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2. 8. Funktionen und Handlungsweisen

Eine Schachfigur erfüllt in einer Partiestellung bestimmte Aufgaben (ist also funktional), weil sie in ein ganzes Netz von Funktionen eines mehr oder weniger geordneten Ganzen (Stellung) eingebunden ist. Im Falle ihres Ziehens hat ihre Aktion demnach eine bestimmte Art und Weise, die sich aus dem Abbau der alten Funktionen und der Errichtung der neuen Funktionen ergibt. Es stimmt zwar, daß nicht jeder Zug im Sinne des unmittelbaren Kraftgewinnes etwas leisten muß, aber jeder Zug erfüllt im Rahmen eines kraftorientierten Manövers eine Funktion. Auch Zugfolgen in Umgruppierungsphasen, in denen die Figuren neu geordnet werden, und in denen einzelne Züge weder direkt nützlich sind, noch irgendetwas transformieren, dienen insgesamt natürlich der Anhäufung von Kraft. Der Sinn der Umgruppierung ist ja der, die Stellung besonders solide oder aktiv zu machen, oder die Truppen für einen Angriff zu sammeln, etc., mithin also über neue Funktionszuweisungen besser an Werten zu gewinnen, bzw. Wertverlust zu vermeiden.

Betrachten wir die inhaltlichen Bestimmungen schachlicher Aktionen:

Es gibt genau acht Arten, in denen gezogen werden kann. Diese leiten sich ab aus: Zwei Grundfunktionen einer Figur, welche prinzipiell in zwei Verhältnissen steht, wobei in zwei Richtungen agiert werden kann; also 2 x 2 x 2 = 8. Diese rätselhafte Formel soll nun erläutert werden.

Von welchen Funktionen, Verhältnissen und Richtungen ist hier die Rede? Und wieso soll es genau acht Handlungsarten geben?

Stellt man eine einzelne Figur auf ein Schachbrett, so nimmt sie durch ihr Vorhandensein ein Feld ein (das sie interessanterweise nicht selber bedrohen kann, was ja auch unnütz wäre: Eine Figur, die sich selber deckt, kommt nach ihrem Herausschlagen ja nicht mehr dazu, ihre Deckung zu nutzen und >noch schnell< den Stein zu entfernen, der sie soeben schlug ... - das Auge kann sich nicht selbst sehen.). Eine andere Figur - abgesehen vom Springer, der ja nicht linear zieht und schlägt und der andere Figuren überspringen darf - würde dadurch zunächst einmal gestoppt, entweder, indem sie direkt davor halten müßte, oder indem sie den blockierenden Stein durch Schlagen entfernte. - Also hat grundsätzlich jede Figur allein durch ihr Vorhandensein (deshalb ist das ein passives Prinzip) auf dem Brett eine BLOCKADEFUNKTION.

Zum anderen wirkt jede Figur gemäß ihrer eigentümlichen Zug- und Schlagkraft auf Felder und Figuren ein und kann letztere durch das Schlagen vom Brett entfernen (deshalb ist das ein aktives Prinzip), so daß die BEDROHUNGSFUNKTION die zweite grundsätzliche Funktion ist. - Es gibt also zwei Grundfunktionen.

Nun spielen im Schach zwei Parteien - Schwarz und Weiß - gegeneinander. Dabei gilt die Regel, daß eine Partei nicht ihre eigenen Steine schlagen und auf diese Weise ein Feld besetzen darf, auf dem bereits eine eigene Figur steht. Sie muß hingegen einen gegnerischen Stein schlagen, sofern dieser auf einem Feld steht, das mit einer eigenen Figur besetzt werden soll.

Umgekehrt kann man aber jederzeit willentlich einen eigenen störenden Stein fortziehen, während man auf den Verbleib einer gegnerischen Figur auf einem Feld keinen willentlichen Einfluß hat und diesen allenfalls bedrohen oder schlagen kann. - Eine Figur steht also in zwei Verhältnissen: Sie verhält sich zu eigenen und zu gegnerischen Figuren.

Aus den Grundfunktionen und den Verhältnissen ergeben sich folgende vier Kombinationen:

Wir sprechen von ...

BLOCKADE, sofern ein gegnerischer Stein die Bewegung einer Figur verhindert, bzw. ein Feld, eine Diagonale, Reihe oder Linie unterbricht (interessanterweise kann der Springer nicht blockiert werden, da er nicht linear zieht, sondern von Feld zu Feld springt. Das erhöht seinen Kampfwert gegenüber den linearen Figuren umso mehr, je geschlossener die Stellung ist), von ...

VERSTELLUNG, sofern ein eigener Stein die Bewegung einer Figur behindert, bzw. ein Feld, eine Diagonale, Reihe oder Linie unterbricht, von ...

BEDROHUNG, sofern ein gegnerischer Stein auf eine Figur oder ein Feld einwirkt, und von ...

ÜBERDECKUNG, sofern ein eigener Stein auf eine Figur oder ein Feld einwirkt.

Erläuterung zur Bedrohung und Überdeckung:

Was hinsichtlich eines Feldes eine Bedrohung, bzw. Überdeckung ist, entscheidet die Demarkationslinie zwischen der vierten und der fünften Reihe. Wenn man also sagt, die Bretthälfte der Reihen eins bis vier ist die weiße Bretthälfte, während dem Schwarzen die Reihen fünf bis acht zukommen, dann sagte man von einem weißen Bauern e4, ...

23bauer1.gif

... er bedroht die Felder d5 und f5, weil diese Felder bereits im gegnerischen Lager liegen.

Von einem weißen Bauern auf e3 hingegen kann man nur sagen, daß er die Felder d4 und f4 überdeckt, denn seine Wirkung bleibt noch innerhalb des eigenen Lagers (s. u.).

24bauer2.gif

Andererseits würde man aber von einem Bauern auf e4, der eine eigene Figur wie z.B. einen Springer auf d5 schützt ...

25bauer3.gif

... sagen, >der Be4 überdeckt den Sd5<, denn obwohl er seine Wirkung im gegnerischen Lager ausübt, ist sein Auftrag die Überdeckung einer eigenen Figur und nicht ein Angriffsdruck gegen ein feindliches Feld. - Trotzdem bliebe aber seine Wirkung gegen f5 aggressiv und bedrohlich, und Schwarz müßte damit rechnen, daß Weiß auf f5 schlägt und die Deckung des Sd5 vernachlässigt, sofern Schwarz eine Figur nach f5 zöge.

Damit ist die Verwendung der Begriffe >Bedrohung< und >Überdeckung< eindeutig geklärt.

Diesen vier Funktionen, die eine Figur hat, sofern sie auf einem Schachbrett lediglich steht, entspringen acht Handlungsarten, sofern diese Figur sich bewegt. Es gibt nämlich zwei Richtungen des Funktionierens, die Errichtung und die Aufhebung von Funktionen, mit denen die vier Funktionen kombiniert werden:

Der Blockade (eines Feldes, einer Diagonale, einer Linie, eines Turmes, eines Läufers, etc.) entspricht die Befreiung, wenn der blockierende Stein entfernt wird.

Ebenso ist zur Verstellung die Räumung das negative Gegenstück, wenn der verstellende eigene Stein entfernt und der verstellte dadurch aktiviert wird.

Analog dazu bezeichnet >Befriedung< die Entfernung einer Einwirkung auf eine gegnerische Figur, bzw. auf ein Feld der gegnerischen Bretthälfte (Gegensatz zur Bedrohung)...

... während >Schwächung< die Entfernung einer Einwirkung von einem eigenen Feld / Figur bezeichnet (Gegensatz zur Überdeckung).

So werden also aus vier Funktionstypen die acht Handlungsarten abgeleitet.
 

Übersicht Funktionen und Handlungsarten:
 
 
FUNKTIONEN HANDLUNGSARTEN
Blockade blockieren - befreien
Verstellung verstellen - räumen
Bedrohung bedrohen - befrieden
Überdeckung  überdecken - schwächen
 

Das sind gängige Begriffe, die jeder Schachspieler kennt und gebraucht (mit Ausnahme des ungewöhnlichen >befrieden< vielleicht, das wohl ungenauerweise mit >schwächen< oder umständlich mit >Bedrohung abziehen< übersetzt wird.). - Auf diese Weise sind sie einmal in eine genaue Ordnung gebracht und eindeutig bestimmt, so daß Verwechslungen nicht mehr auftauchen brauchen, sollte sich ein entsprechender Sprachgebrauch durchsetzen.

Festzuhalten ist, daß es keine weiteren grundsätzlichen Funktionen und Handlungsarten geben kann, so daß man mit diesen Begriffen jedes Figurengeflecht (Funktionennetz) vollständig beschreiben kann und jede Zugfolge mit ihnen vollständig erklärbar ist.

Anzumerken ist, daß der hier erläuterte Begriff der Blockade wesentlich vom üblichen Blockadebegriff abweicht, wie er Schachspielern seit Nimzowitschs >Mein System< geläufig ist. Gewöhnlich verstehen sie seither darunter vor allem die Blockade von Bauern (Freibauern, Isolani), Bauernketten und ganzer Flügel. Die Vorstellung, daß auch Figuren und Zugbahnen (Linien, Reihen, Diagonalen) blockierbar sind, ist hingegen ungewohnt.

Der hier entwickelte Blockadebegriff ist also viel einfacher, weil allgemeiner: Es geht hier einzig und allein um das Merkmal, daß eine gegnerische Figur im Wege ist. Gleichgültig, was genau für eine Figur das ist und welche genau sie blockiert.

Man könnte auch sagen, daß dieser Blockadebegriff mathematischer ist, denn er abstrahiert von jeglichen Inhalten und erfasst nur ein grundlegendes Merkmal. Welche Figur welchen Materialwertes welche gegnerische Figur behindert ist nicht von Belang. Allein die Tatsache, daß eine Figur verhindert, daß eine gegnerische Figur auf bestimmte Felder ziehen kann, ist für die Verwendung von >Blockade< und >blockieren< ausschlaggebend.

Die oben erläuterten Funktions- und Handlungsbegriffe sind grundlegend. Das heißt sie sind die einfachsten, nicht weiter reduzierbaren Begriffe. Aus ihnen setzen sich die komplexeren Begriffe zusammen. Eine >Fesselung< etwa, ist ein Gefüge dreier Figuren, bei dem die gefesselte Figur in eine wichtige Blockade gezwungen wird und so ihre Bedrohungs- und Überdeckungsfunktionen nicht mehr ausüben kann. Ein >Abzugsangriff< besteht in einem Räumungszug, nach dem sowohl die zuvor verstellte, als auch die zuvor verstellende Figur wichtige Bedrohungsfunktionen ausüben. Ein >Isolani< ist ein Bauer, der von keinem anderen Bauern mehr gedeckt werden kann und der auch selber keinen Bauern mehr decken kann.
Und so weiter. Das schachliche Vokabular setze ich als bekannt voraus. - Auf nächsthöherer Ebene stehen dann noch komplexere Begriffe, die kompliziertere Strukturen beschreiben und an die sich dann auch schon bestimmte typische Verfahrensweisen knüpfen, wie z.B. >Minoritätsangriff<, >Ersticktes Matt<, >Bauernsturm gegen die Angriffsmarke g6 (g3)<. In der Regel lassen sich diese Begriffe einem bestimmten Wert zuordnen. So sind >Fesselung< und >Abzugsangriff< vor allem am Material orientiert, während >Isolanie< und >Doppelbauer< Strukturbegriffe sind und >Ersticktes Matt< und >Grundreihenmatt< dem Königswert zuzuordnen sind.

Die bloßen Funktionsbegriffe sind dabei zeitlos, d.h. sie beschreiben einen einfachen aktuellen Figurenzusammenhang zu einem Zeitpunkt. Zu einer einfachen Handlung hingegen gehört schon ein Halbzug. Komplexere Begriffe wie >Schäfermatt<, >Minoritätsangriff<, etc. erfassen ein Zeitraum, der über mehrere Züge mehrerer Figuren geht.

Wir beurteilen eine Stellung wesentlich mit Hilfe komplexer Begriffe, die wir gelernt haben, aber zugrunde liegen immer nur die einfachen Funktions- und Handlungsbegriffe und die Werte. Wer nicht bereits gelernt hat, warum ein >Doppelbauer< zumeist eine strukturelle Schwäche darstellt, könnte sich das jederzeit mittels der einfachen Begriffe erklären. Diese sind das zugrundeliegende Handwerkszeug zur Erschaffung komplexerer Begriffe, die eben komplexere funktionale Zusammenhänge erfassen.

 
 
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