Onkelurlaub mit Friedolin

 

 

 

Die Spätsommerluft ist schon kühl hier. Noch riecht sie nach Heu und Alpenkräutern, nicht nach Schnee und Kaminrauch. Ich habe die schweren Holzläden aufgemacht, damit das helle Sonnenlicht durch die Fenster fallen kann.

 

Das ganze Häuschen ist aus Holz. Alle Schränkchen und Tischchen sind mit Deckchen versehen. Auf der Eckbank die vertrauten Dekogegenstände, ein Herrgöttchen, ein Räuchermännchen.

Ein paar Bücher stehen im Wohnzimmer. Einige davon zur Pflanzenbestimmung, andere beinhalten leicht verdauliche Literatur ohne besonderen Tiefgang. Lesen muß man sie nicht. Es reicht, den fein säuberlich eingelegten Zettel zu studieren, den meine Großmutter vor ca. 45 Jahren in ihrer gestochen scharfen Schrift verfaßt hat. Darauf gibt sie eine kurze Zusammenfassung des Inhalts sowie ein persönliches Kommentar nebst Bewertung des Werks ab.

 

Ich freue mich auf ein paar erholsame Tage mit meinem Onkel in den Bergen. Lange sind wir nicht gemeinsam hier gewesen. Eigentlich sind wir beide gerne im Häuschen, lieben die Ruhe im Tal und die gute Luft.

 

Mein Onkel ist Sonderschullehrer. Ein guter. Er muß ein guter sein. Soviel Gelassenheit, soviel Geduld – das hat kaum jemand. Er fährt gerne Fahrrad, spielt Badminton, ist ein sympathischer und umgänglicher Typ, witzig, immer gut gelaunt und kann über sich selbst lachen.

Wenn wir zusammen wandern und auf einer Berghütte Essen bestellen, holt er eine große Knoblauchzehe aus dem Rucksack und würzt ein bißchen nach.

Beim Fahrradfahren muß ich so manches Mal stark bremsen, um nicht ihn rein zu fahren. Dann ist er nämlich mal wieder abrupt am Wegrand stehen geblieben, weil er irgendwo im dunklen Tannendickicht das verlockende Braun des Steinpilzes erspäht hat. Egal, wie viele Pilze wir schon in unserem Netz haben; egal, daß wir heute eigentlich Fahrrad fahren und nicht Pilze sammeln wollten; egal, daß das ganze Häuschen schon mit Zeitungspapier ausgelegt ist, auf dem Pilze trocken; und egal, daß ich nachts nicht schlafen kann, weil alles nach feuchtem Pfifferling müffelt – dieser Steinpilz muß auch noch mit. Das heißt: Räder abstellen, Taschenmesser zu Hand, zwanzig Meter senkrecht den Hang hinauf und die längst geortete Beute erlegen, bevor die Tour weiter gehen kann. Zurück am Häuschen müssen wir Abend für Abend unsere Jagdtrophäen ausputzen, kleinschneiden und zum Trocken auslegen. Manchmal fädeln wir die Pilze auf Ketten, die dann meterlang von der Zimmerdecke baumeln und wie ein Raumdeo ihren aromatischen Duft verbreiten.

 

Ich sehe sein Auto schon von weitem und winke ihm fröhlich zu. Gemeinsam bringen wir sein Gepäck ins Häuschen. Dann setze ich heißes Wasser auf, während er sein Fahrrad auf dem Balkon verstaut. Ich stelle ein paar Tassen auf den Tisch und höre draußen eine quäkende Stimme, die sich bitter beschwert: „Die dumme Sau hat mich gar nicht begrüßt!“ In seiner ruhigen Pädagogenart antwortet mein Onkel, dass das sicher keine Absicht gewesen sei. Neugierig schiebe ich die Gardine zur Seite und sehe ihn auf dem Gelände sitzen: Friedolin.

Wie konnte ich das vergessen? Schließlich war mein Onkel noch nie alleine hier. Wenigstens hat er nur Friedolin mitgebracht und nicht auch die dicke, fette Mary-Lou. Mit der Ruhe und Erholung würde es jetzt jedenfalls schwierig werden.

 

Kaum ist mein Onkel mit Friedolin im Häuschen, fragt dieser dreckige Stinker sogleich, ob ich nicht das Klappbett im Wohnzimmer nehmen könnte, damit er mit meinem Onkel das bequemere  Schlafzimmer beziehen könne. Das ist wirklich ein starkes Stück. Aber solche Frechheiten bin ich von Friedolin gewöhnt. Ich kläre ihn über die Bettenzuteilung im Häuschen auf und bestimme, dass es auch diesmal so sein wird wie immer: ich schlafe im Schlafzimmer in dem linken Bett an der Wand und mein Onkel im rechten, das am Fenster steht. Prompt fängt Friedolin das Jammern an. Erst müsse er auf seine geliebte Mary-Lou verzichten, dann auch noch mit der ausgelegenen Matratze vorlieb nehmen. Er sei wirklich ein armer Kerl. Von mir bekommt er kein Mitleid, aber mein Onkel gibt sich verständnisvoll. Wahrscheinlich denkt mein Onkel wie ich, aber bis Friedolin nicht das zu hören bekommt, was er will, gibt er keine Ruhe. Somit ist Beipflichten die beste Taktik. Diesmal allerdings hat Friedolin sich schon warm geredet. Er schimpft durch das ganze Häuschen, dass er das heute Abend am Telefon alles Mary-Lou erzählen wird. Die sei sowieso sauer auf meinen Onkel, weil er sie nicht mitgenommen hat. Mein Onkel redet ihm gut zu, doch am Ende ist tatsächlich abgemacht, dass Friedolin zusammen mit meinem Onkel im rechten Bett des Schlafzimmers schlafen darf. Ich schüttele nur den Kopf. Und was Mary-Lou betrifft: die ist nun wirklich zu groß und zu dick. Wenn sie im Auto gesessen wäre, hätte sonst nicht mehr viel rein gepasst. Da hilft es nichts, daß sie schon ewig mit Friedolin zusammen ist, und die beiden seit langem vom Heiraten sprechen.

 

Nach dem Kaffeetrinken beschließen wir zunächst, alles stehen und liegen zu lassen und erstmal in die Pilze zu gehen, solange es noch hell ist. Sofort geht das Theater los. Friedolin will mit, darf aber nicht dreckig werden. Mein Onkel will ihn in den Rucksack stecken, aber da sieht der blöde Kerl ja nichts. Mit Hilfe eines Bändels und eines Tuchs wird der Reißverschluß so präpariert, daß Friedolin hinausgucken kann, ohne sich den Schnabel einzuklemmen. Bis wir loskommen ist eine halbe Stunde nur für Friedolins Komfort draufgegangen. Unterwegs reißt er ständig dämliche Witze. Jedes Mal, wenn mein Onkel den Rucksack öffnen will, dauert es, bis er das Band aufgezubbelt und ihn vorsichtig aus dem Rucksack genommen hat, ohne daß er auf den Boden fällt. Zudem geht es weiter immerzu um Mary-Lou, und darum, wie sehr Friedolin sie vermisst. Natürlich sei sie manchmal anstrengend und einmal hätte er sich beinahe von ihr getrennt, aber sie sei ein armes Ding und ohne ihn könne sie gar nicht leben. Überhaupt, wenn er nicht wäre, wäre Mary-Lou auch nicht usw.

 

Als wir zurück im Häuschen sind, beginnt mein Onkel auf dem Balkon die Pilze auszuputzen, während ich im Schlafzimmer die Betten überziehe. Als ich fertig bin, und noch schnell im Wohnzimmer frische Handtücher aus dem Schrank holen möchte, höre ich, dass sich mein Onkel und Friedolin auf dem Balkon unterhalten. „Wir haben viel mehr Pilze im Netz als die, und unsere sind viel unverwurmter“, sagt Friedolin gerade. Mein Onkel erklärt das damit, dass die beiden auch zu zweit gesucht hätten, während ich alleine war. Das scheint auch Friedolin einzuleuchten. Kurz darauf höre ich ihn sagen: „Gell Papa, unser Fahrrad ist viel schnell als das von der!“ Wieder findet mein Onkel eine pädagogisch wertvolle Antwort. Ich hänge die Handtücher ins Bad und setze mich ebenfalls nach draußen, um mich um die Pilze zu kümmern.

 

Abends klingelt das Telefon. Mein Onkel erzählt, was wir heute Schönes gemacht haben. Mary-Lou hat sich wohl schon gedacht, daß es uns gut geht und muß vor Eifersucht den ganzen Tag maulig gewesen sein. Das erzählt jedenfalls die Lebensgefährtin meines Onkels, die mit der dicken Mary-Lou zu Hause geblieben ist. Natürlich erkundigt sich die riesige Ente auch gleich, ob Friedolin denn artig sei. Kennt ihren Lover eben und weiß, was der immer im Kopf hat. Eigentlich tut sie mir leid. Sie ist viel braver als Friedolin. Was sie ausgerechnet von ihm will, verstehe ich nicht. Wahrscheinlich ist er zu ihr ganz anders. Trotzdem nimmt mein Onkel sie nirgendwo hin mit. Alles nur wegen ihres Umfangs. Einen Meter fast wird sie lang sein und etwa halb so breit. Vielleicht auch mehr – ich habe sie schon länger nicht mehr gesehen. Friedolin hingegen hat Taschengröße. Außerdem ist er nicht so hell wie Mary-Lou und muss daher seltener in die Waschmaschine.

Dann wollen die zwei Enten noch selbst miteinander telefonieren. Natürlich müssen mein Onkel und ich dazu ins Wohnzimmer, damit wir das Gespräch nicht mithören können. Ich weiß genau, daß Friedolin jetzt das Lästern anfängt.

 

Die frischen Pilze hängen endlich am Faden. Ich will den Tisch für das Abendbrot decken. Friedolin hockt mitten darauf und macht keine Anstalten, Platz für die Teller zu machen. Also packe ich ihn und pfeffere ihn in den Rucksack. Sofort geht das Geschrei los. Mein Onkel, der im Türrahmen steht, soll dem Federvieh zur Hilfe kommen. „Papa, die blöde Sau hat mich in den Rucksack geschmissen!“ ruft es sofort. „Das hast du dir auch verdient“, antworte ich und lege die Messer neben die Teller. Aber so leicht gibt sich Friedolin nicht geschlagen. Ausführlich legt er da, wie unfair ich gehandelt habe. Er sei viel kleiner als ich und könne sich körperlich nicht zur Wehr setzen. Außerdem habe er sich wehgetan, als er in den Rucksack gefallen sei. Man könne doch alles mit Worten regeln und, überhaupt, verlange er eine Entschuldigung von mir. „Ich bin doch nicht verrückt und entschuldige mich bei einer Stofftierente“, sage ich und tippe mit dem Finger an die Stirn. „Papa, jetzt sag doch du auch mal was!“, versucht Friedolin wieder meinen Onkel auf seine Seite zu bringen. Der setzt sich an den fertig gedeckten Tisch und sagt dann tatsächlich, dass Friedolin diesmal Recht habe, und er finde auch, dass eine Entschuldigung angebracht sei. Ich lache, greife nach einer Scheibe Brot und antworte, dass es jetzt mal gut ist mit Friedolin. In dem Moment steht mein Onkel auf, holt das Stofftier aus dem Rucksack und setzt es neben seinen Teller auf den Tisch. Ein paar Mal streichelt er schweigend über den schwarzen Plüsch, dann schneidet er ein Stück von der Leberwurst und fängt an sein Brot zu schmieren. „Also gut, tut mir leid, dass ich dich in den Rucksack gepfeffert habe“, sage ich. „Und du machst es nie wieder?“, fragt Friedolin. „Nein, ich mache es nie wieder“, bestätige ich. „Na gut, dann will ich die Entschuldigung mal annehmen“, erklärt Friedolin und bekommt dann doch noch von meinem Onkel zu hören, dass er trotz allem etwas braver werden müsse, wenn er das nächste Mal wieder mit wolle nach Tirol.

 

Der Rest des Abendessens verläuft sehr still. Müde und nachdenklich füllen wir unsere hungrigen Mägen. Um kurz nach acht erklärt mein Onkel Friedolin, dass es jetzt Zeit sei fürs Bett. „Du kannst mich mal, ich habe Ferien!“ Immerhin ist er nicht nur zu mir so unverschämt. Mein Onkel aber lässt endlich mal eine Standpauke los. Jetzt sei Schluss. So etwas hätte er zu seinen Eltern sagen sollen. Er werde nun andere Seiten aufziehen. Friedolin setzt sich sofort zu wehr: „Du redest schon genauso doof wie die Oma und der Opa. Immer muss ich machen was ihr wollt.“ So geht es eine Weile hin und her. Friedolin brüllt, dass mein Onkel immer Recht haben will, weil er der Papa ist. Irgendwann ist der Vogel dann doch in den Kissen und wir ziehen uns mit Kriminalromanen und Rätselheften ins Wohnzimmer zurück.

 

„Nimmst du Friedolin manchmal mit in die Schule?“, frage ich nach einer Weile. Mein Onkel legt sein Buch weg, lächelt und schüttelt den Kopf. Auf einen Ausflug habe er ihn mal mitgenommen. Den Kindern hätte das viel Spaß gemacht und noch lange hätten sie gefragt, ob Friedolin mal wieder in die Klasse käme. „Und was sagen Oma und Opa zu Friedolin?“ Jetzt muss mein Onkel richtig lachen. Meine Großeltern wüssten nichts von der Ente und das sei sicher besser so. Schließlich hätte er mit seinen Lateinnoten doch Arzt werden sollen. Stattdessen ist er Sonderschullehrer geworden. Und dann die Scheidung von der netten Angelika. Damals hatte meine Mutter schon vier Kinder. Was sollten die bloß denken, wenn er jetzt mit der Ente käme. Sie verstehen doch so wenig Spaß. „Ja, das stimmt!“ bestätige ich und betrachte noch eine Weile das hölzerne Herrgöttchen in der Ecke.

 

Am nächsten Morgen bin ich als erste wach. Der aufkommende Pilzgeruch hat meine Unternehmungslust geweckt. Das Thermometer zeigt herbstliche sechs Grad, aber ich freue mich auf unsere erste Fahrradtour. Nach dem Frühstück packe ich die Rucksäcke, während mein Onkel im Bad ist. Als er das Wohnzimmer betritt, wickle ich Friedolin gerade in den alten Schal meiner Oma. Mein Onkel sieht es und fragt, was ich mache. „Es ist kalt heute“, sage ich. „Ich zieh Friedolin was an, damit er nicht friert auf dem Fahrrad“. Dann setze ich den kleinen Kerl auf den Tisch. Grinsend schaut mein Onkel ihn an, packt ihn und setzt ihn wieder so in den Rucksack, dass er rausgucken kann. „Komm mein Junge! Heute gehen Papa und du auf eine große Fahrradtour!“ Mit einem Pilznetz für alle Fälle besteigen wir die Räder und hoffen auf einen sonnigen Tag. Ich lasse meinen Onkel vorausfahren. Bergauf kommen wir bald ins Schwitzen. Trotzdem muss ich lächeln. Aus dem Rucksack vor mir grinst mich frech eine kleine schwarze Stofftierente an: mein Cousin Fridolin.

Januar/März 2009

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