zurück            Index            vor
 
 
2. 7. 2. Erscheinungsformen der Kraftakkumulation und Werttransformation

Anzumerken ist, daß die meisten der bisher präsentierten Beispiele recht spektakuläre Werttransformationen boten, während Kraftakkumulation und Werttransformation zumeist durch mehr oder weniger einfache Zugfolgen erreicht werden. - Am anschaulichsten und am besten abschätzbar ist die Akkumulation des Materialwertes, wenn es einem Spieler gelingt, einen Bauern oder sonstiges Material zu gewinnen. Noch schlichter ist die Akkumulation des Königswertes, wenn ein Spieler einen allmählich anwachsenden Königsangriff mit Matt beenden kann.

Schwerer abzuschätzen ist da schon der Strukturwert, denn oft wohnt Bauernschwächen eine beträchtliche Dynamik inne, während manche Freibauern leicht zu Angriffsobjekten werden können. Überhaupt weisen die Bauern so abweichende Eigenschaften auf, daß ihr Einfluß schwerer abzuschätzen ist.

Ein markantes Beispiel für eine Transformation bei einer schlichten Zugfolge ist die französische Eröffnung, deren typische Zentrumsformation am schnellsten nach 1.e2-e4 e7-e6, 2.d2-d4 d7-d5, 3.e4-e5 ..., erreicht ist.

22fravor.gif

Mit seinem dritten Zug hebt Weiß die Spannung, die in der wechselseitigen Bedrohung von e4 und d5 lag, auf, gewinnt deutlich Raum und verhindert wegen der Bedrohung von f6 den Zug Sg8-f6, welcher Springer oft wichtige Verteidigungsaufgaben am Königsflügel zu erledigen hat (verhindert Dd1-g4 und das typische Rochadeopfer Ld3xh7+, etc.). Insgesamt weist die vermutlich entstehende Bauernkette b2-c3-d4-e5 in Richtung Königsflügel. - Weiß gewinnt also Raum- und Königswert.

Andererseits >vergeudet< Weiß ein Tempo damit, einen Bauern zu ziehen, der keine weiteren Diagonalen und Linien öffnet, statt endlich eine Figur zu entwickeln. Er hebt die Spannung im Zentrum auf und stellt keine direkten Drohungen, weshalb die Initiative zunächst auf Schwarz übergeht. Es ist jetzt an ihm, mit c7-c5 und f7-f6 neue Spannungen zu schaffen, die zugleich die Basis des weißen Raumvorteils - die Bauern d4 und e5 - bedrohen. - In dieser interessanten Eröffnung verwandelt Weiß also Aktivitätswert in Raumwert.

Französisch gilt bei vielen als eine etwas eigenartige Liebhabereröffnung, und man kann sich fragen, ob Schwarz im Vergleich zu anderen Eröffnungen wirklich genügend Wertausgleich für das Zulassen von e4-e5 bekommt. Der Stellungstyp ist jedoch in der Regel geschlossen und führt zu sehr kompliziertem Spiel, was von vielen 1.e2-e4-Spielern nur ungern hingenommen wird (Wer 1.e2-e4 spielt, erstrebt meist lieber offene oder halboffene Stellungen).

Jeder Wert kann in jeden anderen transformiert werden, etwa Raumwert in Strukturwert, wenn eine Partei es z.B. zuläßt, daß der Gegner durch energische Bauernvorstöße an einem Flügel Raum gewinnt, während dessen am anderen Flügel dem Gegner ein Doppelbauer beigefügt werden kann; oder auch, wenn sich die energischen Bauernvorstöße selber als strukturschwächend herausstellen und sich starke Felder und Angriffsmarken auftun. - Wenn nach erfolgter kurzer Rochade Weiß Züge wie f2-f4 und g2-g4 ausführen kann, so entblößt er zwar seinen König, gewinnt aber viel Raum, was eine Transformation von Königswert in Raumwert ist. Und so weiter. Man findet in jeder Partie vielfältigste Formen von Kraftakkumulationen und -transformationen.

 
 
 zurück            Index            vor