Ein altes,
unerlöschlich neu sich gestaltendes, in allen Sprachen
des mittelalterlichen Europas nachgedichtetes Ur-Liebesgedicht
sagt uns von Tristan und Isolde. - Der treue Vasall hat für
seinen König diejenige gefreit, die selbst zu lieben er
sich nicht gestehen wollte: Isolde, die ihm als Braut
seines Herrn folgte, weil sie dem Freier selbst machtlos
folgen mußte. - Die auf ihre unterdrückten Rechte
eifersüchtige Liebesgöttin rächt sich: den, der
Zeitsitte gemäß für den nur durch Politik vermählten
Gatten von der vorsorglichen Mutter der Braut bestimmten
Liebestrank, läßt sie durch ein erfindungsreiches
Versehen dem jugendlichen Paare kredenzen, das, durch
seinen Genuß in helle Flammen auflodernd, plötzlich
sich gestehen muß, daß nur sie einander gehören. - Nun
war des Sehnens, des Verlangens, der Wonne und des
Elendes der Leibe kein Ende: Welt, Macht, Ruhm, Ehre;
Ritterlichkeit, Treue, Freundschaft - alles wie
wesensloser Traum zerstoben; nur eines noch lebend:
Sehnsucht, unstillbares, ewig neu sich gebährendes
Verlangen, Dürsten und Schmachten; einzige Erlösung:
Tod, Sterben, Untergehen, Nicht-mehr-Erwachen!
Der
Musiker, der dieses Thema sich für die Einleitung seines
Liebesdramas wählte, konnte, da er sich hier ganz im
eigensten, unbeschränktesten Elemente der Musik fühlte,
nur dafür besorgt sein, wie er sich beschränkte, da die
Erschöpfung des Themas unmöglich ist. - So ließ er
denn nur einmal, aber in lang gegliederten Zuge, das
unersättliche Verlangen anschwellen, von dem schüchternsten
Bekenntnis, der zartesten Hingezogenheit an, durch banges
Seufzen, Hoffen und Zagen, Klagen und Wünschen, Wonnen
und Qualen, bis zum mächtigsten Andrang, zur
gewaltsamsten Mühe, den Durchbruch zu finden, der den
grenzenlos begehrlichen Herzen den Weg in das Meer
unenedlicher Liebeswonne eröffne.
Umsonst!
Ohnmächtig sinkt das Herz zurück, um in Sehnsucht zu
verschmachten, in Sehnsucht ohne Erreichen, da jedes
Erreichen nur wieder neues Sehnen ist, bis im letzten
Ermatten des brechenden Blickes die Ahnung des Erreichens
höchster Wonne aufdämmert: es ist die Wonne des
Sterbens, des Nicht-mehr-Seins, der letzten Erlösung in
jenes wundervolle Reich, von dem wir am fernsten abirren,
wenn wir mit stürmischster Gewalt darin einzudringen uns
bemühen. - Nennen wir es Tod? Oder ist es die nächtige
Wunderwelt, aus der, wie die Sage uns meldet, ein Efeu
und eine Rebe in inniger Umschlingung einst auf Tristans
und Isoldes Grabe emporwuchsen?