Zum Studieren nach Jena

 

 

Umzug:

3. Oktober 2008. Zufall. Ich wollte im Auto Verkehrsfunk hören. Dann aber: „….18 Jahre…Montagsdemonstrationen….Merkel aus den „Neuen Bundesländern“ deutsche Kanzlerin…. Gerade in diesem Moment ein braunes Schild am Autobahnrand: „Ehemalige innerdeutsche Grenze“. Links steigen grüne Hügel leicht an, rechts verteilen sich ein paar Hütten auf leicht fallendem Gelände. Das Gras ist grün. Vor und nach dem Schild. Wo soll denn da die Mauer gewesen sein? Nicht ein kümmerlicher Rest ist als Zeuge geblieben. Und wäre nicht das Schild gewesen…. Doch, wir hätten es trotzdem gemerkt. Spätestens ein paar Kilometer weiter, als sich auf der Autobahn die Hessen mittels einer großen bunten Tafel von einem verabschieden und man ohne die Geschwindigkeit zu drosseln nach Thüringen braust.

„Jena?... In den Osten?“ Mehr weiß kaum jemand zu sagen. Außer natürlich, die von „drüben“, die irgendwann „rüber gemacht“ haben und mir jetzt erzählen, wie das kleine Städtchen an der Saale so ist. 18 Jahre – und immer noch ein Thema.

 

Meinungen zu Jena:

Die Ostdeutschen sagen, Jena ist cool. Die Westdeutschen sagen: „Jena – oh Gott!“ Ich glaube die Westdeutschen sagen immer „oh Gott“, wenn es um Ostdeutschland geht. Manchmal sagen sie dann noch: „Naja, wenigstens ist es billiger!“ Ich sage: „Wenigstens kann ich da Bulgarisch studieren“. Alles andere muss ich nehmen wie es ist.

 

Die Jenjaner/Jenenser/Jenaer:

Jena gibt Anlass es zu mögen. Das fängt schon mit dem Jenjaner an. Jenjaner heißt er nur bei Sabrina. Sonst heißt er Jenenser – wenn er hier geboren wurde und seit langem ansässig ist – oder Jenaer – wenn er „zugroast“ (Bayrisch für zugezogen) ist. Auch ich bin jetzt Jenaerin. Ich habe mich umgemeldet, weil ich dafür z. B. vier Semester lang jeweils 60 Euro Ausbildungszuschuss bekomme. Also, der Jenenser (im Folgenden fasse ich die Jenaer und die Jenenser unter diesem Begriff zusammen, da ich noch Schwierigkeiten mit der Unterscheidung beider habe, wenn sie mir auf der Straße begegnen), ist ein freundlicher, offener, spontaner und redseliger Mensch. Das unterscheidet ihn grundlegend vom Franken, der lediglich die Freundlichkeit mir ihm teilt, wenn auch sehr versteckt. Gleichzeitig unterscheidet ihn das auch vom Heidelberger, der – zumindest im Vergleich zum Franken – zwar redselig ist, dabei aber arrogant und wenig an seinem Gegenüber interessiert. Wer in Jena auf der Straße niest, bekommt von irgendwoher ein „Gesundheit“ zugerufen. Fragen werden durchweg freundlich und ausführlich beantwortet. Auch wird sich Zeit genommen für den Kunden oder den Studenten, ohne dabei österreichisch auszuarten.

 

Mitbewohnerin:

Annette ist 37. Wir verstehen uns auf Anhieb. Reden lange. Auch über die DDR. Wie das so war. Annette ist in einem anderen Staat, in einem anderen System groß geworden als ich. Sie hat Russisch in der Schule gelernt. Aber sie kann nichts mehr. Ich habe Russisch erst an der Uni im Rahmen meines Studiums gelernt. Ich kann auch nichts mehr. Jetzt lerne ich Bulgarisch. Und Annette arbeitet bei den „Linken“.

 

Katjas:

Die ersten Katjas, die ich kannte, waren Russinnen. Sie waren bei mir auf der Schule oder kamen zum Schüleraustausch aus der Ukraine zusammen mit den Nataschas und Natalias. Die späteren Katjas waren Ostdeutsche. Bei machen habe ich es erst gemerkt, als ich ihnen erzählst habe, dass ich nach Jena ziehe.

 

Akademisches Studien- und Prüfungsamt:

Neben mir reden Studentinnen über verschiedene Seminare an der Uni. Eine sagt, dass die Vergabe von Referatsthemen manchmal ist, wie „sich um Bananen prügeln“. Erst denke ich, das ist ein ostdeutscher Spruch, bin mir aber nicht mehr sicher als sie sagt, dass „wir doch keine Affenbande sind“. Ich dachte sie sagt: „Wie früher in der DDR“. Vermutlich bin ich eine von wenigen, die hier noch so in „Hüben“ und „Drüben“ denkt.

 

Nach einer Woche:

Eine Woche ist um, in der ich gelernt habe, dass „Tausendfüßler“, (Schuhe mit denen man auf Hartplätzen oder Kunstrasen spielt) hier „Multinoppen“ heißen. Und die Brötchen heißen hier Brötchen, obwohl der Bäcker an der Ecke ein Roggenbrot und fünf „Semmeln“ für 2,50 verkaufen will.

 

Der moderne Ossi:

Eine Woche ist um, in der ich auf einer Versammlung der Basisgruppe Altstadt der „Linken“ war, um zu hören, wie das Ostbad saniert werden soll: Bio oder Chlor. „Oh, richtige Ossis eben“, stöhnt Annette, „alles muss so bleiben wie es immer war!“ Außer Annette und mir will keiner, dass das Ostbad künftig ökologisch geklärt wird. Sie haben Angst vor Seuchen und davor dass das Wasser umkippt. Deshalb wollen sie lieber Chlor. Ich sage es Annette nicht, aber ich glaube nicht, dass sie Chlor wollen, weil sie Ossis sind. Das wäre bei uns sicher nicht anders gewesen. Sie wollen Chlor, weil sie moderne Menschen sind und der moderne Mensch hat Angst vor dem, was natürlich ist, z. B. trübes Wasser bei dem man den Beckengrund nicht sehen kann.

 

Produktentwicklung:

Annette kommt. Sie hat ein paar Sachen eingekauft und hält mir eine Packung Klopapier unter die Nase. „Das ist `Werra Krepp`“, sagt sie. Ich glotze auf die eingeschweißten Rollen und vermute, dass dies das ultimative Öko-Abputz-Zeug ist und deswegen hervorragend zu Annettes ökologischem Spülmittel, zu der Bio-Milch, zur Alnatura Nudelsauce und zum vollständig abbaubarem Waschmittel passt. Tatsächlich werde ich zunächst auf den „blauen Engel“ hingewiesen, aber das erstaunt mich wenig. Interessant wäre es nur dann gewesen, wenn Annette ausnahmsweise kein Produkt gekauft hätte, dass das Gewissen beruhigt und ein Euro mehr kostet. Aber dann erzählt sie, dass es sich zudem um ein Überbleibsel aus der DDR handelt, das aber seit dem deutliche Fortschritte gemacht hat. „Früher war es wie Schmirgelpapier“, grinst Annette, „da hat man sich alles weggeschabt. Aber heute ist es ganz gut.“ Ich nicke. Annette macht es Spaß mir die DDR so nah wie möglich zu bringen. Mir ist es egal, womit ich mich abwische, solange ich mir dabei nichts wegschmirgel.

 

Die Mauer muss weg!:

Beim Frisbeetraining in der Halle bekommen wir eine der Trennwände nicht hoch. Als jemand ruft, dass die Mauer da weg muss, antworte ich, dass die hier darin doch Übung haben müssten. „Eben!“ kommt die prompte Antwort und ich merke abermals, dass die Ossis ihre Vergangenheit heute mit sehr viel Ironie und Humor nehmen können. Die Trennwand bekommen wir trotzdem nicht hoch. Es fehlt der richtige Schlüssel. „Nächste Woche“, sagt jemand, „und dann spielen wir über die ganze Länge!“. Klar, nächste Woche!

 

 

Karriere-Student vs. Familien-Student:

In der Mensa gibt es eine Kinderecke, in der die Kleinen mit Bauklötzen in einem abgesperrten und mit Teppich unterlegten Teil Rabatz machen können, während sich die Mamis und Papis in Ruhe etwas einverleiben. Wer eine Geburtsurkunde seines Kindes vorlegt, bekommt einen Zusatz zur Studentenkarte und damit ein kostenloses Kinderessen in der Mensa, wenn er dort mit Anhang essen geht. Natürlich hat die Uni einen eigenen Kindergarten. Die Kleinsten können da schon mit sieben Monaten auftauchen. Tatsächlich sieht man hier viele junge Leute mit Kinderwagen oder Tragetuch um die Gebäude der Hochschule ziehen. In Heidelberg sind sie nicht so präsent. Sabrina sagt: „Wer in Heidelberg studiert will Karriere machen und mit 30 seinen Doktor haben!“. Ich studiere nicht (mehr) in Heidelberg.

 

Gin Tonic und Polylux:

Annette trinkt Gin Tonic. „Da waren wir nach der Wende ganz geil drauf“, sagt sie. Klar, weil es das vorher nicht gab. Sabrina fragt nach dem Stadtbild Jenas vor und nach dem Mauerfall. Annette erzählt, was sie darüber weiß. Jena muss sich in den letzten 18 Jahren unglaublich verändert haben. Trotzdem sind noch immer kleine Unterschiede da. So verstehe ich nicht, welches Problem Jacqueline hat, als sie sagt, dass sie nicht an die Tafel sehen kann, weil ihr der „Polylux“ im Bild steht. Meint sie etwa den Overheadprojektor? Ja, so hieß das früher bei denen in der Schule. Später merke ich, dass alle Ossis dieses Wort verstehen. Jetzt ich auch.

 

Sprachliches:

In Thüringen fängt jede Antwort mit „Na,…“ an; z. B.: „Annette, wo kann ich denn hier am besten eine Küchenmaschine für meine Schwester kaufen?“ „Na, da gehst du am besten zum …!“ Oder: „Welche Endungen können die männlichen Substantive im Kroatischen haben?“ „Na, meistens keine Endung oder….“

Bei Annette (ob das allgemein Thüringisch ist, werde ich noch raus bringen) ist es auch nie einfach acht Uhr, sonder immer UM acht. So sagt sie zu ihrer Tochter: „Mach dich mal bettfertig, es ist schon UM acht!“ Aber es ist nicht UM halb acht. Da ist es dann doch nur einfach halb acht. Natürlich kann man sich mit Annette, wie wahrscheinlich mit allen anderen Deutschen, UM halb acht treffen.

 

Lieder:

Manchmal singe ich die Internationale. Meistens unbewusst. Hier im Osten kennt man das noch. Aber ich bin ja ein Wessi. Vielleicht fragen manche deshalb, woher ich das kenne. „Von meiner Mutter“, antworte ich wahrheitsgemäß, aber mit dem Gefühl ein falsches Bild von meiner Mum zu vermitteln.

 

Tierisches:

Ich poltere die Treppen hoch, weil man sie nicht leise gehen kann. Oben angekommen werde ich erwartet. Ein Blick, voller Hoffnung und Skepsis zugleich, aus zwei müden, alten Augen: Müller, eigentlich „Herr Müller“, (bei Annette auch mal „Mülli“) liegt auf unserer Fußmatte.

Der alte Kater ist unwahrscheinlich fett und sicherlich auch unwahrscheinlich alt, aber so genau weiß das keiner. Er würde angeblich im Tierheim abgegeben. Dazu ein Zettel, auf dem „Müller“ stand, weiter nichts. Alle hier nennen ihn Herrn Müller. Und Herr Müller gehört zwischen unser Haus und den Bäckerladen, wie Carl Zeiss zu Jena.

Seit es kalt, nass und neblig ist, schleicht der fette Kater manchmal bei uns ins Haus, erklimmt die Treppen bis in die dritte Etage und legt sich zum Nickerchen auf unserer Fußmatte nieder. Dass er so viele Stufen bewältig, obwohl auch in den anderen Stockwerken Fußmatten zur Verfügung stünden, spricht dafür, dass Müller ein absoluter Genießer und Genusskater ist. Zwar bin ich nie Probe gelegen, aber auch so erkenne ich, dass die anderen Fußabstreifer kratziger sind als unserer. Außerdem hat man bei uns relativ viel Ruhe. Es sei denn Annette kommt. „Ohhr, Müller!“ ruft sie immer erschrocken, wenn sie die Türe aufreist oder von untern hochkommt und das Tier mal wieder auf unsrer roten Matte hockt. Mitleid hat sie mit dem Greis keines. „Der sabbert!“ sagt sie. Durchschnittlich dauert es zehn Minuten Müller hinaus zu begleiten, weil der alte Junge beim Treppen hinab gehen seine Betagtheit gerne unterstreicht. Die Zeit nimmt sich Annette, auch wenn Müller dabei bisweilen Seufzer und Stöhngeräusche von sich gibt. Müller weiß schon, dass er bei Annette keine Gnade bekommt und erhebt sich bei „Ohhr Müller!“ immer von selbst langsam und dem Alter entsprechend. Das gleiche tut er, als er mich kommen sieht. Jedoch bin ich weder erschrocken noch sage ich „Ohhr Müller!“. Es ist erst kurz nach zehn Uhr früh. Annette ist noch auf der Arbeit und kommt vor 13 Uhr auf keinen Fall zurück. „Na Müller, alter Junge!“ begrüße ich das Dickerchen und zeihe meine Schuhe aus. Da ich sicher bin, dass er nicht wie Annas dämlicher Kater, Macho, eine Vorliebe fürs Urinieren in menschliches Schuhwerk hat, schiebe ich meine abgelatschten Treter einfach zur Seite. Während ich nach dem Schlüssel krame, beobachtet mich Müller mit wachsender Hoffnung ohne dabei von der Fußmatte zu weichen. Ich mag das Vieh. Es hat Charakter. Außerdem sabbert es gar nicht und solange es nicht inkontinent ist und riechbare Spuren vor unserer Einganstüre hinterlässt….

Ich werde Annette nicht erzählen, dass ich hinter mir einfach vorsichtig die Türe zugemacht habe und als ich eineinhalb Stunden später wieder zum Unterricht gegangen bin, Müller immer noch auf unserem Fußabstreifer lag. Er hat geschlafen, nicht gesabbert und ist diesmal nichtmal aufgestanden, als ich die Türe geöffnet habe.

 

Begegnen:

Begrüßungen und Verabschiedungen sind regional sehr unterschiedlich. Während u. a. die Bayern, Franken und Österreicher einen oft damit beauftragen Gott zu Grüßen (?), wird man in Heidelberg gleich mit dem Allmächtigen verwechselt: Allah, tschüss! Dank vierzig Jahre Sozialismus hat man es im Osten mit den Göttern ja nicht so. Etwas befremdlich finde ich „Tschüssi“ trotzdem. Zumal ich noch kein „Halloi“ oder „Aufi Wiedersehni“ gehört habe.

 

Für jetzt trotzdem: Tschüssi!

Vielleicht folgt eine Fortsetzung ostdeutscher Erlebnisse im zweiten Jenaer Semester.

 

 

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