Kurt Schwitters und Anna Blume - Interpretationsversuch

Kurt Schwitters' Popularität begründete eine Dichtung, die 1919 unter dem Titel Anna Blume erschien. Sie erlebte in kurzer Zeit mehrere Auflagen und Variationen und zählt zu den bekanntesten Textes des Dadaismus. Das Gedicht Anna Blume verbindet auf parodistische Weise Elemente der Liebeslyrik, das "Andichten" und "Ansingen" der Geliebten mit Elementen der Nonsense-Poesie, die lyrisches Sprechen selbst ad absurdum führte. Als eine Art Wortkunst-Collage nimmt das Gedicht zugleich das Prinzip ernst, heterogene Materialien, in diesem Falle disparate semantische Felder, unvermittelt gegeneinander zu setzen. Die Collagenform wird an der in den Text einmontierten Preisfrage besonders deutlich, die einen Syllogismus parodiert: 1.) Anna Blume hat ein Vogel. 2.) Anna Blume ist rot. 3.) Welche Farbe hat der Vogel. Die parodistische Form hat bei Schwitters durchaus eine virtuose Prägung erfahren. Sie ähnelt der Bildcollagen-Produktion insofern, als Schwitters jenen banalen, wie eine Wandkritzelei wirkenden, syntaktisch eigenwilligen Satz Anna Blume hat ein Vogel. zum Materialelement seiner Dichtung macht. Damit ist der Text noch keineswegs zu einem schieren Unsinnstext geworden.
Schwitters selbst hat sich gegen den Begriff "Unsinn" nie gewehrt, weil er ihn selbst, und zwar in ironischer Verkehrung mit positiver Bedeutung, auf seine Merzkunst angewendet hat:
Ich werte Sinn gegen Unsinn. Den Unsinn bevorzuge ich, aber das ist eine rein persönliche Angelegenheit. Mir tut der Unsinn leid, dass er bislang so selten künstlerisch ausgeformt wurde, deshalb liebe ich den Unsinn.
Die Ironie in Schwitters Gedichten ist nicht nur auf deren thematisches und sprachliches Material bezogen, sondern zielt stets auch auf die literarische Gattung der Lyrik selbst. In den für Anna Blume typischen grammatischen "Fehlern" (Rot liebe ich Anna Blume, rot liebe ich Dir...), in der Mixtur von Umgangssprache, artifiziellen Wortkunstfragmenten (Du, Deiner, Dich Dir, Du mir, - - - - wir?), Philosophismen (Du bist, bist DU?), Paradoxien (Blau ist die Farbe Deines gelben Haares), poetischen Lobpreisungen (Ich träufle Deinen Namen), petrarkischen Oxymora wie kalte Glut und witzigen Doppeldeutigkeiten wie Weißt Du es Anna, weißt Du es schon, / Man kann Dich auch von hinten lesen./ Und Du, Du herrlichste von allen, / Du bist von hinten, wie von vorne wurde eine Gattung demontiert, die - bei allen Unterschiedlichkeit der literarischen Praxis - von Storm über George bis zu Becher als Inbegriff hochbedeutenden dichterischen Sprechens überhaupt galt.

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