Reichstag
     

                                                                                                                                                                                                                                                                            


Das Reichstagsgebäude (kurz Reichstag genannt) ist ein Gebäude in Berlin, das erst dem Reichstag des deutschen Kaiserreiches und später der Weimarer Republik und seit 1999 dem Deutschen Bundestag als Sitz dient. Seit 1994 findet dort alle fünf Jahre die Wahl des deutschen Bundespräsidenten statt.

Geschichte

1881–1884: Planung
Seine Errichtung wurde bereits am 19. April 1871 vom Deutschen Reichstag beschlossen. Die Ausführung verzögerte sich jedoch erheblich. Zunächst wurde als Bauplatz das Grundstück des Grafen Atanazy Raczyński an der Ostseite des Königsplatzes (heute: Platz der Republik) in Aussicht genommen, und bereits im Dezember 1871 wurde ein internationaler Wettbewerb ausgeschrieben, an dem sich 122 Architekten beteiligten. Diesen Wettbewerb entschied im Juni 1872 Ludwig Bohnstedt aus Gotha für sich. Der preisgekrönte Entwurf konnte aber nicht verwirklicht werden, da sich Graf Raczyński weigerte, das Grundstück, auf dem sein von August Strack zwischen 1844 und 1847 errichtetes Palais stand, zu verkaufen.

Der Reichstag entschied sich deshalb, die Suche nach einem geeigneten Bauplatz fortzusetzen. Erst 1881 fand diese Suche ein Ende, als der Reichstag dem Antrag zustimmte, das Gelände an der Ostseite des Königsplatzes, das nach langwierigen Verhandlungen mit dem Sohn und Erben des Grafen Raczyński jetzt zum Verkauf stand, zu erwerben. Im Februar 1882 wurde ein neuer Architekten-Wettbewerb ausgeschrieben, zu dem allerdings nur Architekten „deutscher Zunge“ zugelassen waren. Aus den ungefähr 190 Einsendungen gingen der Frankfurter Paul Wallot und der Münchener Friedrich von Thiersch als Sieger hervor; beide erhielten einen ersten Preis. Da aber Wallot mehr Stimmen auf sich vereinigen konnte, wurde er mit der Ausführung beauftragt.

1884–1918: Bauausführung und Ausgestaltung

Reichstagsgebäude (bis etwa 1900)Aufgrund von Einwänden der Reichstagsbaukommission musste Wallot seinen Plan mehrmals überarbeiten, bis mit dem Bau begonnen werden konnte; am 9. Juni 1884 fand die feierliche Grundsteinlegung statt. Dabei zersprang der Hammer, mit dem Kaiser Wilhelm I. den Grundstein „absegnete“. Während des Baus mischte sich der neue Kaiser, Wilhelm II., mehrmals in die Planung ein und diktierte Wallot seine Vorstellungen, dieser ließ sich jedoch nicht beeinflussen, was ihn die Sympathie des Kaisers kostete. Nach zehn Jahren Bauzeit konnte der Reichstag mit einer feierlichen Schlusssteinlegung am 5. Dezember 1894 übergeben werden.

Das Gebäude ist im Stil des Eklektizismus erbaut, wobei die Italienische Hochrenaissance besonders vertreten ist. Wallot wandte also diesen Stil auf Deutschland an, indem er regionale Baustile der deutschen Staaten, Schriften, Schmucktafeln und Figuren der deutschen Kulturkreise einfließen ließ. Obwohl man ihm später vorwarf, er hätte einen „Stilmischmasch“ hervorgebracht, erschuf Wallot erst dadurch ein Gebäude, das die Souveränität der Deutschen Kleinstaaten betonen, aber trotzdem auch vereinen konnte und so gewissermaßen künstlerisch eine Legitimität für den deutschen Staat schaffte, die im Parlament, in dem ja Vertreter aller Volksgruppen zusammentrafen, ihre Krönung fand. Die Krönung des Gebäudes selber war die an der Spitze 75 Meter hoch ragende Kuppel (ausgeführt durch den Bauingenieur Hermann Zimmermann), die allerdings kein Symbol der Renaissance oder der kulturellen Vielschichtigkeit, sondern des überlegenen technischen Fortschritts Deutschlands war. Sie war ganz aus Stahl und Glas gefertigt und für ihre Zeit eine technische Meisterleistung. Obwohl ihr Innenraum keine spezielle Funktion hatte, versorgte sie dennoch den Plenarsaal mit natürlichem Licht und gab dem deutschen Parlamentsgebäude einen würdigen Abschluss.

Die Innenräume waren äußerst prachtvoll und repräsentativ ausgestattet. An vielen Orten fanden sich heraldische Symbole, Statuen großer Deutscher und Gemälde. Das Reichstagsarchiv umfasste schon bald Millionen von Bänden, die mit einem genialen pneumatischen Aufzugsystem in den Lesesaal verschickt werden konnten. Ebenso hatte der Reichstag ein eigenes Kraftwerk und war so als erstes Parlamentsgebäude Deutschlands vollständig mit elektrischem Strom versorgt.

Giebel des ReichstagsWallot hatte für den Portikus den Schriftzug „Dem Deutschen Volke“ vorgesehen, dessen Anbringung Kaiser Wilhelm II. jedoch ablehnte. Erst 1916 wurde der Schriftzug auf Anregung des damaligen Reichskanzlers Theobald von Bethmann Hollweg angebracht, nachdem die SPD den Kriegskrediten zugestimmt hatte und der Kaiser sich mit dem Parlament „versöhnt“ hatte. Die Bronze für die Buchstaben musste auf kaiserliche Anordnung allerdings aus erbeuteten Geschützen gewonnen werden. Der Schriftzug wurde zeitgenössisch gestaltet und durch den Architekten Peter Behrens ausgeführt.

Bereits kurz nach Inbetriebnahme des Gebäudes fiel sein größter Mangel auf: Das Fehlen von Büroräumen für die Abgeordneten selber. Dieser Mangel konnte auch durch Umbauten in den folgenden Jahren nicht behoben werden. Legenden ranken sich um die Reichstagskantine, die nach ihrem Pächter Fraktion Schulze genannt wurde. Bis heute hält sich das Vorurteil, dass die Kantine im Reichstag das schlechteste Restaurant Berlins sei.

Am 9. November 1918 rief der sozialdemokratische Politiker Philipp Scheidemann von einem Fenster des Lesesaales durch einen der Westbalkone die Republik aus und beendete damit die Monarchie. An dieser Stelle ist heute eine Gedenktafel angebracht.


1945–1990: Deutsche Teilung

Sowjetische Soldaten hinterließen Inschriften an den Wänden. Einige wurden erhalten.
Weitere Sowjetische Inschriften an den Wänden & Türrahmen.Das Reichstagsgebäude wurde nach dem Reichstagsbrand 1933 und im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt. Bei der Eroberung Berlins 1945 entstand ein berühmtes Foto, das den ukrainischen Soldaten Alexei Berest beim Hissen der sowjetischen Fahne zeigt. Die Szene auf diesem Foto wurde allerdings einige Tage nach dem tatsächlichen ersten Hissen der Fahne auf dem Reichstag für die Aufnahme nachgestellt, während der Kampfhandlungen war das Fotografieren unmöglich. Die markante Kuppel wurde am 22. November 1954 zur Entlastung des restlichen Gebäudes und wegen angeblicher statischer Unsicherheit gesprengt. Diese Entscheidung wird in der Fachliteratur zuweilen als „fragwürdig“ bezeichnet. In den folgenden Jahren wurde das Gebäude, das unter die Obhut der neugegründeten Bundesbauverwaltung gestellt worden war, zunächst gesichert und die Fassade in vereinfachter Form wiederhergestellt.

Der in den Jahren 1958 bis 1971 durchgeführte Wiederaufbau zerstörte die historische Identität des Gebäudes, in dem sämtliche Stuckaturen und verbliebene Holztäfelungen, Türen etc. einfach zerstört wurden und das Gebäude in völlig veränderter Raumfolge gegliedert wurde. Der neu entstandene Plenarsaal war dreimal so groß wie der alte und selbst für ein gesamtdeutsches Parlament zu groß. Sämtliche heraldischen Verzierungen wurden entfernt, mit der Begründung, der Architekt Paul Wallot hätte sie nie so auszuführen beabsichtigt und man hätte in seinem Sinne gehandelt. Diese Behauptung ist schon deshalb falsch, weil Paul Wallot mit seinen zahlreichen Schmuckarbeiten gerade die kulturelle Vielfalt der Bundesstaaten des Deutschen Reichs betonen wollte und zum Beispiel regionale Baustile übernahm. Verantwortlicher Architekt für diesen Umbau war Paul Baumgarten, der allerdings in den meisten Entscheidungen von der Bundesbaudirektion bevormundet wurde. Diese Art von Umgang mit historischer Architektur entsprach dem Zeitgeist der 1960er und 1970er Jahre, insbesondere in Berlin.

Zu Zeiten der deutschen Teilung von 1961 bis 1989 verlief die Berliner Mauer unmittelbar an der Ostseite des Reichstagsgebäudes. Im Gebäude war ein Museum über den Bundestag und die Geschichte des Reichstagsgebäudes eingerichtet. Bis zur Wiedervereinigung fanden vereinzelt Fraktions- oder Ausschusssitzungen im Gebäude statt, eine plenarparlamentarische Nutzung war aufgrund der Vertragslage mit den Siegermächten nicht möglich. Für ausländische Staatsgäste war der Besuch der Außenterrassen mit Blick über die Berliner Mauer gewissermaßen Pflichtprogramm. Gleichzeitig wurde im Gebäude die Ausstellung Fragen an die Deutsche Geschichte gezeigt, die mehrere Millionen Besucher in das Haus lockte.

Nach der deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 beschloss der gesamtdeutsche Bundestag am Ende einer ausgiebigen und kontroversen Debatte am 20. Juni 1991 den Umzug von Parlament und Regierung von Bonn nach Berlin und damit die Verlegung des Bundestages in das Reichstagsgebäude.

1995–1999: Umbau

Reichstagskuppel bei Tag
Reichstagskuppel bei Tag mit Tageslichtspiegeln[[1]] Ein internationaler Architektenwettbewerb zum Umbau des Reichstagsgebäudes für die künftige Nutzung durch den Deutschen Bundestag wurde ausgeschrieben. Der Architekt Sir Norman Foster erhielt den Zuschlag, allerdings für einen wesentlich anderen Entwurf, als tatsächlich realisiert wurde. Er plante in seinem Ursprungsentwurf, über das gesamte Reichtagsgebäude und das umgebende Gelände ein freistehendes Glasdach zu spannen, das etwa dessen doppelte Grundfläche gehabt hätte. Dieser Entwurf stieß jedoch (nicht zuletzt wegen der enormen Kosten von bis zu ca. 1,3 Milliarden DM) bei vielen Bundestagsabgeordneten und der Berliner Bevölkerung auf Ablehnung. Sie sah in diesem Entwurf "deutschlands teuerste/größte Tankstelle". So wurde Foster genötigt, stattdessen die später so viel beachtete Glaskuppel zu planen. Als Gegenleistung erhielt er das Recht, die Rückseite des Bundesadlers im Plenarsaal zu gestalten. Im Juni 1994 entschied sich dann der Bauausschuss mit nur einer Stimme Mehrheit für diesen Entwurf und damit gegen die einzige übrig gebliebene Alternative, den originalgetreuen Wiederaufbau der ursprünglichen Kuppel. Dietmar Kansy (CDU) und insbesondere Peter Conradi (SPD) haben den Umbau des Reichstagsgebäudes zum Sitz des Deutschen Bundestages als Mitglieder der Baukommission maßgeblich geprägt.

1995 verhüllten die Aktionskünstler Christo und Jeanne-Claude das Gebäude, bevor ein umfassender jahrelanger Umbau unter der Regie des Büros Foster & Associates einsetzte, bei dem das Gebäude auch wieder eine Kuppel bekam.

Beim Umbau wurde besonders auf ökologische Faktoren Rücksicht genommen. Spezielle Verglasungen und Isolierungen sollen den Energieverlust verringern, ein Heizungs- und Kühlungssystem nutzt eine unterirdische Wärmequelle bzw. eine kühlende Grundwasserschicht zur Wärmeregulation. Ein kompliziertes System aus Spiegeln leitet das Licht der Sonne aus der Kuppel bis in den Sitzungsaal hinab. Wie in der Anfangsphase des Reichstags gibt es auch jetzt wieder ein eigenes Kraftwerk, das mit Biodiesel aus Mecklenburg-Vorpommern betrieben wird.

Gestaltung und Nutzung

Blick in die Kuppel
Innenansicht des Plenarsaals 2004Die neuartige begehbare gläserne Kuppel ist ein neues Wahrzeichen für Berlin. Sie dient zugleich der Belichtung und Belüftung des Plenarsaals. Das Gebäude ist mit vielen Kunstwerken internationaler zeitgenössischer Künstler geschmückt. Es befinden sich Sitzungsräume und ein Restaurant im Haus. Die eigentlichen Arbeitsräume der Abgeordneten des Deutschen Bundestages befinden sich in den umliegenden Neubauten der Paul-Löbe- und Jakob-Kaiser-Häuser.

Der riesige Plenarsaal bildet den Mittelpunkt des Reichstagsgebäudes und reicht praktisch durch das ganze Haus. Er ist von fast allen Stockwerken einsehbar. Das macht deutlich, dass sich hier das Zentrum der parlamentarischen Demokratie befindet. Erstmals nach dem Umbau wurde das Reichstagsgebäude von der Bundesversammlung zur Wahl des Bundespräsidenten 1999 genutzt. Offiziell heißt das Gebäude Plenarbereich des Deutschen Bundestages.

In den Räumen um den Plenarsaal befinden sich zahlreiche Kunstwerke internationaler Künstler. Der Anschaffungswert der einzelnen Kunstwerke wurde nicht veröffentlicht, insgesamt wurde für Kunstwerke im Reichstagsgebäude 4 Millionen Euro ausgegeben.

Westbalkon
Die Westbalkone befinden sich in nördlicher Richtung (rechts) neben dem Hauptportal. Vom zweiten von ihnen rief am Nachmittag des 9. November 1918 der Fraktionsvorsitzende der SPS-Fraktion, Philipp Scheidemann, die Republik aus. An dieser Stelle ist heute eine Gedenktafel angebracht. Seine Rede ist in zahlreichen Versionen überliefert. 1928 schreibt er selbst in seinen Memoiren: „Arbeiter und Soldaten! Furchtbar waren die vier Kriegsjahre. Grauenhaft waren die Opfer, die das Volk an Gut und Blut hat bringen müssen. Der unglückselige Krieg ist zu Ende. Das Morden ist vorbei. Die Folgen des Kriegs, Not und Elend werden noch viele Jahre lang auf uns lasten. Seid einig, treu und pflichtbewusst! Das Alte und Morsche, die Monarchie, ist zusammengebrochen. Es lebe das Neue! Es lebe die Deutsche Republik!“ Einige Stunden später rief Karl Liebknecht vom Berliner Stadtschloss die Räterepublik aus.

Unterirdischer Gang
Bei den Umbaumaßnahmen nach der Wiedervereinigung in den 1990er Jahren wurde ein Rohrleitungsgang entdeckt. Vor dem Reichstagsbrand verband dieser den Reichtstag mit dem Reichstagspräsidentenpalais, das heute Sitz der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft ist. Gerüchten zufolge sollen Angehörige der SA 1933 diesen Gang in den Reichtstag genutzt haben, um das Haus in Brand zu legen, was allerdings nie bewiesen wurde. Ein Teil des Heizungsganges ist bei den Bauarbeiten herausgesägt worden und steht nun in der Fußgängerunterführung vom Reichtstag zum Jakob-Kaiser-Haus.

Russische Graffiti
Für die Sowjetunion galt der Reichtstag als Symbol für den Beginn des Dritten Reiches und erhielt so große politische Bedeutung in der Schlacht um Berlin. Die Schlacht um den Reichstag begann am 29. April 1945 und endete drei Tage später. In den Tagen danach nutzen viele sowjetische Soldaten die Mauern, um sich in ihnen zu verewigen. Einige von ihnen wurden als Erinnerung am Originalstandort stehen gelassen und in den umgebauten Reichtstag integriert, nachdem Frau Prof. Dr. Rita Süsmuth einen russischen Diplomaten um Übersetzungen gebeten hatte: neben Aussagen à la "Ich war hier" sind demnach auch sexistische bis rassistische Kommentare zu lesen.

Gedenkstätte und Abgeordnetenlobby
Im Erdgeschoss befindet sich hinter dem Plenarsaal eine Abgeordnetenlobby, die die Künstlerin Katharina Sieverding als Gedenkstätte für die von 1933 bis 1945 verfolgten Mitglieder des Reichstages gestaltet hat. Am Kopfende des Raumes befinden sich ein Gemälde und drei Holztische mit Gedenkbüchern, in denen zu jedem der 120 ermordeten und vielen weiteren emigrierten Abgeordneten eine kurze Biografie steht.

Fraktionsebene
Die dritte Etage des Reichstages ist den Abgeordneten bzw. den Fraktionen vorbehalten. Dabei verfügt jede der im Parlament über eigene Versammlungssäle. Journalisten dürfen lediglich den Eingangsbereich betreten, in dem oft Presseerklärungen abgegeben werden.

Leuchtschriftbänder
In der nördlichen Eingangshalle hat die US-amerikanische Künstlerin Jenny Holzer eine Stele installiert, auf der digitale Leuchtschriftbänder Reden von Reichstags- und Bundestagsabgeordneten von 1871 bis 1992 dokumentieren. Holzer wählte hierzu insgesamt 442 Reden mit Zwischenrufen aus, die sie in Themenblöcken aneinanderreihte. Sie haben eine Gesamtlänge von 20 Tagen.


Artikel Reichstagsgebäude. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 28. Januar 2006, 22:07 UTC. URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Reichstagsgeb%C3%A4ude (Abgerufen: 31. Januar 2006, 13:30 UTC)