Hellersdorfer Winterturnier 2004
Nun ja, der Vereinsvorsitzende der Eintracht, Hans-Dieter Ostwald, wusste nichts davon. Aber von 1984 bis 1989 führte der Vorgängerverein der Eintracht, Medizin Marzahn, sechs DDR-offene Einladungsturniere durch. Und alles in einem noch größeren Stil als das vom 13.-15.Februar 2004 stattfindende Winterturnier. Trotzdem war das Hellersdorfer Winterturnier ein voller Erfolg und stellte quantitativ das 1.Einladungsturnier der BSG Medizin im Jahr 1984 in den Schatten. Die Spielbedingungen in der ehemaligen Grundschule im Havelländer Ring 32 - heute Geschäftsstelle des SC Eintracht Berlin - waren hervorragend. Die Teilnehmer wurden in zwei separaten Räumen untergebracht, im Foyer standen mehrere Bretter und ein PC zur Analyse zur Verfügung. Für das leibliche Wohl zu fairen Preisen sorgte Sebastian Schrodt, Sohn des Turnierleiters Horst Schrodt. Kalte Getränke (Bier, Cola, Säfte, Milch) standen in ausreichender Menge zur Verfügung, so dass niemand verdursten musste. Um den Appetit zu stillen, gab es Bockwürste, Buletten, Schnitzel mit Kartoffelsalat, Gulasch mit Spirellinudeln und belegte Brötchen.
Mit 75 Teilnehmern hätte das Team um Dieter Ostwald wohl nicht in den kühnsten Träumen gerechnet. Das Preisgeldkontingent wurde in der Ausschreibung gerade einmal für 40 Spieler kalkuliert. Diese Zahl wurde mit weit mehr als 80 Anmeldungen deutlich überschritten. Weil auch die Räumlichkeiten knapp wurden, begann Turnierleiter Horst Schrodt im Vorfeld bereits Teilnehmern abzusagen. Das hat wohl auch ein wenig weitere Interessenten abgeschreckt, denn eine Handvoll mehr Teilnehmer hätten die beiden Spielräume noch vertragen.
Wegen des Oberligaspieltages am Sonntag gab es darüber hinaus Absagen. So musste Dr. Peter Welz seine Zusage zurückziehen und auch Matthias Schöwel (der um die Ecke wohnt) hätte gern mitgespielt.
Der Verein wurde 1897 als Eintracht Mahlsdorf gegründet und bestand vorerst nur aus Turnern. Erst 1912 stießen die Fußballer hinzu und 1970 die Schachspieler - als 9.Sektion innerhalb des Vereins. 1955 schloss sich der Verein der Betriebssportgemeinschaft Medizin Lichtenberg an, um in den Genuss betrieblicher Förderungen zu kommen - wobei das Gesundheitswesen (deshalb der Name Medizin) ja selbst nicht gerade sehr finanzkräftig ist.
Die Strukturen von 1955 existierten bis zur Wende, ab 1991 war man wieder ein eigenständiger Verein (mit dem alten Namen Eintracht). Die Sektionen bzw. Abteilungen gab es weiter - Schach ist eine davon.
Die Sektion Schach ging zwischenzeitlich ein - von 1982 bis zu ihrem Ende 1991 gehörte ich selbst als Mitglied und Funktionär (Spielleiter) dazu. 1994 lebte die Schachsektion wieder auf - mit einem neuen Kapitän auf der Brücke: Hans-Dieter Ostwald. Die alte Besatzung um Klaus Rosenkranz, Günter Kabisch und mich hatte sich da längst schon "abgesetzt".
Mit dem deutlichen Abstand von 114 DWZ-Punkten auf Vereinskollege Thomas Hämmerlein, war Martin Gebigke (Berolina Mitte) der große Favorit. Hinter ihm wurden ein gutes halbes Dutzend Spieler als mögliche Sonnenplatz-Alternative gehandelt: Thomas Hämmerlein, Peter Hintze, Matthias Hahlbohm, Gregor Salzberg und Gérard Montavon. Aber auch Steffen Poseck, Alexander Scholz und ich liebäugelten mit Platz 1. Es war gleich eine Quälerei in Runde 1 für einige Mitfavoriten. So mühte sich Peter Hintze gegen den knapp 400 Punkte schwächeren Eckehard Klugow zu einem Remis und Steffen Poseck kam gegen Mirko Hegenberger (- 340 Punkte) derart in Bedrängnis, das Mirko Steffen's Remisangebot sogar spontan ablehnte - er stand praktisch auf Gewinn ohne Material mehr zu haben! Doch zwei Züge später kam bei Mirko die Ansicht "...ich hatte keinen Plan" und er bot seinerseits Remis, was von Steffen dankend angenommen wurde. Keinen Plan ? Da war wohl doch mehr die Angst im Spiel...
Ein denkwürdiger Lapsus passierte Gérard Montavon an Brett 35 (Montavon traf wie 2-3 andere Spieler, erst nach der Auslosung ein und wurde nachgepaart) gegen Michael Wolff (250 Punkte weniger). Mit einer Qualität mehr, wickelte er falsch ab und wurde dreizügig matt gesetzt!
Nicht viel besser erging es auch einigen anderen guten Spielern. Hier eine Auswahl: Fabrizio Grassi (1599) 1:0 Wolfgang Junge (1896), Holger Ostwald (1490) 1:0 Karl-Heinz Grünberg (1802), Dennis Schmarr (1735) 0:1 Frank Stiewe (1271). Steffen Lohse (1700) verteidigte sich gegen Alexander Scholz (1979) bislang sehr gut, stand nur minimal schlechter - doch dann schoss Alex den Bock. Er "träumte" von einem Zug Lohse's, den dieser gar nicht ausgeführt hatte. Der Figureneinsteller folgte prompt - 1:0 für Steffen Lohse!
Auch Landesligaspieler Gregor Sazberg (2001) machte es nicht viel besser. Gegen Holger Ramlow (1752) reichte es nur zum Remis.
Fabrizio Grassi und Holger Ostwald sorgen weiter für Furore. Grassi nimmt Frank König (1885) mit Schwarz ein Remis ab, während Ostwald mit Schwarz gegen Ulrich Oginski (1859) sogar gewinnt.
Florian Schilling (1841), begabter Nachwuchsspieler von Chemie Weißensee und späterer Turnierdritter, gibt seinen einzigen halben Punkt gegen Eiko Bleicher (1697) ab. Nach dem geschenkten Punkt in Runde 2 kann Steffen Lohse gleich nachlegen. Leidtragender ist Alexander Grillich (1919). Dritter Punkt für Steffen.
Lokalmatador Rolf Schuster (1879) lässt gegen Thomas Hämmerlein (2050) einen zweizügigen Damengewinn aus und muss später selbst die Qualität geben. Doch Thomas macht den Sack nicht zu und stellt seinerseits wieder die Qualität einzügig ein. Rolf steht wieder besser, kann aber den Vorteil nicht verwerten - Remis.
Am Spitzenbrett kommt es zum vereinsinternen Duell zwischen Martin Gebigke (2164) und Peter Müller (1893). Den Angriff von Peter am Königsflügel kann Martin erfolgreich parieren und fährt den vollen Punkt ein. Wer soll Martin jetzt noch stoppen?
BSV-Webmaster Frank Hoppe (1998) gibt gegen Bat-Ochir Ulziibat (1841) mit Weiß einen halben Punkt ab. ... und ward nicht mehr gesehen. Nach seinem Dameneinsteller gegen Rolf Schuster in deutlich besserer Stellung, trat Gregor Salzberg zur letzten Runde nicht mehr an. Sehr unschön! Aber auch mir erging es nicht besser. Um allen theoretischen Geplänkeln aus dem Weg zu gehen, spielte ich gegen den Jugendlichen Florian Schilling sehr passiv und stand etwas schlechter. Doch das war noch kein Grund, die Uhr nach nur 17 Zügen abzustellen. Ich sah die einzügige Drohung von Schilling, ein bis zwei Bauern zu gewinnen, vergaß sie aber dann und machte den zweiten Zug vor dem ersten. Die triste Stellung fand ich nicht mehr weiterspielbar. An den beiden Spitzenbrettern treffen die vier Hundertprozentigen aufeinander. Es gibt nur Favoritensiege: Mathias Pohl (1908) unterliegt Martin Gebigke und Matthias Hahlbohm (1972) stoppt Steffen Lohse. Matthias Hahlbohm konnte gegen Martin Gebigke bisher immer einen vollen Punkt einfahren. Beinahe hätte diese Serie gehalten, doch Matthias verzichte auf eine vorteilhafte Abwicklung, weil er zuviel Respekt vor einem Königsangriff hatte. Später stellte er eine Figur ein, konnte aber durch seine starken Freibauern lange das Gleichgewicht halten. Martin zockt den Materialvorteil souverän zum vollen Punkt ab.
Peter Hintze sichert sich Platz 2, nachdem er Thomas Hämmerlein praktisch überrennt. Platz 3 geht an Florian Schilling, der sich mit Schwarz gegen die Nr.1 der Gastgeber, Rolf Schuster, durchsetzt. Auch hier dominierte Martin Gebigke. Beinahe hätte die Wertung über seinen Sieg entscheiden müssen, doch ich verlor in der Schlussrunde gegen die talentierte Leipzigerin Judith Fuchs und brachte mich um das Preisgeld für Platz 2.
Peter Hintze haderte häufig mit den elektronischen Uhren, kam oft in Zeitnot und gegen Uwe Schwarz in der letzten Runde rettete er sich glücklich ins Remis. Matthias Hahlbohm sucht nach wie vor seine ehemals vorhandene Klasse (er war einmal Ostberliner Blitzmeister) und konnte mit den ersten Vier nicht mithalten.
Andreas Reiche stieß erst im Laufe des Vorabends als Kiebitz zum Turnier, deckte sich mit Bier ein und ließ die Turnierspieler hochleben.
Frank Hoppe