Verbreitete Fetische
Die am häufigsten anzutreffenden Fetische sind Kleidungsstücke wie Schuhe, Gummistiefel (Schuhfetischismus), Strümpfe, Strumpfhosen, Unterwäsche, Schürzen, Lederkleidung, Sportbekleidung, Regenbekleidung, Badebekleidung, Jacken, Kopfbedeckungen, Windeln, Uniformen, Brillen und Piercings. Nicht selten beschränkt sich der Fetisch auf ein einziges Modell oder ein konkretes Exemplar. Entscheidend kann auch sein, ob die Kleidung getragen wurde oder wer der Vorbesitzer war.
Fetische, die keine Kleidungsstücke sind, scheinen weniger verbreitet zu sein. Meist handelt es sich um kleiderergänzende Objekte wie Militärorden, kleiderähnliche Objekte wie Gipsverbände (Gipsfetischismus) oder künstliche Gliedmaßen wie Prothesen oder auch Rollstühle. Ferner können Rauchinstrumente wie Zigarette und Tabakspfeife sowie das Rauchen als Tätigkeit ansprechend wirken (Rauchfetischismus).
Bei vielen Gegenstandsfetischen ist das Material des Gegenstands entscheidend. Dies geht soweit, dass der Gegenstand austauschbar wird, solange nur das Material dasselbe bleibt; man spricht in diesem Fall auch von Materialfetischismus. Typische bevorzugte Materialien sind Stoffe wie Leder, PVC-beschichtete Stoffe (Lack), Pelze, Wolle, Mohair, Seide, Jeans, Nylon, Satin, Lycra und Kunststoffe wie Latex und Gummi. Ferner können auch aufblasbare Objekte aufgrund ihrer Kunststoffhülle und ihrer Eigenart, platzen zu können, einen besonderen Reiz ausüben (Luftballonfetisch).
Auch Körperteile wie z. B. Füße, Beine, Pobacken, Busen, Achselhöhlen oder Ohren können Fetische sein.
Ursachen und Entstehung
Wann, warum und wie ein Fetisch entsteht, ist bis heute ungeklärt. Viele Fetische scheinen sehr früh im Leben eines Menschen zu entstehen, möglicherweise durch Konditionierung oder Prägung, andere entstehen später und können durch eine Psychoanalyse an einem konkreten Ereignis festgemacht werden. Auch Liebesentzug oder zu frühe Entwöhnung kommen nach manchen Forschern als Ursache in Frage. Fetischismus kann auch eine Begleiterscheinung einer komplexeren psychischen Störung sein. Es gilt als wahrscheinlich, dass Fetischismus nicht durch Vererbung weitergegeben wird, jedoch könnten vererbte Merkmale durchaus beeinflussen, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein Mensch fetischistische Neigungen entwickelt. Der folgende Unterabschnitt liefert einen Überblick über die wichtigsten Erklärungsansätze.

Aktuelle Forschung auf diesem Gebiet gibt es ebenso wenig wie Versuche, eine der im folgenden Abschnitt dargestellten, zahlreichen Theorien nachzuweisen. Viele Theorien basieren auf unbelegten Konzepten, andere erklären ?Tatsachen?, die empirisch nicht bestätigt sind. Einige Theorien dienen als Grundlage für Therapien, obwohl sie gänzlich unbewiesen im Raum stehen. All diese Vorgehensweisen sind gänzlich unwissenschaftlich und werden scharf kritisiert.
Theorien

Der Psychologe Alfred Binet vermutete 1887, Fetischismus entstünde durch Assoziation: Der Fetisch würde durch gleichzeitige Darbietung mit sexuellen Reizen untrennbar mit diesen verbunden.
Um 1900 äußerte der Sexualforscher Havelock Ellis die Vermutung, ungewöhnliche sexuelle Neigungen entstünden in der Kindheit durch erotische Erlebnisse mit dem eigenen Körper. Diese Äußerung war revolutionär, denn bis zu diesem Zeitpunkt sprach man Kindern jegliche sexuelle Gefühle ab. Nach Ellis' Theorie des erotischen Symbolismus ersetzen ungewöhnliche Sexualpraktiken symbolisch den normalen Geschlechtsakt.
1912 schloss sich Richard von Krafft-Ebing der Ansicht Binets an, der Fetisch entstünde in frühester Jugend, indem der spätere Fetisch zufällig während einer der ersten sexuellen Empfindungen im Leben eines Menschen präsent sei. Von Krafft-Ebing erkannte, dass diese Theorie die Vielzahl möglicher Fetische erklären würde, konnte sich aber keinen Reim darauf machen, warum gerade diese Assoziation ein Leben lang bestehen bleibe. Die einzige Erklärung schien für ihn eine vorliegende psychische Entartung und sexuelle Überempfindlichkeit zu sein; für ihn war Fetischismus damit eine Krankheit. [3]
Der Sexualforscher Magnus Hirschfeld stellte 1920 die Theorie der partiellen Attraktivität auf, nach der sexuelle Attraktivität niemals von einer Person als Ganzes, sondern immer von einzelnen Persönlichkeitsmerkmalen ausgehe. Er führte aus, dass fast jeder eine Vorliebe für bestimmte Merkmale habe und nannte dies gesunden Fetischismus. Krankhafter Fetischismus entstünde laut Hirschfeld dann, wenn ein Einzelmerkmal überbewertet und von der Person losgelöst würde.

Hirschfelds Theorie wird oft mit Blick auf die Geschlechterrollen dargestellt: Frauen stellen sich zur Schau, indem sie einzelne Objekte präsentieren (z. B. Schmuck, lange Beine), Männer reagieren auf diese Einzelmerkmale mit sexueller Erregung. Damit soll gleichzeitig die unbelegte Tatsache erklärt werden, warum mehr Männer als Frauen Fetischisten seien.
Die psychoanalytische Auffassung des Fetischismus geht von der Erfahrung aus, dass der Fetisch ein realer Gegenstand ist (z.B. ein Damenschuh), dass aber das sexuell Erregende daran der Fantasiewelt entstammt. Genau deshalb ist ja demjenigen, der den Fetisch nicht teilt, auch nicht verständlich zu machen, was daran sexuell erregend sein soll. Die erregende - oft auch dem Fetischisten unbewusste - Fantasie stammt aus der kindlichen Erlebniswelt, welche Sigmund Freud erstmals in seinen "Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" von 1905 als Erklärungsgrundlage der "sexuellen Abirrungen" unterbreitete. Zu den "infantilen Sexualtheorien" (d.h. den sachlich falschen, gleichwohl ubiquitären entwicklungsbedingten Sexualfantasien des Kindes) gehört seiner Ansicht nach vornehmlich die "Theorie", dass es nur ein Geschlecht gäbe, nämlich das mit einem sichtbaren Penis ausgestattete (welches man nicht das männliche nennen kann, weil es den Unterschied männlich-weiblich in frühem Alter noch nicht gibt). Mit diesem Penis stattet das Kind auch seine Mutter aus, deren Penislosigkeit es aus Angst (Kastrationsangst) nicht erträgt. Der spätere Fetisch wird an derjenigen Erlebnisstelle aufgerichtet, an welcher unbewusst die Kastration droht. Zur weiteren Erklärung dieser vielen Lesern befremdlichen Vermutungen ist Freuds Schrift "Die Ichspaltung im Abwehrvorgang" von 1938 nützlich, in welcher er zeigt, dass zwei logisch unverträgliche Überzeugungen über die Realität in einem Individuum gleichzeitig gelten können, ohne dass dieses Individuum psychotisch ist. Diese Feststellung ist von größter Bedeutung für die Psychopathologie. - Spätere psychoanalytische Autoren (Masud Khan, Morgenthaler, Chasseguet-Smirgel, McDougall u.a.) haben sich vor allem mit der Frage beschäftigt, welche Funktion der Fetisch im Bezugsrahmen von Persönlichkeitsstörungen hat. Er scheint hier oft Fehlstellen des Identitätsgefühls sozusagen zu überdecken oder zu überbrücken. Hierhin gehört auch die Theorie des "Übergangsobjekts" von Winnicott. Donald W. Winnicott stellte 1951 in einem Vortrag seine Theorie der ?Übergangsobjekte und Übergangsphänomene? vor[12]. - Das Charakteristikum des Übergangsobjekts ist, dass es für das Kleinkind sowohl ein Ding der äußeren Wirklichkeit ist (z.B eine Schmusedecke) wie auch eine Objektbeziehungsfantasie. Es verschafft dem Kind ein Sicherheitsgefühl, "als ob" das Übergangsobjekt die Mutter oder ein Teil der Mutter wäre. Damit hat das Übergangsobjekt ähnliche Charakteristiken und Funktionen wie der Fetisch, obwohl es kein Fetisch ist.

Dem Behaviorismus entstammt die Theorie, sexueller Fetischismus entstehe durch Klassische Konditionierung. Sexueller Reiz und späteres Fetischobjekt würden durch gleichzeitige Darbietung z. B. beim Masturbieren über einem Foto einer Frau in Reizwäsche in einem Lernprozess miteinander verkoppelt. Diese Ansicht ist im Wesentlichen identisch mit Binets Ansatz, sie präzisiert jedoch den vagen Begriff Assoziation zu klassischer Konditionierung. Die Theorie hat zwei große Schwachpunkte: Zum einen müsste nach ihr auf Dauer jeder Mensch fetischistische Neigungen entwickeln und zum anderen müssten Anzahl und Art der Fetische sehr viel höher sein.
Die Superstimulus-Theorie (engl. Superreiz) ist eine Spezialisierung des behavioristischen Ansatzes und betont, dass ungewöhnlichere Fetische durch Generalisierung entstehen könnten: Löst ein bestimmter Reiz ein Verhalten aus, so können mit der Zeit auch ähnliche Reize dasselbe Verhalten auslösen der auslösende Reiz wird generalisiert. Beim Fetischismus würden gewöhnliche Merkmale sexueller Attraktivität generalisiert. So würde nicht mehr nur der normale Reiz glänzende, glatte Haut sondern irgendwann auch der fetischistische Reiz glänzender, glatter Kunststoff eine sexuelle Reaktion auslösen. Als Indiz wird gerne das Little Albert Experiment angeführt, in dessen Verlauf einem elf Monate alten Jungen Angst vor einer Ratte anerzogen wurde. Diese Angst steigerte sich mit der Zeit zu einer ausgeprägten Fellphobie. Die Generalisierung erklärt einige Fetische (z. B. Kunststoff) besser, andere hingegen (z. B. verstümmelte Körperteile) nur ungenügend.
Die Preparedness-Theorie (engl. Bereitschaft) führt Fetischismus auf biologische und evolutionäre Faktoren zurück. Preparedness nennt man die Eigenschaft von Lebewesen, auf gewisse Reize ohne lange Konditionierung spontan gewisse Reaktionen zu zeigen. So kann etwa der Anblick einer Schlange Panik auslösen, obwohl die betroffene Person nie etwas mit Schlangen zu tun hatte und auch nicht um deren Gefährlichkeit weiß. Der Theorie nach entsteht Preparedness durch evolutionäre Selektion: Wer Angst vor Schlangen zeigt läuft weniger Gefahr, an deren Gift zu sterben, und kann sich mit höherer Wahrscheinlichkeit fortpflanzen. Für gewöhnlich wird Preparedness als Erklärungsansatz für Phobische Störungen herangezogen, sie kommt aber auch für den sexuellen Fetischismus in Betracht. Die Theorie hat mehrere Schwachstellen: Zum einen gibt es keine Hinweise darauf, dass Fetischismus vererbt wird, zum anderen scheint es unwahrscheinlich, dass Fetische wie Brillen auf diese Weise entstehen können.
Der Neurologe Vilaynur S. Ramachandran wies 2002 darauf hin, dass der Bereich der Großhirnrinde, in dem die Sinneswahrnehmungen der Füße verarbeitet werden, direkt neben der Region befindet, die auch für die sexuelle Stimulation zuständig sind. Er interpretierte dies als möglichen Grund, warum Fußfetischismus besonders weit verbreitet sei[13]. Diese eher scherzhaft gemeinte Theorie liefert nicht nur keinen Erklärungsansatz für alle anderen Formen des Fetischismus, sondern ignoriert auch die Tatsache, dass Fußfetischisten ihre Lust hauptsächlich aus den Füßen anderer beziehen, nicht aus den eigenen.
In einer Studie aus dem Jahre 2004 wurden Japanwachteln darauf konditioniert, statt mit einem lebenden Sexualpartner mit einer unbelebten Puppe aus Frottee-Stoff zu kopulieren. Nach Abschluss der Erwerbsphase wurde das Verhalten nicht wie gewöhnlich nach und nach verlernt, sondern erhielt sich durch Wiederholung selbst aufrecht; es hatte sich gewissermaßen zu einer tierischen Form des sexuellen Fetischismus entwickelt. Nach Meinung der Forscher könnte dieses Modell als Vergleich zum Menschen dienen und zu neuen Erkenntnissen über die Entstehung des Fetischismus führen. Der Versuch könnte das Argument entkräften, Fetischismus könne nicht durch klassische Konditionierung entstehen, da das so erlernte Verhalten nach einer Weile wieder vergessen werde[14]. Weiterführende Experimente, die auf dieser Erkenntnis aufbauen, gibt es nicht.
Verbreitung
Es gibt praktisch keine Erkenntnisse über den Verbreitungsgrad von Fetischismus. Weder ist bekannt, welcher Anteil der Bevölkerung fetischistisch veranlagt ist, noch aus welchen Bevölkerungsgruppen sich die Menge der Fetischisten zusammensetzt. Forscher führen an, Zahlen seien schwierig zu ermitteln, da Fetischisten nur selten therapiert würden und Menschen sexuelle Kontakte unterschiedlich bewerten würden[15]. Dies trifft jedoch auch auf andere Paraphilien zu, für die trotzdem umfangreiche Statistiken existieren (z. B. Sadismus).
Trotz fehlender genauer Zahlen ist durch mehrere bestätigte Diagnosen gesichert, dass Fetischismus nicht nur bei Männern, sondern auch bei Frauen auftritt. Verschiedene Indizien deuten an, dass Fetischismus häufiger bei Männern auftritt als bei Frauen; dazu gehören die Geschlechterverteilung in Chatrooms und stationäre Krankenhausaufenthalte aufgrund von Fetischismus bedingten Unfälle (laut [16] im Jahr 2002/03 in England 86% Männer; die Quelle ist aber zweifelhaft).
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