Melnik und Sandanski
08.-12.11.09
Melnik (nicht verwechseln mit dem tschechischen Mělník, siehe Wikipedia) befindet sich weit im Süden Bulgariens, nur ca. 20 km von der griechischen Grenze im Pirin-Gebirge. Der Weg dorthin führt von Sofia über Blagoevgrad und Sandanski. Der Bus braucht für die Strecke über drei Stunden. Eine Direktverbindung von der Hauptstadt gibt es nur einmal am Tag für 13 Leva (ca. 6,50 Euro) einfach. Sonst kann man mit dem Bus für 12 Leva (6 Euro) nach Sandanski fahren und von dort für 2,50 Leva (1,25 Euro) mit kleineren Sammeltaxis weiter.
Melnik war einst eine bedeutende Stadt, die 1880 noch 20 000 Einwohner hatte - nur 1000 weniger als Sofia damals. Schon die Thraker siedelten hier vor den Römern und Salven. Besonders ab dem 13 Jh. entstanden in der Umgebung zahlreiche Klöster und Burganlagen. Die Stadt wurde ein Kultur- und Bildungszentrum, in dem neben Holzschnitzereien und Keramikwaren vor allem Wein produziert wurde.
Während des Osmanischen Reiches verlor Melnik zunächst an Bedeutung, gelangte jedoch gegen Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jhs. erneut zu Wohlstand. In dieser Zeit der Nationalen Wiedergeburt entstanden zahlreiche traditionelle Häuser, viele von ihnen auf den Ruinen der alten Bauten aus römischer Zeit. Bis zum Ende des 19. Jhs. entwickelte sich die Stadt erneut zu einem Handelszentrum, doch während der Balkankriege (1912/13) wurde Melnik fast gänzlich zerstört und konnte seine Bedeutung nie wieder zurückerlangen. Viele Ruinen sind noch immer zu sehen. Da sie sehr verstreut liegen, verschwinden einige langsam unter wildem Pflanzenwuchs, während andere wie selbstverständlich ihre Stellung in mitten renovierter Wohngebäude behaupten. Mehr zur Geschichte Melniks gibt es bei Wikipedia.
Die Kirchenruine "Heilige Varvara" in Melnik.
Noch heute ist Melnik vor allem für seinen Wein bekannt, aber auch dafür, offiziell die kleinste Stadt Bulgariens zu sein. Derzeit leben hier noch etwa 250 Einwohner. Zum Teil sind die Gebäude wieder aufgebaut und restauriert worden. Neubauten und Renovierungsarbeiten müssen im Stil der Nationalen Wiedergeburt erfolgen. Dazu gehört die Farbgebung in Braun und Weiß. Die meisten Häuser sind Mehanas (Landgasthäuser) mit Weinkeller und Gästezimmern. Es gibt keine Straßennamen, aber alle Sehenswürdigkeiten sind auch so leicht zu finden.
Seinen besonderen Charakter bekommt das kleine Melnik durch seine außergewöhnliche Lage. Die meisten Häuser befinden sich in einem schmalen Tal und werden von Wänden aus Sandstein überragt, die, je nach Licht und Jahreszeit, meist gelb, bei Sonnenuntergang aber auch fast rot, erscheinen. Wie Haare auf einem Kopf sind alle Sandsteinformationen nur oben mit Bäumen und Pflanzen begrünt, wenn sich eine Fläche dafür gebildet hat. Immer wieder haben Regen und Wind auch spitze Kegel geformt, die auch als Pyramiden bezeichnet werden.
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Melnik ist umgeben von Sandsteinfelsen. |
Wind und Wetter haben bizarre Kegel geformt. |
Wer von der Busstation aus das kleine Tal hinter läuft, kann rechts weg auf die südliche Hügelkette steigen (ist auch ausgeschildert). Dort befinden sich die Ruinen zweier Klöster, einer Burg und einer Kirche. Über Details zu diesen Überbleibseln aus der Vergangenheit informieren Tafeln mit bulgarischer und englischer Beschriftung. Der kleine, schön angelegte Rundweg auf dem Südhügel eröffnet zudem einen tollen Blick auf Melnik.
Blick von oben auf Melnik.
Wer außerhalb der Saison nach Melnik fährt, wird dort immer eine Übernachtungsmöglichkeit finden. Besonderer Service wird einem aber zu Teil, wenn man vorher reserviert. Ich habe über die Seite http://www.hoteli.ltd.bg/a16-melnik.htm ein Zimmer bei Vasil gebucht (leider gibt es alle Infos nur auf Bulgarisch). Er hat uns mit dem Auto vom Bus abgeholt, weil es schon dunkel war und geregnet hat, als wir ankamen. Für 25 Leva (ca. 13 Euro) pro Nacht haben wir ein Doppelzimmer bekommen. Eine Karaffe seines selbst gemachten Weines gab es gratis dazu und am nächsten Tag hat er uns noch auf einen Kaffee eingeladen. Die Matratzen waren ziemlich ausgelegen, aber das Zimmer war groß und mit kleinem Balkon. Bettwäsche und Handtücher waren vorhanden. Alles war sehr sauber. Neben einem Doppelbett, einem normalen Bett, einem kleinen Nachtkästchen, einem Kleiderständer, einem Stuhl und einem Schemel gab es einen kleinen Heizlüfter, den wir nicht gebraucht haben. Neben uns gab es zwei weitere Zimmer. Eines davon ein einfaches Doppelzimmer ohne Balkon. Das zweite ein sehr schön und neu eingerichtetes Zimmer mit hellen Holzmöbeln, neuen Matratzen und mindestens drei Betten, das ebenfalls Zugang zu dem kleinen Balkon hatte. Für die drei Zimmer zusammen gibt es ein einfaches Bad mit Waschbecken, Toilette und Dusche. Unten im Erdgeschoss hat Vasil seine Mehana "Megdana" (Мегдана), in der wir einmal zu Abend gegessen habe. Er bietet bulgarische Küche zu günstigen Preisen - in Ordnung, aber eine Delikatesse war es nicht, wobei man dazu sagen muss, dass außer uns zu diesem Zeitpunkt keine Touristen im Dorf waren und Vasil überhaupt nur für uns beide was warmes zu essen gemacht hat.
Gästezimmer gibt es in Melnik fast in jedem Haus.
Von Melnik aus kann man zum Rožen-Manastir laufen. Das Kloster befindet sich bei der ca. sechs Kilometer entfernten Ortschaft Rožen. Auf dem Hinweg sind wir den etwas längeren Weg an der Straße entlang gelaufen, der durch die Ortschaft Kărlanovo führt. Zumindest im November ist die Straße nicht viel befahren und daher als Wanderweg nutzbar. In Rožen werden auf der Straße Honig und verschiedene Kräuter angeboten. Wir haben einen Tee gekauft, den meine Freunde Astrid und Hans ein paar Wochen zuvor schon in der Trigradschlucht in den Rhodopen entdeckt hatten. Es handelt sich dabei um "sideritis scardica". Da es die Pflanze bei uns nicht gibt, haben wir auch keine richtige Übersetzung. Im Internet habe ich die Beizeichnungen "Griechischer Bergtee" oder "Mazedonischer Bergtee" gefunden. Die Bulgaren nennen den Tee "mursalski" (мурсалски) oder "trigradski" (триградски) nach der Trigradschlucht.
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Der Weg an der Straße entlang führt vorbei an Sandkegeln.
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Am Dorfende von Kărlanovo steht diese gelbe Pyramide.
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An einem Haus in Kărlanovo trocknen Paprikaschoten. |
Das Rožen-Kloster liegt etwas oberhalb des Dorfes Rožen. |
Von Rožen aus führt ein kurzer Weg zum Kloster. Eine Mauer mit Wohngemächern und anderen Räumen umgibt die kleine Kirche im Inneren. Mit dieser Anordnung erinnert das Kloster an das Rila-Manastir, jedoch ist es viel kleiner und gemütlicher. Im Hof rankt sich der Wein an gespannten Schnüren über den Köpfen der Besucher. Wer wie wir im November kommt, findet hier Ruhe und Einsamkeit. Wer mehr über die Geschichte und die Architektur des Ortes erfahren möchte, kann sich auch auf bulgarisch und englisch beschrifteten Infotafeln schlau machen.
Schöner als der Weg an der Straße entlang ist der von der EU finanzierte Ökotrail, der direkt vom Kloster aus durch wunderschöne Natur nach Melnik führt. Die Strecke ist zudem etwas kürzer und bringt einem bizzarste Sandsteinformationen nahe. Abwechslungsreich und mit guter Wandermarkierung schlängelt sich der Pfad zunächst vorbei an einzigartigen Kegeln und geht dann in einem engen, beinahe schluchtartigen Tal weiter. Hier teilt man sich den Weg mit einem Flussbett, das zum Glück trocken war, als wir unterwegs waren. Zwischendrin gibt es immer wieder ein Bänklein zum Ausruhen oder einen richtigen Picknickplatz. So kommt man von Nordosten wieder nach Melnik und kann dem trocken Fluss entlang weiter bis zurück an die Hauptstraße folgen, wenn man nicht vorher in einer der Mehanas stecken bleibt.
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Auf dem Ökopfad braucht man eigentlich keine Karte.
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Der Weg ist gut ausgeschildert,
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schön angelegt
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und führt an tollen Sandformationen vorbei.
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Im Herbst ist spätnachmittags das Licht besonders schön. |
Eine tolle Kombination ergibt sich aus gelben Pyramidenbergen und buntem Blätterkleid der Bäume. |
Später verläuft der Pfad in einem Tal. Ein trockenes Bachbett weist den Weg bis Melnik.
In Melnik gibt es ein paar kleinere Lebensmittelläden, in denen man das Wichtigste kaufen kann. Zudem gibt es eine Post und einen Bankautomaten (allerdings keine Bank!). Souvenirläden gibt es zahlreiche.
Nach Sandanski, benannt nach dem Revolutionär Jane Sandanski, sind es nur 17 Kilometer. Wer mit dem kleinen Sammeltaxis für 2,50 Leva dorthin fährt, wird aber merken, dass dazwischen viele Dörfer liegen, in denen überall gehalten wird. Holz- oder Plastikhocker ermöglichen auch den Passagieren Nummer 16 bis 18 noch eine Fahrt im Sitzen. In vielen Ortschaften ist die Straße nicht geteert. Die großen Schlaglöcher zwingen zu einer Fortbewegung im Schritt-Tempo.
An der Busstation in Sandanski wird man von einem riesigen Billa-Supermarkt empfangen. Dahinter verkaufen Leute Obst und Gemüse auf der Straße. Wir beziehen für 35 Leva (18 Euro) die Nacht ein Doppelzimmer im Hotel Aneli. Das Zimmer ist klein, aber praktisch eingerichtet. Die Matratzen sind schön hart, alles ist sehr sauber, besonders das kleine, eigene Bad. Wir haben einen riesigen Kleiderschrank mit Spiegel, einen kleinen Fernseher, Seife, Shampoo-Tütchen und zwei Gläser. Dass wir unser Gepäck am nächsten Tag erst kurz vor 17 Uhr aus dem Zimmer holen wollen, ist kein Problem.
In der Fußgängerzone befinden sich zahlreiche Sportgeschäfte, Cafes und eine richtig gute Baničarnica, in die wir in diesen beiden Tagen mehrmals einfallen. Banica (Blätterteigtasche, aber wer es genauer wissen will - auch hierzu gibt es einen Wiki-Artikel) mit Lauch, Banica mit Weichkäsen, Banica mit Schinken und Käse - alles schmeckt toll und ist zudem günstig.
Die Fußgängerzone führt direkt in den großen Stadtpark, an dessen Eingang ein großes Spa-Hotel steht. Ein Brunnen mit 76°C heißem Wasser davor ist nur ein Beispiel für diverse warme Mineralquellen hier in der Gegend. Ein paar Meter weiter hat man ein Schwimmbad gebaut, das mit warmen Wasser aus dem Boden gespeist wird, und tatsächlich schwimmen im November Leute in der Freianlage. Ein wenig weiter gibt es ein Open-Air-Theater, ein Fußballstadion mit Trainingsanlage, einen See und ein Plätzchen, auf dem wir Frisbee spielen.
Sabrina an der 76°C heißen Quelle in Sandanski.
Der Stadtpark Sandanskis mit See, Fußballstadion und Freilichttheater.
Auch Sandanski ist von Hügeln umgeben. Sandsteinformationen oder gar Pyramiden und Kegel sind hier aber keine mehr zu entdecken. Das wird uns klar, als wir uns querfeldein den Weg auf einen der kleinen Berge suchen, um von oben auf die Stadt gucken zu können. Von da wirkt das Städtchen überschaubar, auch wenn es mit ca. 27,5 Tausend Einwohnern mit Melnik nicht zu vergleichen ist.
Sandanski ist eine richtige kleine Stadt, aber es gibt keine gelben Sandfelsen mehr.
Sabrina entdeckt in unserem Reiseführer (Lonely Planet, 2005) einen Wandertipp nach Popina Lăka, eine Ausflugsregion mit Wasserfall und Seen. Leider steht nicht mehr dazu da, als dass der Weg dorthin drei Stunden dauern soll. Wir beschließen die kleine Wanderung für den nächsten Tag und machen uns auf die Suche nach einem Startpunkt. Schnell merken wir, dass wir nicht an der Straße entlang laufen wollen. Mit Hilfe der Wanderkarte "PIRIN tourist map 1:50 000" von 2008 versuchen wir uns zu orientieren. Nach dem Dorf Polenica wird die Karte sehr ungenau. Ein riesiger Hotelkomplex, der seinem Aussehen nach nicht erst seit fünf Jahren hier steht, ist überhaupt nicht eingezeichnet. Teilweise sind Straßen besser ausgebaut als auf der Karte ausgewiesen (auch das offensichtlich nicht erst seit kurzem). Dennoch bleiben wir bei unserem Plan, gehen zurück ins Hotel und stellen den Wecker auf sechs Uhr, weil wir Tickets für den letzten Bus morgen um 17 Uhr nach Sofia gekauft haben.
Nach Sandanski gibt es nicht mal mehr Ortsschilder, geschweige denn Wandermarkierungen. Schade, dass an dieser Stelle auch die Karte nichts taugt.
Frühstück in der super Banica-Bude um kurz nach sieben Uhr. Um halb Acht sind wir am Parkeingang und nehmen die Straße hoch nach Polenica. Die Kühe, die weit hinter dem Dorf auf einem Hügel stehen, über den unser Weg führt, machen Sabrina keine Angst. Auch der Schäfer mit seiner Herde, zu der auch eine handvoll Ziegen gehören, scheint nicht weiter gefährlich. Aber immer wieder diese Hunde, die frei herumlaufen, laut bellen, uns anbellen und nicht immer mit dem Schwanz wedeln. Tapfer meistert Sabrina diese Hindernisse, obwohl ich ihr verboten habe zu rennen und sich einen Prügel zu suchen.
Auch ein kleines Dorf wie Polenica hat so seine Attraktionen. Auf diesem Haus fliegen nackte Puppen bulgarische Kampfjets über die Satellitenschüssel.
Trotz zahlreichen Bauchentescheidungen bei der Wegauswahl finden wir ins Dorf Golem Calim (jedenfalls glauben wird das, auch wenn nirgendwo ein Ortsschild zu finden ist). Weiter geht es auf einem Weg, der eigentlich sehr schön und abwechslungsreich mal breiter, mal schmaler wird, mal über Bäche führt und dann zwischen Felsbrocken hindurch. Wir hoffen, dass er nicht irgendwann ins Nichts führt, denn laut Karte dürfte es ihn gar nicht geben. Unter uns sehen wir die Straße, immer wieder Häuser und zwei Steinbrüche. Weder die Häuser noch die Steinbrüche sind in der Karte verzeichnet und unsere Positionsbestimmung ist ein reines Rätselraten. Wir unterhalten uns darüber, was passiert, wenn wir den Bus um 17 Uhr nicht schaffen. Noch eine Nacht im Hotel Aneli und noch mal zwei Fahrkarten. "Na ja, 30 Euro kostest uns das Abenteuer dann", rechnet Sabrina aus, aber die Banane gibt es trotzdem im Laufen und ich würde eigentlich gerne den Pullover ausziehen. "Vielleicht fährt da unten ja ein Bus zurück nach Sandanski", sagt sie dann noch, aber glauben tun wir es beide nicht.
Plötzlich stehen eine Hütte und ein Kreuz im Wald. Jetzt vermuten wir an der Stelle zu sein, an der in der Karte "Sv. Otec" steht - "Heiliger Vater". Danach fällt unser Weg steil ab und wir kommen auf die Straße, der wir jetzt doch für die letzte Etappe folgen müssen. Immerhin kann man sich hier wieder orientieren, da das große Wasserwerk eingezeichnet ist. Schon lange vor der "Hütte Jane Sandanski" säumen links und rechts Häuser den Weg. Alles in einem stehen hier fast so viele Gebäude wie im Dorf Polenica, auch wenn die Karte das nicht verrät. Es handelt sich um Hotels, Ferienhäuser und Restaurants. Jetzt ist alles ausgestorben. Nur wir sind hier. Wenn die Autoren vom Lonely Planet drei Stunden gebraucht haben, dann jedenfalls nicht auf diesem Weg, den wir genommen haben. Seit fünf Stunden rennen wir über Stock und Stein, machen keine Pause und jetzt wollen wir wenigstens den Wasserfall sehen. Wir finden ein paar Männer, die ich danach frage. Sie sind sehr nett, beschreiben uns den Weg und wollen uns sogar hinbringen. Als sie mit dem Auto an uns vorbeifahren, weisen sie extra noch mal auf die Abzweigung hin. Das ist gut so, denn sonst hätten wir wohl kaum hingefunden. Es gibt kein großes Hinweisschild. Tatsächlich kann man aber ab hier toll beschilderten Wanderwegen folgen. Wegmarkierungen und Hinweisschilder weisen nun in alle Richtungen. Dazu gibt es Parkplätze, die uns kapieren lassen, dass die Idee eine andere ist. Von Sandanski aus soll man schön mit dem Auto hierher fahren und dann den gut ausgeschilderten Wegen folgen. Wo wir rumgestapft sind ist, bestimmt touristenfreie Zone. Vermutlich haben sich auch die Kartographen gedacht, dass es verlorene Liebesmühe wäre, alles dort zu aktualisieren, wo eh kein Auswärtiger hinkommt. Hat eben keiner mit uns gerechnet.
Der Wasserfall von Popina Lăka. Was haben wir nicht alles für ihn riskiert!
Wir essen schnell ein Brot am Wasserfall. Wenn die drei Stunden an der Straße entlang stimmen, haben wir noch eine Chance. Vollgas laufen wir den Autos entgegen, ohne Bürgersteig, ohne Fußgängerweg. Am Anfang ist das auch in Ordnung, denn es kommt nur alle heilige Zeit ein Wagen. Ab und an will uns sogar jemand mitnehmen, aber uns hat längst der Ehrgeiz gepackt. Nach den Steinbrüchen rollt schon mal ein LKW an uns vorbei. Dazu gibt es Kurven, die links von einer Leitplanke und rechts vom Fels eingefasst werden - Ausweichmöglichkeit gleich null. Ein Spiegel in der Kurvenmitte ermöglicht wenigstens sicher zu gehen, dass der Weg frei war, als man in die Kurve eingebogen ist. Ich gehe vorne und will jetzt meinen Pullover nicht mehr ausziehen, obwohl wir noch schneller laufen als zuvor. Er ist knallorange - signalfarben!
Schnell eine Scheibe Brot und dann im Turbolauf zurück nach Sandanski. In wenigen Stunden geht der Bus von dort nach Sofia.
Später wird das Tal breiter und die Straße überschaubarer. Viel Verkehr ist nie, aber es ist trotzdem nicht so schön wie oben im Wald. Immerhin sehen wir einen Esel. Im Dorf Liljanovo finden wir eine Bushaltestelle. Es wird knapp mit unserer Rückkehr nach Sandanski bis 17 Uhr, aber hier fährt jetzt trotzdem nichts - nicht im November. Sabrina brennen die Fußsohlen, meine Knie haben eine gefühlte Konsistenz wie die Matratze bei Vasil in Melnik. Junge Kerle in röhrenden Autos würden uns gerne helfen, allein wir wollen nicht - nicht unter diesen Umständen. Wenn uns jemand zwei Esel angeboten hätte, hätten wir die vielleicht genommen.
Dann erreichen wir Sandanski. Die drei Stunden haben wir gut unterboten. Es ist erst kurz nach Vier. Zeit für eine Banica bei unserer besten Adresse. Dann holen wir die Rucksäcke aus dem Hotel und laufen zur Busstation. Sabrina kauft Bier, Cola und Schokolade im Billa. Es qualmt von unseren Socken hoch, als wir uns im Bus die Schuhe ausziehen. Das Zischen aber kommt von den Gertränkedosen, die wir öffnen und uns zuprosten. Auf Bulgarien! Dieses wunderbare Land voll netter Leute und toller Natur, in dem es noch manchmal eine Spur Abenteuer gratis dazu gibt!