Auf die Brücke, fertig, los: Wie Inselläufer gleich zwei Olympiasieger schlägt
Bericht zum 1. Rügenbrückenlauf, 10 km, Stralsund-Altefähr-Stralsund, 21. Oktober 2007
Von Sebastian "Inselläufer" Lüning
Die Ostsee-Insel Rügen ist seit 1936 durch einen Damm mit dem Festland verbunden. Mehrmals am Tag jedoch muß die Dammverbindung unterbrochen werden, um große Seeschiffe passieren zu lassen. Viele Insulaner hatten sich mit den Öffnungszeiten mittlerweile arrangiert und planten ihre Aktivitäten elegant drumherum. Vor allem im Sommer jedoch entstanden immer wieder kilometerlange Staus, auch weil der Insel-Fährhafen von Sassnitz / Mukran eine wichtige Güterverbindung nach Skandinavien und ins Baltikum darstellt. So griff man tief in das Steuersäckel und plante eine Riesenbrücke, die parallel zum Damm von Stralsund über die Insel Dänholm nach Rügen führen sollte. Im Oktober 2007 war das Bauwerk fertiggestellt. Bundeskanzlerin Angie Merkel weihte die Brücke am 20. Oktober ein. Am Folgetag sollten wir Joggingfreunde die Belaufbarkeit der Brücke testen. Im Grunde war es wohl ein letztes Experiment unter Realbedingungen zur Standfestigkeitsprüfung des Bauwerks. Denn wenn sechstausend Läuferbeine loslegen, reibt sich der Bauphysiker freudig die Hände. Endlich kann er ein paar aufregende Schwingungsmessungen im Feldversuch durchführen. Nicht auszudenken, wenn wir alle synchron gelaufen wären. Es gab wohl mal einen Fall, wo eine Kompanie marschierender Soldaten eine Brücke so zum Schwingen gebracht haben, daß sie schließlich einstürzte… Zum Glück sind wir Läufer bekanntlich ausgeprägte Individualisten, da würde es schwer werden, auch nur einen einen Gleichschritt zu initiieren.
| Den Ausflug zum Rügenbrückenlauf verband die Familie mit einem verlängerten Ferienwochenende auf der herbstlichen Ferieninsel. Zunächst kämpfte sich der Fünfjährige heraus, mit dem Rasenden Roland durch die Landschaft zu schnaufen. Nachdem der Tag damit fast schon ausgefüllt war, ging es noch zu den berühmten Kreidefelsen am Königstuhl im Norden Rügens. Der Ausblick und auch die multimediale Ausstellung des angeschlossenen Nationalparkzentrums gehören zum Feinsten was die Insel zu bieten hat. Von den Besichtigungen des Tages erschöpft, sollte es dann schnellstmöglich zur Unterkunft gehen. Denn am nächsten Tag wollte ich ja ausgeruht über die Brücke laufen… Ich schmiss das Navigationssystem an. Das Gerät begann fleißig zu rechnen und schickte uns eine dunkle Bundesstraße entlang. Bereits nach wenigen Minuten schlug uns der Apparat eine kleine Abkürzung vor. Vertrauend auf die ausgereifte Leit-Technik führte ich das „jetzt rechts abbiegen“ Kommando der freundlichen Dame aus dem Kasten umgehend aus. Die holde Ehefrau hingegen ist „not amused“ und beginnt umgehend das Manöver in Frage zu stellen. |
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Ich erkläre ihr, dass der Fahrer als Kapitän des Fahrzeuges die Situation voll unter Kontrolle habe und wollte gerade ansetzen ihr klarzumachen, dass uns dieser computerberechnete Weg wertvolle Kilometer sparen würde, als es plötzlich unheimlich zu krachen und schaben anfing. Die stark aufgewölbte Mitte der alten Kopfsteinpflasterfahrbahn hatte sich offensichtlich von unten an die Eingeweide unseres Wagens herangepirscht und war nun kurz davor, alle lebenswichtigen Adern und Antriebswellen zu eliminieren. Die (Feld-) Weg-Diskussion entwickelte sich fortan wenig erfreulich. Möglicherweise gab es doch eine bessere Route zurück zum Hotel. Langsam tastete ich mich im Rückwärtsgang durch die Vollfinsternis. Schließlich erreichten wir wieder den Asphalt der Bundesstraße. Aus taktischen Gründen schimpfte ich nun ausgiebig mit der digitalen Navigationsfrau und nutzte die Gelegenheit, die echte eigene ob ihrer Weitsicht gründlich zu loben. Hiernach stellten alle Parteien fest, daß sie nun hungrig geworden waren, bis auf die digitale Navigationsfrau, die hatte wohl schon gegessen.
Rügen als Ferieninsel hat auch kulinarisch so einiges zu bieten. Am Vorabend hatten wir nach unserer Ankunft auf der Insel die Küche unseres Schloßhotels getestet. Edel anmutende Speisenamen, ausgefallene Zutaten die ich nie gehört hatte, eine Speisekarte die so kurz war, daß selbst ich sie in Nullkommanichts hätte auswendig lernen können. Leider muß ich eingestehen, daß unsere kulinarischen Fähigkeiten wohl doch noch nicht ausreichend entwickelt waren, um das extravagante Speisenangebot zu genießen. Vielleicht waren es aber auch die unzähligen roten Pfefferkörner, die der Koch gleichmäßig über sämtliche Speisen verteilt hatte.
Einen Tag später sollte es nun also auf jeden Fall ein Restaurant mit bewährter Hausmannskost sein. Ein Restaurant, wo auch die Rügener Bevölkerung gerne zu Tisch geht. Und das Glück war uns hold. Zehn Minuten von unserem Hotel entfernt, fanden wir ein Speiselokal, in dem der Bär los war. Unzählige Einheimische Gourmets hatten sich hier eingefunden, um das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden. Für ganz Verwöhnte gab es sogar einen Autoschalter, wo die Speisen direkt in das Wageninnere gereicht wurden, um den Essensgenuß auf den eigenen vier Rädern fröhnen zu können. Auch wir schlossen uns diesem scheinbar sehr beliebten samstagabendlichen Rügener Brauch an und mischten uns unter die hungrige Kundschaft. Die Speisen mundeten in der Tat köstlich und der kullinarische Ausflug war ein voller Erfolg. Und dies war auch notwendig, der Big Mac mußte auf jeden Fall bis zum Rügenbrückenlauf am Morgen des Folgetages reichen, war dies doch die vorerst letzte Mahlzeit vor dem großen Ereignis. Nach dem Schmaus begaben wir uns zufrieden in unser Mietschloß.
Der Tag des Rennens brach an, und ich ließ ihn mit Absicht auch wirklich früh beginnen, um mit Muße die 30 km zum Start in Stralsund zu kommen. Denn wie nervig ist es, wenn das Rennen bereits vor dem Rennen auf der Anfahrt beginnt, nur weil man ein paar Minuten länger zuhause Kaffee trinken wollte. So passierte es mir mit einem Lauffreund einmal beim Rennsteiglauf, als wir erst 5 Minuten vor dem Start dort einrollten. Das Einlaufen fand auf dem Weg zur Kleiderbeutelabgabe statt, Startplätze gab es nur noch ganz hinten im Gewühl und der Puls war bereits vor der sportlichen Aktivität auf 120. Nein, heute beim Rügenbrückenlauf hatte ich Zeit eingeplant. So konnte ich mir einen Parkplatz fast direkt vor der Startunterlagenausgabe gönnen. Als ich die Jahnsportstätte betrat, richteten sich gleich dreißig paar Augen auf mich. Hatte ich versehentlich Zahnpasta in meinem Gesicht übersehen? Feinsäuberlich aufgereiht saßen in der Halle unzählige fleißge Helfer hinter ihren Tischen und warteten gespannt auf die Läuferschaar, um sie durchzunummerieren. Zu dieser frühen Stunde hatte ich sie alle für mich alleine. Der Cheforganisator stand mit dem Handy im Eingangsbereich und gab seinen Mitstreitern im Außendienst die letzten Anweisungen. Trotzdem begrüßte er mich persönlich - es war ja sonst noch niemand da – und wies mich in die Struktur des Unterlagenabholungsprozesses ein. Schnell hatte ich meine Nummer und auch mein Rügenbrückenlauf T-Shirt, nun fehlte nur noch die Finisher-Medaille, für die es jedoch zunächst ein paar Tropfen Schweiß zu opfern galt.
Der Start befand sich knapp einen Kilometer von der Startnummernausgabe. Da ich immer noch genügend Zeit hatte, ließ ich mich ein wenig durch Stralsund treiben, in der Hoffnung mich ein bisschen zu verirren und so die Wartezeit produktiv zu verbringen. Leider fand ich den Start ziemlich schnell. Hier wurde noch kräftig aufgebaut. Die Sponsoren errichteten gerade noch ihre Zelte, die Zeitmessfirma ihre Apparate. Die Stadtreinigung nutzte die frühen Morgenstunden und kehrte die Reste der vorabendlichen Feierlichkeiten beiseite. Angie und ihre Einweihung hatten in der Tat ganz schön Müll hinterlassen, der nun noch aus dem Weg geräumt werden mußte, damit niemand von den Läufern zu Fall kam.
Irgendwann füllte sich der Startbereich dann zusehends, die Bananenmädchen bereiten ihre Auslagen vor und ein Polizeiwagen versuchte sich durch die bereits aufgebauten Startboxen zu kämpfen. Ich beschränkte mein Einlaufen auf ein Minimum. Die ganze Woche vor dem Lauf hatte ich wegen einer Überdehnung im rechten Fuß pausiert. Eigentlich hätte ich nicht hier sein dürfen, da es immer noch zwickte. Zudem setzte mir eine leichte Grippe zu. Aber einen Jahrhundertlauf wie diesen durfte ich natürlich nicht auslassen, da mußte man auch mal die Zähne zusammenbeißen können.
Vor dem etwas zu schmalen Startkanal bauten sich die Läufermassen auf. Insgesamt waren wohl 2300 Läufer zugelassen worden, viele andere konnten aus Platzgründen nicht mitmachen. Ich mogelte mich wie immer von vorne in die wartende Läufermasse. Ganz nach vorne kam ich leider nicht, stand schließlich seitlich und vor der Startlinie und mußte nach dem Startschuß erst in U-Form ein Stück zurücklaufen, um die elektronische Zeitmessung auszulösen. Mit am Start waren zwei Sportsfreunde, mit denen ich schon immer mal ein Läufchen wagen wollte. Der Zehnkämpfer Christian Schenk ragte wie ein Leuchtturm aus dem Starterfeld heraus. Ich kannte den Olympiasieger von 1988 natürlich nur aus dem Fernsehen und freute mich, daß er sich die Zeit nahm, mit uns ein bisschen zu joggen. Ebenfalls dabei war Waldemar. Einen Nachnamen braucht er im Prinzip in dieser Region nicht, denn es ist schon klar dass damit Lauffreund Cierpinski gemeint ist, seines Zeichens Doppel-Marathon-Olympiasieger 1976 und 1980. Die Eingangsreden wurden recht kurz gehalten, denn die Läufer wollten pünktlich los. Auf der anderen Seite der Brücke standen nämlich 700 5km-Läufer(innen), die zeitgleich starten sollten. Der Startschuß ertönte und es ging nach einer scharfen Kurve eine Zubringer-Rampe auf die Rügenbrücke hinauf. Bereits nach wenigen hundert Metern wurde es mächtig steil, denn auf dem Brückenabschnitt zwischen Stralsund und der Insel Dänholm führt die Brücke in großer Höhe über den Strelasund, um große Seeschiffe darunter passieren zu lassen. In der Anfangseuphorie war die Steigung jedoch nicht sonderlich merkbar, da noch alle ziemlich frisch waren. Auf dem Rückweg sollte sich dies natürlich schon ganz anders anfühlen. Die Brücke hatte drei Spuren. Zwei Läufer machten sich sogleich davon, dies waren bekannte 30 min-Hechte, die den Lauf als kleines Sonntagmorgentraining der anderen Art nutzten. In Sichtweite dahinter mit respektablen Abstand kam dann ein Dreiergrüppchen, darunter meine eigene Wenigkeit. Vor der Masse laufend, war es ein erhabenes Gefühl, das wertvolle Bauwerk ganz für sich zu haben. Am Rande ein paar verschlafene Polizisten und THW'ler, sonst nur leere Brücke und eine tolle Sicht über den Sund.
Im „Anflug“ auf Dänholm ging es kräftig bergab. Hier waren Koordinationsfähigkeiten gefragt. Wer kann den ernergieneutralsten Leerlauf einstellen, powered by gravity? Der Streckenabschnitt nach Rügen hingegen ist flach, sogar tiefer gelegen als der alte Rügendamm. Auf der Ferieninsel angekommen, geht es an einem Wendepunkt retour. Ich lasse meine beiden Mitstreiter ziehen, da meine Kräfte langsam schwinden. An der zeitlichen Abfolge des Zuschauerklatschens merke ich, daß hinter mir eine größere Lücke klafft. So kann ich auch den Rückweg einigermaßen bei gedrosseltem Speed genießen. Beim erneuten Anstieg hinter Dänholm mobilisiere ich dann nochmals sämtliche Kräfte und rolle dann zügig bergab Richtung Ziel. Mit dem fünften Platz kann ich sehr zufrieden sein. Eine Banane, eine Bionade, dann zieht es mich schnellstmöglich zum Auto, um mit der Familie den Rest des Tages die Seebrücke und den Strand in Sellin zu besichtigen.
Die Veranstaltung war von den Stralsundern bestens organisiert und es war eine Ehre, bei diesem historischen Luaf dabeigewesen zu sein. Aus der Namensgebung „1. Rügenbrückenlauf“ schließe ich, daß der Lauf in den Folgejahren möglicherweise wiederholt werden soll. Neben der schönen Lauf-Aussicht von der Brücke lockt uns Inselläufer eventuell auch die Tatsache, daß der Lauf neben Rügen auch über die kleine Insel Dänholm führt, die so manchem von uns in seiner Sammlung noch fehlen könnte. „Über sieben Brücken sollst Du gehen“ empfiehlt uns das deutsche Liedgut. Weit gefehlt. Im Falle der imposanten Rügenbrücke reicht schon eine einzige Brücke um glücklich zu werden, aber man sollte sie schon laufen …
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