Mondrian, gab im Jahre 1925 seine Bindung an De Stijl auf. Die zuvor von Mondrian in einem schrittweisen Rückzug aus der sichtbaren Natur erarbeiteten Werke gehören zu den eindrucksvollsten Leistungen des Konstruktivismus. Mondrian durchlief alle Kunstströmungen seiner Zeit vom Symbolismus bis zum Fauvismus, ehe er 1911 nach Paris umsiedelte und sich dort mit dem Kubismus beschäftigte. In dem Bild "Grauer Baum" zerlegt er wie im analytischen Kubismus die Strukturen des Baumes in prismatisch aufgerasterte Felder. Sie entfalten sich horizontal und nehmen den Charakter eines monochromen Glasfensters an.
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| Piet Mondrian, Der rote Baum, 1908,
Öl/Lw., 70 x 99 cm, Den Haag, Gemeentenmuseum |
Piet Mondrian, Grauer Baum, 1911,
Öl/Lw., 78 x 106 cm, Den Haag, Gemeentenmuseum |
Der Holländer Piet Mondrian
(1872-1944) gelangte wie Kandinsky über die fortschreitende Eliminierung
der Gegenstände in seinen Bildern zur abstrakten Malerei, jedoch mit
grundsätzlich anderem Ergebnis. Im Vergleich mehrerer Baumdarstellungen,
einer fauvistischen von 1908 und zweier mehr vom Kubismus geprägten
aus den Jahre 1911 und 1912, zeichnet sich Mondrians Vorgehensweise ab:
Die Farbpalette wurde reduziert, die klare Trennung zwischen Baum und Hintergrund
wich einem fast transparenten, den Raum verunklärenden Verhältnis,
und bei gleichzeitiger Abnahme der Detailgenauigkeit vereinheitlichte sich
die Strichstärke der Linien.
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| Piet Mondrian, Blühender Apfelbaum,
1912,
Öl/Lw., 78 x 106 cm, Den Haag, Gemeentenmuseum |
Piet Mondrian,
Komposition mit Farbflächen auf weißem Fond A, 1917, Öl/Lw., 50 x 44 cm, Otterlo, Rijksmuseum |
Die naturgebundenen Äste des "Grauen
Baumes" reduzieren sich in den folgenden Werken auf flexible Strukturen,
die allerdings noch die strenge Geometrie meiden.
Auf diesem Weg der Systematisierung
des Natureindrucks gelangte Mondrian schließlich in den frühen
20er Jahren zu seinem Neoplastizismus.
Das Bild "Komposition mit Farbflächen
auf weißem Fond A" vertritt den endgültigen Übergang zur
Abstraktion, indem auf Weiß schwebende farbige Vierecke ein scheinbar
irreguläres Spiel treiben. Die farbigen Rechtecke sind noch in gebrochenen
Primärfarben gehalten und überlagern sich teilweise. Das Bild
selbst geht zurück auf eine Studie nach der Natur, in der die Fassade
von Notre-Dame-des-Champs in Paris ins Zentrum gerückt ist. Die dunklen
Linienfragmente erinnern stellenweise an diesen Zusammenhang, während
das Streumuster eine offene Mitte einschließt.
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Nun wird der Klang einer vollen Harmonie zwischen den Elementen des Bildes und zwischen Kunst und Leben, wie er es verstand, sichtbar. Mondrian praktiziert nun das Repertoire seiner elementaren Gestaltung: Gerade Balken treffen im rechten Winkel aufeinander, bilden Räume und verketten sich wie in der "Quadratkomposition in Rot, Gelb und Blau" zu einem Gitterwerk mit schmalen und breiten Abständen. In den drei Primärfarben sind alle farbigen Akzente ausgeführt, wobei die Wahl der Farbfläche, ihre Ausdehnung und Position nicht der Logik, sondern einem reinen harmonischen Empfinden entspringen. In seiner Schrift "Der Neo-Plastizismus", die Mondrian 1920 veröffentlichte, legt er die Grundsätze seiner Malerei dar. Die Malerei sei, so erläutert er, eine "Kunst der reinen Verhältnisse", die wirksam bleibt, auch wenn das Viereck auf die Spitze gestellt wird und somit Dreiecke entstehen. |
| Piet Mondrian, Komposition in Rot,
Gelb und Blau,
1922, Öl/Lw., 41 x 49 cm, Berlin, Nationalgalerie |
Auf den ersten Blick wirken Mondrians geometrische Werke aussagelos. Sie erschließen sich aber in ihrer tieferen Bedeutung durch die Kenntnis des philosophisch-religiösen Hintergrundes. Der calvinistisch aufgewachsene Maler stand der Theosophie (griech. "Gottesweisheit") nahe, die in meditativer Berührung mit Gott den Sinn und den Bau der Welterkennen will. Nach Ansicht des holländischen Philosophen Schoenmakers, der auf Mondrian und die gleich gesinnte Künstlergruppe "De Stijl" (holl. " Der Stil ") einen großen Einfluss ausübte, besitzt das Universum eine mathematische Struktur. Wollte man also die Harmonie des Universums künstlerisch zur Anschauung bringen, so musste man dies auf geometrische Weise versuchen und den Gegenstand ausschalten, der mit seiner zufallsbestimmten Erscheinung vom Eigentlichen ablenkte.
Mondrian selbst war überzeugt: "Wenn man etwas durch die Sinne Wahrnehmbares darstellt, drückt man etwas Menschliches aus . . . Wenn man nicht die Dinge darstellt, bleibt Raum für das Göttliche. " Die Theosophie geht weiterhin davon aus, dass Formen und Farben (die auch der Mensch in einer nur für Wenige sichtbaren Aura ausstrahlt) beim Betrachter zu seelischen Vibrationen führen. Die Mitglieder des De Stijl leiteten aus dieser Erkenntnis geradezu eine Mission ab. Bestätigt sahen sie sich darin durch den niederlandischen Philosophen Spinoza, der schon im 17. Jahrhundert gelehrt hatte, menschliches Glück hänge von der wahren Erkenntnis ab, zu der einzig der geometrische Maßgedanke führe.