1950/51 führt der Stimmbruch dann zum jähen Ende von Fichtes
Schauspielerkarriere und beendet somit die frühe Phase der Eigenständigkeit. Die
staatliche Schauspielprüfung besteht Fichte nicht. Arbeitslos, aus dem
identitätsstiftenden Zusammenhang des Theater-Milieus gefallen und lediglich mit der
Aussicht auf eine unbefriedigende Ausbildung zum Zollinspektor verlässt Fichte
Deutschland 1952 in Richtung Frankreich (Reisestipendium und Französischunterricht an der
Universität von Poitiers). Es folgen eine Zeit des Vagabundierens in Frankreich und erste
feuilletonistische Veröffentlichungen. Fichte korrespondiert mit Camus, besucht Picasso
und Chagall und übersetzt mit Jean Giono den Simplicissimus" von
Grimmelshausens. Im Camp de la Pomponette" des Arbeitspriesters Abbé
Pierre-Grouès wird der junge Mann Lagerleiter.
1955 nimmt er eine Landwirtschaftslehre
in Holstein auf, 1957 folgt der Abschluss des Landwirtschaftsstudiums, im Jahr darauf
leitet Fichte die Landwirtschaft in einem Heim für schwererziehbare Kinder in Järna,
Schweden. Es entstehen weitere Erzählungen, Texte für den Rundfunk sowie ein
Theaterstück. 1959 veröffentlicht Hans Bender Fichtes erste Kurzgeschichte in der
Deutschen Zeitung. In der Folgezeit unternimmt Fichte mit seiner späteren
Lebensgefährtin Leonore Mau, die er bereits 1950 kennengelernt hat, mehrere Reisen. Bald
darauf ziehen sie zusammen in eine Wohngemeinschaft in Hamburg-Othmarschen. In die Zeit
fällt auch der Beginn der Freundschaft mit Fritz J. Raddatz.
Weitere Veröffentlichungen eröffnen
Fichte die Möglichkeit, nun als freier Schriftsteller zu leben. 1963 erscheint der
Erzählband "Der Aufbruch nach Turku". Fichte nimmt an den Tagungen der Gruppe
47 teil und arbeitet an seinem ersten Roman "Das Waisenhaus", für den er dann
1965 den Hermann-Hesse-Preis erhält. Fichte, der 1966 im Star-Club auf St. Pauli eine
vielbeachtete Lesung aus dem "Palette-Manuskript" gehalten hat, muss allerdings
auch ablehnende Reaktionen hinnehmen, etwa auf seinen Roman "Grünspan".
1971 bereits beginnt Fichte das Studium
der afroamerikanischen Religionen mit einer beinahe einjährigen Reise nach São Salvador
da Bahia de Todos os Santos (Brasilien). Er reist zu José Luis Borges nach Argentinien
und auf die Osterinseln, studiert Spanisch, führt ein Interview mit Salvador Allende und
mit Mitgliedern seines Kabinetts für die Frankfurter Rundschau. "Grünspan"
erscheint. Fichtes ethnologisches Interesse ist vor allem auf Afrika und Amerika
gerichtet. 1973 reist er nach Tansania und Äthiopien, 1974 arbeitet er gemeinsam mit
Leonore Mau in einer psychiatrischen Klinik. 1976 dann in einem psychiatrischen Dorf im
Senegal. Fichte reist nach Haiti, in die Dominikanische Republik, nach Trinidad, auf die
Galapagos-Inseln und nach Mexiko. Er liest an den Universitäten von Lissabon, Porto und
Coimbra und an den Universitäten von Yale und Columbia, 1977 in Port-au-Prince. 1978
setzt er seine Studien, die u.a. ausführlich in Psyche dargestellt werden, in
psychiatrischen Dörfern in Togo fort. 1979 hält er nach einer Bearbeitung und
Inszenierung des Agrippina" Caspar David Lohensteins in Princeton Vorträge
über den Barockdichter und erhält einen Lehrauftrag in Klagenfurt. Eine weitere,
mehrjährige Berufung führt ihn als Dozent für afroamerikanische Kultur und poetische
Anthropologie an die Universität Bremen. Er beginnt mit der Arbeit an der Geschichte der
Empfindlichkeit und erhält 1975 den Fontane-Preis der Berliner Akademie. 1976 bringt er
"Xango" heraus, das gemeinsam mit "Petersilie" (1980) und
"Lazarus" (1985) als ethnopoetische Trilogie über die synkretistischen
afroamerikanischen Religionen bezeichnet wird. 1977 beobachtet er religiöse Kulte und
ihre Bedingungen in Venezuela, Miami und Haiti, 1978 in Grenada. "Wolli"
erscheint. Noch 1980, in dem Jahr, in dem Forschungsbericht in Reinschrift vorliegt und
Psyche in einer Vorabveröffentlichung erscheint, besucht Fichte die Bermudas, Panama,
Nicaragua und Kolumbien. Im folgenden Jahr beginnt er seine letzte große Brasilienreise,
die in eine Monographie mit Leonore Mau und Sergio Ferretti über die Casa das Minas
mündet. Die Geschichte der Nanã" entsteht. 1984 reist Fichte noch einmal nach
Grenada. Er inszeniert für den SFB "Die Geschichte der Empfindungen Augusts von
Platen", wobei er selbst Platen spricht.
In den letzten Jahren seines Lebens
arbeitet Fichte an der Fertigstellung seines Projekts der "Geschichte der
Empfindlichkeit". Trotz des erheblichen Umfangs seines zu Lebzeiten veröffentlichten
Werks ist Fichte bei seinem Tod ein weitgehend unbekannter Autor. Hubert Fichte stirbt am
8. März 1986 an Lymphdrüsenkrebs.
Seit 1987 erscheint die unvollendete
"Geschichte der Empfindlichkeit" aus dem Nachlass. |