Folgendes Schema soll eine Übersicht der Ordnungsmöglichkeiten bieten, die man zur Klassifizierung typischer Figurenkonstellationen und ihrer Verfahrensweisen anlegen kann.
Daß dabei den fünf Werten
die bedeutsamste Position zukommt, ist kritisierbar, denn wesentlich
für die Kategorisierung war ja die Unterscheidung überschaubarer
und eingrenzbarer Spielphasen (Eröffnung und Endspiel)
vom unübersichtlichen Mittelspiel. Es erschien mir jedoch angebracht,
die Werte als für das Spiel insgesamt wesentlichere Qualität
von den Charakterisierungen abzuheben und ihnen einen Platz zukommen zu
lassen, der ihrer Bedeutung angemessen ist.
Daß direkt unter ihnen Charakterisierungen
wie >Variante< und >Kombination< stehen, die doch eigentlich links
an den Rand zu den anderen Charakterisierungen gehören, ist ebenfalls
eine willkürliche Betonung dieses Merkmals, die mir sachlich geboten
erscheint: Ist es am wichtigsten, die Wertorientierung einer Zugfolge zu
bestimmen, so ist es m. E. am zweitwichtigsten, die Komplexität der
Zugfolge zu bestimmen, d.h. sie als >Variante< oder als >Kombination<
einzuordnen.
Auch gibt es lediglich Übereinstimmungen, aber keinen notwendigen Zusammenhang zwischen der Zuweisung >akkumulierend< zur Variante und >transformierend< zur Kombination: Es gibt auch Transformationen, die sehr schlicht sind, wie es andererseits Akkumulationen sehr vertrackter Art gibt.
Ferner müßten auch die anderen Charakterisierungen, auf der linken Seite, untereinander verknüpft sein, denn selbstverständlich gibt es >typische Eröffnungszugfolgen umgruppierender Natur am Damenflügel<.
Mit diesem Schema sollte jeder Teil
einer Partie eingeordnet werden können, da es m. E. alle im Schach
möglichen Qualitäten verknüpft.
Betrachtet man es mit einem phantasievoll-spielerischen
Auge, so könnte man darin eine Art Themenkatalog für Autoren
erblicken: Setzte man Kreuzchen in verschiedene Kästen, so erhielte
man Themen wie >Typische strukturorientierte Räumungsmanöver
der Damenbauern - Eröffnungen<. Gab es nicht auch schon Autoren,
die über >Taktisch-kombinatorische Turmendspiele< schrieben? -
Dies mag ein wenig weit hergeholt und zu verspielt sein, könnte aber
Arbeitsmöglichkeiten aufzeigen: Man kann durch solche Verknüpfungen
Themen finden, ohne darauf warten zu müssen, daß einem in einer
Partie irgendwann irgendetwas auffällt. Ja, möglicherweise fällt
einem in einer Partie überhaupt erst dadurch etwas auf, daß
man bereits einen Begriff dafür hat: Es könnte zumindest für
das Schachspiel leichter sein, zuerst operationale Begriffe zu bilden,
um dann zu schauen, was sie zum Verständnis, zur Ordnung und Analyse
der konkreten Dinge taugen, als aus dem Datenwust der Empirie Strukturen
herauszufiltern.
Es droht bei einer solchen vom Allgemeinen zum Besonderen kommenden Vorgehensweise natürlich der Systematikerfehler, sich ein wichtig erscheinendes Thema zu konstruieren, nur weil es die Begriffe dazu gibt. Anschließend sucht man sich dann die Realität dazu (Man wird wohl auch für das verschrobenste Thema noch ein paar Beispiele finden). - Offensichtlich wäre es z.B. töricht, nach >Umgruppierungskombinationen< zu suchen, denn Umgruppierungen sind stets vorbereitende, >stille< Manöver, in denen nicht so etwas Spektakuläres wie eine Kombination geschieht. Natürlich gibt es sehr reizvolle kombinatorische Zugfolgen, die auf den ersten Blick nichts einbringen, außer daß einige Figuren andere Funktionen bekommen. Jedoch würde man dann von einer Aktivitätskombination sprechen. Umgruppierungen haben per Definitionem keine Kombination. Es ist also gerade das wesentliche Merkmal der Umgruppierung, still und unspektakulär zu sein. - Wollte nun partout jemand eine solche >Umgruppierungskombinationen< finden, so bestünde die Gefahr, daß er Zugfolgen künstlich zurechtinterpretiert, um derartig paradoxe Dinge bewiesen zu haben, ... einmal davon abgesehen, daß er eine Begriffsverknüpfung vornahm, die ungefähr so sinnvoll ist, wie ein >olivroter Klang<.
Auch wenn es sich hier um allgemein übliche und bewährte Kategorien handelt (Bezeichnungen wie >Damenflügel<, >Umgruppierung<, >Variante<, etc. sind erprobtes allgemeines Wissensgut), die eindeutige Sachbezüge haben, und die nicht irgendwelche Phantasiegebilde sind, so muß man doch aufpassen, daß man sich bei der Verknüpfung ihrer Begriffe nicht abwegigen oder allzuweit hergeholten Themen ergibt.
Dies berücksichtigend und hinsichtlich der Verknüpfungen wachsam bleibend, kann es jedoch lohnend sein, zu prüfen, welche Klassifizierungen Sinn machen, durch die realen Fakten bestätigt werden und die Aufmerksamkeit schärfen sollten. - Erst wenn man sich einmal überlegt, welche Qualitäten überhaupt miteinander verknüpft werden dürfen, leuchtet es einem auch ein, daß ein Begriff wie >Kombination< hinsichtlich der Werte frei verwendbar ist.
Die Charakterisierungen des Ortes und des Materials sind noch weiter spezifizierbar (>die b-Linie<; >die Diagonale a1-h8 im Königsindisch<; der >h-Bauer gegen den Rochadebauern g6 (g3)<; etc.. Man schaue einmal in Tarraschs Buch >Das Schachspiel<).
Dieses Schema zeigt die überhaupt möglichen Themen an, die sich auf rein schachlicher Ebene finden lassen. - Wie gesagt: Nicht alle Verknüpfungen davon sind wirklich sinnvoll und wert, zur Klassifizierung herangezogen zu werden. Mit einiger Sicherheit gilt dies jedoch von den Werten, der Unterscheidung >Variante - Kombination< und >akkumulierend - transformierend<, weshalb ich diese, wenn auch nicht notwendigerweise, so doch mit einer gewissen sachlichen Berechtigung zusammenfügte.