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+ + + Hubert Johannes Fichte + + +

Schriftsteller
geboren: 21.03.1935 in Perleberg
gestorben: 08.03.1986 in Hamburg


Hubert Fichte wird am 21. März 1935 im Krankenhaus Perleberg geboren. Wenige Wochen nach der Geburt zieht die Familie nach Hamburg-Lokstedt. Die Mutter arbeitet als Stenotypistin, die Großmutter übernimmt einen bedeutenden Teil der Erziehung des Jungen. Der Vater, ein jüdischer Kaufmann, emigriert nach Schweden. Die wiederkehrende Rede von der "Halbwaise" Hubert Fichte ist somit durchaus problematisch. Die Bezeichnung "Halbwaise" wurde von der Mutter zweifellos als Schutzbehauptung gebraucht. Recherchen von Koller/Madsen haben ergeben, dass Fichtes Vater Reinhard Oberschützky erst 1962 in Stockholm starb. Hubert Fichte, statt "Halbwaise" vielmehr uneheliches Kind und "Halbjude", muss als Kind vom Tod seines Vaters überzeugt gewesen sein, wusste aber später sehr wahrscheinlich sogar um dessen Aufenthaltsort.

Nach Kinderlandverschickung (1941) und dem später dann literarisch bedeutsam werdenden Aufenthalt im Waisenhaus Schrobenhausen, Oberbayern (1942-43) kehrt Fichte im Juli 1943 nach Hamburg zurück, wo er die Bombennächte der Operation Gomorrha erlebt, in denen zwischen Ende Juli und Anfang August mehr als 50% der Stadt und 80% des Hafens zerstört werden. Schätzungen sprechen von 55 000 Toten. Es kommt zur Evakuierung nach Liegnitz, Schlesien.

Nach Kriegsende arbeitet die Mutter als Schauspielerin und Souffleuse an verschiedenen Hamburger Theatern. Fichte selbst wird durch ihre Vermittlung als Kinderdarsteller am Deutschen Schauspielhaus, am Thalia-Theater und an den Hamburger Kammerspielen engagiert, u. a. unter Helmut Käutner. Neben Lil Dagover spielt Fichte auch in dem Film "Die Söhne des Herrn Gaspary" (1948). Literatur, Theater, Schauspiel prägen Fichtes frühe Jugend. Für seine Schauspielerkarriere brach Fichte Ende 1950 in Klasse 10 das Gymnasium ohne Abschluss mit dem Notendurchschnitt "befriedigend" ab. Seit 1949 ist Fichte mit Hans Henny Jahnn bekannt. 1950 beginnt die Freundschaft mit dem Schauspieler und Regisseur Andreas Hunzinger. 1950/51 führt der Stimmbruch dann zum jähen Ende von Fichtes Schauspielerkarriere und beendet somit die frühe Phase der Eigenständigkeit. Die staatliche Schauspielprüfung besteht Fichte nicht. Arbeitslos, aus dem identitätsstiftenden Zusammenhang des Theater-Milieus gefallen und lediglich mit der Aussicht auf eine unbefriedigende Ausbildung zum Zollinspektor verlässt Fichte Deutschland 1952 in Richtung Frankreich (Reisestipendium und Französischunterricht an der Universität von Poitiers). Es folgen eine Zeit des Vagabundierens in Frankreich und erste feuilletonistische Veröffentlichungen. Fichte korrespondiert mit Camus, besucht Picasso und Chagall und übersetzt mit Jean Giono den „Simplicissimus" von Grimmelshausens. Im „Camp de la Pomponette" des Arbeitspriesters Abbé Pierre-Grouès wird der junge Mann Lagerleiter.

1955 nimmt er eine Landwirtschaftslehre in Holstein auf, 1957 folgt der Abschluss des Landwirtschaftsstudiums, im Jahr darauf leitet Fichte die Landwirtschaft in einem Heim für schwererziehbare Kinder in Järna, Schweden. Es entstehen weitere Erzählungen, Texte für den Rundfunk sowie ein Theaterstück. 1959 veröffentlicht Hans Bender Fichtes erste Kurzgeschichte in der Deutschen Zeitung. In der Folgezeit unternimmt Fichte mit seiner späteren Lebensgefährtin Leonore Mau, die er bereits 1950 kennengelernt hat, mehrere Reisen. Bald darauf ziehen sie zusammen in eine Wohngemeinschaft in Hamburg-Othmarschen. In die Zeit fällt auch der Beginn der Freundschaft mit Fritz J. Raddatz.

Weitere Veröffentlichungen eröffnen Fichte die Möglichkeit, nun als freier Schriftsteller zu leben. 1963 erscheint der Erzählband "Der Aufbruch nach Turku". Fichte nimmt an den Tagungen der Gruppe 47 teil und arbeitet an seinem ersten Roman "Das Waisenhaus", für den er dann 1965 den Hermann-Hesse-Preis erhält. Fichte, der 1966 im Star-Club auf St. Pauli eine vielbeachtete Lesung aus dem "Palette-Manuskript" gehalten hat, muss allerdings auch ablehnende Reaktionen hinnehmen, etwa auf seinen Roman "Grünspan".

1971 bereits beginnt Fichte das Studium der afroamerikanischen Religionen mit einer beinahe einjährigen Reise nach São Salvador da Bahia de Todos os Santos (Brasilien). Er reist zu José Luis Borges nach Argentinien und auf die Osterinseln, studiert Spanisch, führt ein Interview mit Salvador Allende und mit Mitgliedern seines Kabinetts für die Frankfurter Rundschau. "Grünspan" erscheint. Fichtes ethnologisches Interesse ist vor allem auf Afrika und Amerika gerichtet. 1973 reist er nach Tansania und Äthiopien, 1974 arbeitet er gemeinsam mit Leonore Mau in einer psychiatrischen Klinik. 1976 dann in einem psychiatrischen Dorf im Senegal. Fichte reist nach Haiti, in die Dominikanische Republik, nach Trinidad, auf die Galapagos-Inseln und nach Mexiko. Er liest an den Universitäten von Lissabon, Porto und Coimbra und an den Universitäten von Yale und Columbia, 1977 in Port-au-Prince. 1978 setzt er seine Studien, die u.a. ausführlich in Psyche dargestellt werden, in psychiatrischen Dörfern in Togo fort. 1979 hält er nach einer Bearbeitung und Inszenierung des „Agrippina" Caspar David Lohensteins in Princeton Vorträge über den Barockdichter und erhält einen Lehrauftrag in Klagenfurt. Eine weitere, mehrjährige Berufung führt ihn als Dozent für afroamerikanische Kultur und poetische Anthropologie an die Universität Bremen. Er beginnt mit der Arbeit an der Geschichte der Empfindlichkeit und erhält 1975 den Fontane-Preis der Berliner Akademie. 1976 bringt er "Xango" heraus, das gemeinsam mit "Petersilie" (1980) und "Lazarus" (1985) als ethnopoetische Trilogie über die synkretistischen afroamerikanischen Religionen bezeichnet wird. 1977 beobachtet er religiöse Kulte und ihre Bedingungen in Venezuela, Miami und Haiti, 1978 in Grenada. "Wolli" erscheint. Noch 1980, in dem Jahr, in dem Forschungsbericht in Reinschrift vorliegt und Psyche in einer Vorabveröffentlichung erscheint, besucht Fichte die Bermudas, Panama, Nicaragua und Kolumbien. Im folgenden Jahr beginnt er seine letzte große Brasilienreise, die in eine Monographie mit Leonore Mau und Sergio Ferretti über die Casa das Minas mündet. Die „Geschichte der Nanã" entsteht. 1984 reist Fichte noch einmal nach Grenada. Er inszeniert für den SFB "Die Geschichte der Empfindungen Augusts von Platen", wobei er selbst Platen spricht.

In den letzten Jahren seines Lebens arbeitet Fichte an der Fertigstellung seines Projekts der "Geschichte der Empfindlichkeit". Trotz des erheblichen Umfangs seines zu Lebzeiten veröffentlichten Werks ist Fichte bei seinem Tod ein weitgehend unbekannter Autor. Hubert Fichte stirbt am 8. März 1986 an Lymphdrüsenkrebs.

Seit 1987 erscheint die unvollendete "Geschichte der Empfindlichkeit" aus dem Nachlass.

Author:

Leonore Mau [Hamburg], Kathrin Röggla [Berlin]

 

 

 

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