Tristan und Isolde - Das Vorspiel zum ersten Akt

 

 

Deutscher Entwurf zur Erklärung des Vorspiels von

Tristan und Isolde

das in den Pariser Konzerten im Januar und Februar 1860 auf dem Programm stand

 

Ein altes, unerlöschlich neu sich gestaltendes, in allen Sprachen des mittelalterlichen Europas nachgedichtetes Ur-Liebesgedicht sagt uns von Tristan und Isolde. - Der treue Vasall hat für seinen König diejenige gefreit, die selbst zu lieben er sich nicht gestehen wollte: Isolde, die ihm als Braut seines Herrn folgte, weil sie dem Freier selbst machtlos folgen mußte. - Die auf ihre unterdrückten Rechte eifersüchtige Liebesgöttin rächt sich: den, der Zeitsitte gemäß für den nur durch Politik vermählten Gatten von der vorsorglichen Mutter der Braut bestimmten Liebestrank, läßt sie durch ein erfindungsreiches Versehen dem jugendlichen Paare kredenzen, das, durch seinen Genuß in helle Flammen auflodernd, plötzlich sich gestehen muß, daß nur sie einander gehören. - Nun war des Sehnens, des Verlangens, der Wonne und des Elendes der Leibe kein Ende: Welt, Macht, Ruhm, Ehre; Ritterlichkeit, Treue, Freundschaft - alles wie wesensloser Traum zerstoben; nur eines noch lebend: Sehnsucht, unstillbares, ewig neu sich gebährendes Verlangen, Dürsten und Schmachten; einzige Erlösung: Tod, Sterben, Untergehen, Nicht-mehr-Erwachen!

Der Musiker, der dieses Thema sich für die Einleitung seines Liebesdramas wählte, konnte, da er sich hier ganz im eigensten, unbeschränktesten Elemente der Musik fühlte, nur dafür besorgt sein, wie er sich beschränkte, da die Erschöpfung des Themas unmöglich ist. - So ließ er denn nur einmal, aber in lang gegliederten Zuge, das unersättliche Verlangen anschwellen, von dem schüchternsten Bekenntnis, der zartesten Hingezogenheit an, durch banges Seufzen, Hoffen und Zagen, Klagen und Wünschen, Wonnen und Qualen, bis zum mächtigsten Andrang, zur gewaltsamsten Mühe, den Durchbruch zu finden, der den grenzenlos begehrlichen Herzen den Weg in das Meer unenedlicher Liebeswonne eröffne.

Umsonst! Ohnmächtig sinkt das Herz zurück, um in Sehnsucht zu verschmachten, in Sehnsucht ohne Erreichen, da jedes Erreichen nur wieder neues Sehnen ist, bis im letzten Ermatten des brechenden Blickes die Ahnung des Erreichens höchster Wonne aufdämmert: es ist die Wonne des Sterbens, des Nicht-mehr-Seins, der letzten Erlösung in jenes wundervolle Reich, von dem wir am fernsten abirren, wenn wir mit stürmischster Gewalt darin einzudringen uns bemühen. - Nennen wir es Tod? Oder ist es die nächtige Wunderwelt, aus der, wie die Sage uns meldet, ein Efeu und eine Rebe in inniger Umschlingung einst auf Tristans und Isoldes Grabe emporwuchsen?

 

 

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