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13. Anhang

Folgende Beiträge sind etwas älteren Datums und leicht aktualisiert. Sie erschienen in einer Vereinszeitung, waren als Lehrbeiträge für den fortgeschrittenen Amateur gemeint und stellen den Versuch dar, den Orientierungsprozess über Musterwissen zu beleuchten, wobei der Hinweis zu eigenständiger Arbeit mit zwei eigenen Beispielen anschaulich gemacht werden sollte.
 
 

Kleine Tricks mit großer Wirkung (1): Das >Plombieren<

Zur Grundausrüstung des Vereinsspielers gehört die Kenntnis typischer MUSTER (der >geschwächte Königsflügel<, der >isolierte Bauer<, das >Einbruchsfeld<, etc.) mit den sich daraus ergebenden typischen VERFAHRENSWEISEN (>das Läuferopfer auf h7, bzw. h2<, die >Blockade des isolierten Bauern<, das >Eindringen der Türme auf die letzte oder vorletzte gegnerische Reihe<, etc.).

Man kann sie allgemein unterteilen in Muster des Königsangriffs, Muster der FIgurenaktivität, Muster des Materialgewinns, Muster des Raumgewinns und Muster der Felder- und Bauernstruktur. Diesen Mustern entsprechen typische Zugfolgen (d.h. einheitliche und in sich geschlossene Zugfolgen) als sich daraus ergebende typische Verfahrensweisen. So ist z.B. das bereits genannte Läuferopfer auf h7 eine typische Zugfolge des Königswertes, ebenso wie das >erstickte Matt<, die >Pattfalle<, etc.. Die >Fesselung<, der >Doppelangriff<, der >Abzugsangriff<, etc., sind hingegen typische Verfahrensweisen materialorientierten Spiels.

Diese Muster und Verfahrensweisen sind so elementar, daß sie den Inhalt fast aller Lehrbücher ausmachen, weil sie einem immer wieder in den Partien begegnen. Sie sind Schachspielern so in Fleisch und Blut übergegangen, daß sie gar nicht mehr bewußt wahrgenommen werden und wie selbstverständlich aus dem Hintergrund wirken.

Wir bemerken in der Regel nicht mehr, daß wir uns ganz wesentlich über solche Strukturmuster orientieren. Die wesentliche Arbeit, die wir beim Schachspielen leisten, besteht darin, den Einfluß der besonderen Details der aktuellen Stellung auf das, was an Typischem in ihr wiederzuerkennen ist, zu betrachten, um gegebenenfalls die typische Verfahrensweise zu variieren, eben weil diese Details uns dazu zwingen.

Daß wir so selbstverständlich diese Strukturmuster anwenden, ist auch einleuchtend, da diese >Worte< die >Sprache< der Schachstrategie ausmachen, die irgendwann automatisch angewendet werden muß, ohne laufend hinterfragt zu werden. Hier ist Routine ein Gebot der Ökonomie.

Dennoch besteht bei dieser Routine die Gefahr, daß wir uns zu schnell mit einem >Wortschatz< zufriedengeben, der es uns zwar erlaubt, unsere Stellungen befriedigend zu beschreiben und zu beurteilen, der aber möglicherweise noch gar nicht ganz die Reichhaltigkeit des Schachs ausgelotet hat. Vielleicht birgt das Schachspiel auf konkreteren Ebenen noch gar nicht recht bekannte >kleine Mechanismen<, die das Lexikon schachlicher Muster noch erweitern würden; möglicherweise sogar wesentlich erweitern würden.

Die als Beispiele zitierten Muster sind so grundlegender Art, daß wohl jeder sie kennt. Es gibt aber konkretere Ebenen, die ebenfalls viele Muster enthalten.

Meisterspieler haben hier ein viel größeres lexikalisches Wissen, auf viel konkreteren Ebenen. Über jene grundlegenden Muster hinaus, kennen sie die typischen Zentrums­ und Bauernstrukturen z. B. der offenen spanischen Verteidigung, deren Vor­ und Nachteile, und die typischen Manöver der Bekämpfung und Verteidigung, um so möglichst fehlerfrei und energiesparend zu spielen.

Es wäre interessant zu versuchen, ein regelrechtes Lexikon der Schachsprache zu erstellen, in dem beispielhafte kleine Mechanismen gesammelt sind. ­ Was ist unter einem solchen Mechanismus zu verstehen?

Ein >kleiner Mechanismus< fiel mir bei folgenden Partien auf. Ich möchte ihn >Plombieren< nennen, was den Sachverhalt am anschaulichsten beschreibt:

Diese Stellung ergab sich in der Partie Bronstein ­ Beljawski, Jerewan 1975, nach 9. ... h7­h5.

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Gleichgültig, ob Weiß sofort 10. g4­g5 zieht, oder auf g4 tauschen läßt, es entstehen schwere Schwächungen der weißen Felder am Königsflügel, die vom bereitstehenden Lg6 kontrolliert werden. - Bronstein entschloß sich daher zur >Plombierung< des Felderkomplexes f5, g5, h5, f4, g4, h4 und zog 10. f4­f5! e6xf5, 11. g4­g5...,.

35brobe2.gif

Mit dieser Plombierung hat Weiß zwar einen Bauern geopfert, dafür aber massig Äquivalente erhalten: Plötzlich ist die e­Linie frei geworden; der Lg6 ist mit einem eigenen Bauern verplombt, so daß er weder auf der Diagonale b1­h7, noch am Königsflügel etwas ausrichtet; das Feld f4 ist nunmehr für den Lc1 oder den Sg1 freigeworden, während das Feld g4 von Schwarz nicht zu besetzen ist.

Die Partie endete folgendermaßen (Bei der Kurznotation der Züge wird nur noch die sich bewegende Figur, ihr Zielfeld und gegebenenfalls das Schlagen bezeichnet):

11. ... Sd7, 12. Sb3 Dc7, 13. Sh3 0­0­0, 14. Lf4 Ld6, 15. Dh2 Sf8, 16. 0­0­0 Se6, 17. Lxd6 Txd6, 18. Lc4 Se7, 19. Sf4 Sxf4, 20. Dxf4 Tdd8, 21. Dxc7+ Kxc7, 22. c3 The8, 23. Sc5 Sc8, 24. Sd3 Sd6, 25. Lb3 Te3, 26. Sf4 Tde8, 27. Thg1 T8e7, 28. Tdf1 Se4, 29. Ld1 Kd6, 30. Lf3 c5, 31. dxc5+ Kxc5, 32. Sg2 Td3, 33. Sf4 Td8? (Te3), 34. Td1 Ted7, 35. Txd7 Txd7, 36. Td1 Txd1+, 37. Kxd1 Sd6, 38. Kc2 a5, 39. a4 Kb6, 40. Kd3 Kc7, 41. Kd4 Sc8, 42. b4 axb4, 43. cxb4 Se7, 44. a5 f6, 45. gxf6 gxf6, 46. Kc7 Lf7, 47. b5 Kc8, 48. b6 ...1 ­ 0.
 

*

Das zweite Beispiel ist eine Stellung aus der Partie Minogina ­ Grosz, Moskau 1979.

36mingro.gif

Zieht Weiß Kc5-d6, so kann der La4 sich bewegen, während Schwarz ansonsten mit dem König auf f7 und e6 pendelt.

Weiß hat aber einen zwingenden Gewinnplan: Er plombiert nämlich den La4 mit 55. b2­b3!! c4xb3, Nach 55. ... Lxb3, 56. Kxb5 gewinnt der Lauf des a­Bauern. 56. Lc3­b2! ...,

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Damit ist der Läufer a4 eingesperrt und seine Beweglichkeit und Kampfkraft ist gleich Null, wonach die Partie bald beendet ist. 56. ... Kf7­e6, 57. g3­g4 b5­b4, 58. a3xb4 La4­e8, 59. b4­b5 ..., 1 ­ 0.

Diese beiden Beispiele haben deutlich gemacht, wie stark es sein kann, Figuren und Felderkomplexe mit gegnerischen Bauern zu plombieren, auch wenn dabei eigene Bauern geopfert werden. Die lähmende Wirkung solcher Plombierungen kann so massiv sein, daß früher oder später ungleich größere Opfer gebracht werden müssen, um sie wieder aufzuheben.
 
 

Kleine Tricks mit großer Wirkung (2): Der Mauerbrecher, oder: Wie man aus Winzlingen Riesen macht

Ein weiterer kleiner Mechanismus den man kennen sollte, funktioniert auf der Basis eines Bauernopfers für Beweglichkeit und Bedrohlichkeit von Figuren. Sein Prinzip ist, daß ein schwacher Bauer, der nicht nur anfällig ist, sondern auch wichtige Diagonalen und Linien verstellt, dazu benutzt wird, gegnerische Bauern mit wichtigen Blockade­ oder Verteidigungsfunktionen zu beseitigen, wonach scheinbar stabile und unüberwindliche Mauern schlagartig zusammenbrechen und gefährliche Angriffsmöglichkeiten entstehen.

Ein solches Prinzip kennt man schon aus dem Bereich der einfachen Bauernendspiele:

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Weiß am Zuge kann mit 1.b4­b5 c6xb5, 2. a4­a5! b6xa5, 3. c4­c5 und c6­c7­c8D den Durchbruch der schwarzen Bauernmauer erzwingen, einen Freibauern bilden und ihn verwandeln. In ähnlicher Weise funktioniert auch der >Mauerbrecher< (Eine bessere anschauliche Bezeichnung fiel mir nicht ein), dessen typische Bauernstruktur man in Reinkultur im Endspiel Schirow ­ Iwantschuk, Linares 1994, sah:

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Weiß am Zuge. ­ Schwarz schlug soeben einen Läufer auf e4 und man könnte auf den ersten Blick denken, daß Weiß verloren steht: der weiße König befindet sich abseits des wichtigen Kampfgeschehens, während der schwarze herrlichst zentriert den rückständigen Bauern g4 zu verspeisen droht, um sodann mit dem freiesten aller Freibauern ­ e5 ­ loszuwandern.

Aber genau das Gegenteil ist der Fall! Dadurch, daß es auf den Feldern f6, f7, f8 und h6, h7 und h8 keinerlei Bedrohungen von Schwarz mehr gibt und die Bauern f6 und h6 die einzigen Blockadefiguren sind (deren Blockadefunktion somit auch spielentscheidend wichtig ist!), dadurch also sind die Bauern f5 und h5 potentielle Freibauern und der Bauer auf g4 wird vom >rückständigen Bauern< zum ausgesprochen fortschrittlichen >Mauerbrecher<: 1. g4­g5 h6xg5, Es ist leicht zu erkennen, daß auch 1... Kxf5, 2. gh6 oder 2. g6 zum Sieg führt. Nach 1... hg5 ist es dem Mauerbrecher gelungen, einen der blockierenden Mauersteine f6 und h6 herauszubrechen, so daß ein Freibauer entstanden ist, der nicht mehr aufgehalten werden kann: 2. h5­h6 Ke4xf5, 3. h6­h7 und Schwarz gab auf. - Eine entscheidende Rolle spielte hier übrigens der Raumwert. Versetzt man die Stellung eine Reihe nach unten, so gewinnt Schwarz nach 1.g3-g4 h5xg4, 2.h4-h5 g4-g3, da er seinen Bauern ebenfalls verwandeln kann und dabei sogar noch schneller ist.
 

*

In der Regel wird der Mauerbrecher nicht in dieser Klarheit auftreten, und zumeist verbindet sich mit ihm nicht die Bildung eines Freibauern, sondern schlichtere Ziele, wie etwa eine Belebung des Figurenspiels und eine Dynamisierung verfestigter Strukturen.

Das folgende Beispiel stammt aus der seinerzeit aufsehenerregenden Partie Karpow ­ Kortschnoj, Dortmund 1994:

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Die Bauernstruktur auf der c­ bis f­Linie ist identisch mit der, die wir schon aus dem Diagramm zuvor kennen und nach aufmerksamer Prüfung kommen wir zu dem Schluß, daß auch hier der Bauer e3 kein rückständiger Winzling, sondern ein mauernbrechender Riese ist, wenngleich sein Auftrag nicht >Bildung eines Freibauern< lautet, sondern >Beseitigung eines der beiden Superblocker d5 und f5, um nach f5xe4 entweder den Bauern f4 zu befreien und den Tf2 beweglich zu machen, oder nach d5xe4 den Bc4 zu schwächen und so den Sb2 und/oder Lf1 zu aktivieren.<.

51. e3­e4!! ..., Weiß transformiert Material in Figurenaktivität, und Schwarz kann sich dem nicht entziehen: 51. ... Tb8 wird mit 52. ed5 beantwortet. 52... De3 (52... Dxd5, 53. Lxc4), 53. Dxd6 Txb2, 54. Dxd7+ Kh8, 55. Dd8+ Kg7, 56. Dg5+ ist dann chancenlos. Auch 51... de4, 52. Sxc4 Le7, 53. a5! bzw. 51... c3?, 52. ef5 ist günstig für Weiß. 51... f5xe4, 52. f4­f5 De6­e7, 53. Sb2­d1 Ta8­b8, 54. Db6­a5 Ld7­c6, 55. f5­f6 De7­e6, 55... Lb4? 56. Dxd5! (56. fe7? Lxa5, 57. Tf8 Te8) 56... Lxd5, 57. fe7 Lxe7, 58. Sc3! 56. Sd1­e3 Tb8­b3, 57. Da5­a7+ Lc6­b7, 57... Ld7? 58. Sxd5 e3, 59. Sxe3! Txe3, 60. d5! ­ Und nun hätte Weiß mit 58. Lf1­e2 Tb3­b1+, 59. Tf2­f1 Tb1xf1+, 60. Kg1xf1 De6xf6+, 61. Kf1­e1 klaren Vorteil erzielt (Kommentare nach Karpow).

Ein weiteres Beispiel stammt aus dem Bundesligakampf Turm Duisburg ­ Empor Berlin 1994/95, in dem es Wladimir Kramnik mit Weiß gelang, sich gegen John Nunn folgende Stellung zu erwirken:

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Weiß am Zuge. ­ Ist der Bauer e4 ein Winzling oder ein Riese? Keine Frage: 29. e4­e5! ...,

Die unwiderstehliche Kraft dieses Zuges liegt hier nicht allein darin, daß die wichtigen Blockade­ und Überdeckungsfunktionen der Bauern d6 und f6 gestört werden, sondern vor allem in der Räumung von e4 und der Diagonale b1-h7, was den Lc2 belebt, der plötzlich auf g6 und h7 schießt, sowie den Sc3 auf e4 das beste Feld seines Lebens finden läßt.

29... Te8xe5, 30. Te1xe5 f6xe5, 31. Lc2xh7 Kg7xh7, 32. Dd2xg5 Lc5xf2, 33. Sd1xf2 Sa6­c5, 34. Dg5xh4+ Kh7­g7, 35. Tf1­e1 Ld7­f5, 36. Dh4­g5+ Lf5­g6, 37. Sf2­g4 Tf7­f5, 38. Dg5­h6+ Kg7­f7, 39. Dh6­h8 Kf7­e7, 40. Dh8­g7+ Lg6­f7, 41. Sg4­h6 Tf5­f2, 42. Dg7­g5+ Ke7­d7, 43. Dg5­e3 und Schwarz gab auf.

Das letzte Beispiel gehört zum Muster >Isolani<, aber auch hier ist die mauerbrechende und belebende Kraft des scheinbaren "Schwächlings" d4 sehr imposant. Es geht um die Partie Kamsky ­ Short, PCA ­ Halbfinale 1994:

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23. d4-d5! ..., Ist der isolierte Bauer nicht zuverlässig blockiert, so reißt er die Stellung auf. 23... Lxd5? 24. Sxf6+ Lxf6, 25. Lxd5 ed5, 26. Txe8+ Dxe8, 27. Dxf6 geht schon nicht mehr. 23. ... Sf6xe4, 24. d5xe6! f7­f5, 25. Td1xd8 Te8xd8, 26. Te1­d1 ..., und 1 ­ 0 (Analysen von Kamsky).

 
 
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