Tristan und Isolde - Ansprache vor der Generalprobe |
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Wagners Ansprache vor der Münchner Generalprobe
Meine Herren und Freunde vom kgl. Hoforchester!
Ich bitte Sie um einige Augenblicke Aufmerksamkeit. Wenn ich während der beschwerlichen Proben Sie dann und wann durch ein scherzhaftes Wort zu erheitern suchte, habe ich Ihnen jetzt nur Ernstes zu sagen. - Zuerst muß ich Ihnen mitteilen, daß ich mir die Ehre versagen muß, mich diesmal an Ihre Spitze zu stellen. Und es ist dies eine große Ehre, der ich entsage: nur wichtige Gründe können mich, das ermessen Sie wohl, zu dieser Entsagung bestimmen. Der erste dieser Gründe ist für mich betrübender Art: er rührt von meiner Gesundheit. Ich bin leidender, als manchem es den Anschein haben mag: Die ungemeine Aufregung und Anstrengung, die für mich die persönliche Leitung des Orchesters mit sich führen würde, könnten mich leicht außerstand setzen, ohne Störungen zu bereiten Ihrer Leistung vorzustehen. Ich bitte Sie der Wahrhaftigkeit dieser meiner Befürchtung vollen Glauben beizumessen. - Der zweite Grund ist dagegen erhebend und schön: ich bin Ihnen zum Gelingen nicht mehr nötig. Wenn Sie mich recht verstehen, so sage ich Ihnen hiermit den zartesten Lobspruch. Sie haben mich nicht nötig. Mein Werk ist in Ihnen aufgegangen, aus Ihnen tritt es mir wieder entgegen: ich kann es ruhig genießen. Dies ist ein einziges Glück. Das Schönste ist erreicht, der Künstler darf über seinem Kunstwerke vergessen werden. Was die teuren Künstler, die mir als Freunde hierher nachfolgten, mit so hingebender Liebe sich aneigneten, muß dieser Liebe wert gewesen sein: was Sie mit so außerordentlichem Fleiße, mit eherner Geduld, unter den mühseligsten Übungen zur vollen, schönen Erscheinung förderten, muß dieser Mühe sich verlohnt haben. Schwierigkeiten, wie sie noch nie geboten wurden, sind überwunden: die Aufgabe ist gelöst und die Erlösung des Künstlers ist erreicht - Vergessenheit! Vergessen seiner Person! Wie gerne sehe ich mich selbst vergessen; habe doch auch ich zu vergessen, vieles und manches, worunter meine Person litt. Dieses beglückende und befreiende Vergessen rufe ich jetzt auch für meinen teuren Freund an, der meinen Ehrenplatz an Ihrer Spitze einnimmt: möge auch seine Person über seiner Leistung vergessen werden, der Sie gewiß mit mir die vollste gebührende Anerkennung zollen! - Und nun noch ein Wort über den Charakter unserer Proben: heute werden wir das Werk unter uns vollständig wie zu einer ersten Aufführung behandeln. Wir wollen unsere Kräfte prüfen, einer nächsten Rekapitulationsprobe die Korrektur etwa noch angetroffener Mängel vorbehalten, und so heute das volle Gefühl der künstlerischen Leistung uns verschaffen.
Für die erste wirkliche Aufführung bleibt uns dann nur übrig die Wirkung auf das eigentliche Publikum - denn heute befinden wir uns nur vor eingeladenen Zuhörern einer Probe - kennen zu lernen. Ich hege keine Bangigkeit vor dieser Berührung mit dem wirklichen Publikum. Das deutsche Publikum war es, welches mich gegen die sonderbarsten Anfeindungen der Parteien überall aufrecht erhielt. Doch ist vielleicht der Haß nicht überall zu tilgen: gegen ihn wenden wir das Mittel an, welches uns Tristan und Isolde kennen lehrt. Isolde glaubt, Tristan zu hassen und reicht ihm den Todestrank: doch das Schicksal wandelt ihn in den Trank der Liebe. Dem gifterfüllten Herzen, das etwa auch unserm Werke nahen sollte, reichen wir den Liebestrank. An Ihnen ist es, diesen Liebeszauber auszuüben; ich lege sein Werk in Ihre Hand.