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Würzburg
„Meine Damen und Herren, in wenigen Minuten erreichen wir Würzburg Hauptbahnhof!“ Die Durchsage ertönt in schönstem Mittelfränkisch. Der Zugführer ist wohl schon in Nürnberg eingestiegen und hat sein laterales „l“ bis tief hinein ins Unterfränkische gefahren. Ich nehme meinen Ruchsack mit den letzten drei Päckchen ostdeutscher Hallorenkugeln und stelle mich zusammen mit anderen ungeduldigen Passagieren an die Tür, obwohl der Bahnsteig noch nicht zu sehen ist. Ein kleines Nönnchen mit Brille kann es nicht erwarten, endlich anzukommen. Nonnen müssen in Würzburg aussteigen. Wo sonst? In Rom vielleicht oder in Santiago de Compostela, wobei man als ordentliche Nonne da lieber zu Fuß hingehen sollte. In Eichstätt oder irgendwo in Polen wäre auch möglich. Aber so wunderbar katholisch wie in Würzburg ist es sonst in ganz Franken nirgendwo – nichteinmal in Untertheres am Main, wo ich am ersten Januar gemeinsam mit Sabrina und ihrem Vater das „Sonntagsblatt“ ausgetragen habe. Der Würzburger gehört zu der Sorte Franken, die erstens gut zu verstehen ist, (auch wenn man sich gerade mehrere Monate im innerdeutschen Ausland (= Jena) befunden hat) und zweitens (möglicherweise ergibt sich das aus erstens) nicht nur freundlich ist (denn das sind alle Franken), sondern sogar als freundlich empfunden wird. Er unterscheidet sich damit deutlich von seinen unterfränkischen Artverwandten in der Rhön oder auch im Bereich Hassberge. Bereits am Fahrkartenautomaten darf ich diese Erfahrung machen. Ich drücke systematisch mehrer Knöpfe, um für die Fahrt zum Haus meiner Großeltern auf der anderen Seite der Altstadt weniger als 2,10 Euro zahlen zu müssen, denn dieser Preis scheint mir zu heidelbergerisch. Wenn in Würzburg die „Hörnle“ nur die Hälfte von den „Croissants“ in Heidelberg kosten, müssen doch auch die Fahrkarten billiger sein. Eine Männerstimme erklärt von hinter meinem Rücken, dass das der Einzelfahrpreis ist, während sich gleichzeitig ein Finger an meinem Kopf vorbeischiebt und auf die elektronisch angezeigten 2,10 deutet. Dann komme ich wohl nicht darum herum, diesen Preis zu zahlen. Ich nutze die Gelegenheit und frage den Herrn auch gleich, ob er weiß, wie man zur „Adálbero-Kirche“ kommt. „Zur Adalbeeeeero-Kirche…“, antwortet er und weist mich durch besonders deutliche Artikulation des Eigennamens auf meine falsche Aussprache hin. Ich mag Würzburg. Obwohl es unerträglich katholisch ist. Wenn ich es mit hätte aussuchen können, ich hätte in Würzburg studiert. Der Preis für die „Hörnle“, die Freundlichkeit der Bürger, dass ´ma hier Fränkisch red´, meine Großeltern hätten eine Wohnung für mich und eine Frisbeemannschaft gibt es auch. Ernsthaft: Würzburg hat eine hohe Lebensqualität: Biergärten, Berge, Main und Flair, Wein, Weinberge, Ausflugslokale in den Hügeln, die die Stadt umgeben, Wald, die grüne Lunge, Parkanlagen, Sonne, viel Sonne und das Tiepolo Deckengemälde. Wenn Semesterferien sind, so wie jetzt, gibt es in Würzburg fast nur alte. Keine Skateboards, keine Inliner, dafür Rollstühle und Rollatoren. In Würzburg wird man alt. Würzburg ist eine Stadt zum Altwerden. Meine alten Verwandten leben in Würzburg. Meine Oma, mein Opa, meine Großtante Rita.
Wir fahren über die Brücke. Die Sonne scheint in Würzburg auch Anfang Januar. Unzählige Türme ragen über die Dächer hinaus in den blauen Himmel. Kirchtürme, Zwillingstürme, Glockentürme, runde Türme, dicke Türme, eckige Türme, der Neubauturm. „Guck mal Betty“, sagt mein Opa zu meiner Oma. Sein Blick schweift über die Altstadt und seine alte Hand hebt sich zur Fensterscheibe, weil der Platz nicht für eine große Geste reicht. „Guck mal Betty, alle diese Türme haben wir gemacht.“ Auch mein Blick schweift über die Altstadt und ihre Türme. Betty weiß, wer die Türme gemacht hat. Ich weiß auch, wer die Türme gemacht hat. Aber mein Opa weiß nicht, dass ich weiß, wer die Türme gemacht hat, denn sein Gedächtnis hat nachgelassen. Alle diese Türme, außer dem Dom, hat seine Zimmerei gemacht als Würzburg nach dem Krieg das „Grab am Main“ war und kein Stein mehr auf dem anderen stand. Bei Kaffe und Kuchen erzählt mein Opa von damals. Eine Geschichte, die sich jedes Mal ein bisschen anders anhört. Vielleicht ist nicht alles genau so gewesen, wie er es diesmal erzählt, aber ich höre trotzdem wieder zu, weil irgendwann gibt es keine Variante mehr und niemanden, der eine erzählen kann. 5. Januar 2009 |