Sozialisation: die Kinder von Kauai

Spektrum der Wissenschaft, Juni 1989

Mit den 698 im Jahre 1955 auf der Hawaii-Insel Kauai geborenen Kindern

ist eine mehr als drei Jahrzehnte währende Entwicklungsstudie unternommen worden.

Kernfrage: Wie wirken sich angeborene und früh erworbene Schäden an Leib und

Seele aus - und wie lassen sich widrige Umstände bewältigen?

Von Emmy E. Werner

- ohne die im Original enthaltenen Abbildungen -

Kauai, auch die Garteninsel genannt, liegt am nordwestlichen Ende der Hawaii-Inselkette, 160 Kilometer oder eine halbe Flugstunde von Honolulu entfernt (Bild 2). Ihre rund 1440 Quadratkilometer bestehen aus Gebirgen mit tiefeingeschnittenen Tälern, Regenwäldern, Klippen und sandigen Stränden mit tosender Brandung.

Die ersten Polynesier, die im 8. Jahrhundert den Pazifik überquerten und die Insel besiedelten, müssen ebenso von ihrer Schönheit verzaubert gewesen sein wie die Generationen von Reisenden, die sie kennenlernten, nachdem der britische Weltumsegler James Cook hier im Jahre 1778 als erster Europäer an Land gegangen war.

Derzeit hat Kauai 45 000 Einwohner. Sie stammen größtenteils von Einwanderern aus Südostasien und Europa ab, die auf den Zuckerplantagen der Insel Arbeit gesucht hatten, um ihren Kindern eines Tages ein besseres Leben zu ermöglichen.

Da die Inselbewohner ungewöhnlich kooperativ sind, konnten meine Kollegen Jessie M. Bierman und Fern E. French von der Universität von Kalifornien in Berkeley, die einheimische klinische Psychologin Ruth S. Smith und ich auf Kauai eine Längsschnittuntersuchung durchführen, die sich über mehr als drei Jahrzehnte erstreckt hat. Damit verfolgten wir im wesentlichen zwei Ziele: Wir wollten die langfristigen Konsequenzen von Belastungen vor, während und kurz nach der Geburt (sogenanntem Streß) beurteilen und die Auswirkungen eines ungünstigen Umfeldes in der frühesten Lebenszeit auf die körperliche, geistige und psychosoziale Entwicklung von Kindern dokumentieren.

Die Anlage der Studie

Wir begannen diese Untersuchung zu einer Zeit, als es noch relativ selten war, die Entwicklung von Kindern mit biologischen und psychosozialen Risikofaktoren systematisch zu verfolgen. Wissenschaftler bemühten sich damals vor allem, die Ereignisse zu rekonstruieren, aus denen seelische oder soziale Probleme erwachsen waren. Sie untersuchten dazu die Lebensgeschichte einzelner Personen, bei, denen sich solche Probleme bereits gezeigt hatten. Der retrospektive Ansatz erweckt freilich leicht den Eindruck, das Ergebnis sei unumgänglich, weil es nur die Geschädigten und nicht die Davongekommenen berücksichtigt. Um dies zu vermeiden, beobachteten wir die Entwicklung sämtlicher Kinder einer Gemeinschaft während eines bestimmten Zeitraums.

Wir begannen 1954 mit einer Befragung aller Frauen von Kauai. Sie unterrichteten uns in diesem und den beiden folgenden Jahren von insgesamt 2203 Schwangerschaften, wovon 240 mit Fehlgeburten endeten. Wir beschlossen, die Kohorte der 1955 auf Kauai geborenen 698 Kinder zu untersuchen und verfolgten ihre weitere Entwicklung in zwei gewissen Abständen - als sie ein, zehn, 18 und 31 beziehungsweise 32 Jahre alt geworden waren.

Bei der Mehrheit der ursprünglichen Kohortenmitglieder - insgesamt 422 - hatten die Mütter während der Schwangerschaft keine Schwierigkeiten gehabt, und auch die Geburt war komplikationslos verlaufen. Sie wuchsen zudem in einer günstigen Umwelt auf.

Im Verlauf unserer Studie begannen wir uns allerdings besonders für Kinder mit hohem Risikofaktor zu interessieren, die unter prä- und perinatalem Streß gelitten hatten, die in einem unharmonischen Familienleben und in Armut aufwuchsen, deren Eltern ungebildet, alkoholabhängig oder geistig gestört waren - und die trotzdem eine gesunde Persönlichkeit entwickelten, zielgerichtet ihren beruflichen Weg machten und stabile zwischenmenschliche Beziehungen eingingen: Wir wollten herausbekommen, was die Widerstandskraft gerade dieser Kinder gestärkt hatte.

Kooperation der Insulaner

Es ist nicht leicht, eine soziale Gemeinschaft zu finden, die bereit und in der Lage ist, an einer derartigen Untersuchung mitzuwirken. Wir entschieden uns für Kauai nicht zuletzt, weil die Inselbewohner sich für unsere Arbeit aufgeschlossen zeigten.

Die medizinische, pädagogische und soziale Versorgung auf der Insel entsprach ungefähr den Gegebenheiten jener Zeit in einem ähnlich großen Gemeinwesen auf dem nordamerikanischen Festland (Hawaii war seit 1900 Territorium der USA und wurde 1959 deren 50. Staat). Unsere Studie sollte überdies die Einflüsse unterschiedlicher kultureller Eigenheiten auf Schwangerschaft und Erziehung von Kindern mit einbeziehen, da sich die Bevölkerung Kauais aus den Nachkommen japanischer, philippinischer, portugiesischer, chinesischer, koreanischer und nordeuropäischer Einwanderer sowie hawaiischer Einheimischer zusammensetzt (Bild 1).

Wir meinten außerdem, daß die relative Seßhaftigkeit der Inselbevölkerung es uns erleichtern würde, die Probanden und ihre Familien immer wieder aufzusuchen, was sich auch bestätigte: Zwei Jahre nach Beginn der Studie befanden sich nicht weniger als 96 Prozent der noch lebenden Kinder unserer Kohorte auf Kauai; und 90 Prozent trafen wir nach zehn Jahren sowie 88 Prozent nach 18 und auch nach 30 Jahren wieder an.

Die Datenerhebung

Um sie für eine Zusammenarbeit zu gewinnen, mußten wir die Inselbewohner zunächst kennenlernen und sie mit unserer Studie vertraut machen. Wir ließen uns dabei von geschickten und engagierten Fachleuten der Universitäten von Kalifornien in Berkeley und Davis, der Universität von Hawaii in Honolulu sowie der Insel Kauai selbst helfen.

Zunächst einmal erfaßten fünf Kinderschwestern und ein Sozialarbeiter, alle Bewohner von Kauai, sämtliche Haushalte der Insel in einer Statistik. Sie registrierten die Anzahl der Mitglieder und verschiedene demographische Daten, darunter die Zahl der Schwangerschaften und Geburten bei den Frauen ab dem zwölften Lebensalter. Die Interviewer fragten die Frauen insbesondere auch, ob sie derzeit schwanger seien, wenn nicht, erhielten sie jeweils eine Karte und einen Freiumschlag mit der Bitte, eine neue Schwangerschaft der Gesundheitsbehörde von Kauai umgehend zu melden.

Die Ärzte der Insel wurden aufgefordert, jeden Monat die Frauen aufzulisten, die sich bei ihnen auf eine Schwangerschaft hatten testen lassen oder zu Vorsorgeuntersuchungen kamen. Gemeindearbeiter stellten das Projekt in Frauengruppen und kirchlichen Versammlungen, der Bezirksärzteschaft und den Kommunalpolitikern vor. Die Besuche der Zähler wurden mit Briefen vorbereitet und die Mütter mit Aufdrucken auf den Milchkartons zur Zusammenarbeit aufgefordert. Wir annoncierten in Zeitungen, organisierten Diskussionen im Radio, veranstalteten Dia-Vorträge und verteilten Poster.

Schwestern und Pflegerinnen des Gesundheitsdienstes befragten die Schwangeren, die sich an unserer Studie beteiligten, in jedem Schwangerschaftsdrittel und registrierten alle körperlichen oder emotionalen Störungen. Ärzte notierten sämtliche Komplikationen vor der Geburt, während der Wehen, während der Geburt selbst und im Kindbett. Kinderschwestern und Sozialarbeiter befragten die Mütter nach der Entbindung und dann wieder, als die Kinder ein und zehn Jahre alt waren; des weiteren wurde das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern auch zu Hause beobachtet.

Kinderärzte und Psychologen hielten unabhängig voneinander Sitzungen mit den Kindern selbst im Alter von zwei und zehn Jahren ab. Sie beurteilten ihre körperliche, geistige und soziale Entwicklung und zeichneten alle Behinderungen und Verhaltensprobleme auf. Lehrer bewerteten das Fortkommen der Kinder in der Schule und ihr Verhalten in der Klasse.

Die Risikogruppen

Vom Beginn der Untersuchung an sammelten wir Informationen über die wirtschaftlichen Verhältnisse, das geistige Niveau und das emotionale Klima der Familien, insbesondere auch über Lebenskrisen, die Konflikte in der Familie oder gar den Bruch mit ihr nach sich zogen. Mit Zustimmung der Eltern konnten wir die Akten der Gesundheitsbehörden, der Schulverwaltung, der Sozialämter, der örtlichen Polizei und des Familiengerichts einsehen.

Wir führten in der Grund- und Oberschule Leistungs- und Persönlichkeitstests durch. Schließlich befragten wir die jungen Leute selbst im Alter von 18 Jahren nach ihren Lebensplänen und dann zu Beginn ihres dritten Lebensjahrzehnts nach ihren Ansichten.

Von den 698 Kindern unserer Kohorte von 1955 waren 69 einem mittleren und etwa 3 Prozent (23) schwerem prä- oder perinatalem Streß ausgesetzt gewesen. Nur 14 Kinder dieser zweiten Gruppe erreichten ein Alter von zwei Jahren; neun starben also früh - von allen übrigen waren es nur drei.

Einige der überlebenden Kinder wurden während der beiden folgenden Jahrzehnte auf irgendeine Art auffällig. Insgesamt waren 116 Kinder - jedes sechste - körperlich oder geistig durch perinatale oder neonatale Schäden behindert, die zwischen der Geburt und dem Alter von zwei Jahren festgestellt wurden und eine langfristige medizinische Pflege, pädagogische Hilfe oder vormundschaftliche Fürsorge erforderlich machten.

Insgesamt 142 Kinder - etwa jedes fünfte - mußten während des ersten Lebensjahrzehnts wegen erheblicher Lern- oder Verhaltensschwierigkeiten länger als sechs Monate betreut werden. Im Alter von zehn Jahren benötigten doppelt so viele Kinder irgendeine Form von psychologischer oder pädagogischer Betreuung, in der Regel wegen Leseschwächen, als medizinisch behandelt werden mußten.

Im Alter von 18 Jahren waren 15 Prozent der jungen Leute straffällig geworden. Und 10 Prozent hatten psychische Probleme, die eine stationäre oder ambulante Behandlung erforderten. Beide Gruppen überschnitten sich teilweise.

Als die Kinder zehn Jahre alt waren, hatten alle 25 mit langfristigen psychischen Problemen auch Lernschwierigkeiten. Von den 70 im Alter von 18 Jahren seelisch gestörten Jugendlichen waren 15 wiederholt straffällig geworden.

Die Entwicklung dieser Risikogruppen von der Geburt bis zum 18. Lebensjahr zeigte zweierlei: Die Folgen von prä- oder perinatalem Streß verringerten sich im Laufe der Zeit, und die Auswirkungen jeglicher biologischen Belastung hingen von dem Umfeld und den Umständen der Kinder- und Jugendzeit ab (Bild 3).

Wir fanden zwar eine gewisse Korrelation von mittleren bis schweren perinatalen Traumen mit erheblichen Schädigungen des Zentralnervensystems sowie des Bewegungsapparates und der Sinnesorgane, desgleichen mit einem Zurückbleiben in der geistigen Entwicklung, mit erheblichen Lernschwierigkeiten und chronischen Psychosen wie Schizophrenie, die in der späten Pubertät und bei jungen Erwachsenen auftrat. Doch weit stärker als die Geburtsschäden wirkten sich die allgemeinen Bedingungen, unter denen sie aufwuchsen, auf die Entwicklung der Kinder aus.

Je besser die häusliche Umgebung war, desto ausgeprägter vermochten sie ihre Fähigkeiten einzusetzen. Das wurde schon deutlich, als sie noch zwei Jahre alt waren. Diejenigen, die unter erheblichem perinatalem Streß gelitten hatten, aber in einem Mittelschichthaushalt oder in einer sonstwie stabilen familiären Situation aufwuchsen, erzielten in Tests zur sensorisch-motorischen und verbalen Entwicklung fast ebenso gute Leistungen wie Kinder, die ohne sonderlichen Streß zur Welt gekommen waren.

Einen Zusammenhang zwischen Komplikationen bei der Geburt und Beein-trächtigungen der körperlichen und geistigen Entwicklung fanden wir bei den Kindern von Kauai im Alter von zehn und 18 Jahren nur dann, wenn diese Probleme auch noch mit anhaltender Armut, familiären Konflikten, Geisteskrankheiten der Eltern oder anderen langfristig schlechten Entwicklungsbedingungen zusammentrafen. Bei Kindern aus stabilen Mittelschichtfamilien, deren Mütter einen High-School-Abschluß hatte, waren Folgen einer schwierigen Geburt im späteren Leben fast gar nicht - wenn überhaupt - zu bemerken.

Gefährdung und Lebenstüchtigkeit

Wie viele Kinder wuchsen unter so günstigen Umständen auf'? Einer beträchtlichen Minderheit war das nicht vergönnt.

Wir beurteilten 201 Kinder - 30 Prozent der überlebenden unserer Kohorte - als hochgradig gefährdet, weil sie einem mittleren bis schweren perinatalen Streß ausgesetzt gewesen waren, in dauerhafter Armut lebten und Eltern hatten, die nicht mehr als acht Jahre zur Schule gegangen waren, oder weil sie in einem von Streit, Scheidung, Alkoholismus der Eltern oder Geisteskrankheit geprägten familiären Umfeld aufwuchsen. Wir bezeichneten solche Kinder als risikoanfällig, wenn sie vor ihrem zweiten Geburtstag vier oder mehr dieser Risikofaktoren ausgesetzt waren.

Tatsächlich entwickelten zwei Drittel dieser Kinder (insgesamt 129) bis zum zehnten Lebensjahr schwere Lern- und Verhaltensstörungen beziehungsweise wurden bis zum l8. Lebensjahr straffällig oder hatten dann psychische Probleme; bei den Mädchen dieser Altersgruppe werteten wir auch eine Schwangerschaft als ungünstiges Moment. Aber immerhin 72 Kinder dieser Hochrisikogruppe - jeweils eines von dreien - wuchs zu einem fähigen jungen Erwachsenen heran, der gut mit Liebes- oder Lebenspartner, Arbeit und Freizeit zurechtkam. Keines von ihnen war im Kindes- oder Jugendalter ernsthaft lern- oder verhaltensgestört. Diese jungen Leute waren unseren Gesprächen und ihrem Ruf am Ort nach zu urteilen in der Schule erfolgreich, fanden ihren Platz in Familie und Bekanntenkreis und setzten sich nach Abschluß der High School realistische Ziele für Ausbildung und Beruf. Gegen Ende ihres zweiten Lebensjahrzehnts waren sie kompetent, zuversichtlich, umsichtig und interessiert und suchten jede Gelegenheit zur persönlichen Weiterentwicklung zu nutzen.

Eines dieser Kinder ist Michael, dessen Vorgaben auf dem Papier nicht vielversprechend schienen. Er war der Sohn minderjähriger Eltern, eine Frühgeburt mit einem Geburtsgewicht von rund 1950 Gramm. Die ersten drei Wochen seines Lebens verbrachte er getrennt von seiner Mutter im Krankenhaus. Unmittelbar nach seiner Geburt wurde sein Vater mit der US-Armee für zwei Jahre nach Südostasien geschickt. Als Michael acht Jahre alt war, hatte er drei Geschwister, und seine Eltern waren geschieden. Seine Mutter hatte die Familie verlassen und den Kontakt zu ihren Kindern abgebrochen. Michael und seine Geschwister wurden vom Vater und den alternden Großeltern aufgezogen.

Ein weiteres Beispiel ist Mary, nach 20stündigen Wehen von einer übergewichtigen Mutter geboren, die vor dieser Schwangerschaft mehrere Fehlgeburten gehabt hatte. Ihr Vater war ungelernter Landarbeiter mit vier Jahren Schulbildung. Zwischen Marys fünftem und zehntem Geburtstag wurde ihre Mutter wegen wiederholter psychischer und emotionaler Krisen mehrmals stationär behandelt, nachdem sie Mary körperlich und auch seelisch mißhandelt hatte.

Michael und Mary waren im Alter von 18 Jahren erstaunlicherweise zu jungen Menschen mit ausgeprägtem Selbstwertgefühl und einem vernünftigen Wertsystem herangewachsen, die anderen gegenüber rücksichtsvoll handelten und bei ihren Altersgenossen beliebt waren. Sie waren in der Schule erfolgreich und sahen ihre Zukunft optimistisch.

Streßresistenz

Rückblickend untersuchten wir das Leben dieser beiden jungen Menschen ebenso wie das der 70 anderen, die ihre widrigen Lebensumstände überwunden hatten. Wir verglichen die Merkmale ihres Verhaltens und ihrer Umwelt mit denen der übrigen stark gefährdeten Jugendlichen, bei denen in Kindheit und Jugend schwerwiegende und anhaltende Probleme aufgetreten waren.

Wir fanden so eine Reihe von schützenden und stützenden Faktoren innerhalb und außerhalb der Familie und bei den widerstandsfähigen Kindern selbst. Einige scheinen angeboren zu sein - Kinder wie Mary und Michael, die Problemen und widrigen Umständen trotzen, neigen zu Verhaltensweisen, auf die Familienmitglieder ebenso wie Fremde positiv reagieren. Dieselben charakterlichen Merkmale erhielten sie sich auch im Erwachsenenalter: ein relativ hohes Aktivitätsniveau, ein geringes Maß an Reiz- und Erregbarkeit, kaum Neigung zum Trübsalblasen und rege Geselligkeit; schon als Säuglinge wurden diese streßresistenten Kinder von ihren Eltern als quicklebendig, zärtlich, niedlich, unbeschwert und ausgeglichen beschrieben, sie aßen gern und schliefen gut und machten niemandem Mühe. Kinderärzte und Psychologen, welche die streßresistenten Kinder im Alter von 20 Monaten untersuchten, registrierten ihre Aufgewecktheit und Offenheit, ihr lebhaftes Spiel sowie ihre offene Bereitschaft, neue Erfahrungen zu machen und nötigenfalls um Hilfe zu bitten.

Als sie in die Grundschule kamen, stellten ihre Klassenlehrer fest, daß sie sich gut auf ihre Aufgaben konzentrieren konnten, Probleme richtig angingen und anstandslos lesen lernten. Zwar waren diese Kinder nicht außergewöhnlich begabt, aber sie nutzten ihre Talente effektiv. In der Regel teilten sie ein Hobby oder ein besonderes Interessengebiet mit einem Freund. Diese Aktivitäten waren nicht direkt geschlechtsgebunden; so stellten wir fest, daß Mädchen wie Jungen sich gleichermaßen im Fischen, Schwimmen, Reiten und dem Hula-Tanzen hervortaten.

Des weiteren ließen sich Umweltfaktoren erkennen, die dazu beitrugen, daß diese Kinder Belastungen relativ gut ertragen konnten. Die Widerstandsfähigen kamen oft aus Familien mit vier oder weniger Kindern, und das nächstjüngere der Geschwister war in der Regel mehr als zwei Jahre später geboren. Trotz Armut, Familienkonflikten oder psychotischer Probleme eines Elternteils konnten sie eine enge Beziehung zu mindestens einer Bezugsperson aufbauen, die ihnen in den ersten Lebensjahren stützende Zuwendung gab.

Das mußten nicht unbedingt Vater oder Mutter oder beide Eltern sein. In der Familie konnten beispielsweise Großeltern, ältere Geschwister, Tanten oder Onkel diese Rolle übernehmen (Bild 4), oder jemand von außen - etwa ein regelmäßig kommender Babysitter - wuchs in sie hinein. Mit zunehmendem Alter schienen die lebenstüchtigen Kinder besonders geschickt darin zu sein, sich solche Ersatzeltern geneigt zu machen, wenn etwa der Vater die Familie verlassen hatte oder die Mutter psychotischer Störungen wegen häufig stationär behandelt werden mußte.

Berufstätigkeit der Mutter und die Notwendigkeit, jüngere Geschwister zu beaufsichtigen, halfen den Mädchen dieser Gruppe offenkundig dabei, besonders selbständig und verantwortungsbewußt zu werden - vor allem in Haushalten, in denen der Vater gestorben oder dauerhaft abwesend war, weil er sich von der Familie getrennt hatte oder sich hatte scheiden lassen. Die Jungen dieser Gruppe wiederum waren häufig erstgeborene Söhne, die zunächst die Zuwendung ihrer Eltern nicht mit zahlreichen Geschwistern teilen mußten. Sie hatten außerdem einen Mann als Rollenmodell in der Familie - wenn nicht den Vater, dann einen Großvater oder einen Onkel. Feste Beziehungen und Regeln im Haushalt und ihnen zugeordnete Aufgaben gehörten für diese Jungen in Kindheit und Jugend zur alltäglichen Erfahrung.

Die Kinder, die trotz mancherlei Widrigkeiten gut zurechtkamen, schienen außerdem ein hohes Maß an emotionaler Unterstützung außerhalb der engeren Verwandtschaft zu finden. Sie waren bei ihren Klassenkameraden meist beliebt und hatten stets einen Kumpan, häufig aber mehrere enge Freunde. Wenn sie bei Schwierigkeiten und in Zeiten kritischer Altersübergänge Rat und Hilfe brauchten, stützten sie sich auf Nachbarn, Altersgenossen oder ältere Personen, wie es sich gerade ergab.

Aus der Schule schienen sie ein zweites Zuhause gemacht zu haben, einen Ort der Zuflucht, wenn ihre Familie zerrüttet war. Als wir sie im Alter von 18 Jahren befragten, nannten viele dieser Jugendlichen einen Lieblingslehrer, der für sie zum Rollenmodell, Freund und Vertrauten geworden war und der sie besonders in Zeiten unterstützte, in denen ihre eigene Familie von Konflikten bedrängt oder von Auflösung bedroht war.

Andere erhielten emotionale Unterstützung durch einen kirchlichen Jugendkreis, den Anführer ihrer Pfadfindergruppe oder einen Geistlichen, dem sie besonders vertrauten. Auch in Freizeitgemeinschaften wie einer Landjugendgruppe, dem Schulorchester oder einem Cheerleading-Team, das nach amerikanischer Sitte lokale Sportmannschaften anfeuert - fanden sie Anerkennung und Geborgenheit. Insgesamt half also auch eine Art soziales Fangnetz diesen Kindern, ein Gefühl für die Bedeutung ihres eigenen Lebens und den Glauben an ihre Zukunft zu entwickeln. Durch die Erfahrung, daß sie mit belastenden Lebensereignissen fertigwerden konnten, bekamen sie eine optimistische Grundhaltung - in deutlichem Unterschied zum Gefühl von Hilf- und Aussichtslosigkeit ihrer Altersgenossen, die sich in Schwierigkeiten verfangen hatten.

Zwischenbilanz

Im Jahre 1985, zwölf Jahre nachdem der Jahrgang 1955 die High School abgeschlossen hatte, machten wir uns wieder auf die Suche nach den Mitgliedern unserer Kohorte. Wir konnten 545 von ihnen - 80 Prozent - mit Hilfe der Eltern oder anderer Verwandter, durch Freunde oder frühere Klassenkameraden, über örtliche Telephonbücher, Adreßbücher, das Strafregister, das Wählerverzeichnis, das Kraftfahrzeug-Melderegister und die vom Gesundheitsministerium in Honolulu zur Verfügung gestellten standesamtlichen Dokumente ausfindig machen.

Die meisten jungen Männer und Frauen lebten immer noch auf Kauai. Aber immerhin 10 Prozent von ihnen waren auf eine andere Insel und weitere 10 Prozent in nordamerikanische Staaten der USA gezogen; 2 Prozent hatten ihren Wohnsitz inzwischen im Ausland.

Wir fanden 62 der 72 jungen Menschen wieder, die wir im Alter von 18 Jahren als streßresistent charakterisiert hatten. Sie hatten die High School auf dem Höhepunkt der Energiekrise absolviert und begaben sich während der schlimmsten Rezession seit der Weltwirtschaftskrise zwischen 1929 und 1938 auf den Arbeitsmarkt. Dennoch schienen die 30jährigen Männer und Frauen gut mit den Anforderungen des Erwachsenenlebens zurechtzukommen. Drei Viertel von ihnen, insgesamt 46, hatten ein College besucht und waren mit den Leistungen auf ihrem Bildungsweg zufrieden. Bis auf vier waren alle voll berufstätig, und drei Viertel fanden sich mit ihrer Arbeit am rechten Platze. - Verglichen mit den Altersgenossen aus derselben Kohorte, die nur wenigen Risikofaktoren ausgesetzt gewesen waren, war sogar ein größerer Anteil mit den derzeitigen Lebensumständen einverstanden (44 gegenüber 10 Prozent). Unter den sonst belastbaren Männern und Frauen hatten allerdings wesentlich mehr Gesundheitsprobleme als ihre Altersgenossen in den Vergleichsgruppen mit geringem Risiko (46 gegenüber 15 Prozent). Bei den Männern schien vor allem Streß im medizinischen Sinne die Ursache zu sein: Sie litten unter Rückenschmerzen, Schwindelgefühlen und Ohnmachtsanfällen, Übergewicht und Magengeschwüren. Die Gesundheitsprobleme der Frauen hingen vor allem mit Schwangerschaft und Geburt zusammen.

Verheiratet waren 82 Prozent der Frauen, aber nur 40 Prozent der Männer. Die Verheirateten bemühten sich offenbar stark um Nähe und Gemeinsamkeit mit Partner und Kindern. Persönliche Tüchtigkeit, Entschlußkraft, die Unterstützung durch den Ehepartner und eine starke religiöse Bindung zeichneten nach unseren Ergebnissen alle jene im Erwachsenenleben aus, die schon als Kinder schlimmen Umständen getrotzt hatten.

Angenehm überrascht waren wir auch davon, daß viele ehemals hochgradig gefährdete Kinder, die dann als Teenager Probleme hatten, sich im Alter zwischen 20 und Anfang 30 wieder fingen. Es gelang uns, 26 (90 Prozent) der minderjährigen Mütter, 56 (80 Prozent) der Personen mit psychischen Problemen und 74 (75 Prozent) der straffällig Gewordenen zu finden, die mit 30 noch am Leben waren.

Fast allen minderjährigen Müttern, die wir befragten, ging es zu dieser Zeit besser als mit 18 Jahren. Etwa 60 Prozent (16 dieser Frauen) hatten ihre Schulausbildung fortgesetzt, und etwa 90 Prozent (24) hatten einen Arbeitsplatz. Drei Viertel (56) der straffällig gewordenen Jugendlichen gelang es mit Erreichen des Erwachsenenalters, eine weitere Verhaftung zu vermeiden. Lediglich eine Minderheit von zwölf der im Jugendalter psychisch Kranken benötigte mit Anfang 30 noch ärztliche Betreuung.

Zu den entscheidenden Wendepunkten im Leben dieser Menschen aus der Hochrisikogruppe gehörten der Beginn des Militärdienstes, Heirat, Elternschaft und die aktive Beteiligung in einer kirchlichen Gemeinschaft. Wie in ihrer Jugend stützten sich die meisten von ihnen auch als Erwachsene eher auf informelle als auf offizielle Hilfsmöglichkeiten, das heißt eher auf Freunde und Verwandte als auf Fachleute aus dem psychosozialen Bereich.

Folgerungen

Unsere Ergebnisse stimmen optimistischer als die Lektüre der umfangreichen Literatur zum Thema Problemkinder, die Therapeuten, Sonderpädagogen und Sozialarbeitern gemeinhin unter die Augen kommt. Aus Risikofaktoren und einer belastenden Umwelt resultiert nicht zwangsläufig ein Mangel an Sozialisation. Es scheint klar zu sein, daß in jedem Stadium individueller Entwicklung - von der Geburt bis zur Reife - ein Wechselspiel zwischen belastenden Ereignissen besteht, die die Gefährdung erhöhen, und Einflüssen und Umständen, die die Widerstandskraft steigern.

Solange die schützenden Faktoren vorherrschen, kann die individuelle Anpassung erfolgreich verlaufen. Überwiegen dagegen die belastenden Lebensereignisse, kann selbst das ausgesprochen stabile Kind in Schwierigkeiten geraten. Durch Eingriffe von außen ist sicherlich eine bedenkliche Entwicklung zum Guten zu wenden - sei es, daß sich dadurch Risikofaktoren vermindern und weitere krisenhafte Lebensereignisse verhüten lassen, sei es, daß mehr günstige Umstände und persönliche Hilfen zu schaffen sind.

Unsere Identifikation der Risiko- und Schutzfaktoren zeigt, daß sozusagen entscheidende Weichen für das spätere Leben im frühesten Kindesalter gestellt werden. Es wird aber auch klar, daß hochgradig gefährdete Kinder sich erheblich in ihrer Reaktion auf negative wie auf positive Umstände während des Heranwachsens unterscheiden. Allein diese Tatsache lehrt, daß einige von ihnen mehr Hilfe brauchen als andere.

Wenn aber schon eine frühzeitige Intervention nicht jedem gefährdeten Kind zukommen kann, müssen Prioritäten gesetzt werden. Eine Zielgruppe sind auf jeden Fall Säuglinge und Kleinkinder, die am stärksten gefährdet scheinen, weil ihnen dauernd oder vorübergehend einige der grundlegenden sozialen Bindungen fehlen: Frühgeburten auf der Intensivstation, Kranke, die stationär behandelt werden müssen und deshalb längere Zeit von ihrer Familie getrennt sind, Kinder von drogenabhängigen oder psychisch kranken Eltern, Säuglinge und Kleinkinder, deren Mütter ganztags berufstätig sind und keine regelmäßige Kinderbetreuung für sie finden, Babys von alleinerziehenden Müttern oder minderjährigen Eltern, bei denen kein anderer Erwachsener im Haushalt lebt, oder auch Kinder von Wanderarbeitern und von Flüchtlingen, die nicht in einer sozialen Gemeinschaft verwurzelt sind.

Bei den frühesten Maßnahmen einer Intervention, der Beurteilung der Falles und der Diagnose, müssen nicht nur die Risiko-, sondern auch die Schutzfaktoren im Leben der Kinder berücksichtigt werden. Dazu zählen schon erkennbare Fähigkeiten des Kindes und informelle Hilfsmöglichkeiten, sein kommunikatives Verhalten und sein Vermögen, Probleme zu lösen, zu fördern und damit sein Selbstwertgefühl zu steigern. Unsere Studie hat ja gezeigt, daß auch Großeltern, ältere Geschwister, Fürsorger oder Lehrer diese Rolle übernehmen können, wenn ein Elternteil seiner Aufgabe nicht nachkommen kann. In vielen Situationen wäre es auch sinnvoller und billiger, solche bereits vorhandenen informellen Bindungen an Familie und Gemeinde zu festigen, als weitere bürokratische Hilfsmaßnahmen in die Wege zu leiten.

Damit schließlich ein Interventionsprogramm auch erfolgreich ist, muß es lange genug Unterstützung bieten, damit das Kind es als verläßliche Hilfe erfährt. Die aller Belastung gewachsenen gefährdeten Kinder unserer Kohorte von Kauai hatten zumindest einen Menschen, der sie vorbehaltlos akzeptierte - mit ihren charakterlichen Eigenarten und körperlichen oder geistigen Behinderungen. Alle Kinder können Belastungen besser ertragen, wenn die Erwachsenen in ihrer Umgebung ihre Selbständigkeit fördern, ihnen vermitteln, wie man mit anderen richtig redet und umgeht. Sie sollten ihnen zeigen, wie man Probleme selber bewältigt, Hilfsbereitschaft und soziale Verantwortung vorleben und belohnen.

Viele haben dazu beigetragen, daß seit Beginn unserer Studie verschiedene kommunale und pädagogische Programme für hochgradig gefährdete Kinder auf Kauai angelaufen sind. Die Ergebnisse trugen auch dazu bei, daß der Staat Hawaii nun spezielle Teams von psychologischen Fachleuten finanziert, die den in Schwierigkeiten geratenen Kindern und Jugendlichen helfen. Das Gesundheitsministerium richtete außerdem den Kauai-Kinderdienst ein, der Hilfsmaßnahmen bei Entwicklungsstörungen, körperlichen und geistigen Behinderungen sowie zur Rehabilitation in einer einzigen Institution koordiniert.

Bei einer kritischen Beurteilung solcher Programme zeigt sich, wie gleichsam Masche um Masche ein schützendes Netz geknüpft werden kann, das einem Kind ermöglicht, der Gefährdung zu entrinnen und seine Lage zu bewältigen. Die Lebensgeschichten der Kinder auf der Garteninsel, die das entgegen allen Widrigkeiten geschafft haben, lehren uns, daß Begabung, Zuversicht und Verantwortungsbewußtsein auch unter mißlichen Umständen gedeihen können, wenn Kinder in ihrem Leben Menschen finden, die ihnen eine sichere Grundlage für die Entwicklung von Vertrauen, Selbständigkeit und Entschlossenheit bieten.