Es ist sogar für seriös genug befunden worden, um wissenschaftlichen Theorien als erläuterndes Modell zu dienen (z.B. in F. de Saussures grundlegendem sprachwissenschaftlichen Werk >Grundlagen der allgemeinen Sprachwissenschaft<). - Davon einmal abgesehen, hat wohl keine Sportart selbst soviel Fachliteratur hervorgebracht wie der Schachsport.
Auch in der Computerwelt hat Schach eine nicht unwichtige Rolle gespielt, erhoffte man sich doch in den Anfängen der Schachprogrammierung, hier übertragbare Erkenntnisse für Sprach- und Übersetzungsprogramme zu gewinnen. Die ersten Schachprogramme waren vergleichsweise schlicht und vor allem am Materialwert (vgl. Kap. 2. 6. 2.) der Figuren orientiert. Die Spielregeln zu programmieren, war ein verhältnismäßig leicht zu lösendes Problem, aber die Strategieregeln, d.h. die Kriterien für eine Bewertung, welche Variante gut ist und welche schlecht, hat den Programmierern bedeutend mehr Kopfzerbrechen bereitet. Heutzutage ist man auch in dieser Hinsicht weitergekommen und die zeitgenössischen Programme haben zumindest im Schnellschach schon Meisterstärke. - Die Hoffnung auf spracherzeugende und übersetzende Programme hat sich hingegen nicht in der erwünschten Qualität erfüllt.
Das macht es reizvoll, sich einmal zu fragen, was da eigentlich so systematisch ist und warum die Strategieregeln so schwer zu programmieren sind. Schach ist zwar kein Glücksspiel, aber offenbar auch etwas anderes als eine Maschine, deren Teile systematisch zusammenwirken, weil sie fest miteinander verbunden und in ihren Funktionen eindeutig bestimmt sind.
Die Schachfiguren einer gewöhnlichen Partiestellung haben zwar auch eine Beziehung zueinander, doch ändert sich das Figurengefüge von Zug zu Zug, und eine Figur kann mal diese, mal jene Funktion haben. Es ist plastischer, organischer als eine Maschine, ohne jedoch ungeordnet zu sein. Auch die unübersichtlichste Stellung unterscheidet sich von einem chaotisch auf das Brett geworfenen Figurenhaufen; und selbst wenn sich eine Stellung echtem Chaos annäherte, so geböten die Spiel- und Strategieregeln, darin Ordnungen zu suchen und starke und schwache Zugfolgen zu unterscheiden.
Da es weder maschinenhafte Festgelegtheit der Teile gibt, noch chaotische Unberechenbarkeit, ist das Schachspiel ein Mittelding: Seine Elemente, die Figuren, sind frei genug, verschiedene Konstellationen einzunehmen, aber da sie an objektiv vorgegebenen Werten orientiert sind, sollen sie stets eine besonders kräftige, wertgewinnende Konstellation einnehmen, sind also an Zustände maschinenhaft zuverlässiger Aufgabenerfüllung und Festigkeit gebunden. So gesehen, ist diese Freiheit und prinzipielle Ungebundenheit ein großer Vorteil, denn erst sie ermöglicht überhaupt die Anpassung an sich ändernde Rahmenbedingungen. Nur wenn etwas flexibel ist, kann es sich anpassen. Brücken, die auf Pfeilern gestützt sind, sind nicht fest mit diesen verbunden, sondern liegen auf Kugellagern. Auf diese Weise werden Bewegungen und Verziehungen des Materials ausgeglichen. Wäre eine Brücke starr mit ihren Pfeilern verbunden, so gäbe es gefährliche Risse.
Es wurde schon gesagt, daß die
ersten Schachprogramme vergleichsweise schlecht spielten, weil sie vor
allem am Materialwert der Figuren orientiert waren: Das wirft die Frage
auf, welche Werte außerdem in Zahlen umgesetzt werden mußten,
damit die Schachcomputer ihre heutige Spielstärke erreichten. - Kommen
wir also zu den Grundlagen der Schachstrategie, die uns etwas über
die Auswahlkriterien von Schachprogrammen (und natürlich auch
Menschen) verraten werden.