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Unter den
Generalen der einstigen deutschen Wehrmacht gab es eine überdurchschnittliche Zahl von
Pfarrerssöhnen, einer von ihnen war auch Hans Seidemann, der am 18. Januar 1902, am
"Reichsgründungstag", im evangelischen Pfarrhaus von Garlin geboren wurde, noch
zu Kaisers Zeiten trat er ins königlich-preußische Kadettenkorps ein, da er von jung auf
den Offiziersberuf anstrebte. Als er alt genug war, um Soldat zu werden, gab es jedoch
keinen deutschen Kaiser und König von Preußen mehr, sondern ein Deutsches Reich als
Republik, mit der Reichswehr als Träger der militärischen Kraft. So trat der junge
Seidemann als Offiziersanwärter in das in Potsdam und Berlin-Spandau stationierte
Infanterieregiment 9 ein. Hier wurde er am 01.12.1922 zum Leutnant befördert und tat
Zugführerdienst in der 13. (Minenwerfer-) Kompanie und in der 12. MG-Kompanie.
Früh begann sich der junge Offizier
Seidemann für die Fliegerei zu interessieren, deren militärischer Einsatz der deutschen
Reichswehr durch die einseitigen Abrüstungsbestimmungen des Versailler Vertrages von 1919
untersagt war. Doch gab es bereits in der ersten Hälfte der zwanziger Jahre aufgrund von
geheimen, mit Wissen der Reichsregierung zustandegekommenen Vereinbarungen zwischen der
damals von General von Seeckt geführten Reichswehr und der Roten Armee der Sowjetunion
für Reichswehroffiziere die Möglichkeit, in Lipezk bei Moskau eine einschlägige
Ausbildung zu absolvieren. In den Jahren 1926 bis 1928, als Hans Seidemann - seit 1.
8.1927 Oberleutnant - dort seine Jagdfliegerausbildung begann, gliederte sie sich in
Stabsgruppe, Beobachterlehrstaffel, Jagdfliegerlehrstaffel, Beobachterlehrgang,
Jagdfliegerlehrgang, Jungfliegerlehrgang, Jungfliegerschule, Versuchsgruppe, Werft und
Depot. Mit über 500 Mann hatte der Flugplatz Lipezk im Jahre 1931 seine stärkste
Belegung. Insgesamt wurden dort bis 1933, als die deutsch-sowjetische Zusammenarbeit auf
militärischem Gebiet auslief, rund 120 Jagdflieger und etwa 100 Beobachter ausgebildet,
die Schüler schieden für die Dauer ihres Russlandkommandos formell aus der Reichswehr
aus und verschwanden für einige Zeit aus deren offiziellen Ranglisten, deshalb sucht man
in den Ranglisten des Offizierskorps der Reichswehr für die Jahre 1928 und 1929 auch
vergeblich den Namen Seidemann.
Auch nach seiner aktiven Zeit erinnerte
sich General der Flieger a. D. Seidemann Jahrzehnte später immer noch gern an die
interessanten, sein Fliegerleben prägenden Jahre in Lipezk und zeigte voller Stolz eine
goldene Uhr, in deren Deckel anlässlich seiner Heimkehr nach Deutschland die
Fliegerkameraden der Roten Luftwaffe ihre Namen hatten eingravieren lassen.
Am 1. April 1934 erhielt Seidemann, der
am 1.5.1933 zur Kommandantur München kommandiert wurde, die Beförderung zum Hauptmann
und nahm als solcher an der Generalstabsausbildung des Heeres teil. Bereits als
Generalstäbler wurde er 1935 in die Reichsluftwaffe überführt und erscheint am
15.10.1937 in der Übersicht über die Stellenbesetzung des Generalstabes der Luftwaffe,
als Major i. G. (im Generalstabsdienst). Major Seidemann gehörte der von Oberstleutnant
i. G. Hans Jeschonnek (1899-1943) geleiteten 1. (Operations-) Abteilung des Generalstabes
der Luftwaffe an.
In der Zeit bis zum Beginn des II.
Weltkrieges hatte Seidemann auch Truppenkommandos als Staffelkapitän und
Gruppenkommandeur inne, noch wesentlicher für seine weitere Entwicklung war der Einsatz
des als Einflieger und Rekordhalter weltbekannt gewordenen Offiziers als Stabschef der
"Legion Condor". Ab 1.11.1938 im Spanienkrieg unter Generalmajor Dr.-Ing.
Wolfram Freiherr von Richthofen (1895 bis 1945), ein ideales, sich bis in den II.
Weltkrieg hinein bewährendes Zusammenwirken zwischen zwei als Führer größerer
fliegender Verbände wie als Generalstäbler gleichermaßen hochqualifizierten,
kongenialen Persönlichkeiten. Während die Verbände der "Legion Condor" im Mai
1939 nach ihrer Heimkehr aus Spanien aufgelöst wurden und die ihnen angehörenden
Soldaten zu ihren Stammtruppenteilen zurückkehrten, blieb der kriegserfahrene
Führungsstab mit Generalmajor von Richthofen und Oberstleutnant Seidemann als
Dienststelle eines "Fliegerführer z. b.V." (zur besonderen Verwendung)
weiterhin bestehen.
Bei der Mobilmachung zum II. Weltkrieg im
September 1939 entwickelte sich daraus der Stab des Nahkampfkorps der Luftwaffe, des
späteren VIII. Fliegerkorps, an der Seite Richthofens hatte Oberst i. G. Seidemann
maßgeblichen Anteil an den Erfolgen der aus vier Stuka-Gruppen, einer Schlachtflieger-
und einer Zerstörergruppe bestehenden Nahkampffliegerverbände der Luftwaffe, die im
Polenfeldzug zunächst die Aufgabe hatten, der aus Schlesien vorgehenden 10. Armee unter
General der Artillerie von Reichenau (1884-1942) eine Bresche in die polnischen
Grenzbefestigungen zu schlagen und ihr später dabei zu helfen, bis nach Warschau weiter
vorzustoßen. Oberst Seidemann blieb Richthofens Stabschef des VIII. Fliegerkorps im
Frankreich- und Russlandfeldzug sowie später auch bei der Luftflotte 2, seine Verdienste
fanden höchste Anerkennung, indem ihm am 20.3.1942 als Oberst i.G. und Chef des
Generalstabes der Luftflotte 2 das Ritterkreuz verliehen wurde. Von der Ostfront verschlug
es Seidemann als "Fliegerführer Afrika" und dann als "Fliegerführer
Tunesien" ab 1.8.1942 auf den nordafrikanischen Kriegsschauplatz, bis er - nunmehr
als Generalmajor - am 18.5.1943 an die Ostfront zurückkehrte, um jetzt selbst den Befehl
über das VIII. Fliegerkorps zu übernehmen. An dessen Spitze nahm er am Sommer 1943 mit
rund tausend Bombern, Jägern, Schlacht- und Panzerjagdflugzeugen an der letzten großen
deutschen Offensive im Osten, dem schließlich doch zum Scheitern verurteilten
"Unternehmen Zitadelle", teil. Für diesen beispielhaften Einsatz wurde der
Generalleutnant (seit 1.1.1944) und Kommandierende General des VIII. Fliegerkorps Hans
Seidemann, der mit seinen Fliegerverbänden am 17.02.1944 auch wesentlich zum gelungenen
Ausbruch der bei Tscherkassy eingekesselten deutschen Truppen beigetragen hatte, am
18.11.1944 als Generalleutnant und Kommandierender General des VIII. Fliegerkorps und 658.
Soldat der deutschen Wehrmacht mit dem Eichenlaub zum Ritterkreuz ausgezeichnet. Am
01.03.1945 erfolgte seine letzte Beförderung zum General der Flieger und die Übernahme
des Luftwaffenkommando 8 in Böhmen-Mähren, in den letzten Tagen des Krieges.
Als nach Kriegsende ehemalige Generale
zunächst nicht gefragt waren und jahrelang auch keine staatlichen Pensionen erhielten,
ließ sich der stellungslose Berufsoffizier, der in seine letzte Friedensgarnison nach
Braunschweig zu seiner Familie zurückgekehrt war, in einem Blechverpackungswerk der
Schmalbach AG, die Firma existiert noch, zum Stanzer umschulen. Er machte seine Arbeit so
gut, daß man ihm auch mehr zutraute und ihn erst in die Verwaltung und dann in den
Außendienst übernahm. Sein kleines Verkaufsbüro in Düsseldorf entwickelte sich im
Laufe weniger Jahre zu einer zwei Etagen am Düsseldorfer Hofgarten einnehmenden,
regelrechten Schmalbach-Niederlassung, der Exgeneral Seidemann als Verkaufsdirektor West
vorstand und mit ihr Millionenumsätze abwickelte.
Nachdem er seine beruflichen Zelte in
Düsseldorf abgebrochen hatte, er war danach wieder nach Braunschweig zurückgegangen, wo
sein Arbeitsvertrag am 31.12.1967 offiziell auslaufen sollte, freute er sich auch auf den
Ruhestand. Doch am 21. Dezember 1967 überraschte den Fünfundsechzigjährigen bei
Weihnachtseinkäufen für die Familie ein plötzlicher Herztod. Als er am 28. Dezember
1967 auf dem Braunschweiger Hauptfriedhof mit militärischen Ehren zur letzten Ruhe
geleitet wurde, versammelte sich an seinem Grabe eine große Trauergemeinde. |