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+ + + Hans Seidemann + + +

Offizier

geboren: 18.01.1902 in Garlin
gestorben: 21.12.1967 in Braunschweig


Unter den Generalen der einstigen deutschen Wehrmacht gab es eine überdurchschnittliche Zahl von Pfarrerssöhnen, einer von ihnen war auch Hans Seidemann, der am 18. Januar 1902, am "Reichsgründungstag", im evangelischen Pfarrhaus von Garlin geboren wurde, noch zu Kaisers Zeiten trat er ins königlich-preußische Kadettenkorps ein, da er von jung auf den Offiziersberuf anstrebte. Als er alt genug war, um Soldat zu werden, gab es jedoch keinen deutschen Kaiser und König von Preußen mehr, sondern ein Deutsches Reich als Republik, mit der Reichswehr als Träger der militärischen Kraft. So trat der junge Seidemann als Offiziersanwärter in das in Potsdam und Berlin-Spandau stationierte Infanterieregiment 9 ein. Hier wurde er am 01.12.1922 zum Leutnant befördert und tat Zugführerdienst in der 13. (Minenwerfer-) Kompanie und in der 12. MG-Kompanie.

Früh begann sich der junge Offizier Seidemann für die Fliegerei zu interessieren, deren militärischer Einsatz der deutschen Reichswehr durch die einseitigen Abrüstungsbestimmungen des Versailler Vertrages von 1919 untersagt war. Doch gab es bereits in der ersten Hälfte der zwanziger Jahre aufgrund von geheimen, mit Wissen der Reichsregierung zustandegekommenen Vereinbarungen zwischen der damals von General von Seeckt geführten Reichswehr und der Roten Armee der Sowjetunion für Reichswehroffiziere die Möglichkeit, in Lipezk bei Moskau eine einschlägige Ausbildung zu absolvieren. In den Jahren 1926 bis 1928, als Hans Seidemann - seit 1. 8.1927 Oberleutnant - dort seine Jagdfliegerausbildung begann, gliederte sie sich in Stabsgruppe, Beobachterlehrstaffel, Jagdfliegerlehrstaffel, Beobachterlehrgang, Jagdfliegerlehrgang, Jungfliegerlehrgang, Jungfliegerschule, Versuchsgruppe, Werft und Depot. Mit über 500 Mann hatte der Flugplatz Lipezk im Jahre 1931 seine stärkste Belegung. Insgesamt wurden dort bis 1933, als die deutsch-sowjetische Zusammenarbeit auf militärischem Gebiet auslief, rund 120 Jagdflieger und etwa 100 Beobachter ausgebildet, die Schüler schieden für die Dauer ihres Russlandkommandos formell aus der Reichswehr aus und verschwanden für einige Zeit aus deren offiziellen Ranglisten, deshalb sucht man in den Ranglisten des Offizierskorps der Reichswehr für die Jahre 1928 und 1929 auch vergeblich den Namen Seidemann.

Auch nach seiner aktiven Zeit erinnerte sich General der Flieger a. D. Seidemann Jahrzehnte später immer noch gern an die interessanten, sein Fliegerleben prägenden Jahre in Lipezk und zeigte voller Stolz eine goldene Uhr, in deren Deckel anlässlich seiner Heimkehr nach Deutschland die Fliegerkameraden der Roten Luftwaffe ihre Namen hatten eingravieren lassen.

Am 1. April 1934 erhielt Seidemann, der am 1.5.1933 zur Kommandantur München kommandiert wurde, die Beförderung zum Hauptmann und nahm als solcher an der Generalstabsausbildung des Heeres teil. Bereits als Generalstäbler wurde er 1935 in die Reichsluftwaffe überführt und erscheint am 15.10.1937 in der Übersicht über die Stellenbesetzung des Generalstabes der Luftwaffe, als Major i. G. (im Generalstabsdienst). Major Seidemann gehörte der von Oberstleutnant i. G. Hans Jeschonnek (1899-1943) geleiteten 1. (Operations-) Abteilung des Generalstabes der Luftwaffe an.

In der Zeit bis zum Beginn des II. Weltkrieges hatte Seidemann auch Truppenkommandos als Staffelkapitän und Gruppenkommandeur inne, noch wesentlicher für seine weitere Entwicklung war der Einsatz des als Einflieger und Rekordhalter weltbekannt gewordenen Offiziers als Stabschef der "Legion Condor". Ab 1.11.1938 im Spanienkrieg unter Generalmajor Dr.-Ing. Wolfram Freiherr von Richthofen (1895 bis 1945), ein ideales, sich bis in den II. Weltkrieg hinein bewährendes Zusammenwirken zwischen zwei als Führer größerer fliegender Verbände wie als Generalstäbler gleichermaßen hochqualifizierten, kongenialen Persönlichkeiten. Während die Verbände der "Legion Condor" im Mai 1939 nach ihrer Heimkehr aus Spanien aufgelöst wurden und die ihnen angehörenden Soldaten zu ihren Stammtruppenteilen zurückkehrten, blieb der kriegserfahrene Führungsstab mit Generalmajor von Richthofen und Oberstleutnant Seidemann als Dienststelle eines "Fliegerführer z. b.V." (zur besonderen Verwendung) weiterhin bestehen.

Bei der Mobilmachung zum II. Weltkrieg im September 1939 entwickelte sich daraus der Stab des Nahkampfkorps der Luftwaffe, des späteren VIII. Fliegerkorps, an der Seite Richthofens hatte Oberst i. G. Seidemann maßgeblichen Anteil an den Erfolgen der aus vier Stuka-Gruppen, einer Schlachtflieger- und einer Zerstörergruppe bestehenden Nahkampffliegerverbände der Luftwaffe, die im Polenfeldzug zunächst die Aufgabe hatten, der aus Schlesien vorgehenden 10. Armee unter General der Artillerie von Reichenau (1884-1942) eine Bresche in die polnischen Grenzbefestigungen zu schlagen und ihr später dabei zu helfen, bis nach Warschau weiter vorzustoßen. Oberst Seidemann blieb Richthofens Stabschef des VIII. Fliegerkorps im Frankreich- und Russlandfeldzug sowie später auch bei der Luftflotte 2, seine Verdienste fanden höchste Anerkennung, indem ihm am 20.3.1942 als Oberst i.G. und Chef des Generalstabes der Luftflotte 2 das Ritterkreuz verliehen wurde. Von der Ostfront verschlug es Seidemann als "Fliegerführer Afrika" und dann als "Fliegerführer Tunesien" ab 1.8.1942 auf den nordafrikanischen Kriegsschauplatz, bis er - nunmehr als Generalmajor - am 18.5.1943 an die Ostfront zurückkehrte, um jetzt selbst den Befehl über das VIII. Fliegerkorps zu übernehmen. An dessen Spitze nahm er am Sommer 1943 mit rund tausend Bombern, Jägern, Schlacht- und Panzerjagdflugzeugen an der letzten großen deutschen Offensive im Osten, dem schließlich doch zum Scheitern verurteilten "Unternehmen Zitadelle", teil. Für diesen beispielhaften Einsatz wurde der Generalleutnant (seit 1.1.1944) und Kommandierende General des VIII. Fliegerkorps Hans Seidemann, der mit seinen Fliegerverbänden am 17.02.1944 auch wesentlich zum gelungenen Ausbruch der bei Tscherkassy eingekesselten deutschen Truppen beigetragen hatte, am 18.11.1944 als Generalleutnant und Kommandierender General des VIII. Fliegerkorps und 658. Soldat der deutschen Wehrmacht mit dem Eichenlaub zum Ritterkreuz ausgezeichnet. Am 01.03.1945 erfolgte seine letzte Beförderung zum General der Flieger und die Übernahme des Luftwaffenkommando 8 in Böhmen-Mähren, in den letzten Tagen des Krieges.

Als nach Kriegsende ehemalige Generale zunächst nicht gefragt waren und jahrelang auch keine staatlichen Pensionen erhielten, ließ sich der stellungslose Berufsoffizier, der in seine letzte Friedensgarnison nach Braunschweig zu seiner Familie zurückgekehrt war, in einem Blechverpackungswerk der Schmalbach AG, die Firma existiert noch, zum Stanzer umschulen. Er machte seine Arbeit so gut, daß man ihm auch mehr zutraute und ihn erst in die Verwaltung und dann in den Außendienst übernahm. Sein kleines Verkaufsbüro in Düsseldorf entwickelte sich im Laufe weniger Jahre zu einer zwei Etagen am Düsseldorfer Hofgarten einnehmenden, regelrechten Schmalbach-Niederlassung, der Exgeneral Seidemann als Verkaufsdirektor West vorstand und mit ihr Millionenumsätze abwickelte.

Nachdem er seine beruflichen Zelte in Düsseldorf abgebrochen hatte, er war danach wieder nach Braunschweig zurückgegangen, wo sein Arbeitsvertrag am 31.12.1967 offiziell auslaufen sollte, freute er sich auch auf den Ruhestand. Doch am 21. Dezember 1967 überraschte den Fünfundsechzigjährigen bei Weihnachtseinkäufen für die Familie ein plötzlicher Herztod. Als er am 28. Dezember 1967 auf dem Braunschweiger Hauptfriedhof mit militärischen Ehren zur letzten Ruhe geleitet wurde, versammelte sich an seinem Grabe eine große Trauergemeinde.

Author:

Robert Balsam und Marco Mehlenberg [Berlin]

 

 

 

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