KÜSTENRAKETENSYSTEM RUBESH
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Bildquelle: Mehl/Schäfer/Israel
Selbstfahrende Startrampen des KRS RUBESH
Als im Jahre 1991 dem Kommandeur
des Marinekommandos Rostock der Bundesmarine das Küstenverteidigungssystem RUBESH
erstmals vorgeführt wurde, bezeichnete er seine Erkenntnisse als
"Beeindruckend". Damit hatte er sicher recht, denn es gab im
NATO-Ostseeraum nichts Vergleichbares. Regelmäßig fuhren die riesigen
Startrampen auf dem Basisfahrzeug MAZ 543 zum Nationalfeiertag an der Tribüne
der emsig winkenden Partei- und Staatsführung vorbei, trotzdem waren die
Informationen zu diesem Verteidigungssystem eher spärlich. Ein Grund mehr sich
noch einmal mit RUBESH zu beschäftigen.
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Was war RUBESH? |
RUBESH war ein mobiles Verteidigungssystem, das aus dem Küstenstreifen heraus gegnerische Überwasserziele bis zu einer Tiefe von rund 10 Kilometern bekämpfen sollte. Bevorzugte Ziele waren schnelllaufende Ziele wie gegnerische FK-Schnellboote. Dazu wurden selbstfahrende Startrampen (SSR) eingesetzt, die jeweils mit 2 Flugkörpern P21 (SS- N-2 Charlie) oder P22 (SS- N- 2 Delta) ausgerüstet waren.
RUBESH wurde auf Empfehlung des sowjetischen Marshalls Kulikow in der DDR eingeführt, der Zulauf begann 1980. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass die SU dieses System erst später als der "kleine Bruder DDR" zum Einsatz brachte. Am 1. November 1983 wurde dann das Küstenraketenregiment 18 aufgestellt. Der Standort war Schwarzenpfost, ca. 15 km vor Rostock in einem Waldstück von ca. 450 000 m2 Größe liegend. Insgesamt sollten zur Ausrüstung des Regimentes 12 mobile Rampen gehören. Diese waren wiederum in 3 Abteilungen aufgegliedert, die 1990 aber noch nicht komplett waren. Zu diesem Zeitpunkt waren erst 10 SSR mit je 2 FK einsatzbereit. Zwei SSR befanden sich im "Diensthabenden System (DHS)". Der Truppenteil war mit umfangreicher Spezialtechnik ausgestattet, u.a. 23 mobile Nachrichtensätze unterschiedlicher Art, rund 140 Spezial- Kfz. wie ein MAZ 543 als Ausbildungsfahrzeug, Nachlade-, Regel- und Messfahrzeuge, Werkstattwagen, Stromversorgungssysteme, Transporter für Raketentreibstoffe, Bergetechnik sowie Tanklösch- und Neutralisationsfahrzeuge.
Das 376 Kilogramm schwere Gefechtsteil der Rakete P21 enthielt rund 300 Kilogramm TGAG-5, ein Sprengstoffgemisch aus Trotyl, Hexagen und Aluminium. Als Starttriebwerk war ein Feststoffbooster (7 lange Pulverstangen) vorhanden. Das Marschtriebwerk der Rakete wurde durch flüssige Komponenten angetrieben (Oxydator und Brennstoff im Verhältnis 3:1). Der Oxydator (Melange 20K) bestand aus einem konzentrierten Salpetersäuregemisch. Der Stoff ist sehr toxisch und ätzend. Deshalb waren die Rohrsysteme der Betankungs- und Transporttechnik aus Chrom-Nickel und Vanadiumlegierungen gefertigt. Der Brennstoff (Samin) war ein organisches Gemisch auf Aminenbasis und sehr giftig. Der Umgang mit den Treibstoffkomponenten erforderte umfangreiche Schutz- und Sicherheitsmaßnahmen.
| Flugkörper-Typ | SS-N-2C (P21) | HARPOON RGM-84A |
| Durchmesser | 0,75 Meter | 0,34 Meter |
| Länge | 6,6 Meter | 4,6 Meter |
| Gewicht | 2585 Kilogramm | 620 Kilogramm |
| Geschwindigkeit | 0,9 Mach | 0,85 Mach |
| Reichweite | 45 Seemeilen | 80 Seemeilen |
| Zielsuchsystem | Radarsuchkopf | Radarsuchkopf |
| Gefechtsladung | ca. 300 Kilogramm | ca. 230 Kilogramm |
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Schießen mit RUBESH |
Aufgabe: Bekämpfen eines Schiffsverbandes mit Kampfschiffen, Küstenraketentruppen und Marinefliegerkräften
Die ersten Aktionen beginnen die Kampfschiffe in Zusammenwirkung mit den Küstenraketentruppen. Als Schiffsfühlungshalter ist ein eigenes kleines und schnelles Boot eingesetzt, das radarmäßig gut getarnt, lange Informationen über die gegnerischen Kräfte liefern kann. RUBESH benötigt Angaben über die Schusspeilung und Schussentfernung. Diese werden von einem vereinbarten und vermessenen Küstenpunkt genommen. Die Schlagzeit ist allen beteiligten Einheiten bekannt und muss genau eingehalten werden. Erfolgt der Befehl zum Raketenangriff verlegen jeweils 2 Startrampen aus dem Bereitschaftsraum in die Startstellung. Die Startstellung ist ebenfalls genau vermessen, nur so können Peilung und Entfernung stimmen. Nach dem Start verlegen die Rampen in den Nachladeraum. Hier werden neue Raketen übernommen. Die Normzeit zum Nachladen beträgt eine Stunde. In dieser Zeit greifen die Marineflieger mit ihren Jagdbombern SU-24M sowie schnelle Kampfschiffe mit FK-Bewaffnung den gegnerischen Verband an. Der zweite Schlag der Küstenraketentruppen findet unter verschlechterten Bedingungen statt. Wahrscheinlich wurde der erste Raketenstart durch Satellitenaufklärung erkannt. Der Gegner konnte unter günstigen Umständen seine Einheiten verlegen oder die Rampen und den Fühlungshalter selbst angreifen.
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Bildquelle: Sammlung Myagkov
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Wie findet RUBESH sein Ziel? |
Die P21 war mit einem Radarzielsuchkopf ausgestattet, er trug die Kurzbezeichnung DMSAÄ, die P22 war mit einem Infrarotkopf ausgerüstet (SNEGIR). Bei der Zielsuche und Zielverfolgung lieferten beide Köpfe in Zusammenarbeit mit dem Autopiloten und dem Funkhöhenmesser die entsprechenden Steuersignale.
Vor dem Raketenstart (Schiff oder Rampe) wird die Zielsuchanlage mit den entsprechenden Daten für Peilung und Distanz versorgt. Diese Daten können vom Funkmess-System des Fühlungshalters oder von der Rampe selbst bereitgestellt werden. Auch wird die Einschaltentfernung (Zuschalten der Zielsuchlenkanlage vor dem Ziel) festgelegt. Bis an diesen Flugpunkt wird die Rakete durch den Autopiloten gesteuert. Bei Flug über Autopilot ist die P21/22 durch elektronische Störmaßnahmen nicht beeinflussbar. Einzig durch Artillerie oder Luftabwehrraketen ist eine Zerstörung möglich. Nach Literaturangaben wurde die Zielsuchlenkanlage 19,5 km vor dem Ziel zugeschaltet, d.h. bei einem Einzelziel ergab sich eine sehr hohe Auffasswahrscheinlichkeit von 0,84. Nach dem Einschalten beginnt die Zielsuchlenkanlage sofort mit der Zielverfolgung. Bei dieser Entfernung hat das Ziel noch rund eine Minute Zeit gegen die anfliegende Rakete Abwehrmaßnahmen einzuleiten. Sollten die vom Funkmess-System vorgegebenen Daten (Peilung und Distanz) nicht mehr stimmen oder verloren worden sein, kann die Rakete selbst mit ihrer Antenne in einem Sektor von 12,5 Grad den Funkmesshorizont absuchen. Sie kann jetzt das eingestellte Ziel neu auffassen oder auch ein Neues in diesem Sektor finden.
Mit Einschalten der Zielsuchlenkanlage sendet die Rakete aktive Signale auf einer bestimmten Frequenz (Gefechtsfrequenz) aus; sie ist dadurch durch aktive und passive Störmaßnahmen beeinflussbar. Es gab bei der VM insgesamt drei Gefechtsfrequenzen und eine Übungsfrequenz. Allerdings zeigte die Praxis, dass passive Störungen (Düppelwolken) eine anfliegende Rakete kaum behindern. Das aktive Stören der Gefechtsfrequenz und somit die Beeinflussung des "Suchfensters" der Rakete ist für das Zielobjekt überlebenswichtig. Versuche in den USA mit zur Verfügung gestellten P21 bestätigten die geringe Größe des Suchfensters. Dadurch ist es natürlich sehr schwer in dieses Fenster einzudringen und es aktiv zu stören. Bei den amerikanischen Versuchen wurde auch die Flughöhe der Rakete auf 15 Meter gesenkt (VM-Standard war 50 bzw. 25 Meter). Damit ist der Flugkörper für das Abwehrradar noch schwerer zu orten.
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Was wurde aus RUBESH ? |
Obwohl das Küstenverteidigungssystem RUBESH bei diversen Vorführungen seinen Eindruck nicht verfehlte, war die Übernahme in die Bundesmarine von Anfang an kein Thema. Allerdings erweckten die infrarotgesteuerten Raketen des Typs P22 mit ihrem Zielsuchkopf "SNEGIR" bei den Wehrtechnischen Dienstellen 71 (Eckernförde) und 81 (Greding) großes Interesse.
Das Gros der mobilen Startrampen, Raketen P21 und Zubehörtechnik traten auf dem RO-RO-Schiff "American Condor" eine Reise zur Testbasis der US-Navy bei Pt. Mugu (Kalifornien) an. Hier fanden in der folgenden Zeit umfangreiche Versuche mit teilweise überraschenden Ergebnissen statt. Je eine weitere Startrampe soll sich in Großbritannien und in Israel befinden.
Das Militärhistorische Museum der Bundeswehr in Dresden besitzt ebenfalls eine selbstfahrende Startrampe (SSR), die inzwischen auch besichtigt werden kann. Mit viel Eigeninitiative, Sachverstand und Fleiß ist es gelungen die Startrampe aus dem Depot in das Museum zu überführen und jetzt der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das Militärhistorische Museum befindet sich am Olbrichtplatz 2, die Öffnungszeiten sind Dienstag bis Sonntag von 09:00 Uhr bis 17:00 Uhr, der Eintritt ist frei.
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Die SSR auf dem Gelände des Militärhistorischen Museums im Oktober 2002
Hier noch einige technische Daten:
Länge: 13950 mm, Breite: 3150 mm, Höhe: 4050 mm, 7000 mm mit Antenne ausgefahren, Bodenfreiheit: 400 mm, Spurbreite: 2375 mm
Wenderadius: 13500 mm, Steigfähigkeit: 30 Grad, Überschreitfähigkeit: 2500 mm
Kraftstoffverbrauch: 125 l auf 100 km, Geschwindigkeit: 60km/h, Aktionsradius: 650 km
Leistung 525 PS (386 KW)
Gewicht: ohne Raketen 34995 kg, mit Raketen 40215 kg
Das Gelände des KRR 18 bei Schwarzenpfost ist längst beräumt, nichts erinnert mehr daran, dass hier einmal eine Elite-Einheit der NVA stationiert war.
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Überreste des KRR-18 (Zustand Frühjahr 2000)
Bildquelle: Sammlung Kutzsch
Bei der Erstellung dieser Seite wurde das im Verlag Edition Ost erschienene Sachbuch "Eine Elite-Einheit der NVA rüstet ab" verwendet. Der Autor Klaus-Peter Gödde war der letzte Kommandeur des Küstenraketenregiments-18. Für weiterführende Informationen ist dieses Buch unbedingt zu empfehlen.