Pädagogische Infrastrukturen

Systemische und systematische Planung von Präventions- und Förderangeboten für Lernende mit besonderen pädagogischen Bedarfen

Prof. Rudolf Kretschmann, Lilienthal

Manuskriptfassung

Erschienen in "Schulleitung und Schulentwicklung", Raabe-Verlag, Februar 2002

Inhalt Seite

  1. Einführung
  2. Bedingungen von Lernerfolg und Lernversagen
    1. Risikofaktoren und Schutzfaktoren bei Ausbildung von Sozialkompetenz bzw. aggressivem Verhalten
    2. Risikofaktoren und Schutzfaktoren bei Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten (LRS)
  3. Forderungen an eine pädagogisch-therapeutische Infrastruktur
  4. Kinder und Jugendliche mit besonderen pädagogischen Bedarfen
  5. Kooperationspartner
  6. Vom Denkmodell zum Tun

 

 1. Einführung

Für eine systematische Planung pädagogischer Präventions- und Förderangebote gibt es mehrere Anlässe und Gründe:

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Schulen, Beratungsstellen und sozialen Diensten realisieren immer häufiger, dass Kinder und Jugendliche mit den Mitteln und Möglichkeiten ihrer Institution und ihrer Profession allein nicht hinreichend gefördert werden können. So wächst auf verschiedenen Seiten eine Bereitschaft, nicht nur das eigene Vorgehen kritisch zu hinterfragen, sondern sich Partner zu suchen und bei der Planung von Präventions- und Förderkonzepten auch die Möglichkeiten einer institutionellen Kooperation auszuloten.

Bei den Schülerinnen und Schüler mit besonderen Bedarfen handelt es sich um Lernende, die von den pädagogischen Standardangeboten nicht hinreichend profitieren können:

Auf Lernende mit organischen Beeinträchtigungen gehe ich hier nur am Rande und der Vollständigkeit halber ein, da dies den Umfang und die Akzentuierung des Beitrags sprengen würde. Es soll hier v.a. um psychische und soziale Fragen gehen.

Beides, die Entwicklung von Förderkonzepten wie auch die Kooperation der Institutionen untereinander setzt "viable" Modelle voraus. Viabel (wörtlich übersetzt "gangbar") sind im Sinne der konstruktivistischen Theorie1 Vorstellungen, die sich als tauglich erweisen, angestrebte Ziele zu erreichen. In unserem Fall zulängliche Modelle

 

2. Bedingungen von Lernerfolg und Lernversagen

Entwicklungspsychologie und Entwicklungspsychopathologie verabschieden sich gegenwärtig von den reduktionistischen und mechanistischen Modellen für die Erklärung von Lernstörungen und ersetzen sie durch

Ein solche Problemverständnis berücksichtigt die Komplexität der Sachverhalte und ist eher geeignet, zu den eingangs postulierten viablen Erklärungsmodellen zu führen. Ohne eine Systematik der Bedingungsvariablen und der Interventionsmöglichkeiten laufen Förderkonzepte Gefahr, zu einem zufälligen Ensemble gerade verfügbarer Angebote zu geraten.

Entwicklungsökologische bzw. systemische Modelle gehen dagegen im Prinzip von der Annahme aus, dass am Zustandekommen komplexer Fertigkeiten, Denkgewohnheiten oder Verhaltensmuster immer eine Vielzahl von Wirkfaktoren beteiligt ist, u.a.

Positivwirkungen werden nach diesem Konzept als Folgen eines Bündels günstiger Bedingungen angesehen und Negativwirkungen als Folgen eines Bündels ungünstiger Einflüsse und Voraussetzungen. Darüber hinaus wird davon ausgegangen, dass einzelne Wirkfaktoren sich gegenseitig verstärken können, sich aufheben können und/oder einander ablösen.

Tatsächlich fand E. E. WERNER (1989) in ihrer richtungsweisenden Längsschnittstudie über das Heranwachsen der Kinder der Hawaii-Insel Kauai, dass Personen mit erwiesenen neurologischen Geburtsschädigungen im Erwachsenenalter kaum Auffälligkeiten zeigten, wenn sie in einem stabilen und wirtschaftlich gesicherten Elternhaus heranwuchsen, dass aber v.a. die Kinder Schwierigkeiten hatten und sozial randständig wurden, die in instabile und wirtschaftlich ungesicherte Familien hineingeboren wurden. Selbst Kinder, bei denen sich Risikofaktoren häuften (Stress bei der Geburt, wirtschaftliche Armut, zerrüttete Familienverhältnisse) waren als Erwachsene erfolgreich, wenn sie daneben auch entwicklungsförderliche Bedingungen vorfanden bzw. sich solche verschaffen konnten: v.a. eine sichere Bindung zu einem Erwachsenen (Onkel, Großeltern, ältere Geschwister), wobei offenbar auch der Einfluss von Schule eine heilsame Wirkung haben kann: "Aus der Schule schienen sie ein zweites Zuhause gemacht zu haben, einen Ort der Zuflucht, wenn ihre Familie zerrüttet war. Als wir sie im Alter von 18 Jahren befragten, nannten viele dieser Jugendlichen einen Lieblingslehrer, der für sie zum Rollenmodell, Freund und Vertrauten geworden war und der sie besonders in Zeiten unterstützte, in denen ihre eigene Familie von Konflikten bedrängt oder von Auflösung bedroht war" (WERNER, a.a.O. S. 122). Es war immerhin ein Drittel der Risikokinder, deren Entwicklung derart günstig verlief, wobei ich mich schon gefragt habe, ob unsere Schulen so ausgelegt sind, dass sie von Kindern als zweites Zuhause erlebt werden können.

Befunde wie diese verdeutlichen, warum immer die Person und das Umfeld zu betrachten ist, wenn es in einem konkreten Fall darum geht, eine Erklärung für das von dem Kind oder dem Jugendlichen gezeigte Verhalten zu finden. In der Sonderpädagogik hat sich mittlerweile die Auffassung durchgesetzt, Diagnosen grundsätzlich als Kind-Umfeld-Diagnosen anzulegen: Das Handeln von Individuen ist unauflöslich mit den Einflüssen eines Umfeldes gekoppelt und nur wenn wir beides sehen, das Kind und seine Umfeldbedingungen, werden wir eine Chance haben, die Probleme zu verstehen und passende Antworten zu finden. Befunde wie die von E. WERNER legen es darüber hinaus nahe, die Kind-Umfeld-Diagnose zur Risiko-Resilienz-Analyse zu erweitern.

Das englische Adjektiv "resilient" lässt sich übersetzen mit "abfedernd", "abprallend". Resilienzbedingungen sind also solche, welche Risiken abfedern oder abprallen lassen. Das Wissen um Risiko und Resilienz verlangt den Blick nach beiden Seiten auf Risiko- und auf Schutzfaktoren. Aufgrund der entwicklungsökologischen und systemischen Modellvorstellungen Vorüberlegungen ergibt sich folgende Systematik von Bedingungsfaktoren.

Auf der Basis der in Tabelle 1 dargestellten Matrix kann für einzelne Störungsbilder und Syndrome zusammengestellt werden, was im konkreten Fall Unterstützungs- und Gefährdungspotenziale sein könnten.

 

 

Risikofaktoren

Gefährdungspotenziale

Schutzfaktoren - Resilienzbedingungen

Unterstützungspotenziale

Person

Eigenschaften, Verhaltensweise, Gefühle und Einstellungen der Person, die geeignet sind, zur Entstehung und Aufrechterhaltung der Schwierigkeiten beizutragen

Eigenschaften, Verhaltensweise, Gefühle und Einstellungen der Person, die geeignet sind, Risiken abzufedern und/oder zu kompensieren, bzw. zum Abbau der aktuellen Schwierigkeiten beizutragen

Umfeld

Schulisches Umfeld

Ereignisse, Bedingungen im Umfeld Schule, die geeignet sind, zur Entstehung und Aufrechterhaltung der Schwierigkeiten beizutragen

Ereignisse, Bedingungen im Umfeld Schule, die geeignet sind, Risiken abzufedern und/oder zu kompensieren, bzw. zum Abbau der aktuellen Schwierigkeiten beizutragen

Außerschulisches Umfeld

Ereignisse, Bedingungen im außerschulischen Umfeld (Familie, häusliche Umgebung. Peer-Group) die geeignet sind, zur Entstehung und Aufrechterhaltung der Schwierigkeiten beizutragen

Ereignisse, Bedingungen im außerschulischen Umfeld (Familie, häusliche Umgebung. Peer-Group) die geeignet sind, Risiken abzufedern und/oder zu kompensieren, bzw. zum Abbau der aktuellen Schwierigkeiten beizutragen

Tab. 1: Bedingungen von Lernerfolg und Lernversagen

Ich will den Gedankengang an zwei Beispielen entwickeln, und zwar am Beispiel

2.1 Risikofaktoren und Schutzfaktoren bei Ausbildung von Sozialkompetenz bzw. aggressivem Verhalten

Tabelle 2 enthält ohne Anspruch auf Vollständigkeit eine Auflistung von Risikofaktoren und Schutzfaktoren bzw. Unterstützungs- und Gefährdungspotenzialen

Bei der Zusammenstellung potenzieller Bedingungen beziehe ich mich auf die einschlägige Fachliter zum Thema Gewalt und Aggression4.

Je mehr Schutzfaktoren und Widerstandskräfte ein Kind auf sich vereint, desto wahrscheinlicher ist es, dass es hohe soziale Kompetenz entwickelt. Je mehr Risiken sich bei einem Kind, bei einem Jugendlichen häufen, desto wahrscheinlicher ist es, dass es zu manifesten Aggressionen kommt – es sei denn, diese Risikobedingungen würden durch Schutzfaktoren, durch Unterstützungspotenziale abgemindert oder ausgeglichen, etwa durch

Bei einer multikausalen Genese lässt die statistische Wahrscheinlichkeit eine Vielzahl unterschiedlicher Bedingungskonstellationen erwarten.

Die Systematik lässt erkennen, dass Bedingungen aggressiven Verhaltens in der Person liegen können. Aber nicht nur dort. Bedingungen des häuslichen Umfeldes können ursprünglich zu der Aggressionsbereitschaft geführt haben und sie auch später noch aufrechterhalten. Bedingungen im Freizeitbereich wie z. B. der Anschluss an eine gewaltbereite Clique können eine vorhandene Aggressionsbereitschaft erhöhen oder sie manifest werden lassen. Aber auch die Schule kann Aggressionspotenziale bereithalten oder auch das Gegenteil davon organisieren: eine Lehr- und Lernkultur, die auf unterschiedlichsten Wegen die Ausbildung von "lifeskills" und einem verantwortlichen Miteinander zu erreichen sucht.

 

Risikofaktoren, Gefährdungspotenziale

Schutzfaktoren, Resilienzbedingungen, Unterstützungsptenziale

Erfahrungen, Eigenschaften und Reaktionsmuster der Person,

organische Befindlichkeiten,

Sozialisationsergebnisse,

Bildungsniveau, Weltwissen und Vorkenntnisse

Negativ getöntes Selbst- und Umweltmodell (Feindbilder) infolge von

  • erlebter Ablehnung,
  • inkonsistente Erziehung
  • strafender Erziehung

in der frühen Kindheit

Hohes Bedrohungsempfinden, hohes Selbstschutzbedürfnis

Gefühl, sich für erfahrenes Unrecht schadlos halten zu dürfen

Geringe Frustrationstoleranz, beschränkte Fähigkeit zum Bedürfnisaufschub

Irrational beliefs - Unzutreffende, übersteigerte Bedrohungsfantasien, Allmachtsfantasien, sadistische Gewalt- und Sexualfantasien

Ethnozentrismus, Misstrauen gegenüber fremden Kulturen und ihren Angehörigen.

Überhöhte Ansprüche an das Umfeld

Wunsch nach Prestigeobjekten und Luxusgütern, der mit eigenen Mitteln bzw. Mitteln der Familie nicht befriedigt werden kann

Schulische Lernrückstände, Geringes Weltwissen,

geringe soziale Kompetenz, geringe Empathie

Diskrepanz zwischen dem individuellen Bedürfnis nach Geltung und Aufmerksamkeit und den bis dahin angeeigneten sozialen Kompetenzen

Erfahrung, dass aggressives Verhalten kurzfristig zu Erfolgen führen kann

Verspätete Bewältigung von Entwicklungsaufgaben

Positives Selbstwertgefühl;

optimistisch-realistische Lebenseinstellung; realistische Zielvorstellungen;

realistische Ansprüche

als Folgen einer anregenden und umsichtigen Erziehung

Hohe Frustrationstoleranz und Fähigkeit zum Bedürfnisaufschub

Hinreichende Bewältigung der schulischen Anforderungen

differenziertes Weltwissen und sprachliche Gewandtheit

hohe Sozialkompetenz, insbesondere

  • Kontaktfähigkeit,
  • Fähigkeit Situationen realistisch zu bewerten
  • Folgen für sich und andere einzuschätzen
  • Konflikte sprachlich beizulegen

Altersangemessenes Bewältigen von Entwicklungsaufgaben.

Umfeld

 

a) Häusliche / außerschulische Sozialisationsbedingungen

Strukturelle Bedingungen

Materielle Unsicherheit, beengte Wohnverhältnisse,

Unvollständige Familie

Soziale Isolation der Familie

Fehlendes, antisoziales Wertebewusstsein der Erziehungspersonen

Unzureichende Erziehungskompetenz (infolge von Bildungsdefiziten, Alkohol- oder Drogenkonsum

destabilisierendes Wohnumfeld, Mangel an Freizeitangeboten

Psychische und Prozessbedingungen

Traumata durch Flucht, Vertreibung, Arbeitslosigkeit

Anregungsarmes häusliches Milieu, niedriger Bildungsgrad, geringe Fähigkeit der Erziehungspersonen, ihr Leben zu organisieren

Gestörte familiale Beziehungen; symbiotische Eltern-Kind-Beziehungen;

Hohe Aggressionsbereitschaft der Erwachsenen; aggressives Modellverhalten;

Repressive, mit Strafen einhergehende Erziehung; sexueller Missbrauch, inkonsistente Erziehung; überfordernde Erziehung;

Medienkonsum: Gewaltdarstellungen in Fernsehen, Videos, Internet

Peer-Group: Gewaltbereite "Gangs" und Cliquen, Hooligans, Fremdenfeindliche Gruppierungen, lebensfeindliche Zirkel

Gewaltrituale und Mutproben

Strukturelle Bedingungen

Materielle und soziale Sicherheit der Familie

Zulängliche Wohnverhältnisse, Vollständige Familie

Soziale Integration der Familie

Hoher Wertestandard der Erziehungspersonen

Hohe Erziehungskompetenz der Erziehungspersonen

Stabilisierendes Wohnumfeld, erreichbare und erschwingliche Freizeitangebote

Psychische und Prozessbedingungen

Hoher Bildungsgrad, hohe Selbst- und Sozialkompetenz der Erziehungspersonen

Kooperatives Verhältnis der Erziehungspersonen

anregungsreiches, ermutigendes Erziehungsklima

Ausreichend Kommunikation; angemessene Anforderungen;

zuversichtliches Familienklima;

 

 

 

 

Peer-Group

Soziale Integration in Vereinen, Sportclubs, etc.

Akzeptierte Position in der peer-group

b) Schulische Sozialisationsbedingungen

und pädagogische Angebote

Strukturelle Bedingungen

Unfreundliche bauliche Gestaltung der Schule, dürftige Einrichtung und Ausstattung; Spuren von Wandalismus

Zu wenig Personal, zu große Klassen

Pädagogische und Prozessbedingungen

Schlechtes Schulklima, fehlende Kooperation unter den Lehrerinnen und Lehrern

Laissez Faire oder Überforderung

Ablehnendes Lehrerverhalten, gestörte Schüler-Lehrer-Beziehung, Unklare Grenzen

Intransparente Leistungsbewertungen

Inhaltsarme Formalangebote

Gleichtakt des Lernens, fehlende Passung der Angebote

Zu wenig zugestandene Lernzeit

Mobbing durch Mitschüler, gewaltbereite Mitschüler

 

Strukturelle Bedingungen

Freundliche Gestaltung der Schule (Klassenzimmer, Gebäude, Schulhof), Pflege der Einrichtungen

Ausreichend Personal

Pädagogische und Prozessbedingungen

Kollektives Bemühen der Lehrkräfte um eine humane Schule ; Gelungene Balance von Förderung und Fordern

Respektierende Grundhaltung den Schülern gegenüber

Klare und faire Grenzen; Fairer Umgang der Schülerinnen und Schüler untereinander

Sozialtraining bzw. Training v. lifeskills als Lehrinhalt

Transparente Gestaltung von Leistungsüberprüfungen und -bewertungen

Binnendifferenzierender Unterricht, Bemühen um größtmögliche Passung der Angebote

Unterrichtsangebote mit Lebensweltbezug und Selbstwirksamkeitserleben

Unterstützungsprogramme für in ihrer Entwicklung gefährdete Kinder und Jugendliche

Tab. 2: Bedingungen von Sozialkompetenz vs. Aggressionsbereitschaft bei Kindern und Jugendlichen

2.2 Risikofaktoren und Schutzfaktoren bei Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten (LRS)

Bei Lernrproblemen i.e.S., dem Zurückbleiben in Fächern wie Mathematik und Deutsch, gibt es teils andere, teils identische Bedingungen, und wieder andere mögliche Bedingungskonstellationen. In die Systematik ist dabei ein weiterer Ordnungsaspekt aufzunehmen, die Dimension des Lerngegenstandsbezugs.

Unmittelbare, lerngegenstandsspezifische Bedingungen

Mittelbare, lerngegenstandsunspezifische Bedingungen

Bedingungen, die sich v.a. auf Erfolg und Versagen beim Schriftspracherwerb auswirken können

Bedingungen, die sich ganz allgemein auf Erfolg und Versagen in der Schule auswirken können, u.a. auch auf den Schriftspracherwerb, aber auch auf andere Fächer

Die Übersicht über die Bedingungsfaktoren von Erfolg und Versagen beim Lesen- und Schreibenlernen enthält Tabelle 3.

 

Bitte anklicken! Tab. 3: Bedingungsvariablen von Lernerfolg und Lernversagen beim Schriftspracherwerb

Alltagstheorien und deterministischen Vorstellungen, Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten seien auf einen dominierenden Wirkfaktor zurückzuführen, wurden durch die empirischen Forschungen schon vor längerer Zeit widerlegt.

Statt eines dominierenden Faktors wurde – vorzüglich aufbereitetet bei Klicpera und Gasteiger-Klicpera8 – eine Vielzahl von Wirkfaktoren gefunden, die allerdings immer nur kleine Anteile an der Gesamtvarianz aufklären. Zum Erfolg und Versagen von Kindern beim Lesen und Schreiben können die unterschiedlichsten Bedingungen beitragen

Es kann vieles Ursache sein, und zwar bei jedem Kind in einer anderen Konstellation. Diese Feststellung darf jedoch nicht verwechselt werden mit diffusen und konturlosen Vorstellungen von "Ganzheitlichkeit" oder "Alles hängt mit allem zusammen". Es geht vielmehr darum aus einer endlichen und beschreibbaren Menge bekannter Wirkfaktoren diejenigen zu identifizieren, die in einem konkreten Fall bei einem bestimmten Förderkind gegeben sind.

Sie können mehrere Kopien von Tabelle 3 anfertigen und sich bei einigen Ihrer Kinder mit Lernschwierigkeiten im Allgemeinen und Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten im Besonderen vergegenwärtigen,

Vermutlich werden Sie zu dem Ergebnis kommen, dass bei ähnlicher Symptomatik höchst unterschiedliche Bedingungskonstellationen vorliegen können, wie bei unseren fiktiven Förderkindern Eva, Denis und Murat.

Nehmen wir an, es handele sich um Kinder am Ende des ersten Schuljahres, einige Buchstaben sind gefestigt, aber mit der Synthese gibt es Probleme. Außerdem zeigen die Kinder Anzeichen von Verunsicherung, wenn sie Lese- oder Schreibaufgaben bewältigen sollen. Die Umstände, die mit diesen Schwierigkeiten einhergehen, könnten (vgl. Tabelle 4) jedoch bei allen drei Kindern verschieden sein.

Name

Bedingungskonstellation

Eva

Allgemein intellektuell gut entwickelt

Sozial angepasst bis überangepasst

In der Klasse eher isoliert

Ausgeprägte musische Fertigkeiten

Überbehütende/symbiotische Erziehung im Elternhaus. Eltern stellen höchste Ansprüche an Eva und die Schule

Denis

Intellektuell durchschnittlich entwickelt

Im Unterricht hypermotorisch, hyperaktiv

In der Klasse eher isoliert

Begeistert sich für Fußball

Vernachlässigende bis inkonsistente Erziehung im Elternhaus

Versäumt gelegentlich den Unterricht

Murat

Bewältigt die deutsche Sprache nur unvollkommen

Ist sehr bemüht, den Anforderungen zu entsprechen; nimmt sich Misserfolge sehr zu Herzen und ist allgemein wenig erfolgszuversichtlich

 

 

Tab. 4: Ähnliche Symptomatik, unterschiedliche Bedingungskonstellationen

Würden wir trotz unterschiedlicher Bedingungskonstellationen allen Kindern die gleiche Förderung erteilen? Alle drei Kinder in einem Förderkurs Legasthenie geben mit den gleichen Angeboten? Oder müssten die Kinder verschiedene Arten der Förderung erhalten; und zwar u.a. Angebote, die vielleicht über das hinaus gehen, was z. B. Schule leisten kann und leisten muss? Wie also gehen wir überhaupt um mit dem Wissen um die vermutlich multikausal und individuell unterschiedliche Bedingtheit von LRS oder anderer Lern- und Entwicklungsstörungen:

Einfache Verursachungsmodelle gestatten einfache Interventionskonzepte. Deshalb sind sie ja auch so beliebt. Wenn ich es als erwiesen ansehe, dass LRS hauptsächlich die Folge einer visuellen Wahrnehmungsschwäche ist, dann kann ich mich damit begnügen, Wahrnehmungsförderung zu betreiben. Gebe ich der auditiven Sinnesmodalität den Vorzug, mache ich Hörübungen. Das kann in der Schule geschehen, in einer Erziehungsberatungsstelle, in einem Nachhilfestudio, in einer kinderpsychologischen Praxis. Der Ort ist sekundär. Wenn es aber zutrifft, dass Schulversagen im Allgemeinen und LRS im Besonderen durch personale, schulische, oder familiale Faktoren mitbedingt sein kann, dann muss ich nicht nur meinen Diagnosehorizont erweitern (Stichwort: Kind-Umfeld-Analyse), dann muss ich auch meinen Interventionshorizont weiter ziehen und je nach individueller Problemlage die unterschiedlichsten Unterstützungsangebote bereit halten, z. B.

Es mag Kinder geben – und das ist sicher die Mehrzahl – bei denen es genügt, eines dieser Angebote zu realisieren, um ihnen über ihre Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten hinwegzuhelfen. Es mag jedoch auch Kinder geben, bei denen ein ganzes Bündel von Maßnahmen erfolgen müsste, um ihnen zu helfen; insbesondere dann, wenn LRS – so wichtig Lesen und Schreiben in der Schule auch sein mag – lediglich ein Epiphänomen tiefergehender Ursachen ist; Folge- oder Begleitproblem von

....

Um solchen Problemen begegnen zu können, bedarf es sicher mehr als eines wohl gestalteten Lese-Schreib-Angebots in der Schule.

Es bedarf zunächst einmal einer lokalen und regionalen Infrastruktur

3. Forderungen an eine pädagogisch-therapeutische Infrastruktur

Lassen Sie mich nun der Systematik der Verursachungsbedingungen eine Komplementärstruktur gegenüberstellen, nämlich die einer pädagogisch-therapeutischen Infrastruktur

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat auf medizinischen Gebiet schon vor Jahren eine Unterscheidung getroffen zwischen primärer, sekundärer und tertiärer Prävention.

Die Unterscheidung lässt sich auf soziale Bereiche übertragen und sie ist hilfreich für eine Systematisierung schulischer wie außerschulischer Präventions- und Förderangebote:

Das Konzept legt nahe, auf Störungen nicht nur zu reagieren, sondern Vorkehrungen zu treffen, um ihnen vorzubeugen.

Innerhalb der Ebenen kann man unterscheiden zwischen

Dieses Konzept, das Problem gleichsam von zwei Seiten anzugehen, lässt sich darstellen als eine Ypsilon-Struktur pädagogisch-therapeutischer Prävention und Intervention.

 

 

Umfeldbezogene Maßnahmen

Personbezogene Maßnahmen

Abb. 1: Ypsilon-Struktur pädagogisch therapeutischer Prävention und Intervention

Indem wir im Umfeld der Person möglichst viele lernförderliche Bedingungen schaffen und möglichst viele Belastungsmomente reduzieren und indem die Person eine Kompetenzerweiterung und eine Persönlichkeitsstärkung erfährt, sollen lernbehindernde Kreisprozesse durchbrochen werden; es sollen entwicklungshemmende Dynamiken angehalten und entwicklungsförderliche etabliert werden.

Unter primärer Prävention ist alles zu verstehen, was eine gute Schule ausmacht, einschließlich Binnen - und Niveaudifferenzierung, einem Unterricht, der sowohl bedarfs- als auch bedürfnisorientiert ist, emotionaler Unterstützung der Lernenden, einem freundlichen Ambiente und einer gelungenen Kooperation der Schule mit Partnern in der Region.

In dieser Denkstruktur wird vorausgesetzt, dass alle erforderlichen Maßnahmen einer hinreichenden Finanzierung bedürfen, um ausreichend qualifiziertes pädagogisches und therapeutisches Personal zu beschäftigen und die erforderlichen Räume, Zeiten und Materialien bereitzustellen. Hier zeigt sich natürlich ein besonders deutlicher Bruch zwischen wissenschaftlich begründeten Erfordernissen und der Wirklichkeit chronisch unterfinanzierter Systeme. Allerdings zwingt gerade diese Tatsache zu verstärkter Kooperation, denn wenn die Ressourcen einer Institution nicht reichen, kann u.U. durch die Kooperation mehrerer Einrichtungen der nötige Handlungsspielraum geschaffen werden.

Tab. 5: Denkbare Maßnahmen bei LRS auf den verschiedenen Präventionsebenen Bitte anlicken!

Steigerung von Kompetenzen und Widerstandskräften

Maximierung von Unterstützungspotenzialen und Minimierung von Stressoren im Umfeld der Person

des Individuums

im Umfeld Schule

im außerschulischen Umfeld

Primäre

Prävention Entwicklungsfördernde Gestaltung schulischer und außerschulischer Lebens- und Lernbedingungen für alle Kinder und Jugendlichen

Regelmäßige Angebote zur Lebensweltorientierung

Regelmäßige Angebote zum Erlernen von "lifeskills" und Coping-Strategien ("Fit und stark fürs Leben"):

  • Sozial- und Kommunikationskompetenz
  • Sich wahrnehmen und achten, Selbstwertgefühl
  • Andere achten und wahrnehmen (Empathie lernen)
  • Neinsagen
  • Umgang mit Enttäuschungen und negativen Stimmungen
  • Strategien gegen Grübeln und unbegründete Sorgen
  • Werteerziehung

Freundliche Gestaltung der Schule (Klassenzimmer, Gebäude, Schulhof)

Kollektives Bemühen der Lehrkräfte um eine humane Schule

Respektierende Grundhaltung den Schülern gegenüber

Transparente Gestaltung von Leistungsüberprüfungen und –bewertungen

Binnendifferenzierender Unterricht, Bemühen um größtmögliche Passung der Angebote

Unterrichtsangebote mit Lebensweltbezug und Selbstwirksamkeitserleben

Psychohygiene im Unterricht, Entspannungsübungen, Fantasiereisen, etc.

Regeln: Klare, eindeutige Regeln, die am Besten im Konsens mit allen Beteiligten erarbeitet wurden, faire Sanktionen

Verträge schließen

Lehrpersonen: Rollensicherheit

Klare Benennung der Toleranzgrenzen

Konsistentes Verhalten

Schulprogramme zur gewaltfreien Konfliktregelung Beratungslehrer, Schüler als Streitschlichter "

Einrichten von Lebensräumen für Kinder und Jugendliche: Spielplätze, Sportplätze, Jugendfreizeitheime,

Förderung von antagonistischem Verhalten, Kulturangebote (Malen, Musik, Theater), Freizeitangebote (Spielnachmittage, Ferienlager), Sportangebote

Stadtteilkonferenzen, um Angebote für Kinder und Jugendliche zu planen und zu organisieren

Fortbildungs- und Unterstützungsangebote für Eltern

 

Sekundäre

Prävention

Unterstützungsangebote für Kinder und Jugendliche, die in ihrer Entwicklung gefährdet sind

Für entwicklungsgefährdete Schüler:

Abbau von Lernrückständen

Hausaufgabenhilfe,

Sprachförderung, Deutschunterricht für Kinder ausländischer Herkunft,

Hilfen zur Ausbildung zweckmäßiger Arbeitstechniken und Aneignungsstrategien

Gezieltes Training von Sozialkompetenz für "Täter" und "Opfer"

Unterstützungsprogramme für in ihrer Entwicklung gefährdete Kinder und Jugendliche; Beratungslehrer, Stützpädagogen

Jahrgangsübergreifender Unterricht mit Lernzeitverlängerung

Schule mit familienergänzenden Aufgaben, Schulsozialarbeit, Betreuungsschule,

Verbot und Kontrolle von Waffen

Nottelefon", Schutzangebote für "Opfer"

Hort-, Sport- und Freizeitangebote für gefährdete Kinder und Jugendliche, "Mitternachtssport"

Spezielle Beratungsangebote für Familien mit Problemkindern

Familiensozialarbeit

Zusammenarbeit der Schule mit sozialen Diensten und Polizei "Kontaktpolizist"

Streetworker, Jugendarbeit mit gewaltbereiten bzw. prädelinquenten Gruppen,

Betreuung von Fußballfanclubs

Täter-Opfer-Ausgleich

Hilfekonferenzen zur Koordinierung der Angebote für gefährdete Gruppen

Tertiäre Prävention Unterstützungsangebote bei manifesten Störungen

= Förderung

= Therapie

Diagnostische Ermittlung des besonderen pädagogischen und therapeutischen Förderbedarfs

Abbau von Lernrückständen

Gezielte pädagogische Unterstützung des Kindes bei der

- Ausbildung eines zweckmäßigen Arbeitsstils

- Vermehrung von Weltwissen

- Erweiterung von Interessen und Hobbys

- Steigerung oder dem Rückgewinn der Lernmotivation

- Stärkung von Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl

- Ausbildung eines realistischen Anspruchsniveaus

- Steigerung sozialer Kompetenz und der Festigung des sozialen Position

- Regulierung von Gefühls- und Erregungszuständen

Psychotherapie: gezielter Abbau unbegründeter Erwartungen und Besorgnisse und unzweckmäßiger Bewältigungskonzepte

Wechsel in eine andere Klasse

Zuordnung eines Tutors, einer Tutorin

Beratung der Lehrkräfte durch Schulpsychologen oder Beratungslehrer

Medikamentöse Therapie

Aggressionsblocker, Präsenz von Personen und Bedingungen, die Gewaltausübung behindern

Time out bei sich anbahnenden Erregungszuständen

Pause: Aktive Pausenaufsicht

Pausenangebote

Zeitversetzte Pausen (erst die jüngeren, dann die älteren Schüler)

Gestalteter Pausenhof

Präsenz der Erwachsenen, Eingreifkultur

Polizei zu Schulwegs- und Pausenzeiten sichtbar (schulfremde Jugendliche auf dem Schulgelände)

Schulweg und Transport

Ausreichende Schulbustransportkapazitäten

Keine langen und zu Rangeleien einladende Wartezeiten

Transportbegleitung

Schulwegpartnerschaften

Begleitung von Kindern auf dem Schulweg

Nottelefon

 

 

Elterngespräch, Elternberatung

Einschalten von schulpsychologischem oder sozialem Dienst

Familienhilfe

Familientherapie,

Herauslösen von Kindern und Jugendlichen aus gewaltbereiten Gruppen (durch Alternativangebote)

Resozialisierungsprogramme für delinquent gewordene Jugendliche

Veranlassung medizinischer Untersuchungen

Einwirken auf Störungen verursachende Mitschüler

Pflegefamilie

Tab.: 6: Prävention und Intervention bei der Gewaltproblematik

4. Kinder und Jugendliche mit besonderen pädagogischen Bedarfen

In den angelsächsischen Ländern spricht man von "children with special needs" und meint damit Lernende, die besonderer pädagogischer Angebote bedürfen. In Anlehnung an diese Formulierung spreche ich von Kindern und Jugendlichen mit besonderen pädagogischen Bedarfen. Mit Absicht übrigens nicht von Bedürfnissen, denn nicht immer werden Kinder und Jugendliche abschätzen können, welcher Angebote sie bedürften. Dafür müssen schon die Erziehungspersonen die Verantwortung übernehmen.

Innerhalb des Personenkreises kann man mehrere Zielgruppen unterscheiden und zwar Kinder und Jugendliche mit

  1. Lern- und Aneignungsschwierigkeiten in einzelnen oder mehreren Lernbereichen
  2. Hyperaktivitätsstörungen
  3. Sprach- und Sprechstörungen
  4. Emotionalen Problemen, darunter fallen Ängste, Versagensängste und Depressionen
  5. Alkohol- oder Drogenproblemen
  • sozialen Problemen, z.B. aggressives Verhalten, oppositionelles Verhalten
  • migrationsbedingten Problemen, in erster Linie Sprachproblemen sowie Integrationsproblemen
    1. organischen Beeinträchtigungen
    2. besonderem Förderbedarf infolge außergewöhnlicher Begabungen

    Unterschiedliche pädagogische Bedarfe erfordern unterschiedliche Präventions- und Förderangebote. Wir haben bisher Systematiken ausgearbeitet für aggressives Verhalten, für LRS und für Rechenstörungen (KRETSCHMANN 2002). Für andere Störungsbilder wären eigene Verursachungs- und Präventionssystematiken zu erstellen, was in nächster Zukunft auch erfolgen soll. Vergleicht man die Erfordernisse für verschiedene Zielgruppen, so kommt man leicht zu der Feststellung, dass sich Angebote primärer Prävention sich noch weitgehend ähneln. Die Erfordernisse unterscheiden sich um so mehr, je weiter wir uns der sekundären und der tertiären Prävention annähern. Je spezifischer sie sind und sein müssen, desto mehr entfernen wir uns von den traditionellen Angeboten von Schule und Unterricht und treten ein in die Bereiche von Sozialarbeit und Psychotherapie. Es ist eine emotionale und soziale Unterstützung erforderlich, es sind familienergänzende Aufgaben zu leisten, wenn Kinder verwahrlost sind und z. B. ohne Frühstück zu Schule kommen und auch nach der Schule nicht mit einer Mahlzeit rechnen können. Kinder mit neurotischen Beeinträchtigungen wiederum bedürfen psychotherapeutischer oder gar familientherapeutischer Bearbeitung. Schulprobleme im engeren Sinn können durch unterrichtliche Binnendifferenzierung oder durch sonderpädagogische Unterstützung bewältigt werden. Z. T. können so auch soziale Kompetenzen trainiert oder emotionale Stabilisierungen erfolgen.. Aber nicht selten übersteigen die Probleme die Möglichkeiten von Schule und bedürfen außerschulischer Angebote.

    5. Kooperationspartner

    Abb. 2 zeigt, welche Förderschwerpunkte mit Mitteln primärer, sekundärer und tertiärer Prävention zu bedienen sind. Sicher kann eine Schule nicht alle Zielgruppen gleich intensiv mit passenden Angeboten bedienen. Es wird erforderlich sein auszuloten, welche Bedarfe an einem Schulstandort besonders dringend einer Lösung bedürfen. An der einen Schule werden es Migrantenkinder sein, die besonderer Aufmerksamkeit bedürfen, an einer anderen Schule ist ein Gewaltproblem zu bearbeiten, eine dritte mag es für angezeigt halten, sich besonders Kindern und Jugendlichen mit besonderen Begabungen zuzuwenden. Natürlich gehören die zentralen Bereiche des schulischen Lernens – Lesen, Schreiben, Mathematik – in jedem Fall zu den Problembereichen, für die eine optimale Vorsorge getroffen werden muss.

    Je umfangreicher die zu bewältigen Probleme sind und je mehr sie sich von den traditionellen schulischen Aufgaben – der Vermittlung von Wissen und Kenntnissen – entfernen, desto mehr bedarf es der Kooperation mit externen Partnern.

     

     

    Abb. 2: Präventionsebenen und potenzielle Kooperationspartner

    Um Nachhaltigkeit pädagogischer Angebote zu erreichen, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen mit besonderen pädagogischen Bedarfen, bedarf es

    Abb. 2 siedelt um den Kernbereich Schule Kooperationspartner an, mit denen, je nachdem, wie eine Schule ihre Schwerpunkte setzen will, Lösungen zu erarbeiten und Kooperationsvereinbarungen zu treffen wären. Unerlässlich ist dabei, dass auch die übergeordneten Behörden und Instanzen (Ministerien, Schulaufsicht oder Kirchenleitung) das Kooperationsvorhaben aktiv unterstützen, da sie letztendlich über Personaleinsatz und Ressourcen entscheiden. Auch diese Instanzen sind also in die Planungen mit einzubeziehen.

    Wenn man erst bereit ist, über den Horizont der eigenen Institution hinauszusehen, wird man aufmerksam auf ungeahnte Möglichkeiten. Aber auch auf die Notwendigkeit, den Handlungsrahmen zu erweitern. Denn oftmals erkennt man erst wenn man aus einem System heraustritt, wo dieses System ergänzungsbedürftig ist. Es ist nicht daran gedacht und es wäre auch nicht möglich, dass Schule mit allen potenziellen Partnern kooperiert. Es ist vorgesehen, dass Schule sich um die Partner bemüht, die eine maximale Unterstützung bei den Förder- oder Problemschwerpunkten versprechen, die aus der Sicht der Schule die höchste Priorität genießen.

    6. Vom Denkmodell zum Tun

    Ich habe schon bei der Vorstellung der Bedingungsgefüge von LRS und aggressivem Verhalten empfohlen, mit den Tabellen zu arbeiten. Ich will dies ein zweites Mal tun. Sie können sich nunmehr Tabelle 6 zuwenden - Optimierung entwicklungsfördernder Bedingungen bei emotionalen und sozialen Störungen. Sie können mit einem grünen Filzmarker anstreichen, was es an Ihrer Schule und in Ihrer Region bereits an Maßnahmen zur Gewaltprävention gibt. Sie können mit einem andersfarbigen Stift von den vorgegebenen Möglichkeiten diejenigen kennzeichnen, die noch nicht gegeben sind, und herbeigeführt werden müssen - und möglichst mit vielen Beteiligten innerhalb und außerhalb des Kollegiums nach Wegen suchen, die erforderlichen Angebote bereitzustellen oder die bislang fehlenden Kooperationsbeziehungen zu bahnen. Analog können Sie mit Tabelle 5 – Optimierung entwicklungsfördernder Bedingungen bei Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten – vorgehen, um einzuschätzen, ob in der Schule und ihrem Umfeld schon genug getan wird, um Lernstörungen in allgemeinen und LRS im besonderen vorzubeugen und entgegenzuwirken.

    Die Betreuung und Förderung von Kindern und Jugendlichen mit besonderen Bedarfen gehört zunächst und zuerst in den Zuständigkeitsbereich von Schule. Durch Unterricht und Fördermaßnahmen sollen Wege gefunden werden, solchen Schwierigkeiten vorzubeugen und sie nach Möglichkeit abzubauen, wenn sie denn eingetreten sind. Schon auf der Ebene der Schule genügt es jedoch nicht, auf die Kompetenz und das Engagement der einzelnen Lehrerinnen und Lehrer zu vertrauen. Vielmehr sind Kollegium und Schulleitung gefordert, gemeinsam Programme und Lösungen zu suchen, die pädagogischen Angebote der Schule zu koordinieren, zu vernetzen, pädagogische Konsense zu finden und Strukturen und Programme zu entwickeln, die es

    Es gibt darüber hinaus individuelle Problemlagen, welche die Möglichkeiten der Schule übersteigen; wenn ein Kind mit Lern- bzw. Verhaltensproblemen

    Dann müssen zusätzlich zu dem, was Schule tun kann, andere Institutionen mit der Problematik befasst werden: Soziale Dienste oder Beratungsstellen. Dabei ist es wünschenswert, dass diese Dienste und die Schulen so weit kooperieren, wie das Gebot der Vertraulichkeit und der Datenschutz es zulassen.

    Die Systematik der erforderlichen und denkbaren Präventions- und Fördermaßnahmen löst bei Lehrerinnen und Lehrer oft die Reaktion aus "Mein Gott, das sollen wir auch noch leisten". Das Gegenteil ist gemeint. Lehrerinnen und Lehrer müssen entlastet werden - durch geeignete Strukturen und Maßnahmen innerhalb von Schule und außerhalb. Lehrerinnen und Lehrer werden nur dann effiziente Förderarbeit im Sinne tertiärer Prävention leisten können, wenn in ihren Schulen oder in ihren Schulsprengeln Maßnahmen primärer und sekundärer Prävention realisiert sind. Es stellt sich die Frage, wer dafür verantwortlich ist, solche Bedingungen herbeizuführen:

    Es soll darum gehen, dass Kindern und Jugendlichen mit besonderen pädagogischen Bedarfen über die traditionellen Unterrichtsangebote hinaus Hilfestellungen und Entfaltungsmöglichkeiten erhalten sollen, um sich ihren Voraussetzungen entsprechend optimal zu entwickeln. Manche Konzepte vergessen dabei die Begrenztheit der Arbeitszeit und der Arbeitskraft der handelnden Personen bzw. behandeln sie wie Größen, die beliebig vermehrt werden können. Das sind sie natürlich nicht und ein von Anfangseuphorie und Wunschdenken getragenes Überschätzen der Möglichkeiten endet eher in Enttäuschung und Resignation als dass es zu einer Besserung der Situation beitrüge. Ich empfehle daher in jedem Fall eine kaufmännische Kostenkalkulation, in die eine realistische Einschätzung der erforderlichen Arbeitszeit und der Sachmittel eingehen. Daneben ist zu bedenken, dass sowohl der normale Arbeitsalltag als auch gerade Innovationen psychisch belasten können. Nicht umsonst ist "Burnout"11 in sozialen Berufen ein verbreitetes Phänomen. Auch die Unterstützer brauchen Unterstützung, so dass einer systemischen und systematischen Planung neuer Angebote oder sozialer Netzwerke auch mit bedacht und geregelt werden sollte, welche Institutionen Hilfestellung leisten können nicht nur bei der Ausarbeitung des Konzepts, sonder auch bei der Unterstützung im beruflichen Alltag, durch Beratungsangebote für die Akteure oder auch durch eine (kollegiale) Supervision.

    Literaturhinweise:

    Anmerkungen: