Aus der Geschichte

Kurzer Abriss über die Geschichte des Ortes Hinsbeck, heute Teil der Stadt Nettetal an der niederländischen Grenze zu Venlo.

 

Erste Nennung und Bedeutung von Hinsbeck

Den ersten Hinweis auf den Namen Hinsbeck finden wir in einer Urkunde aus dem Jahre 1221. In dieser wird ein Philippus „sacerdos de Hensbec“ (Priester von Hinsbeck) als Zeuge genannt.

Als weitere Namensformen finden wir in Urkunden der Jahre 1238 „Heingstbeche“, 1288 „Henxbeke“ und im 14. Jahrhundert „Hengesbeke“. Zur Bedeutung des Namens schrieb Stefan Frankewitz: Die Endung „-beke“ kann problemlos als Bach übertragen werden. Das Bestimmungswort „Hins-„ ist wohl mit Pferden in Verbindung zu bringen: Hinsbeck bedeutet „Bach der Hengste“.

Auch wenn der erste schriftliche Beleg von 1221 stammt gilt es als sicher, dass der Ort wesentlich älter ist. So wird von jeher angenommen, dass Hinsbeck die älteste Pfarre im Land Krickenbeck ist. Darauf deutet auch der Pfarrpatron der katholischen Pfarrkirche hin, der hl. Petrus. Dieser tritt meist bei sehr alten Pfarreien auf. Der Sage nach begann der hl. Amandus von hier aus die christianisierung Hinsbecks und Umgebung. Heute noch befindet sich mitten Wald der Amandusbrunnen, im Volksmund „Hellijepöttche“ genannt.

Nach der Überlieferung ging die Hinsbecker Kirche aus einem heidnischen Tempel hervor, der in ein christliches Bethaus umgewandelt wurde.

                                Marktplatz mit Kirche ca. 1907

Hinsbeck und das Herzogtum Geldern

Hinsbeck gehörte zur Grafschaft Geldern. Die Grafschaft wurde 1339 zum Herzogtum erhoben und erstreckte sich von der Zuidersee im Norden bis nach Heinsberg im Süden, von Leerdam im Westen bis nach Bocholt im Osten.

Rund 80 % des Gebietes lag in den heutigen Niederlanden.

Das Herzogtum bestand aus vier Quartieren, den drei Niederquartieren Zutphen, Arnhem und Nijmegen sowie dem Oberquartier Roermond. Um 1450 umfasste das Oberquartier die Ämter Middelaar, Kessel, Geldern, Straelen, Wachtendonk, Montfort, Goch, Erkelenz und Krickenbeck. Es reichte vom Reichswald im Norden (zwischen Goch und Nijmegen) bis nach Nieuwstadt südlich von Roermond.

Hinsbeck lag im Oberquartier Roermond und bildete zusammen mit den Herrlichkeiten Wankum, Herongen, Leuth, Grefrath und Lobberich das Land Krickenbeck. Dieses wiederum war Bestandteil des Amtes Krickenbeck. Zum Amt Krickenbeck gehörten neben dem Land Krickenbeck auch Venlo - als eigenständiger Bezirk - und das Gebiet um Viersen. Hinsbeck war auch Sitz des Landgerichtshofs „de Geer“.

Den Namen erhielt Land und Amt von dem in Hinsbeck gelegenen Schloss Krickenbeck.

Regiert wurde das Land Geldern bis 1372 von den Grafen und Herzögen von Geldern. Als Erben übernahmen die Herzöge von Geldern und Jülich (1372-1423), später die Herzöge von Egmond (1423-1473 und 1492-1543) die Herrschaft. Zwischendurch regierten die Herzöge von Burgund (1473-1492).

Nachdem sich Herzog Wilhelm der Reiche im Jahre 1543 dem deutschen Kaiser Karl V. nach der Schlacht bei Venlo unterwarf (Kniefall von Venlo) und auf sein Herzogtum verzichtete, viel bei der folgenden Reichsteilung 1555/56 Geldern zusammen mit den Niederlanden an Spanien.

Nach dem niederländischen Befreiungskrieg von 1568 bis 1648, dem 80-jährigen Krieg, wurden die Niederquartiere Arnhem, Zutphen und Nijmegen Teil der Generalstaaten der Niederlande. Sie bilden heute im Großen und Ganzen die niederländische Provinz Gelderland. Das Oberquartier mit Hinsbeck blieb bei der spanischen Krone.

Unser Gebiet wurde seit je her von Kriegerischen Truppen heimgesucht, dies sollte sich auch jetzt nicht ändern. Die durchziehenden Truppen mordeten und brandschatzen im ganzen Land und brachten der Bevölkerung viel Leid und Tod. So wurden 1424 Grefrath und Viersen, und im Jahre 1428 Leuth durch Truppen des Herzog Adolf von Berg niedergebrannt.

Auch nach dem Frieden von 1648 kam das Land nicht zur Ruhe. Darum wurden die Schanzen in den Dörfern wieder hergestellt und die Eingänge verbarrikadiert. Man richtete eine zum Teil berittene Landwehr ein, in Hinsbeck gehörten dieser sechs Männer zu Pferd sowie 30 zu Fuß an.

Mit dieser Landwehr kam man in Notfällen den Nachbarorten zur Hilfe. Trotzdem ging Leuth im Jahre 1658 abermals in Flammen auf. 1684 wurde Hinsbeck von Franzosen verwüstet und niedergebrannt, Schloss Krickenbeck geplündert.

Die Gemeinde Hinsbeck hatte im Jahre 1713 Schulden in Höhe von 52710 Gulden, dazu kamen 2015 Gulden an rückständigen Zinsen. Für die damalige Zeit waren das Gewaltige Beträge. Lange Jahrzehnte konnte sich Hinsbeck von dieser Schuldenlast nicht befreien.

Zur Tilgung der Schulden mussten die spanischen Niederlande 1673 die Gerichtsbarkeit verschiedener Ämter verkaufen.

Freiherr Wolfgang Wilhelm von Schaesberg, Herr auf Schloss Krickenbeck, erwarb dabei die Gerichtsbarkeit im Amt Krickenbeck mit den Herrlichkeiten Hinsbeck, Wankum, Leuth und Herongen. Im einzelnen zahlte er 7700 Pfund für Hinsbeck, 7840 für Wankum, 5800 für Leuth und 3140 für Herongen. Er war damit Gerichtsherr und behielt den größten Teil aller anfallenden Gerichtsgebühren ein.

Im Verlauf des Spanischen Erbfolgekrieges besetzten preußische Truppen im Jahre 1703 das Herzogtum Geldern. Es wurde 1713 im Frieden von Utrecht aufgeteilt. Der westliche Teil um Venlo kam zu den Niederlanden, der östliche Teil mit den Ämtern Krickenbeck, Geldern, Straelen und Wachtendonk wurde dem Königreich Preußen zugeschlagen und war fortan Teil desHerzogthum Geldern königlich Preußischen Antheils“. An Österreich fielen die Stadt Roermond und die Gebiete um Niederkrüchten, Elmpt und Wegberg.

Doch noch immer gab es keine Ruhe für die Bevölkerung.

 

Hinsbeck unter französischer und preußischer Herrschaft

Die französischen Revolutionstruppen kamen 1792 an den Niederrhein. Auch Hinsbeck war betroffen. Zum Gegenangriff der preußischen Truppen am 3. Februar 1793 wird gemeldet: "Wir haben hier die zuverlässige Nachricht erhalten, dass bei Annäherung der königl. preußischen Truppen das Schloss Krickenbeck geräumt ist“.

Kurze Zeit später zogen Napoleons Truppen wieder ab. 1794 jedoch kamen sie zurück und brachten Ende Oktober 1794 die Lande westlich des Rheins endgültig in ihren Besitz. Hinsbeck gehörte bis 1814 zum französischen König- bzw. Kaiserreichreich.

Die Franzosen teilten das neu errungene Gebiet 1798 in die vier Departements Roer, Rhein-Mosel, Saar und Donnersberg ein. Das Amt Krickenbeck und damit auch Hinsbeck gehörte zum Roerdepartement.

Auf die Bevölkerung kamen harte Zeiten und umfangreiche Änderungen in allen Lebenslagen zu. Die Hinsbecker waren wie alle anderen hochgradig verarmt und die von den Franzosen auferlegten Zahlungen verbesserten die Lage nicht gerade.

Nach Napoleons entgültiger Niederlage im Jahre 1814 erfolgte laut Beschluss des Wiener Kongresses im Jahre 1815 die erneute Teilung des Gebietes. Die östliche Hälfte des ehemaligen Oberquartiers wurde wieder dem Königreich Preußen zugeschlagen, die westliche Hälfte fiel an das neu gebildete Königreich der Niederlande. Die neue Staatsgrenze verlief „einen Kanonenschuss von der Maas entfernt“, so dass Venlo, Arcen und Roermond den Niederlanden zufielen.

Das ehemalige Herzogtum Geldern hatte aufgehört zu existieren, über Jahrhunderte gewachsene Verbindungen wurden plötzlich zerrissen.

Von nun an gehörte Hinsbeck zum Königreich Preußen, welches später in das Deutsche Reich und schließlich in die Bundesrepublik Deutschland aufging.

Heute bildet Hinsbeck mit den Orten Leuth, Kaldenkirchen, Breyell und Lobberich seit der Kommunalen Neugliederung 1970 die Stadt Nettetal.

 

Einwohner

Hinsbeck war von je her landwirtschaftlich geprägt. Die meisten Berufstätigen verdienten als Ackerer oder Tagelöhner ihren Lebensunterhalt. In den Einwohnerlisten von 1801 und 1822 tauchen u.a. Bäcker, Händler und Schuster auf. Die Hinsbecker haben sich also größtenteils selbst versorgt.

Neben der Landwirtschaft spielte der Flachsanbau eine große Rolle. Leinwandweberei wurde in Hausarbeit betrieben. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die aufkommende maschinelle Webtechnik zu stark. Um die Jahrhundertwende gab es fast keinen Hausweber mehr in Hinsbeck. Als Weber arbeitete man nun in den großen Betrieben, meist in Lobberich.

Aus dem Flachsanbau stammt auch der landläufige Beiname der Hinsbecker – Hänsbäcker Jüüt. Jüüt oder Güt bedeutet im Raum Geldern und Hinsbeck „Spaßmacher, Narr“. Die Hinsbecker konnten wohl schon immer andere aus Jux hochnehmen, zum besten halten und ihnen einen Streich spielen.

Der Name leitet sich von der Jüüt ab, ein Arbeitsgerät der Flachsbleicher. Sie schöpfen damit das Wasser um damit die ausgelegten Flachsbahnen zu befeuchten (siehe Bild links).

 

Wenn beim Wasser „jitschen“ die Sonne im Rücken des Bleichers steht, kann man einen Regenbogen sehen. So führte man jemanden „hinters Licht“, und „hinters Licht“ führen auch die Hänsbäcker Jüüte.

Jahr

Einwohner

1736

1810

1801

1300

1815

2488

1822

2600

1827

2568

1850

2528

1871

2944

1895

3070

1900

2988

1906

2817

1964

4020

1970

4405

31.1.2003

5095

In etwa verlässliche Einwohnerzahlen liegen erst ab der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts vor. Im Jahre 1369 waren 58 Haushalte steuerpflichtig (zum Vergleich: Leuth 21, Herongen 9, Lobberich 68 und Venlo 153 Haushalte).

Wir wissen, dass nur ca. zwei Drittel aller Einwohner zu dieser Steuer herangezogen wurden. Hochgerechnet ergeben sich für Hinsbeck etwa 90 Häuser. Gehen wir von durchschnittlich 8 Bewohnern je Haus aus, ergibt sich im Jahre 1369 eine Einwohnerzahl von etwa 700 Personen.

Diese Zahl dürfte annähernd Richtig sein, da überliefert ist, dass um das Jahr 1500 in Hinsbeck 650 Menschen die Kommunion empfangen durften.

 

 

 

 

Als Quellen wurden herangezogen:

Hinsbeck 1946-1970; Gemeindeverwaltung Hinsbeck 1969

Das niederrheinische Hinsbeck; R.Jeuckens 1951

Hinsbeck-Geschichte,Sprache,Kultur; Verkehrs-und Verschönerungsverein Hinsbeck 1997

Hinsbecker Bote; Verkehrs-und Verschönerungsverein Hinsbeck 1989

Geschichte des Geschlechtes von Schaesberg bis zur Mediatisierung; Dr. Leo Peters 1972

Das Herzogtum Geldern; Historischer Verein für Geldern und Umgebung 2002

Die Geschichte der Herrlichkeit Leuth; Leop. Henrichs-Joh. Peters 1884

Wörterbuch der Hinsbecker Mundart; Hans Kohnen-Verkehrs-und Verschönerungsverein Hinsbeck 2003

Geschichte der Niederlande; Horst Lademacher 1983

Hinsbeck-Karten aus drei Jahrhunderten; Franz Josef Weuthen- Verkehrs-und Verschönerungsverein Hinsbeck 1976

Akten im Kreisarchiv Viersen und im Hauptstaatsarchiv Düsseldorf

 

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