Auch im Schach ist die Aktion jedoch nicht beliebig, sondern hängt ganz und gar von den spezifischen Bedigungen des Rahmens ab. So gibt es auch im Schach >Gesetze<, denen man genügen muß, sofern man überhaupt eine Partie spielen will, wie es auch >Gebote< gibt, denen man genügen sollte, sofern man eine gute Partie spielen will. - Um es nicht so spannend zu machen: Die Spielregeln haben Gesetzescharakter, denn sie sind weltweit verbindlich und Grundlage jedes anerkannten Turnieres. Niemandem, der offizielle Turniere spielen will, steht es frei, plötzlich beliebig eine Regeländerung auszusprechen und beispielsweise für sich zu postulieren, daß eine Partie gewonnen ist, sobald eine Partei es schafft, drei gegnerische Bauern vom Brett zu entfernen. Ein solcher >Gesetzesbrecher< gewänne nach seiner Privatregel wohl alle seine Partien, würde aber keinen Schachverein mehr finden, der ihn als Spieler einsetzte, und bekäme vermutlich gut gemeinte Hinweise auf kompetente Psychologen.
Gebotscharakter haben hingegen die Strategieregeln. Vielleicht erinnert sich jeder erfahrene Schachspieler noch daran, wie leicht es war, die Spielregeln zu lernen; wie lange es hingegen gedauert hat, die erste Partie gegen einen Vereinsspieler zu gewinnen. In dieser Zeitspanne wurden viele Bücher gelesen, Tricks und clevere Manöver gelernt, Aufgaben gelöst, Partien analysiert, Endspieltheorie gepaukt, etc.. Das Erlernen und Beherrschen des ungleich komplexeren Regelwerks der Strategieregeln dauert in der Regel einige Jahre. Danach kann man gut Schach spielen. - Und nochmal, mit anderer Betonung: Danach kann man gut Schach spielen. Man kann, aber man muß nicht! - Um überhaupt Schach zu spielen, muß man sich zwar an die Spielregeln halten, aber niemand ist dazu gezwungen, gut Schach zu spielen. Und gelegentlich läßt der mitfühlende Trainer das schon fast frustrierte Kind gewinnen, um Ihm Mut zu machen ...
Jedes System wie das Schachspiel hat zwei Arten von Regeln:
1. Die SPIELREGELN beschreiben die Formen des ordentlichen Ziehens und Schlagens von Figuren und geben das Ziel vor, auf das sich hin entwickelt werden soll. Sie bestimmen lediglich, wie die BEWEGUNGEN der Figuren auszusehen haben und was das Spielziel (Matt oder Remis) ist, d.h. was diese zu AKTIONEN macht.
2. Die STRATEGIEREGELN hingegen beschreiben die Formen geschickten Ziehens und Schlagens. Solche allgemeinen Klugheitsregeln hinsichtlich dessen, was starke oder schwache Aktionen sind - wie etwa die Empfehlung, die Figuren zentral zu postieren -, lernen wir durch das Nachspielen von kommentierten Partien. In diesen Kommentaren erklärt uns der Spieler die Besonderheit einer Struktur und warum hier welche Handlungsweise am geeignetsten ist. So prägen sich uns immer wiederkehrende, typische Figurenkonstellationen (Muster) und deren typische Verfahrensweisen ein (z. B. das >Erstickte Matt< und das >Grundreihenmatt<, siehe hier; vgl. auch den Anhang). - Gerade weil diese Muster immer wieder auftauchen, ist ein Wissen um die typischen Stärken und Schwächen und um die geeignetste Handlungsweise von großem spielerleichternden Wert: Wir bekommen ein Gefühl für bestimmte typische Stellungen und können bald Routine entwickeln.
Den Strategieregeln liegt somit ein
Verständnis von den WERTEN eines Systems, den FUNKTIONEN, mittels
derer die Werte verwaltet werden, sowie den GEBOTEN DER KRAFTANHÄUFUNG
und der WERTUMWANDLUNG zugrunde. Diese Gebote werden noch im Kapitel 2.
7. erläutert.