Rudolf Kretschmann

Wie man vorbeugt, wie man sich schützt

Stressmanagement für Lehrerinnen und Lehrer

- Manuskriptfassung -

Im Folgenden sind einige Fragen aufgelistet. Anhand der Fragen können Sie feststellen, ob die folgenden Ausführungen ein für Sie persönlich relevantes Thema sind.

 

Haben Sie oft das Gefühl, daß Ihnen die Zeit davonläuft? Wenn ja, wie fühlen Sie sich dann?

 

Erledigen Sie Ihre Arbeiten ruhig und gelassen oder fühlen Sie sich oft unter Zeitdruck? Bitte vergegenwärtigen Sie sich Ihre Empfindungen:

 

 

Haben Sie oft den Eindruck, daß Ihnen die Zeit für das Wesentlich im Leben fehlt? Wenn ja, was würden Sie gerne öfter tun?

 

 

Ihr Arbeitsplatz- suchen Sie ihn manchmal mit Beklemmungen auf? Denken Sie manchmal schon am Sonntagnachmittag mit Unbehagen an den nächsten Arbeitstag?

 

Hektik, Hetze, Lärm an einem Schulvormittag - kennen Sie das auch?

 

Ärgern Sie sich manchmal darüber, daß Ihnen nichts so richtig von der Hand geht, daß Sie viel Zeit vertan haben, ohne etwas geschafft, aber auch ohne sich erholt zu haben? Wenn ja, zu welchen Zeiten tritt das auf?

Verbringen Sie unendlich viel Zeit mit Suchen - nach wichtigen Unterlagen, nach Unterrichtsvorbereitungen, nach Quellentexten etc.?

 

Vergessen Sie öfter Termine? Kommen sie oft zu spät? Wenn ja, wobei?

 

Unterschätzen sie oft den Zeitbedarf von Arbeiten, die Sie zu erledigen haben? Wenn ja, bei welchen Arbeiten kommt das vorzugsweise vor?

 

 

 

 

  1. Einführung

Das Unterrichten von Kindern und Jugendlichen ist eine anstrengende und kräftezehrende und in ihrem Schweregrad vielfach unterschätzte Arbeit. Das beweisen Arbeitsplatzanalysen sowie Untersuchungen zum Krankheitsrisiko und zum Berufsverbleib bei Lehrerinnen und Lehrern. Vielleicht haben Sie, wenn Sie Lehrer oder Lehrerin sind, sich anhand der o.a. Fragen vergegenwärtigen können, wie hoch Ihre beruflichen Belastungen und die Belastungsfolgen sind. Forschungsergebnisse zu den Belastungen im Lehrerberuf finden sich in dem Beitrag von SCHARSCHMIDT in diesem Band. Weitere Erkenntnisse wurden von RUDOW (1994), KRTSCHMANN (1997) und SCHÖWÄLDER (2001) veröffentlicht. Einige der Hauptbelastungen sollen daher hier nur kurz in Tabellenform (Tabelle 1) aufgelistet werden.

Tabelle 1: Berufliche und private Belastungen von Lehrerinnen und Lehrern

Belastende Arbeitsbedingungen

Schwierige Lebensumstände, physische Befindlichkeit

Unzweckmäßige Bewältigungsstrategien

  • Große Klassen
  • Hohe Stundendeputate
  • Viele Korrekturen
  • Fachlehrer mit geringen Stundenanteilen in vielen Klassen
  • Pendeln zwischen verschiedenen Einsatzorten
  • Ungeeignete Räume
  • Unzulängliche Ausstattung.
  • Unrealistische Lehrplanvorgaben
  • Schwierige Schüler
  • Schwierige Eltern
  • Konflikte mit der Schulleitung
  • Konflikte im Kollegium
  • fehlende fachliche und soziale Unterstützung
  • Gestörte Familien- bzw. Partnerbeziehung
  • Finanzielle Probleme
  • Abhängigkeit von Alkohol und Betäubungsmitteln
  • Chronische Krankheiten, labiler Gesundheitszustand
  • Soziale Isolation
  • Unzweckmäßiges Konfliktmanagement
  • Rollenunsicherheit im Umgang mit Schülerinnen und Schülern
  • Unterrichtsmethodische "Kunstfehler"
  • Emotionale Überreaktionen
  • Mentale Dauerbeschäftigung mit beruflichen Problemen
  • Unrealistische Erwartungen, die eigene berufliche Wirksamkeit betreffend
  • Unzweckmäßige Arbeitsorganisation, unzweckmäßiges Zeitmanagement
  • Ungenügende Regene-
    ration
  • Die Belastungen von Lehrerinnen und Lehrern lassen sich unterteilen in Arbeitsbedingungen einerseits, Lebensumstände und physische Befindlichkeit andererseits, sowie individuelle Bewältigungsstrategien (Coping). Manche der belastenden Bedingungen stehen miteinander in Wechselwirkung: Eine angegriffene Gesundheit mag dazu führen, auf belastende Arbeitsbedingungen überempfindlich zu reagieren. Die dadurch wiederholt und vielleicht chronisch ausgelösten Stressreaktionen wiederum belasten den Organismus. Was die mittlere Spalte betrifft, so handelt es sich um Bedingungen, die jeden betreffen können. Sie sind nicht typisch für den Lehrerberuf, erhöhen aber, wenn vorhanden, die Gesamtmenge der Belastungen. Unzweckmäßige Bewältigungsstrategien sind ebenfalls überall anzutreffen, allerdings gibt es Bedingungen im Lehrerberuf, die besonders hohe Anforderungen an das Coping-Verhalten stellen:

    Basierend auf den verschiedenen Ursachenbereichen, gibt es mehrere Möglichkeiten, Stress und Überbeanspruchung entgegenzuwirken oder vorzubeugen:

    Es versteht sich von selbst, dass eine Entlastung auch durch eine Stabilisierung der häuslichen Verhältnisse erreicht werden kann oder durch eine Wiederherstellung der physischen Gesundheit, soweit dies der Schädigungsgrad des Organismus zuläßt. Letzteres gilt aber nicht nur für Lehrerinnen und Lehrer, sondern für alle Arbeitnehmer, daher will ich hier auf diesen Aspekt der Stressprävention nicht weiter eingehen.

    Verbesserte Arbeitsbedingungen bzw. strukturelle Vorkehrungen zum Arbeitsschutz sind eine Möglichkeit, um Überbeanspruchungen vorzubeugen. Sie sind jedoch nicht in jedem Fall hinreichend, denn unzweckmäßige Bewältigungsstrategien verschwinden nicht automatisch mit einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Darüber hinaus werden sich die Bedingungen nicht so schnell verbessern. Daher gilt es auch immer wieder zu überlegen,

    Das Trainingsprogramm "Stressmanagement für Lehrerinnen und Lehrer" (KRETSCHMANN 2000) enthält Hinwiese und Angebote zum Abbau und zur Vorbeugung vom Stress am Arbeitsplatz und im Umfeld von Schule (Tabelle 2). Es zielt auf eine Steigerung individueller und kollektiver Bewältigungskompetenz, wobei sich der Bogen spannt von emotionalem Coping (Gefühlsregulierung und Entspannung) über Maßnahmen stressfreien Unterrichtens bis zu problembezogenem Coping etwa in Form einer Überprüfung und Reduktion belastender und überfordernder Einstellungen. Ach die kollektive Bearbeitung von Belastungen durch Kollegien und Teilkollegien ist vorgesehen. Die Bausteine des Programms wurden für und in Trainingsseminaren mit Lehrerinnen und Lehrern entwickelt und immer wieder fortgeschrieben.

    Tabelle 2: "Stressmanagement für Lehrerinnen und Lehrer" -

    Trainingsbausteine

    1. Stress, was bedeutet das für Sie

    2. Belastungen und Belastungsfolgen im Lehrerberuf

    2.1 Arbeitszeiten

    2.2 Belastungsempfinden

    2.3 Krankheitsrisiko und vorzeitiger Ruhestand

    2.4 Was belastet, was wird als belastend erlebt?

    2.5 Spagat zwischen zwei Arbeitsplätzen

    2.6 Angreifbarkeits-Überforderungs-Dilemma

    2.7 Im Lehrerberuf älter werden

    2.8 Belastung ist nicht gleichzusetzen mit Berufsunzufriedenheit

    3. Stress – was ist das?

    3.1 Klassische Stresstheorie

    3.2 Transaktionale Stresstheorie

    3.3 Persönlichkeitsspezifische Reaktionsmuster

    3.4 Teufelskreise und Möglichkeiten, sie zu durchbrechen

    4. Die Belastungen eines Schultages – wie man sie übersteht und wie man sie

    verringern kann

    4.1 Das Stressgeschehen an einem Schulvormittag

    4.2 Den Schultag gesammelt und gelassen beginnen

    4.3 Das Setzen von Unterbrechungen – schon im Laufe des Vormittags

    4.4 Den Schulvormittag "innerlich" beenden und sich nach einem

    Schulvormittag regenerieren

    4.5 Maßnahmen gegen das Grübeln

    4.6 Entspannung, Blitzentspannung und Autosuggestion

    5. Familie – Freizeit – Vorbereitung – drei, die nicht unter einen Hut passen?

    Stressabbau durch Arbeitsorganisation und Zeitmanagement

    5.1 Das Zeitproblem im Lehrerberuf

    5.2 Anmerkungen zum häuslichen Arbeitsplatz

    5.3 Ist meine Arbeitsorganisation verbesserungsbedürftig?

    5.4 Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

    5.5 Klassenarbeiten korrigieren - die ungeliebte Tätigkeit

    6. Stressreduzierende Maßnahmen in der Schule

    6.1 Betriebsklima und Arbeitsorganisation

    6.2 Entlastung durch gemeinsames Tun

    6.3 Entlastung durch geglückte Kommunikation

    6.4 Zukunftswerkstatt – ein Kollegium macht sich auf den Weg

    6.5 Die gesundheitsfördernde Schule

    7. Stressprävention im Unterricht

    7.1 Reizzufuhr und Informationsaufnahme – Übungen zum Sammeln,

    Beruhigen und Aktivieren

    7.2 Vom Nutzen der Regelhaftigkeit – Regeln und Rituale

    7.3 Lehren, Lernen und das Bedürfnis nach Selbstwirksamkeit

    7.4 Methodenvariation im Unterricht

    7.5 Lernen an Stationen

    8. Mentale Unterrichtsvorbereitung

    8.1 Sich selbst wahrnehmen

    8.2 Sich auf die Schüler/innen einstellen

    8.3 Sich der Ziele und Anforderungen bewusst werden

    8.4 Die eigene Lehrerinnen-/Lehrerrolle überdenken

    9. Stressprävention durch professionelles Selbstverständnis

    9.1 Lehrerarbeit – eine semiprofessionellen Tätigkeit?

    9.2 Stress als Folge unrealistischer Wünsche und Erwartungen

    9.3 Nachlese

    9.4 Eine Anregung zum Schluss

    10. Stressabbau durch Lebensfreude

    10.1 Ressourcen

    10.2 Balance von Arbeit und Regeneration

    10.3 Die Notwendigkeit, Beziehungen zu pflegen oder die Gefahr in sozialen

    Berufen zu vereinsamen


    11. Das Problem mit den guten Vorsätzen

    11.1 Die richtigen Ziele verfolgen

    11.2 Unterstützung in Anspruch nehmen

    11.3 Möglichkeiten des Selbstmanagements

     

     

    2. Beispiele und Erfahrungen

    Es gibt so viele unterschiedliche Bedingungskonstellationen von Belastungsmomenten und Bewältigungsstrategien wie Lehrerinnen und Lehrer an den Seminaren teilnehmen. Es muss daher jeder seine eigenen Möglichkeiten suchen und finden, vermeidbare Belastungen zu reduzieren und sich gegen unvermeidbare Belastungen zu stärken. Hierzu sollen einige Beispiele und Erfahrungen vorgestellt werden.

    Beispiel 1: Den Schultag ruhig und gelassen angehen.

    Die meisten, die Berufszufriedenheit und die Leistungsfähigkeit beeinträchtigenden Stresszustände, werden nicht durch dramatische berufliche Ereignisse ausgelöst, sondern überwiegend durch "daily hassels", die Tag für Tag zu bewältigenden kleinen Herausforderungen, Ärgernisse, Sticheleien oder Angriffe, durch die zahllosen Entscheidungen, die man an einem Schulvormittag zu treffen hat, die Vielzahl von Terminen oder die vielen kleineren Konflikte, die der Schulalltag bereithält. Solche "Stressoren" führen zu physiologischen und psychischen Stressreaktionen, die jede für sich rasch vergangen und vergessen wären. Die rasche Folge der Ereignisse an einem Schulvormittag haben zur Folge, dass sich zu noch nicht abgeklungen Stressreaktionen immer wieder neue hinzu addieren, so dass sich der Organismus nach mehreren Schulstunden in einem hochgradigen Stresszustand befinden kann. Dieses "Sich Aufschaukeln" der Stressreaktion macht sich bemerkbar in Gefühlen der Anspannung, der Gereiztheit des Zerfahrenseins, der inneren Unruhe und des "Nichtabschaltenkönnens", wenn der Schultag vorbei ist.

    Hier etwa einfügen Vorschlagsliste "Wege aus dem Teufelskreis"

    Man kann solchen Zuständen vorbeugen; man kann Wege suchen, bereits eingetretene Anspannung zu reduzieren. Die Vorschlagsliste "Wege aus dem Teufelskreis" enthält verschiedene Vorgaben. Vielleicht sind Vorgaben darunter, mit denen auch Sie einige Ihrer beruflichen Belastungen oder Belastungsfolgen, reduzieren könnten. Was wäre zu tun?

    Man kann Anfangsschwellen überwinden, wenn man seine Absichten für sich schriftlich festhält (etwa in einem Tagebuch) und/oder seine Absicht einer nahestehenden Person ankündigt: "Ich will von der nächsten Woche an .... . Bitte erinnere mich, wenn ich nachlässig werde" (vgl. KIRSCHNER-LISS, KRETSCHMANN, LANGE-SCHMIDT 2002).

    In den Seminaren hat sich eine Arbeitsform bewährt, bestehend aus einem möglichst kurzen Impuslreferat sowie reichlich Gelegenheit zum Austausch der Teilnehmerinnen und Teilnehmer untereinander; und zwar zunächst zu zweit oder zu dritt, später erst in der großen Gruppe (die obere Gruppengröße liegt bei 25 Teilnehmern). So haben alle die Möglichkeit, über ihre Erfahrungen zu kommunizieren.

    Für viele ist diese Art der Beschäftigung mit ihrer beruflichen Realität vollkommen neu. Die Probleme werden in der Regel sehr offen diskutiert, die Auseinandersetzung mit ihnen - das wissen wir aus Teilnehmerrückmeldungen - als sehr ergiebig erlebt.

    Beispiel 2: Stressreduzierende Maßnahmen in der Schule

    Manchen Belastungen und Belastungsfolgen kann man individuell vorbeugen. Anderen kann man nur durch kollektives Handeln begegnen. Bei der Arbeit mit Kollegien und Teilkollegien haben sich Angebote bewährt, die schulischen Arbeitsbedingungen zu durchleuchten, vermeidbare Stressoren zu identifizieren und gemeinsam Möglichkeiten zur Abhilfe zu suchen, etwa nach dem Modell "Zukunftswerkstatt". Dabei handelt es sich um ein Verfahren zur Situationsanalyse und zum Entwickeln von Lösungen. Es gliedert sich methodisch in mehrere Schritte

    1. Kritikphase (Istzustand)
      Auseinandersetzung mit dem Vorhandenen
      In dieser Phase wird von den Beteiligten alles benannt, was als störend, als unangenehm empfunden wird, was wütend oder ärgerlich macht.
    2. Phantasiephase (Wunschzustand)
      Artikulation einer Wunschvorstellungen, einer Vision
      Hier werden Wunschvorstellungen gedacht, formuliert und präsentiert.
    3. Strategiephase (Wegbestimmung)
      Handlungsplanung für die Umsetzung (kurzfristig, mittelfristig, langfristig)
      Welche, von den genannten Veränderungen lassen sich mit wenig Kosten und Mühen z.B. kurzfristig umsetzen.

    Angeregt durch ein Trainingsseminar wurden vom Kollegium einer Grundschule mehrere Problembereiche erkannt und Veränderungen umgesetzt (vgl. RABENS u. ZITZNER 2002).

    Tabelle 3: "Zukunfstwerkstatt" - Arbeitsergebnisse

     

    Situationsbeschreibung

     

    Gestaltete Veränderung

    Die langen Flure verleiten Kinder zum rennen und rutschen, was häufig mit erheblich Lärm verbunden ist.

    Es werden Pflanzen und Ausstellungsangebote aufgestellt, sie dienen der Verkehrsberuhigung und verleiten zum Verweilen

    Wir sehen uns als Kollegium zu wenig.

    Wir bemühen uns mindestens einmal täglich ins Lehrerzimmer zu gehen.

    Der Informationsfluss ist unbefriedigend.

    Pro Jahrgang ist jeweils eine Person für die Weiterleitung von Informationen zuständig.

    Es findet zu wenig pädagogische Konferenzarbeit statt.

    In gemeinsamer Verantwortung planen drei Kollegen eine pädagogische Konferenz zum Thema: Entspannungsübungen im Unterricht.

    Das Lehrerzimmer verhindert in seiner Möblierung Kommunikation.

    Nach gemeinsamer Beratung übernehmen Kolleginnen die Aufgabe, die Möbel im Lehrerzimmer anders anzuordnen

    Wir finden unseren Umgang miteinander nicht immer förderlich.

    Über eingeschobene Übungen

    zum Zuhören, zum Feedback überprüfen wir unsere Wahrnehmungsgewohnheiten

    An anderen Schulen haben wir - aus Zeitgründen - kollektive Prozesse mit einem verkürzten Verfahren initiiert, und zwar mit Impulsfragen wie

    Die Antworten auf die Fragen wurden nach Metaplantechnik bearbeitet. Beide Vorgehensweisen haben sich bewährt. An einigen Schulen wurden nach den Seminaren Arbeitsgruppen eingerichtet und gemeinsam Veränderungsmaßnahmen eingeleitet. So wurden z.B. Sielentien für Lehrerinnen und Lehrer und Schüler organisiert an Schulen, an denen bis dahin keine Rückzugsmöglichkeiten bestanden, das Lehrerzimmer neu gestaltet, die Materialsammlungen "entrümpelt" und neu organisiert. Wichtig sind verbindliche Klärung der Zuständigkeiten und Zeitpläne. Es erstaunt uns immer wieder, wie viele Ideen freigesetzt werden, wenn ein Kollegium eine Gelegenheit zu einer kollektiven Willensbildung wahrnimmt. Dabei scheint eine Moderation des Prozesses durch kollegiumsexterne Fachleute sowie der Rückgriff auf bewährte Moderationstechniken hilfreich zu sein.

     

    Beispiel 3: Wünsche, Erwartungen und Menschenmögliches

    Stress wird nicht nur durch äußere Ereignisse erzeugt. Er kann auch durch innere Einstellungen ausgelöst werden; durch überhöhte Erwartungen, durch Perfektionismus, durch unerfüllbaren Wünschen und unzutreffenden Annahmen - "irrational beliefs", so ELLIS (1979). Im Alltagsleben können dies Erwartungshaltungen wie diese sein:

    Im Lehrerberuf handelt es sich um Wünsche und Erwartungen wie

    Unrealistisch sind solche Wünsche, weil niemand vollkommen sein kann und die Menschen zu verschieden sind, als dass eine Person für ihr Handeln immer und überall mit Akzeptanz, Beifall oder gar Bewunderung rechnen könnte. Menschen mit derart unrealistischen oder überhöhten Ansprüchen leiden dauernd, weil die kleinste Nichtbeachtung, die kleinste Zurücksetzung, der kleinste Mißerfolg von ihnen als eine Katastrophe und als eine persönliche Niederlage erlebt wird. Im Berufsleben ist das sehr häufig das Zurückbleiben hinter den selbst gewählten Zielen und Ansprüchen; oder hinter den z. T. grenzenlosen gesellschaftlichen Erwartungen, sofern sie internalisiert wurden. Bekanntlich sind idealistisch überhöhte Erwartungen an die eigenen beruflichen Wirkungsmöglichkeiten die erste Stufe des beruflichen Burnout (vgl. FREUDENBERGER 1974, EDELWICH u. BRONSKY 1984, BARTH 1979). Im fortgeschrittenen Entwicklungsstadien des Burnout, in den Phasen der "Desillusionierung" und "Dehumanisierung" kann eine idealistische Anfangsbegeisterung auch in das krasse Gegenteil umschlagen. Anfängliche Sympathien für die Klientel können umschlagen in Verachtung, übertriebene Hoffnungen in ein Gefühl der Ausweglosigkeit, was sich dann in Äußerungen niederschlägt "Es ist ja alles Schrott, was heute in den Schulen heranwächst". Auch solche Einstellungen und Erwartungshaltungen sind belastend, weil bei dieser Grundeinstellungen infolge selektiver Wahrnehmung nur noch Missstände und Unzulänglichkeiten registriert werden.

    Leben ist Entwicklung, Entwicklung auf ein Ziel. Daher ist es wichtig, daß man berufliche Ziele, Leitbilder und Ansprüche hat. Belastend werden Ansprüche dann, wenn sie - wie in den o.a. Beispielsätzen - den Charakter der Unbedingtheitheit haben; wenn die Leitsätze die Wörter "muss", "alle" oder "immer" enthalten. Um an Idealen festzuhalten und dennoch in sozialen Berufen "überleben" zu können bedarf es der Kunst des Relativierens: d.h. des In-Beziehung-Setzens zu den realen Möglichkeiten an der Schule, im Kollegium und, last, not least, zur Endlichkeit der eigenen Schaffenskraft. Ergänzend sei bemerkt, das viele Instanzen in der beruflichen Sozialisation Lehrerinnen und Lehrer darin bestärken, unrealistisch idealistische Einstellungen auszubilden und zu kultivieren. Es ist klar, welche Absichten dahinter stehen: Lehrerinnen und Lehrer sollen dadurch motiviert werden, zeitlebens ein hohes berufliches Engagement zu zeigen. Bei Kolleginnen und Kollegen, die sich durch solche Einstellungen über lange Zeit selbst überfordern oder die ständig die Diskrepanz zwischen ihren Zielen und den realen Möglichkeiten erleben, wird das genaue Gegenteil erreicht: ein frühes Ermüden, innere Distanzierung, nicht selten Krankheit und vorzeitiges Ausscheiden aus dem Beruf.

    Sie finden in der linken Spalte Aussagen, die nach dem Konzept von ELLIS als "irrational beliefs", als unzutreffende Annahmen einzustufen wären und in der rechten Spalte ihre relativierten Pendants.

    Tabelle 4:Realitätsgehalt pädagogischer Grundannahmen

     

    Schülerinnen und Schüler verbringen nicht alle Lebenszeit in der Schule. Sie leben z.T. in anderen Wertegemeinschaften, sie haben andere Sozialisationshintergründe und Interessen, daher ....

    Alle Schüler lernen gerne und freudig, wenn man ihnen die richtigen Angebote macht.

    ... wird es immer Schüler geben, für die das jeweilige Angebot ohne persönliche Bedeutung ist

    Wenn ich die Schülerinnen und Schüler respektiere, dann werden sie auch mich respektieren

    ... wird es immer Schüler geben, deren negative Erfahrungen mit Erwachsenen auf mich als Lehrperson übertragen werden und die ich nur langsam abbauen kann;

    Ein guter Lehrer, eine gute Lehrerin hat keine Probleme

    ... wird auch der kompetenteste Pädagoge immer wieder vor unlösbaren Aufgaben stehen.

    Informationen, die ich an Kinder weitergebe, werden von diesen aufgenommen und dauerhaft behalten.

    Selektion und Vergessen von Informationen sind biologische Mechanismen, daher ist ein "Schwund" bei der Informationsvermittlung unvermeidlich und vorhersehbar.

    Haltungen und Einstellungen wie sie in der rechten Spalte zu finden sind, helfen an beruflichen Zielen festzuhalten und sie weiterhin zu verfolgen, und dennoch mit den kleineren oder größeren Unzulänglichkeiten des Alltags und der Begrenztheit der eigenen Möglichkeiten zu leben.

    In den Seminaren haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Gelegenheit, in Gruppen zu 3 - 5 Personen

    Diese Angebote werden verbunden mit der Aufforderung, sich die optimistisch-realistischen Sichtweisen so oft und so lange ins Bewusstsein rufen, bis sie die früheren, belastenden Dogmen verdrängen (vgl. KRETSCHMANN 2000).

    Viele Lehrerinnen und Lehrer weisen es zunächst mehr oder weniger vehement von sich, nach 15, 20 oder 25 Berufsjahren noch idealistisch überhöhte Leitbilder zu haben. Viele erleben zu ihrer eigenen Überraschung,

    Es ist dies in der Regel eine der intensivsten Phasen innerhalb unserer Seminare zur Stressprävention.

    Die Probleme, die hier berührt und angesprochen werden, sind im pädagogischen Alltag häufig Tabuthemen. Das verbirgt man, darüber spricht man nicht. Wir hatten mit Kollegien zu tun, in denen die Lehrerinnen und Lehrer vergleichsweise intensiv miteinander kommunizierten. Und auch in diese Kollegien äußerten Teilnehmerinnen "Ich dachte immer, nur ich hätte solche Probleme" und "Mir ist ein ganzer Steinbruch vom Herzen gefallen".

    Wenn Sie mögen, können Sie sich einige Momente des Nachdenkens gönnen und sich fragen, ob es auch in ihrer berufliche Biographie Phasen gab, in denen Sie sich von unrealistischen Zielvorstellungen leiten ließen; ob solche "irrational beliefs" Sie ggf. immer noch belasten und durch welche optimitisch-realistischen Ziele und Annahmen Sie diese ersetzen könnten.

    3. Fazit

    Stress – so viel ist gewiss – wird im hohen Maße beeinflusst durch subjektive Bewertungsprozesse. Man kann sich manchen Stress ersparen, wenn man das eine oder andere Ereignis etwas optimistischer bewertet oder sich davor in acht nimmt, sich Katastrophenfantasien hinzugeben. Gleichwohl ist es mit dem "modernen" Anspruch, positiv zu denken, nicht getan. Es genügt nicht immer zu glauben, es käme nur auf die richtigen Bewertungen an und schon werden alle Ängste und Beschwerden verschwinden. Drei Einwände seien dem entgegengehalten:

    Es ist Aufgabe der Gesellschaft und des Arbeitgebers – auch im Interesse der Schülerinnen und Schüler – für verträgliche Arbeitsbedingungen zu sorgen. Innerhalb verträglicher Arbeitsbedingungen kann eine Erhöhung der Bewältigungskompetenz einem Lehrer oder einer Lehrerin dazu verhelfen, ein Mehr an Wirksamkeit und Lebensqualität zu erreichen.

    Literatur

     

    Wege aus dem Teufelskreis

    Vorschläge

    Das mache ich schon

    Damit kann ich mich nicht anfreunden

    Das will ich noch häufiger, konsequenter tun

    Ja, das will ich versu-
    chen

    Ich lege mir alles am Vorabend zurecht, damit ich am nächsten Morgen nicht in Hektik gerate.

     

     

     

     

    Ich stehe rechtzeitig auf, damit der Morgen in Ruhe beginnt.

     

     

     

     

    Für den Schulweg baue ich einen zeitlichen Puffer ein, damit ich in der Schule noch Ruhe genug habe, mich auf den Unterrichtsbeginn einzustellen.

     

     

     

     

    Ich plane kleine Unterbrechungen am Schulvormittag ein, um mich zurückzuziehen. Ich genieße diese Pausen bewußt.

     

     

     

     

    Nach dem Unterricht nehme mir in der Schule noch 10 Minuten Zeit, indem ich mich (auch innerlich) vom Vormittag "verabschiede".

     

     

     

     

    Der Heimweg ist für mich gleichbedeutend mit einem bewußten Abschalten von Schulaktivitäten.

     

     

     

     

    Wenn ich zu Hause ankomme, richte ich meine ganze Aufmerksamkeit auf das, was mich hier erwartet.

     

     

     

     

    Ich ziehe mich nach der Schule um und schlüpfe in meine "Wohlfühl-Bequem-Kleidung".

     

     

     

     

    Ich gönne mir einen kurzen Mittagsschlaf (power-napping") oder eine längere Pause zum Entspannen

     

     

     

     

    Ich bewege mich, gehe z.B. spazieren, laufe oder fahre Rad.

     

     

     

     

    Ich lese zur Entspannung.

     

     

     

     

    Ich nehme die Natur bewußt wahr und schöpfe daraus neue Kraft.

     

     

     

     

    Wenn ich esse, dann bin ich aufmerksam mit allen Sinnen dabei und genieße mein Essen.

     

     

     

     

    Wenn mich meine Gedanken in Unruhe versetzen und quälen, dann stoppe ich sie sehr bewußt,
    - indem ich mich an besonders schöne Ereignisse erinnere,

     

     

     

     

    - indem ich mir ein beruhigendes inneres Bild (z.B. am Meer im warmen Sand liegen) herstelle

     

     

     

     

    .- Sind die quälenden Gedanken sehr hartnäckig, dann wähle ich eine Tätigkeit, die mich stark fordert oder bei der ich mit anderen kommuniziere.

     

     

     

     

    Ich beschließe den Arbeitstag in aller Form, indem ich mir vergegenwärtige, was ich alles geleistet habe.

     

     

     

     

    Ich nehme mir vor dem Schlafengehen zeit für mich oder für Personen, die mir nahe stehen.

     

     

     

     

    Damit habe ich gute Erfahrungen gemacht, das will ich beibehalten bzw. intensivieren: