Die Meistersinger von Nürnberg - Beispiel für ein Meisterlied |
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Beispiel des Aufbaus eines Meisterliedes
Um Ihnen einen Eindruck von dem strengen Aufbau eines Meisterliedes zu geben, haben wir hier eine Meisterliedstrophe von Hans Sachs etwas aufgeschlüsselt und mit einigen Anmerkungen versehen.
Die Anmerkungen basieren auf:
Ulrich Maché: Boccachio verbürgerlicht. der edelfalk von Hans Sachs
In: Gedichte und Interpretationen - Band 1: Renaissance und Barock; Reclams Universalbibliothek
Hans Sachs: "Der Edelfalk"
Im rosenton Hans Sachsens. 9. august 1543

Durch die Verwendung des Rosentons ergibt sich für jede Strophe des Liedes zwangsläufig folgender Aufbau:
Die Strophenzahl blieb frei. Es war dem Dichter überlassen, drei, sieben oder mehr Strophen zu dichten. Es hat sich aber mit der Zeit ein dreistrophiger Aufbau als optimal erwiesen
Jede Strophe hatte die Länge von 20 Versen.
Davon entfielen jeweils 6 Verse auf die beiden Stollen (also 12 Verse für den Aufgesang)
die restlichen 8 Verse auf den Abgesang
Innerhalb jedes Verses war die Silbenzahl vorgegeben. (Die jeweilige Silbenzahl finden sie in der Zeile.)
Es mußte sich stets um Paarreime handeln (aa bb ...)
Der metrische Aufbau ist beim Rosenton relativ einfach (vgl. mit der Spruchdichtung). Es ergab sich:
Der Stollen beginnt mit einem neunsilbigem Reimpaar mit weiblicher [w] (betonter) Endung, das mit einem achtsilbigem Reimpaar mit männlichem [m] (unbetonter) Endung alteriert.
Der Abgesang besitzt ebenfalls diese Schema.
Die Tabulatur verlangt jedoch, daß der Abgesang mit männlichem Reimpaar begann, was der Abgesang hier auch tut.
Angestrebt wurde von Sachs gemäß ein durchgehender jambischer Rhythmus (xX). Die Tabulatur ließ den Dichtern aber dabei gewisse Freiheiten.
So würde man heute die erste Zeile folgendermaßen lesen und betonen (mit Senkungsfüllungen): in céntonovélla ich láse
Und die dritte Zeile: Ein júng edélmann
Man würde hier eine Tonbeugung rügen wollen. Die Tabulatur gestattete aber solche Abweichungen durchaus. Weiterhin konnte durch den Gesang derartige Härten gemildert werden.
In dieser Strophe trifft man auch auf einen extremen Fauxpas des Hans Sachs. Die strenge Strophenform und die Regeln der Tabulatur geraten in Konflikt mit dem Sinn und Inhalt des Gedichts: Sachs ist immer bemüht, die Sinnabschnitte auch den Gliederungsabschnitten der Strophe entsprechen zu lassen. Dies gelingt ihm nicht im Übergang vom ersten zum zweiten Stollen. Der Satz des ersten Stollens rutscht in den nächsten Stollen herein, wodurch sich ein hier unerwünschter und störender Enjembament (Zeilensprung) von Zeile 6 nach 7 (genennet / Giovanna) ergibt.
Er läßt sich nur durch die strikte Befolgung der Tabulaturregeln rechtfertigen und ist von der Erscheinung her ein absolutes Ärgernis. Die Wirkung dieses Bruchs wird beim Gesangsvortrag noch verstärkt, da die Tabulatur vorschreibt, daß nach Ende jedes Stollens eine Pause gemacht werden muß.
(KU)