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Die Entwicklung

 

Für alle, die wissen wollen, was bereits geschehen ist, und für alle, die auf dem Laufenden bleiben wollen, berichte ich auf dieser Seite über alle wichtigen Entwicklungsschritte von Bultimate.

 

Für Fragen, Tipps oder Erfahrungsberichte mit ähnlichen Ideen, wäre ich sehr dankbar. Bitte meldet euch dafür unter:

info at bultimate punkt de

 

Heidelberg, 10.07.09

In ca. einer Woche geht es los nach Bulgarien. Dank der Heidelberger Heidees und der Jenaer Paradiscos habe ich 22 ALTE und 5 NEUE SCHEIBEN im Gepäck. Vielen, vielen Dank dafür an beide Teams und vor allem auch an diejenigen, die eine Scheibe aus ihrem Privatbestand gespendet haben.

 

Veliko Tarnovo, 28.07.09

"Ach, so ein paar Frisbee-Schreiben", habe ich gesagt und einen der 175g schweren Plastikteller lässig in die Luft geworfen.

"Wiegt ja nicht viel und nimmt auch nicht viel Platz weg", habe ich gesagt und die Disc wieder aufgefangen. Das war, als ich noch auf dem grünen Rasen stand und mein letztes Training in Deutschland absolviert habe.

 

"Verdammte Scheiben", habe ich gebrüllt und den halben Koffer wieder ausgepackt, um es anders zu versuchen.

"27 alte Plastik-Frisbees machen ¼ meines Gepäckvolumens und ca. 4,5 Kilo aus", habe ich gebrüllt und mit aller Kraft den Reißverschluss zugezogen. Das war am Tag vor meiner Abreise.

 

"Macht 5 Euro extra", hat der Busfahrer gesagt, als ich ein zweites Gepäckstück in den bereits sehr vollen Bauch des Fahrzeugs hievte. Das war am Busbahnhof in Mannheim.

 

„So eine kleine Person und so viel Gepäck“, hat Snezha gesagt und ungläubig auf den Koffer gestarrt.

"Weißt du, Snezha, in dem Koffer sind lauter Ultimate-Scheiben, damit ihr Bulgarien endlich auch in den Genuss von diesem tollen Sport kommt", habe ich nicht gesagt, sondern einfach grinsend meinen Rucksack geschultert und gedacht: "Ach, so ein paar Frisbee-Scheiben…du wirst schon sehen, was man alles damit machen kann!" Das war am Busbahnhof in Sofia.

 

In Bulgarien: LEKTION 1

Die einfachste Taktik ist die Provokation! Um die ersten Leute mit Ultimate bekannt zu machen, provoziere ich Nachfragen, z. B.:

 

Die Aufgabe lautet, ich soll mich kurz vorstellen.

Die Antwort lautet:

Ich heiße Nasrin. Ich komme aus Deutschland. Ich studiere Bulgarisch. Ich spiele Ultimate.

 

???. Deshalb kommt jetzt meistens die Frage: Was ist Ultimate?

 

Die einfachste Taktik: Praktisches Anschauungsmaterial! Erstmal die Scheibe aus dem Rucksack holen, dann ein paar Sachen erklären und anschließend darf jeder bisschen werfen. Didaktisch 1A.

 

LEKTION 2 folgt demnächst.

 

PS: Die Projektbezeichnung BULTIMATE liegt voll im Trend. Hier wimmelt es von Filialen der BULbank, GloBUL ist ein Mobileprovider, BULphone ist ein staatliche Telefonbehörde und BULTIMATE ist der erste ernstzunehmende Versuch Ultimate nach Bulgarien zu bringen!

 

29.07.09, LEKTION 2

Wir erweitern unseren Wortschatz . Die Aufgabe lautet: Was machen wir  im Park? Die Antwort lautet: Frisbee spielen. Keine Reaktion. Kennt die Lehrerin etwa Frisbee?

Die Aufgabe lautet: Was machen wir am Samstag? Ich probiere es noch mal und die Antwort lautet: Frisbee spielen. Die Reaktion: "Ja, Frisbee spielen. Und was noch?" Spielt die Lehrerin etwa samstags Frisbee im Park?

Die Aufgabe lautet: Was machen wir im Kino? Schade, dass ich da nicht Frisbee spiele. Sonst wäre die Antwort gewesen: ULTIMATE spielen. Wahrscheinliche Reaktion: Was ist Ultimate?

 

LEKTION 3

Wir gehen zum Tanzkurs um 18 Uhr, denn dort warten bereits viele Leute auf einen Leiter. Wir angeln uns einen Deutschen, der Ultimate kennt und beginnen demonstrativ Scheiben über die Wiese zu werfen. Dabei fangen wir die Disc so lässig wo möglich, werfen so extravagant wie wir können, springen höher als nötig um das Plastik zu fangen und haben schon bald die ersten Schaulistigen. Trotz beginnendem Tanzkurs möchte eine Deutsche mitspielen, ein Russe kommt hinzu und plötzlich ... DER ERSTE BULGARE WIRFT MIT UNS. Preslav versucht sich bald an einer Vorhand. Er stellt sich nicht schlecht an. Schade, dass bald Zeit für`s Abendessen ist. Wir verabreden uns für den morgigen Tag. Daniel und ich planen ein kleines Beach-Ultimate-Spiel für Burgas und hoffen auf zehn motivierte SpielerInnen.

 

LEKTION 4

Ich frage so lange, bis die beiden Ukrainerinnen ja sagen. Um 16 Uhr klopfe ich an ihre Zimmertüre um sie zum Scheibenwerfen abzuholen. "Oh, sorry, wir kommen in zehn Minuten nach. Der Nagellack muss noch trocknen", sagen sie und halten die Finger gespreizt.

Daniel und ich werfen die ersten Minuten alleine. Dann kommen Bogdana und Olga tatsächlich mit kurzen Hosen, Pferdeschwänzen und getrocknetem Nagellack. "Acht Minuten höchstens", denke ich und werfe Olga sachte die erste Disc zu. Sie fängt sie. Sie wirft zu Bogdana. Bogdana fängt und spielt die Frisbee weiter. Es sieht nicht schlecht aus. Overhaed, Vorhand, alles wird sofort ausprobiert. Bogdana springt, um die Scheibe in der Luft zu fangen. Ich bin begeistert. Sie lachen. Wenn mal ein Wurf daneben geht oder einer ins Leere greift, dann ist "Barabaschka", ein unsichtbarer Geist, daran schuld. Bald kann ich einen ukrainischen Stil ausmachen: Beim Fangen der Scheibe verzieht man schmerzhaft das Gesicht, betrachtet kurz seine lackierten Nägel und wirft erst dann den Plastikteller weiter. Wir haben viel Spaß, aber zu einer theoretischen Ultimate-Einheit in den Abendstunden kann ich sie trotzdem nicht überreden. Vielleicht gibt es bald ein Bild von beiden und vielleicht gibt es bald zwei neue ukrainisch Ultimate-Spielerinnen.

 

03.08.09, Faszination Frisbee

"Nasrin, ich habe noch nie jemanden so präzise Scheiben werfen sehen. Du hast ihr jedes Mal genau in die Hände gespielt", sagt Ivan begeistert, der uns beim Spielen beobachtet hat. Wenn er wüsste...! Mir fallen viele Leute ein, welche die Disc noch viel besser kontrollieren. "Ich spiele Ultimate! Ich habe viele Scheiben mitgebracht, damit ihr auch bald so werfen könnt!" Ivan findet, das ist eine gute Idee.

 

Nach jedem Wurf geht Petros (aus Griechenland) noch ein paar Meter weiter nach hinten. Er kann es einfach nicht glauben, dass ich auf diese Distanz den Plastikteller noch genauso zielsicher in seine Hände werfe. Ungläubig schüttelt er den Kopf und auch Karen (aus Armenien) staunt. Natürlich macht es mir Spaß mein Können vorzuführen, denn unter all den aktiven Ultimate-Spielern bin ich normalerweise nur solides Mittelfeld, wenn es um Technik und Präzision geht.

 

Unser Kreis wird immer größer: Paolo aus Italien, Bogdana und Olga aus der Ukraine, Preslav aus Bulgarien, Karen, Petros und ich passen uns im Kreis zu. Ein Bus mit Schulkindern fährt vorbei, die neugierig ihre Nasen an die Fensterscheibe drücken, mit den Fingern auf uns zeigen und uns so lange hinterher gucken, wie die kurvenreiche Straße es ihnen ermöglicht. Vielleicht muss ich mit ein paar Scheiben mal in eine Schule gehen?

 

07.08.09, Fußball war gestern

Im Fernsehen läuft Fußball. Cherno More Burgas verliert 0:1 gegen PSV Eindhoven. Ivan passt das gar nicht. Er erzählt mir von der glorreichen fußballerischen Vergangenheit Bulgariens. Er muss dabei auf das Jahr 1994 zurückgreifen, in dem Bulgarien an der Weltmeisterschaft teilnimmt, Deutschland im Viertelfinale schlägt und letztendlich Vierter wird. Das ist lange her. Ich tröste Ivan, indem ich ihm erzähle, dass die Bulgaren bald sowieso alle Ultimate spielen werden und Fußball damit an Bedeutung verlieren wird. Ivan pflichtet mir begeistert bei. Er sieht mich schon ein Interview im bulgarischen Nationalfernsehen geben.

 

Leider gibt es auch erste negative Entwicklungen: Ich soll über meine Hobbys erzählen, aber noch bevor ich das erste Wort sagen kann, kommt der Beisatz "Außer Sport!". Ich überlege kurz, ob ich trotzdem über Ultimate erzählen und dabei ausführen soll, dass es dabei um mehr geht, als nur um Bewegung und Konkurrenz. Ultimate ist eine Lebenseinstellung, eine Philosophie, ein zwischenmenschliches Kommunikationsmedium, blablabla. Ach was! Ultimate ist einfach nur geil, aber das werdet ihr schon noch merken!

PS: Dia will ein paar Fotos von den ersten bulgarischen Wurferfahrungen machen und vielleicht sogar ein kleines Video drehen. Ich hoffe, das klappt. Dann gibt es hier bald was zu sehen!

 

11.08.09, Burgas

Heute ist ein großer Tag für Bultimate! Dank Laura Yount geht eine englische Version der Homepage online. Fast 2,5 Stunden korrigiert sie mit mir meine Übersetzung. Jetzt sind die Idee, die hinter dem Projekt steht, die Ziele und vor allen Dingen die Fortschritte für ein breiteres Publikum zugänglich. Vielen, vielen Dank!

Gestern hat Dia ein paar kleine Filmsequenzen von Wurfversuchen bei viel Wind am schwarzen Strand von Burgas gedreht. Sie sollen bald auf der Homepage zu sehen sein.

Das Meer und der Strand haben einen guten Einfluss auf die Zahl der Scheibenwerfer. Immer mehr wagen sich an die Disc. Um die Begeisterung meiner Mitspieler zu erhöhen, bohre ich mich beim Fangen immer mal wieder theatralisch in den Sand. Sobald ich die feinen Körner aus Augen und Ohren gewischt habe, erkläre ich, dass man von einem "Layout" spricht, wenn man sich hinwirft, um die Scheibe zu fangen, bevor sie den Boden berührt.

Preslav hört interessiert zu, als ich von Bultimate und Ultimate erzähle. Er stellt viele Fragen. Dann möchte er wissen, ob Bultimate der Grund dafür ist, dass ich Bulgarisch lerne. So schlimm ist meine Besessenheit zum Glück nicht. Aber dass ich Bulgarisch studiere ist der Grund dafür, dass die Bulgaren jetzt Ultimate lernen müssen!

 

LEKTION 5

Die Lehrerin muss das Wort "izlet" (Ausflug) erklären. Sie macht das sehr gut: "Wir machen belegte Brote, packen ein paar Sachen zusammen, nehmen die FRISBEE und fahren für ein paar Stunden ins Grüne." Mit dieser Lehrerin möchte ich auch mal einen Ausflug machen!

 

Mikiko und ich sollen einen Dialog machen, bei dem eine von uns ins Museum will, die andere an den Strand. "Welche Rolle willst du haben?" frage ich sie. Die prompte Antwort: "Ich will ins Museum und du an den Strand zum Frisbee spielen!"

 

15.08.08, letzter Tag in Burgas

Bis zum Schluss ist die Frisbee-Gemeinde immer größer und internationaler geworden. Jina aus Südkorea, Liana aus Russland (ursprünglich Armenien), Karen (wirklich aus Armenien), Dia (Rumänien), Preslav (BULARIEN), Olga und Bogdana (Ukraine), Daniel, Christian und Agnes (Deutschland), Petros (Griechenland), Inma und Yolanda (Spanien), Laura (USA), Sergej (wirklich Russland), Paolo (Italien), Ali (deutschtürkischer HalbBULGARE), Ugur (Türke in den USA), (sorry, wenn ich wen vergessen habe!) - alle haben die Scheibe mal geworfen. Als eifrigster Frisbee-Spieler hat sich dabei Paolo erwiesen - auf Parkplätzen, an Bushaltestellen oder im Meer. Sogar auf dem Konzert von Slavi Trifonov (viele Bulgaren werden und gleich als Ignoranten beschimpfen und pikiert die Nase rümpfen) haben wir irgendwann lieber im Rücken begeistert kreischender Einheimischer die Scheibe geworfen, anstatt uns von Slavis Effekten und Inszenierungen berauschen zu lassen.

Der letzte Abend in Burgas. Wir gehen in großer Runde in einem Restaurant am Strand essen. Ich nutze die Gelegenheit und die feierliche Stimmung, um die erste Bultimate-Scheibe zu verschenken. Preslav war der erste Bulgare, der mit mir geworfen hat. Darum soll er die erste Scheibe erhalten. Seine Freude ist echt. Immer wieder bedankt er sich und drückt das Plastik mit beiden Händen an sich. Er verspricht mit seinen Freunden in Tarnovo zu spielen. Und ich verspreche mal wieder, bald ein paar Bilder an dieser Stelle zu zeigen.

 

17.08.09, zurück in Sofia

Die ersten Spaziergänge führen mich gezielt in die städtischen Parkanlagen. Wollen doch mal sehen, ob hier nicht schon ein paar Discs rumfliegen. Zugegebenermaßen ist das eine sehr naive Vorstellung. Vielleicht ist es einfach auch nur der Wunsch nach einem einfachen und schnellen Einstieg in die "Gründungsphase" eines Ultimate-Teams in Sofia. Systematisch laufe ich die zahlreichen Wege des "Borisova Gradina" hinter dem Levski-Stadion ab. Schon bin ich drauf und dran, meine Idee hier nach fliegenden Scheiben suchen zu wollen, für idiotisch zu erklären, da.... Okay, die Scheibe fliegt nicht, es ist keine Ultimate-Disc, aber immerhin: Zwei kleine Mädchen (vielleicht 11/12 Jahre alt) und ihre Mama (?) tragen einen kleinen knallorangenen Plastikteller durch den Park. Auf einmal ist mein Bulgarisch gar nicht so schlecht: "Entschuldigung, ist das eine Frisbee?", frage ich und deute auf den eher Disc-Golf-Disc großen Rund-Kunststoff (schönes Wort - so sperrig!). Natürlich ist es eine Frisbee, das weiß ich selbst. Ich wollte nur mal sehen, ob sie auch diese Wort dafür gebrauchen und außerdem damit meine zweite Frage einleiten: "Wo kann ich so ein Ding hier in Sofia kaufen?" Die traurige Antwort: "Im 'Kinderladen'!" (Nicht erschrecken! In Bulgarien werden keine Kinder verkauft. Es gibt jedoch viele Geschäfte, in denen ein paar Klamotten für Babys und Kleinkinder, aber auch ein paar Spielsachen verkauft werden - also kombinierte Kinderbekleidungs-Spielwarengeschäfte mit kleiner Verkaufsfläche. Die heißen "Detski magazin", also "Kinderladen"). Gut, diese viel zu leichten Mini-Frisbees kann man vielleicht als Kinderspielzeug verticken, das heißt aber auch, dass es da keine vernünftigen 175 g schweren Scheiben gibt. Ich bin trotzdem begeistert. Das ist mehr als ich gehofft habe (wenn ich ehrlich bin). Artig bedanke ich mich für die Auskunft und suche angestrengt - aber erfolglos - nach weiteren Disc-Besitzern.

 

Die Firma, in der ich mein Praktikum mache, stellt alle Arten von Druckerzeugnissen, wie etwa Visitenkarten, aber auch Adresstempel und ähnliches her. Mein erster Gedanke ist logisch und eigennützig: Das kommt ja wie gerufen für die Erstellung und Vervielfältigung von Flyern und Werbematerial für Bultimate. Nur der Chef weiß noch nichts davon.

Marian und Snezha fangen an, mich über Ultimate auszufragen, nachdem ich keine Ruhe gebe und immer wieder nach einem großen Sportgeschäft in Sofia frage. Ich nutze die Gunst der Stunde und gestehe, dass in dem Koffer, der seit über drei Wochen in Snezhas Wohnzimmer steht, 24 Frisbees auf Flugstunden in Bulgarien warten (drei Scheiben waren mit in Tarnovo und Burgas). Erleichtert höre ich ihr Lachen: "Ti si super!" (Du bist super!) ruft sie, und dann muss ich ein Ultimate-Feld aufmalen, die Endzonen einzeichnen und erklären, wie das Spiel funktioniert. Ich frage erneut nach einem Sportgeschäft. Zwar reichen die Discs momentan, aber es ist doch interessant zu wissen, ob und wo man hier die richtigen Scheiben kaufen kann. Nach einigem Nachdenken fällt Marian ein Sportgeschäft ein, in dem immerhin neben Klamotten auch Bälle und andere Sportgeräte verkauft werden. Vielleicht gibt es dort auch Scheiben.

 

18.07.09, ein Logo und ein Artikel?

Die Autos und die Menschen ziehen achtlos an uns vorüber. Sie beachten weder mich, die ich nachdenklich nach oben starre, noch die heilige Sofia mit ihrem goldenen Gesicht und dem schwarzen Vogel auf ihrem Arm. Vor meinem geistigen Auge fliegt das Tier (ich finde im Internet nichts genaues, halte es aber für eine Eule, die - zumindest in unserem Kulturkreis - als Symbol für Weisheit gilt. Schließlich ist "Weisheit" auch die Bedeutung von "Sophia") in die Lüfte, die stolze Dame mit dem goldenen Gesicht setzt zum Hechtsprung an und der Kranz in ihrer Hand wird eine jungfräulich weiße Utlimate-Scheibe. Ich denke über dieses Motiv als Logo für das erste Sofioter Team nach, bin aber nicht sicher, ob die Bulgaren das komisch fänden oder sich gekränkt fühlen würden. Ich muss mal ein paar Meinungen von Einheimischen einholen, aber ich sehe die Heilige schon auf Trikots und Discs einen Layout vollziehen.

 

Endlich findet sich ein Zimmer für mich. Die Mietpreise in Sofia sind im Vergleich zu allem anderen horrend hoch. Meine Vorstellungen von einem kleinen Ein-Raum-Appartement, in dem ich auch Besuch gut ein paar Nächte unterbringen kann, sind von Tag zu Tag zusammengeschmolzen. So habe ich letztendlich eingewilligt, als ich für 200 Leva (100 Euro) kalt ein Zimmer mit durchgelegener Matratze auf einem ausgedienten Lattenrost in einem schiefen Bettgestell und ohne richtigen Schreibtisch gefunden hatte. Die Vermieterin teilt mit mir ihr Bad und die Küche. Ich teile mit ihr den Schrank und das Regal, die in meinem Zimmer stehen - spricht: sie hat da noch Sachen drin, die da auch bleiben werden, weshalb sie wohl immer mal bei mir vorbeischaut. Immerhin gibt es Internet und Maria ist Journalistin! Na, klingelt´s? Zwar ist sie nicht im Bereich Sport oder Jugendförderung tätig, aber sicher kann sie Verbindungen zu dem ein oder anderen rasenden Reporter herstellen, der/die dann einen kleinen Bericht über ein entstehendes bulgarisches Ultimate-Team im Radio oder in irgendeiner Zeitung bringen möchte. Leider ist ihre Situation ähnlich, wie die meines Chefs: Auch sie weiß noch nicht, wen (oder was) sie sich mit mir eingefangen hat und was demnächst auf sie zukommt! Aber: Sie hat schon ganz neugierig auf das runde Plastik gedeutet und gefragt, was das ist. Ich habe wie immer geduldig erklärt. Einen Moment habe ich überlegt, ob ich den Koffer mit den ganzen anderen Scheiben aufmachen soll, aber das habe ich erstmal gelassen. Wie wollen uns schließlich langsam aneinander gewöhnen!

 

Jina aus Korea ist noch nicht wieder nach Hause geflogen, sondern noch ein paar Tage in Sofia. Wie haben uns heute getroffen und im "Borisova Gradina" die Frisbee geworfen. Das Echo: es gab keines! Keiner ist stehen geblieben, keiner hat geguckt, keiner wollte mitspielen. Jina hat erst das zweite Mal in ihrem Leben mit einer Disc hin und her geworfen (das erste Mal war vor drei Tagen in Burgas am Strand). Natürlich sieht unser Zuspiel nicht gerade spektakulär aus. Außerdem wollte sie sich nicht mitten auf den zentralen Platz der Parkanlage stellen, sondern lieber auf eine Grünstreifen am Rand. Das alles mag eine Rolle gespielt haben. Ich hoffe schwer auf September und den Vorlesungsbeginn an der Uni. Dann wird geworben und geworfen! 

 

Ich laufe zu dem von Marian erwähnten Sportgeschäft. Ein Versuch ist es wert. Ein Treffer ist es leider nicht. Ich soll es in der großen Mall probieren. Noch habe ich keine Ahnung, wo die ist, aber morgen will ich hin!

 

21.08.09, Yeah! Bilder!

 Nur ein paar und noch keine spektakulären, aber immerhin.... Alle gibt es hier.

 

 

25.08.09, keine Scheiben, aber bald perfekte Flyer und eine akzeptable Graphikdesignerin?

Ich wollte mir erst das Einkaufzentrum um die Ecke angucken und mich anschließend zur Mall durchfragen, doch dann kam alles anders. Das Einkaufszentrum entpuppte sich als nichts anderes als die Sofioter Mall. Ein riesiges Shoppingcenter auf vier Etagen mit Kino, Mc Do und anderen Schnell-Fress-Buden, Supermarkt, Techno Market (sieht verdächtig nach unserem Media Markt aus), Klamottenläden ohne Ende, einem Blumengeschäft, Ständen und Werbeposten in den großzügig angelegten Hallen und Gängen, langen Rolltreppen und vielen Putzfrauen. Was fehlt, ist eine Übersichtstafel, weshalb ich mir eine Strategie zurechtlegen muss, mit der ich in möglichst kurzer Zeit an allen Geschäften vorbeilaufen kann. So ziehe ich Kreise auf jeder Etage. Die zwei im weitesten Sinne als Sportgeschäfte zu bezeichnenden Läden führen hauptsächlich lässige Klamotten für Leute, die gerne sportlich wären. Ich frage trotzdem nach Frisbees und ernte irgendwas zwischen irritiertem Kopfnicken (nach knapp vier Wochen im Land habe ich mich daran gewöhnt, dass die Bulgaren hier ein paar Gesten vertauscht haben: Schütteln heißt "ja", Nicken heißt "nein"), dümmlichem Lächeln und verständnislosem Glotzen. Liebe Bulgaren, ihr habt ein Problem: Offensichtlich kann man in eurem ganzen schönen Land keine Ultimate-Disc käuflich erwerben. D. h.: Internet oder mal bei Nasrin anfragen. Aber soll ich jetzt etwa auch noch eine Exportbetrieb aufmachen? Mann oh Mann, da kommt langsam ganz schön was auf mich zu!

 

Die Firma, in der ich das Praktikum mache, erweist sich dafür als Volltreffer. Hier werden Visitenkarten, Stempel aller Art, andere Druckerzeugnisse und demnächst Flyer hergestellt, die zum Ultimate-Spielen aufrufen. Zunächst soll ich lernen, mit dem Programm "CorelDRAW" zu arbeiten. Zu Übungszwecken entwerfe ich gleich mal einen eindeutigen Handzettel in englischer Sprache und lasse mich dann bezüglich des Designs von meinem Chef beraten. Zu Hause beginne ich eine Übersetzung ins Bulgarische für die Flyer-Rückseite. Mal sehen, ob ich als Praktikantin auch einen guten Preis für den Druck herausschlagen kann. Vielleicht sollte ich damit aber noch ein paar Tage warten. Macht sich nicht so gut, wenn man mit der Tür ins Haus fällt, oder? Bis es soweit ist, dass wir Scheiben und Trikots entwerfen müssen, habe ich hoffentlich den Bogen raus und gestalte uns was abgefahrenes!

 

29.08.09, mehr Bilder, eine eigene Mailadresse und ein Besuch im Ministerium?

Dank Dia sind die Bilder mehr geworden. Über Tage hinweg habe ich stundenlang ihre ca. 3500 Fotos herunter geladen und eine kleine Auswahl der für Bultimate interessanten Aufnahmen getroffen. Einfach links auf "Bilder" klicken und angucken.

 

Außerdem habe ich eine Mailadresse für alle Interessierten oder Neugierigen eingerichtet. Unter info@bultimate.de dürfen Fragen gestellt, Anregungen gegeben oder Kritik geäußert werden. Natürlich gibt es dazu auch das Gästebuch, aber ist ja nicht immer alles für die Öffentlichkeit bestimmt.

 

Wenn ich auf die Arbeit fahre, gucke ich derzeit noch sehr konzentriert aus dem Fenster, um meine Haltestelle nicht zu verpassen. Einmal wäre ich doch fast zu weit gefahren. Das war, als ich beim Hinausgucken entdeckt habe, dass mein Oberleitungsbus direkt am Sportministerium vorbeituckert. Plötzlich war mir klar, dass ich da ganz dringend hinein muss und von Bultimate erzählen. Vielleicht kann ich da bisschen Unterstützung bekommen. Eine Trainingsstätte zum Beispiel, oder eine Werbefläche im Zentrum der Stadt, oder Kohle für die Scheiben und Trikots, oder eine offizielle Schirmherrschaft, oder am Besten gleich eine eigene Unterabteilung mit Büro und Sekretärin in der obersten Etage. Tja, so habe ich mich vor meinem geistigen Auge schon beim Herrn Minister vorsprechen sehen, als beinahe.... Dann hat mich doch die Realität eingeholt, ich bin gerade noch rechtzeitig ausgestiegen und vor mich hingrinsend zur Arbeit gelaufen. Aber ins Ministerium gehe ich vielleicht wirklich mal. Und wenn der Minister dann gerade dort herumläuft, frage ich ihn mal, ob er Ultimate kennt. Er heißt übrigens Svilen Emilov Hejkov, ist erst 44 Jahre alt und hat zwei Tage vor mir Geburtstag. Vielleicht habe ich ja einen guten Draht zu ihm. Und vielleicht kann ich ihm eine Scheibe zum Geburtstag schenke. Muss mal noch darüber nachdenken.

 

08.09.09, "die armen Bulgaren" und ein erstes Scheibendesign

"Die armen Bulgaren, die machen was mit dir mit! Jetzt ist es vorbei mit der Ruhe. Jetzt müssen sie auch noch Frisbee spielen!" Mein Vater ist kein großer Sportler und hat seine eigene Sicht auf mein Bultimate-Projekt. Ihm tun die Bulgaren leid, die demnächst wie Hunde einer runden Plastikscheibe nachlaufen, bei Wind und Wetter sich zur körperlichen Ertüchtigung draußen zusammenfinden und obendrein bei dem sinnlosen Rumgerenne auch noch Spaß haben sollen. Viel lieber könnte man doch bei warmer Baniza und einem Gläschen Rakija im Warmen sitzen, einen Blick aus dem Fenster auf die bulgarische Bergwelt werfen und den großen Opernsängerinnen (Vesselina Kasarova, Gena Dimitrova, Lilia Ilieva, Anna Tomowa-Sintow usw.) dieses Landes lauschen. Wer unbedingt meint, sich bewegen zu müssen, der kann andere, die den selben Drang spüren, bei der Hand nehmen und gemeinsam im Kreis den Choro tanzen, wie die Bulgaren es seit Jahrhunderten tun.

Stimmt, das könnte man alles. Aber wenn es in zahlreichen Ländern dieser Erde Menschen gibt, denen Ultimate Spaß macht, sehe ich nicht ein, warum die Bulgaren da anders sein sollten. Natürlich hat der Bulgare seine Eigenheiten, die ihn vom Rest der Welt unterscheiden, wie etwa besagte Angewohnheit, den Kopf zur Bejahung zu schütteln und zur Verneinung zu nicken. Vielleicht ist es auch typisch Bulgarisch auf ihre mit Käse gefüllten Blätterteigtaschen oben noch eine Zuckerschicht zu machen und dann alles zusammen mit saurem Joghurt zu essen (schmeckt übrigens besser als es hier klingt und zum Glück gibt es auch Käse-Baniza ohne süßen Überzug). Für meine Mitbewohnerin sind die Nachrichten beendet, wenn der Sportteil beginnt, aber damit ist sie nicht typisch bulgarisch. Damit hat sie in dieser Beziehung was mit meinem Vater gemein. Andere Bulgaren sind völlig aus dem Häuschen, wenn hier Levski gegen CSKA spielt. Wieder andere werden bald mit Begeisterung runden Plastikscheiben nachlaufen. Wäre doch gelacht!

Einen ersten Entwurf für eine Sofioter Scheibe gibt es jetzt online. Die Heilige Sofia geht mit gutem Beispiel voran und übt sich vor den Vitoscha-Bergen schon im Diven. Tatsächlich gibt es das Motiv schon ein paar Tage, aber ich habe erst eine Umfrage unter den Bulgaren meines Vertrauens durchführen müssen, um sicher zu gehen, dass ich keine nationalen oder religiösen Gefühle verletze. Die einhellige Meinung war, dass die Bulgaren soviel Humor haben. Somit ist der Entwurf nun für alle zugänglich. Meinungen dürfen geäußert werden, aber zur Abstimmung sind nur Personen zugelassen, die in Sofia an mindestens zehn Trainingseinheiten teilgenommen habe ;-)

 

10.10.09, es wird ernst!

Auf dieser Seite ist seit einiger Zeit nichts passiert. Wer von euch die Hoffnung gehegt hat, ich hätte die Schnapsidee aufgegeben, der irrt gewaltig. Es ist viel passiert in der Zwischenzeit und jetzt geht es erst richtig los.

Der Reihe nach:

Zunächst einmal bekommen natürlich immer mehr Leute von Bultimate Wind und lesen mal ein paar Zeilen auf dieser Homepage. Einige davon schreiben auch ein paar aufmunternde Worte in das Gästebuch oder eine Mut-mach-Email. Das gibt Kraft. Vielen, vielen Dank dafür!

Zweitens hat Bultimate einen ersten Spender und damit einen kleinen finanziellen Gestaltungsrahmen. Der junge Mann hat Kohle locker gemacht, die er sich selbst mühevoll beim Ultimate-Training verdient hat. Er ist noch Student und hat nicht die Millionen im Sparstrumpf. Außerdem ist er mit dem Wunsch, Bultimate zu unterstützen, von sich aus an mich herangetreten. Vielen, vielen Dank ...s! (Sollte sich nun jemand angesprochen fühlen, auch einen kleinen Obolus darzubringen, so war das durchaus bezweckt. Bitte Mail an info@bultimate.de und Kontodaten erfragen.)

Drittens: Es gibt endlich FLYER und PLAKATE! Dazu gibt es im Vorfeld natürlich eine lange Geschichte, die sich folgendermaßen zugetragen hat:

Wer aufmerksam den Abschnitt "17.08.09, zurück in Sofia" gelesen hat, der weiß bereits von meinem Praktikumsplatz in einer Firma, die alle Arten von Druckerzeugnissen herstellt. Er weiß auch von meinem ersten Gedanken dabei und ahnt nun vielleicht schon so einiges.

Wer aufmerksam weiter gelesen hat, weiß, dass ich schon am 25.08. zu Übungszwecken Flyer entworfen habe. Einige Zeit später schickt mir Jens ein tolles Foto, das Mo im Gegenlicht beim Sprung zur Scheibe zeigt (aufgenommen von Jim). Er schlägt vor, das zur Erstellung eines Handzettels zu verwenden. Daran versuche ich mich sofort. Bald ist eine Fassung fertig und mit Hilfe von Rumjana und Lina auch ins Bulgarische übersetzt. Dann passiert lange nichts. Wie eröffnen ein neues Büro und es ist absolut keine Zeit über Flyer und Plakatdesigns zu sprechen - bis letzten Donnerstag. Da spreche ich den Chef darauf an. Er vertröstest mich auch den folgenden Tag, und zwar in Allerherrgottsfrühe, wenn das Büro noch nicht offiziell offen ist und keine Kunden da sind. Glaubhaft versichert er mit, dass er schon zwischen 7:30 und 8:00 Uhr da sein wird, weil er seine Tochter morgens in die Schule bringen muss. Nun bin ich schon lange genug hier um zu wissen, dass Uhren bei den Bulgaren etwa wie bei den Spaniern ticken (Ausnahmen gibt es natürlich!). Folglich heißt drei Uhr etwa halb Vier, die "akademische Viertelstunde" könnte ebenso gut "bulgarische Viertelstunde" heißen und "morgen, morgen" ist irgendwann zwischen nächster Woche und nie. Die Argumentation mit der Schule fand ich aber einleuchtend und war trotzdem schon um kurz nach Acht beim Büro, obwohl der Trolejbus noch mit einem Auto zusammengerasselt ist und ich die letzten Meter zu Fuß gehen musst. Tja beim Büro ist nicht im Büro. Das war nämlich noch zu. Also habe ich erstmal eine Kaffe gekauft und gewartet. Bei dieser Gelegenheit konnte ich das rege Treiben auf morgentlichen Sofioter Straßen in aller Ausführlichkeit beobachten; eine empfehlenswerte Sache, die mir bis dahin nicht in den Sinn gekommen war. Um fast halb Neun habe ich den Chef dann mal angerufen. "Ja, ja, ich bin unterwegs, 10 Minuten!" Nach ungefähr 45 Minuten soziologischen Studien an der Ecke Dondukov/Volov erfahre ich, dass es eine Planänderung gegeben hat: Die Kleine ist heute verschnupft aufgewacht und nicht in die Schule gegangen - deshalb die Verspätung.

Wir öffnen meinen Flyerentwurf. Der Chef fängt an zu erklären, was ihm alles nicht gefällt und warum. Das ist sozusagen der komplette Flyer, sein Inhalt, seine Aufmachung, seine Anordnung, alles. Wir machen erstmal Kaffee. Zwischendrin lädt mein Chef immer wieder Musik und Film runter, spielt mir irgendwelche Sampler vor, erzählt von den Bands und ihren Erfolgen oder von einem Dokumentarfilm über den Mond, den er irgendwann gesehen hat. So wird es später und später. Irgendwann klingelt der erste Kunde, der einen Stempel haben will. Mein Chef macht schnell den Stempel, ich geh schnell aufs Klo, schließlich hatte ich heute schon zwei Kaffee! Ich begreife, dass die Bearbeitung meines Flyers anders abläuft und länger dauert, als ich mir das vorgestellt hat, aber: Was langsam wird, wird gut! Mehr und mehr verändert sich das alte Design, der Text, die Message! "Every Saturday at 11 am", liest mein Chef auf dem alten Entwurf. "Wieso nur samstags? Ihr könnt doch auch sonntags spielen", findet er und schon stehen beide Wochentage auf den neuen Handzetteln. Ja, warum auch nicht. Ich stehe dann eben das ganze Wochenende im Park - hoffentlich nicht alleine! Rumjana, die Frau des Chefs kommt und macht ein paar sprachstilistische Anmerkungen für die bulgarische Variante. Irgendwann liegen ausgedruckte Plakate in Englisch und Bulgarisch sowie großen Papierbogen mit Flyern in beiden Sprachen auf dem Kopiergerät. Richtig gut! Richtig geil!

Die Flyer müssen noch zurechtgeschnitten werden. Das können wir bei uns nicht. Deswegen packe ich sie gemeinsam mit Visitenkarten, die ein besonders Format habe, ein und fahre zu einem Laden, den ein Freund meines Chefs betreibt. Hier wird alles mit großen Maschinen im Nu geschnitten. In der Ecke steht ein schwarzes Ungetüm mit der Aufschrift "Original Heidelberger Cylinder". Ich habe keine Ahnung, was das ist, aber Heidelberg kenne ich. Ein Arbeiter fragt mich, wo ich herkomme. Ich deute auf die schwarze Maschine. "Aha, Heidelberg ist also eine Stadt?!" antwortet er. Sein Kollege weiß sogar, dass es dort eine Uni gibt. Ich weiß immer noch nicht, was ein "Original Heidelberger Cylinder" ist, aber dafür habe ich etwa 300 Flyer in meiner Plastiktüte, die mein Herzchen höher hüpfen lassen.

Zurück im Büro ist es nach Vier. Ich liefere die Visitenkarten ab und rolle die Plakate zusammen. Der Preis für diesen Spaß? Umsonst. Ich sei ja kein Kunde, findet der Chef. Ich zahle erst ab 1000 Flyern!

Ab Montag wird verteilt und plakatiert. Es wird ernst!

 

13.10.09, "Verdammt noch mal!" auf Bulgarisch

Hat jemand von euch schon mal Flyer verteilt? Man, ist das ein Job! Ich bin gestern Abend fix und fertig gewesen und müde in mein Kissen gesunken. Den halben Tag bin ich durch die Stadt gelaufen und habe Ausschau nach dem typischen bulgarischen Frisbee-Spieler gehalten. Aber wie sieht der aus? Wie sieht denn der typische deutsche Ultimateler aus? Ich denke an das bunte Völkchen, dass sich Wochenende für Wochenende irgendwo zum Scheibenwerfen versammelt. Besonders schwer tue ich mir, den Mädels ein Flugblatt in die Hand zu drücken. Sie sehen alle so aus, als wären sie mehr an einem Flyer für ein günstiges Nagelstudio interessiert. Wie sieht denn eine deutsche Frisbee-Spielerin aus? Ich denke an Suse, Jenny, Astrid, Nico - und habe keine Ahnung, wie man auf der Straße mit dem Finger auf einem fremden Menschen zeigen soll und sagen: "Das ist er, der durchschnittliche Scheibenwerfer!"

Flyer werden in Sofia viele verteilt - für Sprachkurse, Frisörläden, Fast-Food-Ketten, Fahrschulen oder Heilige. Die Heiligenflyer bekommt man nicht umsonst. Kaum hat man ahnungslos nach dem Zettel gegriffen, da läuft einem der Verteiler der Bildchen nach und will ein paar Münzen dafür sehen. So schnell hat man gar nicht gemerkt, dass man gerade den Georg oder die Mutter Gottes in die Tasche gesteckt hat. Vielleicht ist das der Grund für die Skepsis der Passanten, denen ich meine Wische geben möchte. Einige nehmen beide Hände hoch, als würde ich nicht einen Stapel Papier sondern eine Pistole in den Händen halten. Manchmal bekommt man nur einen bösen oder dümmlichen Blick und nicht selten fühlt man sich, als wollte man den Leuten Dreck ins Gesicht schmieren!

Übrigens: Ich war das erste Mal im Sportministerium! Okay, ich habe erstmal ein Plakat aufgehängt - man soll die Sache langsam angehen, aber ich finde, das ist ein Anfang. Die Leute darin waren sehr freundlich. Ein ehemaliger 800-Meter Meister ist mit mir durchs Gebäude gelaufen, um einen geeigneten Platz für den Aushang zu suchen. Jetzt prangt mein Plakat im 1. Stock, und jeder, der die breite Treppe hinaufsteigt, hat es direkt vor Augen!

Zudem hängen Plakate im Deutschen, im Französischen, im Englischen Gymnasium und in der Uni. Bei Einrichtungen dieser Arte sitzen immer Wachen am Eingang und kontrollieren, wer so ein und aus geht.  Diese Menschen kann man gleich fragen, ob und wo man seine Info an die Wand hängen darf. Die Meisten deuten müde auf irgendeine freie Stelle, aber im Deutschen Gymnasium ist eben alles ein bisschen deutscher. Der Typ macht mich sofort an, dass ich verschwinden solle. Die Direktorin wolle nicht, dass ständig irgendwas hier aufgehängt werde. Ich frage, ob die gute Frau noch da sei, aber das ist nicht der Fall. Ich drehe mich um und sehe an einer Infotafel ein Plakat für einen Hip-Hop-Kurs. Gerade hole ich Luft, um zu fragen, warum das geht und Frisbee nicht, da steht der Kerl hinter mir und schimpft weiter, dass dauernd hier jemand seine Reklame anbringen wolle. Gut, dass ich schon Luft geholt habe, denn so kann ich schnell Konter geben: "Das ist keine Reklame, das ist für einen neuen Sport, den es in Bulgarien noch nicht gibt und den man mit diesen Scheiben spielt (ich ziehe effektvoll eine Disc aus meinem Rucksack, die ich für alle Fälle immer dabei habe), die es in Bulgarien auch noch nicht gibt!" Eigentlich will ich noch "Verdammt noch mal!" dazu sagen, aber ich weiß nicht, wie man das auf Bulgarisch tut und lasse es deswegen. Ist auch nicht nötig. Etwas irritiert greift der Mann nach dem Papierbogen, überfliegt ihn kurz und knurrt noch etwas grantig, dass ich ihn halt hier hin hängen soll. Dann entscheidet er sich plötzlich sogar dafür, dass das Plakat an der Säule neben dem Eingang noch besser zu sehen ist, und drückt es sogar an den Stein, damit ich in Ruhe den Tesafilm anbringen kann. Er hält noch an einer Restunfreundlichkeit fest, als er mich fragt, wo ich herkomme. Deutschland? Ich kann beobachten, wie sich seine im Grant verzogenen Gesichtsmuskeln zunächst entspannen, um sich dann zu einem Strahlen neu zu sortieren. Ähnliches muss mit seinen Stimmbändern passiert sein, die mich nun nicht mehr im mürrischen Ton vor die Türe setzen wollen, sondern süßlich und sanft erklären: "Ach so, aus Deutschland! Ich dachte, du seist Russin." Uf, da habe ich ja noch mal Glück gehabt! Das Plakat hängt aber nun muss ich mich eine halbe Stunde mit dem Menschen über die Deutschen, ihre tollen Autos und qualitativ hochwertigen Erzeugnisse, den Krieg, Hitler, die faulen Bulgaren, die Russen und den Kommunismus unterhalten. Er teilt meine Meinung nicht zu 100 %, dass es gut war, dass Hitler den Krieg verloren hat und fragt mehrfach besorgt, ob ich etwa Kommunistin sei. Dabei deutet er immer wieder auf mein rotes T-Shirt und ich bin trotzdem froh, dass ich kein braunes anhabe. Am Ende verabschiedet er sich mit Handschlag von mir und nennt noch seinen Vornamen. Hoffentlich macht er jetzt jeden Schüler persönlich auf den neuen Aushang aufmerksam. Ich ziehe morgen ein anderes T-Shirt an - welche Farbe ist denn unverfänglich?

 

14.10.09, noch drei Plakate

Es ist kurz vor acht, noch nicht richtig hell und nicht mehr richtig warm. Ich habe eine Mütze aus meinem Multifunktionstuch gemacht. Sie schützt die Ohren vor dem kalten Wind, die Augen aber schützt sie nicht. Sie tränen vor Kälte und protestieren so auf ihre Art dagegen, dass sie heute schon bald die bunten Traumbilder unter verschlossenen Lidern gegen die raue Realität tauschen mussten.

Letzte Pfützen erzählen vom gestrigen Regen und zwingen mich zu mehr Kurven und Schlingern. Das Fahrrad, das mir Dimitars Eltern netterweise für die Dauer meines Aufenthaltes in Sofia zur Verfügung stellen, ist das schnellste Verkehrsmittel - immer, besonders wenn man mehrere Orte aufsuchen möchte und ganz besonders um diese Uhrzeit, zu der die Arbeit auch dort weitergeht, wo sie nachts unterbrochen wird (ein Umstand, der in Bulgarien lange nicht so selbstverständlich ist wie in Deutschland, Österreich, Spanien oder Norwegen. Zahlreiche Geschäfte und Stände haben hier nonstop offen). Bordstein rauf, Bordstein runter, 20, 25 Zentimeter jeweils, um das Schlagloch herum, nächster Bordstein rauf und gleich wieder runter, weil ein dickes Auto mitten auf dem Gehweg steht, dass kein Vorbeikommen ist (überhaupt muss ich mal nachgucken, ob "Gehweg" und "Parkplatz" das gleiche Wort im Bulgarischen sind). Bei dieser Querstrasse finde ich kein Namensschild, bei der nächsten auch nicht, also fahre ich noch eine weiter und dann wieder zurück. Ich muss mich dermaßen konzentrieren - auf das Fahren und auf die Beschilderung -, dass ich keine Zeit finde, mir eine Federgabel an das Vorderrad zu wünschen. Ich werde das später nachholen.

Plötzlich verschlechtert sich die Sicht. Ich sehe lauter weiße Punkte in der Luft und halte das zunächst für eine Nebenwirkung von zuviel Kohlenmonoxiddämpfen. Als die weißen Pünktchen auf meiner schwarzen Fleecejacke zu Wasser werden, begreife ich: Graupel! Schnee! "Frisbeewetter!" beschließe ich trotzig und trete stärker in die Pedalen.

Im Mathematischen Gymnasium schickt man mich hoch zur Direktorin. Mit roter Nase, hochgekrempeltem Hosenbein und orangenem Mützchen auf dem Kopf klopfe ich an diverse Türen, warte, frage und finde am Ende die Richtige. Ich spreche vor, erkläre, zeige das Plakat und schon gehen wir gemeinsam runter, um einen geeigneten Ort für den Aushang zu finden. Die Direktorin stellt noch ein paar kritische Frage. Ob es kostenlos ist, will sie wissen, und ob wir eine Halle haben. Dann verspricht sie sogar die Sportlehrer zu informieren und hängt das Plakat höchstpersönlich an die Tür.

Der Weg zum Spanischen Gymnasium führt mich durch den Park. Eine gut unter gelbem Laub getarnte Pfütze entdecke ich zu spät. Der Dreck spritzt mir bis auf die Jacke, von meinem rechten Schuh läuft brackig braunes Wasser und ich spüre, wie es sich langsam auch den Weg zu meinen Zehen sucht. Duschen vor der Arbeit war im Zeitplan eh vorgesehen und jetzt muss ich wenigstens auch keinen Bogen mehr um die anderen Wasserlöcher fahren. So gelange ich schnell zum letzten Gymnasium für heute morgen. Das Plakat ist flott ohne Rücksprache mit Führungskräften aber mit Billigung der Aufsichtsperson am Eingang aufgehängt. Jetzt ab nach Hause und sauber machen, bevor es ins Büro geht. Noch drei Plakate, noch drei Schulen, dann ist alles aufgehängt. Ich kneife die Augen zu und halte den Lenker nur noch mit einer Hand. Die andere stecke ich in die Jackentasche, damit sie bisschen wärmer wird. Bordstein rauf, Bordstein runter - dazu brauche ich doch wieder beide Hände. Die weißen Pünktchen werden weniger - doch kein erstes Training im Schnee?

 

24.10.09, that's no "mission impossible"

Das erste bulgarische "Training" findet bei relativ niedrigen Temperaturen, aber immerhin ohne Regen, am 17.10.09 statt. Ich bin schon kurz vor 11 Uhr an Ort und Stelle, bringe mein Rad in Position, dekoriere einen Ast mit Scheiben und Flyern, damit ich ein bisschen Aufmerksamkeit errege. Für 6 Cent habe ich noch eine Glassichthülle für das Hinweisschild "Hier wird Ultimate Frisbee gespielt" gekauft. Alles ist vorbereitet - und keiner ist da. Zumindest nicht bei mir auf der Wiese. Auf den Wegen sind unglaublich viele Leute unterwegs, hauptsächlich junge Menschen, die meisten joggend oder rennend und viele fragen mich, ob man bei mir "den Stempel" bekommt. Muss wohl so eine Art Rallye sein. Irgendwann werfe ich einfach wild Scheiben über das Gras, renne selbst hinterher und werfe sie wieder zurück. Natürlich kommt man sich dabei ungefähr so lächerlich vor, wie es tatsächlich ist. Dennoch hat es Erfolg. Die ersten drei kleineren Jungs wollen mit mir werfen. Wir tun das eine Weile. Dann kommt Philipp und will mitmachen. Ihm hatte ich ein paar Minuten vorher einen Flyer in die Hand gedrückt, als er sich mit seinen Freunden neugierig meinem "Fahrradbaum" genähert hat. Mit Philipp kann man ganz gut werfen. Nach einiger Zeit kommt ein Freund von ihm hinzu und wir werfen zu dritt. Philipp erzählt, dass er schon mal mit ein paar Amerikanern im Park gespielt hat. "Und wo sind diese Amerikaner jetzt?" will ich wissen. Er verspricht, sie zu kontaktieren und will nächste Woche wieder kommen. Das tröstet mich darüber hinweg, dass heute eigentlich keiner explizit zum Training gekommen ist - d. h.: Keine Reaktion auf meine Plakate und Flyer. Ich beschließe, es jetzt so wie in der Kirche zu machen: Jedes Schäflein zählt. Das erste Schäflein ist Philipp. Für ihn hat es sich gelohnt, heute in den Park zu kommen. Ich schenke ihm eine Disc und will damit natürlich auch erreichen, dass er wieder kommt und die Amerikaner mitbringt.

Plötzlich kommt ein Mann mittleren Alters auf die Wiese. Er riecht stark nach Alkohol, und schnell habe ich im Hintergrund seinen Sandlerkollegen ausgemacht, der lieber bei der Flasche bleibt. Die Aussprache ist noch erstaunlich deutlich, und ich verstehe, dass er uns schon eine Weile begeistert beobachtet. Er will es auch mal versuchen. So werfe ich noch ein Bisschen mit ihm, während die anderen gehen. Trotz seines Zustandes stellt er sich nicht schlecht an und fängt die meisten meiner Scheiben. Sein Kollege applaudiert von der Bank aus und ruft laut "Bravo", wenn ihm eine unserer Aktionen gut gefällt. Dann ist das erste Bultimate-Training zu Ende. Das große Echo auf meine Werbeversuche hat es noch nicht gegeben, aber dank Philip bin ich hoffnungsvoll.

Am Sonntagvormittag schüttet es. Es hat die ganze Nacht durch geregnet. Ich sehe ein, dass es heute wohl keinen Sinn hat in den Park zu fahren und sich in den Regen zu stellen - auch wenn damit gleich das 2. Training ins Wasser fällt.

Die Woche über trüben schlechte Wetteraussichten meine Frisbee-Lust. Sowohl am Samstag als auch am Sonntag soll es wieder nass sein. Kommen die Amerikaner auch bei Regen? Kann ein bisschen Wasser meine Bemühungen so einfach zu Nichte machen?

Ich bleibe im Bett liegen und, noch bevor ich die Augen öffne, horche ich angestrengt auf die wenigen Geräusche von draußen. Ein Auto brettert über die Pflastersteine, dann noch eines. Ich vernehme Wasserrauschen, aber das kommt nicht von draußen. Irgendjemand im Haus hat wohl die Klospülung gezogen. Dann schaue ich doch zum Fenster - trocken. Ich schalte den Computer an und bringe im Internet in Erfahrung, dass die Wolkendecke am Himmel trotz grauer Farbe uns erst morgen Abend eine Dusche verpassen soll. Das hebt meine Stimmung. Im Park dann eine Riesenüberraschung. Ich komme Punkt elf, weil ich nicht länger als nötig alleine Scheiben werfen und mich zum Affen machen möchte. Als ich das Gelände erreiche, stehen da jedoch zwei junge Kerle in Sportklamotten, jeder mit einer Ultimate-Scheibe in der Hand. Großartig! Die beiden sind die versprochenen Amerikaner. Sie sind als Missionare in Bulgarien. Wir fangen sofort mit dem Werfen an. Beide sind geübt. Wir zimmern die Disc weit über den Rasen. Bald kommt auch Philipp dazu, und wir werfen zu viert mit zwei Frisbees. Schnell müssen wir aus unseren Jacken und Pullovern heraus. Nach etwa einer Stunde kommt ein weiterer junger Kerl dazu, den ich zunächst auch für einen Amerikaner halte. Später stellt sich heraus, dass Ivo Bulgare ist und Deutsch spricht, weil er zwei Jahre als Missionar in Deutschland war. Er wirft hervorragend. Das haben ihm die Amerikaner beigebracht. Plötzlich stehen zwei kleine Romajungs auf der Wiese und wollen auch mitmachen. Der Ältere behauptet, er sei zehn und sein Bruder fünf Jahre alt. Ich schätze ihn auf höchstens sechs und seinen Bruder auf höchstens vier. Der Kleinere fängt schon ganz gut. Der Größere ist unglaublich. Er schleudert die Scheibe einfach fort, ohne sich irgendwelche Gedanken zu machen. Vorhand, Rückhand - instinktiv wirft er weit, stabil, lässig. Noch besser fängt er. Cool fischt er mit einer Hand die Scheibe aus der Luft, wirft sie dann noch mal hoch um umzugreifen und sie gleich weiterspielen zu können. Ich denke an die zahlreichen Kinder, die auf Frisbee-Turnieren ihre Eltern begleiten und häufig mit den Scheiben am Spielfeldrand schon ahnen lassen, dass die nächste Spielergeneration uns weit überlegen sein wird. Aber was der kleine Roma da macht, ist wirklich der Wahnsinn! Dazu quatscht er mich in einem Zug auf Bulgarisch voll. Dass ich nur die Hälfte verstehe und deswegen meistens einfach mit einem dümmliche Grinsen antworte, stört ihn dabei gar nicht. Wenn ich seinen Wurf mal nicht fangen kann, entschuldigt er sich jedes Mal und wenn ich mit einem kleinen Spurt noch gerade an die Scheibe komme, bestätigt er immer wieder neu, wie schnell ich bin. Ich gebe ihm einen Flyer mit und sage ihm, dass da draufsteht, dass wir jeden Samstag und Sonntag spielen. Vielleicht kommt er ja wieder. Das ist sicher besser als vieles andere, was man als kleiner Romajunge mit seinem Brüderchen am Wochenende machen kann. Dann schenke ich ihm eine Scheibe. Er freut sich total, kommt aber nach ein paar Minuten und will wissen, ob die orangene Frisbee auch meine ist. Als ich ihm das bestätige, fragt er, ob er lieber diese haben kann. Ich drücke ihm die bunte Disc in seine dreckigen kleinen Fingerchen und freu mich über seine Begeisterung für die runden Plastikteller. Strahlend zieht er mit Scheibe und Brüderchen ab. Ich lasse mir noch Kontaktdaten von meinen neuen Sportkollegen geben, dann ist das zweite Bultimate-Training beendet. Nächste Woche sollen vielleicht zwei Amerikaner mehr kommen, die heute krank waren. Ivaylo will ein paar Freunde über Facebook informieren. Sonntags können sie alle leider nicht. Das ist schließlich der Tag des Herren und da hat man als Missionar wohl anderes zu tun. Meine Mission ist heute jedenfalls ein gutes Stück näher an einen erfolgreichen Ausgang gerückt, und ich werde mich auch morgen dieser Sache widmen. Fotos von den Jungs, dem "Frisbeebaum" und den beiden Romajungs gibt es auch schon hier zu sehen.

 

25.10.09, Echo, Echo, Echo, Echo, Echo, Echo ...

Die Sonne scheint und kümmert sich nicht darum, dass ab heute auch in Bulgarien die Uhren mal wieder offiziell nach Winterzeit ticken. Trotzdem fürchte ich ein einsames Training in Park, denn meine Missionare können sonntags alle nicht.

Unerwartet klingelt das Telefon. Taylor bestätigt, dass sie heute nicht kommen werden, lädt mich gleichzeitig zu einer Veranstaltung seiner Kirche um 10 Uhr ein, die ich ausschlagen muss, weil ich um 11 Uhr mit den Scheiben im Park sein will. Dann erzählt er, dass morgen vielleicht viele Leute Lust auf Frisbee hätten, so viel, dass man eventuell sogar ein kleines Spielchen machen könnte - er ruft morgen noch mal an. Ich verstehe nicht ganz, wo die Leute alle herkommen, warum sie morgen Lust auf Ultimate haben und ob sie länger in Sofia sind. Ist aber auch nicht wichtig. Hauptsache, sie spielen!

Kaum im Park angekommen, klingelt das Handy schon wieder. Jemand möchte erklärt bekommen, wo genau im Park wir spielen. Kommt da etwa einer? Woher hat er die Nummer? Das muss das erste Echo auf die Flyer oder Plakate sein, denn da steht alles drauf.

Noch bevor ich meinen "Frisbeebaum" richtig aufgebaut habe, interessiert sich ein älterer Herr dafür und studiert die am Ast angebrachten Flyer. Ich gehe auf ihn zu, drücke ihm einen Flyer in die Hand und bemerke ernsthaftes Interesse, als er beginnt zu fragen, wie genau das Spiel abläuft. Zunächst zeige ich ihm die besonderen Scheiben, die es in Bulgarien leider nicht gibt. Dann hole ich mein Taktikboard und das gezeichnete Spielfeld mit Längenangaben. Sieben Kürbiskerne auf jeder Seite - die einen habe ich mit schwarzem Filzstift angemalt - und eine 1 Cent Münze als Frisbeedisc auf einem Blatt Papier mit eingezeichneter Spielfeldbegrenzung werden zu Angreifern, Verteidigern, Plastikscheibe und grünem Rasen. Ich schiebe die Kerne und die Münze auf dem Papier hin und her, bin froh, dass ich extra zu diesem Zweck Vokabeln wie "fangen", "werfen" und "rennen" inklusive Aspekt, Konjugation und Rektion gelernt habe und tue mir trotzdem ziemlich schwer. Ein Junge mit breiten Hosen und kinnlangen blonden Haaren bietet sich als Übersetzer vom Englischen ins Bulgarische an, aber wir kommen schon klar. Der Mann ist geduldig, kapiert den Sinn des Spieles und lehnt trotzdem ab, als ich ihn einlade mitzumachen. Dabei verweist er mit der flachen Hand immer wieder auf sein Herz, aber dann ist der Atem doch noch lang genug, um mir auf die Nase zu binden, woher die Bulgaren ursprünglich kommen und in welcher Beziehung sie zu den Persern stehen. Die Geschichte mit der Herkunft der Bulgaren bekomme ich als Ausländerin jedes Mal und mittlerweile weiß ich sogar, dass die Bulgaren die Chinesische Mauer gebaut haben, weil sie ursprünglich von ganz da hinten in Asien gekommen sind. Die Sache mit den Persern kommt immer dann, wenn ich meinen Vornamen sagen muss. Nachdem er mich über einige grundlegende geschichtliche Aspekte Eurasiens in Kenntnis gesetzt hat, bedankt er sich bei mir (fürs Zuhören oder für die Frisbee-Erklärungen?) und wünscht mir alles Gute. Der Junge fängt an, mit mir zu werfen. Es ist Jordan, der auch zuvor auf meinem Handy angerufen hat. Er hat eine prima weite Rückhand, springt, rennt und fängt astrein. Außerdem hat er viel Spaß daran, wenn ich einen Overhead schmeiße oder die Scheibe passgenau zwischen zwei Bäumen durch auf ihn spiele. Ich zeige ihm, wie er die Vorhand werfen muss, aber das bedarf natürlich ein bisschen Übung. Ich merke ihm seine Begeisterung an und frage ihn, warum er schon so gut wirft. Das habe er am Strand gelernt, antwortet er und erzählt dann, dass er Amerikaner mit bulgarischem Vater ist. Der Vater holt ihn später ab. Er ist zwischenzeitlich mit dem Hund im Park im Kreis gelaufen. Jordan will nächsten Samstag wieder kommen. Daran habe ich auch keinen Zweifel.

Zu Hause stelle ich fest, dass mir der rechte Oberarm weh tut. Muskelkater! Ich beschließe, dass das der schönste Schmerz der Welt ist und ich weiß sogar, wie er auf Bulgarisch heißt!

 

14.12.09 Ende gut, alles gut!

Wenn auf der Homepage nichts passiert, heißt das nicht, dass bei Bultimate nichts passiert. Die letzten knapp zwei Monate haben viel Fortschritt gebracht.

Am 30.10. habe ich eine Infomail über die Wurfpost geschickt und ganz Frisbeedeutschland von den Entwicklungen in Bulgarien unterrichtet, damit es sich schon mal auf Konkurrenz aus dem Ausland gefasst machen kann ;-)

Sofort kamen einige Mails mit Hinweisen, Tipps, Einladungen zu Turnieren oder einfach ein paar netten Worten, die Mut machen. Vielen Dank an alle, die sich die Zeit genommen haben, mal hier vorbei zu schauen. Ganz besonderen Dank an alle, die sich sogar die Mühe gemacht haben, ein paar Zeilen zu schreiben.

Meine Plakate hingen länger in der Uni, als ich zu träumen gewagt hätte und - sie wurden auch beachtet! Am 30.10. lerne ich Alfonso kennen. Er war als Erasmus-Student in Heidelberg und hat bei der gleichen Professorin wie ich Bulgarisch studiert. Ich erzähle ihm von meinem Frisbee-Projekt und drücke ihm einen Flyer in die Hand. Er wirft nur einen kurzen Blick darauf und fragt: "Kann es sein, dass du auch Plakate in der Uni aufgehängt hast?" Wow! Werbung, die wirkt!

Mein Handy klingelt. Eine junge, männliche Stimme erkundigt sich nach der Aktualität der Trainingszeiten und verspricht, am Samstag zu kommen. Sein exotischer Spitzname, unter dem er sich mir vorstellt, ist nicht leicht zu merken, aber Baridhi kommt von da an regelmäßig und bringt seine eigene Scheibe mit. Er hat in den Staaten Ultimate gespielt und das merkt man sofort. Zudem geht er häufig laufen. Ein Zuwachs, der Gold wert ist für unser frisches kleines Sofioter Team.

Sabrina kommt zehn Tage nach Bulgarien. In dieser Zeit sind wir samstags eine mehr und sonntags fällt das Training aus, weil Sabrina noch mehr vom Land sehen soll als nur eine zukunftsträchtige Frisbeemannschaft beim Training. Ihrem Druck ist es zu verdanken, dass wir zum ersten Mal eine Box (zwei Team spielen auf einem kleinen Quadrat gegeneinander mit einer Scheibe. Ziel ist es, sich innerhalb der Mannschaft zehn Pässe zuzuspielen, ohne dass man die Scheibe verliert) ausprobieren und dabei richtig ins Schwitzen kommen.

In dem verschlafenen kleinen Nest Melnik passen wir uns die Scheibe an der Haltestelle zu, während wir auf den Bus nach Sandanski warten. Dafür ernten wir neugierige Blicke. In Sandanski finden wir im Stadtpark eine große Fläche für weite Würfe und waschen uns anschließend die Hände in den heißen Quellen der Stadt. Noch am Flughafen Sofia verkürzen wir die Wartezeit auf Sabrinas Rückreise mit Pass-Spiel in der Sonne vor Terminal 2. Auch hier merkt man, dass die Bulgaren schon viel gesehen und viel ertragen haben. Sie gucken zwar - mal neugierig, mal interessiert, mal verständnislos - aber weder werden wir verjagt noch möchte jemand mitspielen.

Ich lese im Internet einen sehr interessanten Artikel über Herrn Rolf Dieter Kamp, der sich im Rahmen der Organisation "Senior Experten Service" in Tryavna engagiert. Kurzerhand beschließe ich, ihm vom Bultimate zu erzählen und ihn um Unterstützung zu bitten. Sicherlich kann er mir ein paar Kontaktdaten zu in Bulgarien ansässigen Firmen mitteilen. Wir brauchen dringend Scheiben, und zwar welche die weniger als ein Fünftel eines durchschnittlichen bulgarischen Monatsgehalts kosten! Am 05.11. erhält er meine Mail.

Am 06.11. schreibt Panka eine Mail und möchte in den Park kommen, um sich diesen merkwürdigen neuen Sport mal anzugucken. Sie schafft es ausgerechnet dann zum ersten Mal, als ich auf der Polizei den Inhalt meines Geldbeutels beschreibe. Die Woche darauf ist sie auf Dienstreise und kann nicht kommen. Dafür verabreden wir uns zum Klettern in der Kuppel der Universität. Dass auch das nicht stattfindet, weil der Betreuer mit dem Schlüssel für die Kletterhalle nicht auftaucht, führt dazu, dass wir doch noch zusammen die Frisbee fliegen lassen, bevor wir uns gemeinsam an der Wand versuchen. Baridhi hatte mir schon erzählt, dass ihre Wurftechnik sich zusehends verbessert, und ich kann das nach ein paar Minuten nur bestätigen. Wird ja auch Zeit, dass wir ein bisschen weibliche Unterstützung ins Team bekommen. Klettern gehen wir dann nächste Woche!

Am 16.11. schreibt Baridhi eine Mail. Er hat sich ein paar Gedanken zur Homepage gemacht, ein Video hochgeladen und vorgeschlagen, mehr Fotos und Videos, dafür weniger Text auf die Startseite zu machen. Ich werde versuchen, das umzusetzen, denn Bilder gucken mag jeder.

Am 17.11. treffe ich mich nachmittags mit Petar, einem Freund von Baridhi. Auch er hatte schon die Idee, Ultimate nach Bulgarien zu bringen. Wir reden lange über Werbemöglichkeiten. Er trifft sich wohl ab und an mit ein paar Makedoniern zum Spielen. Vielleicht kann man die Jungs mal nach Sofia einladen und ein richtiges kleines Spiel veranstalten. Das macht erstens Spaß und sieht zweitens gut aus. Eine bessere Werbung für diesen Sport gibt es nicht.

Am Freitag, dem 20.11., wird mir mein Geldbeutel von einem vermeintlichen Kunden aus dem Büro geklaut, als ich dort alleine bin. Eine lange und dumme Geschichte, die ich vielleicht ein andermal erzähle, wenn keine Bulgaren da sind, die sich sofort für ihr böses Land bei mir entschuldigen. Sonst muss ich auch noch die Geschichte erzählen, wie mir mein letzter Geldbeutel bei den kriminellen Deutschen geklaut worden ist und meinem Vater bei den diebischen Polen und einer Freundin der ganze Rucksack bei den nicht minder guten Franzosen usw. Jedenfalls muss ich deswegen am Samstagvormittag zur Polizei. Ich rufe Baridhi an, der seine Scheiben mit in den Park nimmt und dafür sorgt, dass das Wurftraining stattfinden kann.

Am Samstag, dem 29.11., findet ein schönes, zwei Stunden langes Wurftraining im Park statt. Am Sonntag rechne ich damit, dass keiner kommt, als das Telefon klingelt. Abermals eine junge, männliche Stimme, die ihr Kommen für den heutigen Tag ankündigt - allerdings mit Verspätung. Ich verspreche zu warten und fahre in den Park. Das Wetter ist gut. Ich wechsel' die Schuhe, mach mich ein bisschen warm, halte Ausschau nach Spiellustigen und beobachte nebenbei das bunte Treiben im Park. Kinderwägen, Fahrräder, Hundeleinen, Joggingschuhe - irgendwann wird es trotzdem langweilig und so fange ich an, Scheiben über die Wiese zu zimmern und selbst hinterherzulaufen. Bald hält ein Mann mit Fahrrad neben mir, legt sein Rad ins Gras und fragt mit leuchtenden Augen, ob er wohl auch mal einen Wurf wagen dürfte. Er ist etwa 50 und erzählt, dass er die letzte Frisbee in seiner Kindheit geworfen hat. Nach drei, vier nicht ganz schlechten Versuchen hat sich das Thema leider erledigt und stattdessen folgt eine lange Einführung in diverse fernöstliche Meditations- und Glaubensrichtungen. Um ca. 12 Uhr habe ich den Menschen endlich wieder los und meine Telefonverabredung ist noch nicht aufgetaucht. Ich rufe ihn an, um zu sicher zu gehen, dass er jetzt wohl auch nicht mehr kommt, da antwortet er: "Ich erreiche gerade den Park, ich bin in 5 Minuten da." Als warte ich noch weitere fünf Minuten und tatsächlich - da kommt Nikola. Er bringt auch gleich eine eigene Scheibe mit. Allerdings keine 175g-Ultimate-Disc, sondern ein besonderes Exemplar eines sozialistischen Jugendclubs mit integrierten Pfeifen, die beim Werfen einen leisen, hohen Ton erzeugen. Eine Pfeife fehlt auch leider schon, aber wir lassen das runde Plastik trotzdem eine ganze Weile über die Wiese fliegen. Schnell tun uns die Finger weh, weil die  Ränder an den Ausbuchtungen für die Pfeifeinsätze scharf sind. So wechseln wir zu einer normalen Scheibe jüngeren Datums, die uns auf einmal merkwürdig groß und schwer vorkommt. Nach einiger Zeit kommt Kol'os (Nikolas) Freundin Mariya hinzu. Sie hat zunächst etwas Angst, wenn die Disc auf sie zugeflogen kommt, macht aber schnell Fortschritte. Mit Panka und Mariya sind endlich auch ein paar Mädels im Sofioter Frisbeeteam!

Am 05.12. sind wir 7 (!) Leute im Training: Ivo, Philipp, Mariya, Kol'o, Baridhi, Panka und ich. Total begeistert ziehe ich mein Taktikboard hervor. Zum ersten Mal verwandeln sich die schwarzen Kürbiskerne während des Trainings in Aufbau- und Stackspieler. Die weißen Kürbiskerne gehen in Verteidigerposition, sie machen die rechte Seite auf und zwingen ihre Gegenspieler zu Vorhandwürfen. Die 1-Cent-Münzscheibe fliegt sicher über das Blatt Papier, wird auf der offenen Seite von dem dürren Kürbiskern gefangen, der vorher einen klaren Cut gemacht hat und dann bis raus an die schwarze Filzstiftlinie gelaufen ist. Sein Mitspieler ist das Folgeangebot schon gelaufen und bekommt das Centstück jetzt gepasst. Der weiße Kürbiskern mit der krummen Nase macht ihn aber hart zu. Da hilft nur abwarten, bis die Mitspieler aufgerückt sind, und den sicheren Dump spielen. Ja, die Kürbiskerne können das schon ganz gut. Nun versuchen wir in Übungen verschiedene Einzelelemente einzustudieren. Ich verteile mangels Hütchen oder anderer Grenzmarkierungen zahlreiche Scheiben auf der Wiese. Einmal übersehe ich den Hundehaufen und muss alles ein paar Meter weiter noch mal aufbauen, um zu verhindern, dass jemand diese Hinterlassenschaft an seiner Fußsohle mit nach Hause nimmt. Die einzelnen Übungen werden immer schwerer. Wir üben das Cutten in der Offense und in der Defense versuchen wir eine Seite gut zu zu machen. Die Bulgaren haben alle nur normale Turnschuhe an und rutschen viel auf dem weichen Boden. Trotzdem sind ihre Richtungswechsel klar und eindeutig. Zum ersten Mal baue ich in Bulgarien ein kleines Frisbeefeld auf und lege Scheiben zur Markierung der Außenlinien und der Endzonen im Gras aus. Dann wir zum ersten Mal 3 gegen 4 richtig Ultimate gespielt. Zum ersten Mal gibt es Anwürfe, Turnovers und sichtbaren Ehrgeiz. Beide Teams kämpfen und setzen zum ersten Mal aus einer Spielsituation heraus das Gelernte um. Alle haben viel Spaß und manche verstehen nun erst langsam, worauf dieses Spiel eigentlich zielt. Ich beschließe, von nun an kein Sonntagstraining mehr zu machen und dafür jeden Samstag ein anspruchsvolles Programm bei zahlreicher Trainingsbeteiligung zu bieten.

Am 10.12. erhalte ich eine Antwortmail von Rolf Dieter Kamp. Sehr nett wünscht er nicht nur viel Erfolg und gutes Gelingen bei Bultimate, sondern nennt tatsächlich auch Mailadressen von diversen Leuten, bei denen das kleine Sportprojekt auf offene Ohren stoßen könnte. Unter den aufgelisteten Personen befinden sich Manager aus dem Bau- und Reisewesen, Journalisten, Vorsitzende von sozialen Vereinen, Generalkonsule, Studenten, Bulgaren, Deutsche und Österreicher. An dieser Stelle noch mal ein herzliches Dankeschön dafür. Nun gilt es, all diesen Mensch von Ultimate Frisbee zu erzählen und davon, wie ein erstes bulgarisches Team noch ein bisschen Hilfe gebrauchen könnte.

Am Nachmittag gehe ich endlich das erste Mal mit Panka klettern. Dabei lerne ich auch Krasi und Gergana kennen. Später wollen wir noch gemeinsam was trinken, aber Panka muss noch kurz in die Bibliothek. Gergana, Krasi und ich warten in einer der großen Hallen des Universitätsgebäudes auf Panka und werfen so lange die Frisbee hin und her. Niemand stört sich daran und so sind wir selbst es, die uns zur Vernunft rufen und die Sache unterbinden, als die Scheibe irgendwann ziemlich lautstark an die Decke donnert.

Das letzte Training vor Weihnachten findet am 12.12. bei eisigen Temperaturen und Schnee statt. Ich fürchte schon wieder das Schlimmste für die Trainingsbeteiligung, als ich plötzlich zwei Silhouetten mit einer Scheibe ausmachen kann. Die beiden halten direkt auf mich zu, und endlich erkenne ich Jarman. Der Amerikaner war in einer der ersten Trainingseinheiten zusammen mit Taylor hier gewesen, aber seit einigen Wochen können sie nicht mehr kommen, weil sie Samstag nicht frei haben. Heute nun ist er zusammen mit einem anderen Amerikaner zum letzten Training vor Weihnachten erschienen. Ich bin froh, dass ich nicht alleine bin und beginne mit den Jungs zu werfen. Nach und nach kommen Baridhi, Kol'o, Petar und Philipp und - wow! - trotz der Temperaturen sind wir wieder zu siebt. Da es das letzte Training vor der Pause und zu kalt für große Taktikerklärungen ist, spielen wir gleich ein Spielchen. Trotz Schnee stehen einige bald im T-Shirt auf dem Feld - ja Ultimate ist laufintensiv. Wie letzte Woche schenken sich die Teams auch heute nichts. Da mit zwei Punkten Abstand gewonnen werden muss, spielen wir auf 14 statt auf 10. Die Runde Schokoladenherzen am Ende haben sich alle verdient. Außerdem will ich ja, dass sie nächstes Jahr wieder kommen ;-)

 

10.01.10  - 2010,6,5,18 und die Slackline

Eigentlich sollte bis 2010 dann nichts mehr passieren, aber wer konnte schon mit Katharina rechnen? Unerwartet taucht sie auf dem Christmas-Cup in Karlsruhe auf (mein einziges Turnier in neun Monaten!) und drückt mir eine Plastiktüte mit sechs Scheiben in die Hand. "Habe ich für Bulgarien aussortiert. Meine erste Scheibe ist auch dabei. Ich habe noch ein Foto von ihr gemacht!" sagt sie. Total cool! Ich freue mich riesig und stelle erst später fest, dass die Discs noch in richtig gutem Zustand sind. Eigentlich wollte ich mich auf der Party noch mal ausführlicher mit ihr unterhalten und noch mal "Danke! Danke!" sagen, aber dann habe ich sie nicht mehr gesehen. Dafür jetzt an dieser Stelle. "Danke! Danke!"

Am 09.01.10 versinkt Deutschland im Schneechaos und in Bulgarien hat es 18°C in der Sonne. Das erste Training des neuen Jahres beginne ich gar nicht erste in Jogginghose und Trainingsjacke, sondern präsentiere der Parköffentlichkeit gleich meine blassen Wadeln und die dazugehörigen Unterarme (von denen ich mir einbilde, dass sie deutlich kräftiger geworden sind, seit ich regelmäßig diesen roten Werbeball vom ZDF zusammendrücke, um mich für's Klettern zu stärken). Auf den Gipfeln des Vitosha liegt Schnee und im Internet habe ich gelesen, dass zwei der Lifte heute betrieben werden.

Mein Rucksack wiegt mehr als sonst. Erstens habe ich Katharinas neue Scheiben zum Zeigen und Einweihen dabei. Zweitens habe ich am Donnerstag eine lange Mail an alle Sofioter Ultimate-Spieler in (bestimmt grottenfalschem) Bulgarisch verfasst, in der ich nicht nur mit dem guten Wetter gelockt habe, sondern ich habe auch versprochen, im Anschluss die neue Slackline aufzubauen, die Sabrina und ich zu Weihnachten von Heike und Flo bekommen haben. Nun, zum Training nur so viel: Mariya ist krank, Ivo in Brasilien, Kol'o hat Computerprobleme, Phillip kam als Erster zum Werfen, Baridhi kurz danach, Petar etwa um 12 und Panka einige Minuten später. Wer wissen will, was Bulgaren und Affen miteinander zu tun haben, warum Petar sein Können seinen Schuhen verdankt, wie Phillip was macht, das er für unmöglich hält und warum wir nächste Woche alle Saltos üben wollen, der gucke hier.

Und für alle, die die Überschrift nicht verstanden haben:

2010 ist das neue Jahr,

6 neue Scheiben hat Bultimate dank Katharina

5 Leute waren beim ersten Training (nicht mitgezählt, hä?)

18 Grad hatten wir in Sofia, während Deutschland aussieht wie Sibirien*

Slackline heißt das gelbe Seil, auf dem wir alle laufen (siehe Fotos)

 

*Zum Thema Klima habe ich noch eine interessante Entdeckung gemacht, die aber mit Frisbee nichts zu tun hat:

Als ich an Weihnachten in Deutschland war und dort erzählt habe, dass ich zur Zeit in Bulgarien ein Praktikum mache, war die Reaktion fast immer: "Bulgarien, boah, da ist es jetzt bestimmt kalt, oder?"

Jetzt bin ich wieder in Bulgarien und die Leute fragen mich: "Na, wie war es in Deutschland? Bestimmt kalt, oder?"

Als ich in Spanien fast erfroren wäre, weil wir einfache Fenster hatten und die Heizung nur zwischen 14 und 19 Uhr lief, hat niemand gefragt: "Spanien, Mensch, da ist es bestimmt kalt jetzt, oder?"