3. Kapitel
Das „Paradigmatische Rekonstruktionsmodell" der Psychologie als analytisches Instrument
Für die Rekonstruktion der Psychologie wird nun ein zweistufiger Prozeß vorgeschlagen:
1. Stufe: Es wird zunächst ein wissenschaftstheoretisch begründetes Rekonstruktionsmodell aufgebaut, das als Analyseinstrument dient (in diesem Kapitel 3).
2. Stufe: Dieses Rekonstruktionsmodell wird auf das Wissenschaftssystem der Psychologie angewendet; es entsteht eine Rekonstruktion, also ein „Modell der Disziplin" (im den nachfolgenden Kapiteln 4 bis 8).
Wie am Ende des letzten Kapitels gesehen, ist keines der wissenschaftstheoretischen Modelle allein geeignet, eine Rekonstruktion zu erzeugen, die den in Kapitel 1 vorgestellten Zielsetzungen entspricht. Deshalb wird das hier aufzubauende analytische Modell Anleihen machen müssen bei unterschiedlichen wissenschaftstheoretischen Grundmodellen, nämlich
• dem Paradigmenansatz Kuhns,
• dem Modell wissenschaftlicher Forschungsprogramme in der Ausarbeitung von Herrmann sowie
• beim Strukturalismus von Sneed/Stegmüller.
Dabei ist wichtig, daß die entnommenen Elemente nicht „eklektizistisch" nebeneinander stehen, sondern daß sie in ihren Bezügen zueinander kompatibel und integrierbar sind. Diese Integration läßt sich erreichen durch Verwendung eines wissenschaftstheoretischen Rahmenmodells, der Allgemeinen Modelltheorie Stachowiaks. Sie stellt auf einer Metaebene die Bezüge her zwischen den verschiedenen Modellen der Wissenschaftstheorie. Es wird sich zeigen, daß dies unter dem „Dach" konstruktivistischer Kernannahmen (vgl. Kapitel 1) möglich ist.
Als Rahmenmodell der Rekonstruktion, also als „Kern" des Rekonstruktionsmodells, wird dann das Paradigmenkonzept von Kuhn gewählt, weil dieses den größten Überblick über die Gesamtstruktur der Psychologie verspricht. Deshalb wird das hier konstruierte analytische Instrument das „Paradigmatische Rekonstruktionsmodell der Psychologie" genannt, während das im folgenden damit zu erzeugende „Modell der Disziplin" das „Paradigmenmodell der Psychologie" heißen soll.
Das Paradigmenkonzept wird allerdings in wesentlichen Punkten durch
die beiden anderen wissenschaftstheoretischen Modelle verfeinert, um eine
detailliertere Analyse konkreter Strukturen zu ermöglichen.
3.1 Die Allgemeine Modelltheorie als integratives Instrument
Auf dem Hintergrund der in Kapitel 1 vorgetragenen Kernannahmen dieser Arbeit zeigt sich, daß der Begriff des „Modells" von besonderer Bedeutung ist. Wir haben ihn bisher umgangssprachlich in mindestens zwei Bedeutungen verwendet:
• Die angestrebte Rekonstruktion der Psychologie soll ein Modell der Disziplin ergeben, also eine mögliche, rational nachvollziehbare „Abbildung" der Psychologie.
• Für diese Strukturwahrnehmung ist ein wissenschaftstheoretisch begründetes Apperzeptionsschema erforderlich, ein Rekonstruktionsmodell, das den „analytischen Blick" beim Rekonstruktionsprozeß lenkt.
Die Allgemeine Modelltheorie Stachowiaks (vgl. Stachowiak, 1973) expliziert, neben anderen, diese beiden Bedeutungsebenen für den Modellbegriff. Sie soll im folgenden kurz skizziert und um einen für die weiteren Arbeiten wichtigen Aspekt erweitert werden.
3.1.1 Allgemeine Modelltheorie und konstruktivistische Erkenntnislehre
Stachowiaks Allgemeine Modelltheorie basiert auf einer grundlegenden Dichotomie, die im philosophischen Denken wie auch im Alltagsdenken seit dem Altertum zu beobachten ist. Es ist die Dichotomie vom „Vor-gegebenen und Nach-gemachten, vom Urbild und Abbild, von Original und Modell" (Stachowiak, 1983; S. 87). Modelle zu bilden, ist eine Grundfunktion der menschlichen Erkenntnisfähigkeit, denn diese beruht immer darauf, daß etwas „Vorhandenes" auf etwas anderes abgebildet wird; sei dies Urbild nun die „objektive Realität" oder seien es die konstruktiven „Produkte" der eigenen Kognitionen:
„Hiernach ist alle Erkenntnis Erkenntnis in Modellen oder durch Modelle, und jegliche menschliche Weltbegegnung bedarf des Mediums Modell" (Stachowiak, 1973; S. 56).
Daneben betont Stachowiak die stets pragmatische Ausrichtung aller Erkenntnis, und damit Modellbildung. Sie ist nämlich stets „relativ zu bestimmten Subjekten, ferner selektiv - intentional selektierend und zentrierend - und in je zeitlicher Begrenzung ihres Original-Bezuges" (a.a.O, S. 56). Daraus folgt:
Erkenntnis und Modellbildung geschieht stets von etwas, durch jemanden, zu einer bestimmten Zeit, mit bestimmter Zielsetzung.
Modelle sind somit interpretierbar als kognitive Konstrukte auf unterschiedlichen Ebenen: Sowohl kognitive Repräsentationen können Modelle sein als auch deren zu Erkenntnissen führende Verknüpfungen („Schlüsse"), aber ebenso die Regeln, die zu solchen Verknüpfungen führen („Denkmodelle"). Stets ist die Bildung eines Modells ein konstruktiver Prozeß, an dem andere Modelle beteiligt sind.
3.1.2 Grundprinzipien der Allgemeinen Modelltheorie Stachowiaks
(1) Voraussetzung jeder Modellbildung: Der Pragmatische Entschluß
Vor jeder Modellbildung steht der „Pragmatische Entschluß". Stachowiak (1973) faßt damit Erkenntnis grundsätzlich nicht als „zweckfrei" oder, wie Popper, als reine „intellektuelle Aufgabe" auf, als „Erkenntnis um der Erkenntnis willen", sondern er betont, daß jede Erkenntnis eine Absicht, ein Ziel besitzt:
„Beschließe über dasjenige, was du unter 'Erkenntnis' verstehen willst, immer nur bezüglich der Intentionen ..., die du dir als einzelner oder als Mitglied einer oder mehrerer intentionshomogener Gruppen für eine gewisse Zeitspanne gesetzt hast."
(Stachowiak 1983; S. 117)
Pragmatische Entschlüsse sind aber nicht zu verwechseln mit der Instrumentalisierung von Erkenntnissen, mit ihrer Ausrichtung an technologische oder gesellschaftliche Zwecke. Sie können sich nämlich sowohl negativ aus der Kritik an Alternativen oder der Abneigung von schon Gegebenem, wie positiv aus dem Willen zur „Vergewisserung" rechtfertigen (vgl. Stachowiak 1983, S. 116). Damit gehören wissenschaftliche Intentionen wie „Phänomene erklären wollen", „Annahmen überprüfen wollen" ebenso zu den pragmatischen Entschlüssen wie der Aufbau einer wissenschaftlich begründeten Technologie.
Ein Beispiel: Der pragmatische Entschluß für das Behavioristische Modell.
Der überwältigende Erfolg der Naturwissenschaften und der Technik im ausgehenden 19. Jahrhundert wurde zurückgeführt auf Aspekte wie Objektivität der Erkenntnisgewinnung, logische Widerspruchsfreiheit der Theorien und eine Methodik, die geeignet war, Phänomene auf Teilphänomene zu reduzieren und Kausalstrukturen aufzudecken. Die erfolgreiche Anwendung dieser Kategorien durch Naturwissenschaftler führte dazu, daß auch Psychologen begannen, die zugrundeliegende Methodik auf die Erklärung und Beschreibung psychischer Phänomene zu übertragen. Die Psychologie auf diese Sichtweise zu gründen, diese auf psychische Phänomene zu übertragen, und damit in der gleichen Weise zu beschreiben und zu erklären, kann als ein zentraler „Pragmatischer Entschluß" aufgefaßt werden, den Watson dann 1913 in seinem behavioristischen Manifest explizit formulierte (vgl. Watson, 1968).
(2) Das „Modell": Bildbereich einer Abbildung
Abbildungsmerkmal: Ein Modell ist das Ergebnis einer Abbildung, also eine Repräsentation eines natürlichen oder künstlichen Originals auf dem Hintergrund des gefaßten pragmatischen Entschlusses, und zwar eine Abbildung bestimmter Attribute.
Solche ausgewählten Attribute können z.B. sein: Merkmale und Eigenschaften von Individuen oder Objekten, Relationen zwischen Individuen, Objekten und Eigenschaften. Sie werden sprachlich-"kogitativ" symbolisiert und in einen systematischen Zusammenhang gebracht. Dieser gibt nämlich vor, welche Objekte zu welchem Zweck abgebildet werden sollen.
Verkürzungsmerkmal: Modelle werden abgebildet, um ihre Originale verständlicher, „handhabbarer" zu machen, und deshalb ist meist auch eine deutliche Reduktion von Komplexität erforderlich. Vom Original oder Urbild werden also lediglich diejenigen Modellattribute ausgewählt, die für den Modellbildner oder den Modellverwender in Bezug auf seine Ziele relevant sind.
Pragmatisches Merkmal: Damit kann ein Modell aber niemals eine eineindeutige Abbildung sein. Es erfüllt immer eine „Ersetzungsfunktion", und zwar stets
• für bestimmte erkennende oder handelnde, modellbenutzende Subjekte
• in bestimmten (z.B. historischen) Zeitabschnitten,
• unter Einschränkung auf bestimmte gedankliche oder tatsächliche Operationen, relativ zu bestimmten Zwecken und Zielen.
(vgl. Stachowiak 1973, S. 133).
Modelle unterliegen damit ganz bestimmten Hintergrundannahmen und ganz bestimmten pragmatischen Entschlüssen.
Das Behavioristische Modell wurde in seiner Entstehungsphase (Amsel & Rashotte (1984) setzen hierfür die ersten 40 Jahre des 20. Jahrhunderts an) geprägt von Psychologen wie Watson, Hull oder Skinner . Als wesentliche Elemente, also Originalattribute, die in Zukunft zu betrachten seien, legten sie das beobachtbare Verhalten, die „Reaktionen", und die ebenfalls beobachtbaren äußeren „auslösenden Bedingungen", die „Reize" fest; dies natürlich in der Erkenntnis, daß anders, also z.B. durch Betrachtung „subjektiver" Komponenten, die strengen naturwissenschaftlichen Kriterien nicht erfüllt werden konnten. So hatte der „pragmatische Entschluß" die ersten selektiven Einflüsse auf die Modellbildung, und die Realität war auf diesem Hintergrund in ihrer Komplexität entscheidend reduziert.
Wesentliche Attribute waren nun z.B. die „Assoziation", oder, wie später gesagt wurde, der „Konditionierungsprozeß" und als Bedingungen ihres Zustandekommens die zeitliche Nähe (später: „Kontingenz") zu anderen Reizen („Verstärker" bzw.„Unkonditionierte Reize"). Auch hier war das Kriterium der objektiven und meßgenauen Beobachtbarkeit ausschlaggebend für diese Festlegung. So wurde sehr bald klar, daß ein Rückgriff auf Restbestände von Erlebniskategorien, wie sie noch Thorndike benutzt hatte („lustbetonte vs. unlustbetonte" Zustände), diese objektiven Kriterien nicht erfüllen konnte, weshalb sie schon bald durch Skinner eliminiert wurden.
Der „psychologische Gegenstand" war damit auf die Attribute „Reiz", „Reaktion" sowie deren raum-zeitliche Beziehungen reduziert.
(3) Abbildungseigenschaften der Modellbildung: Präterition, Abundanz und Kontrastierung
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Abb. 3.1: Die Original-Modell-Abbildung. (aus: Stachowiak, 1973; S. 157)
Einige Zusammenhänge zwischen „Original" d und „Modell" sind aus Abb. 3.1 zu ersehen (vgl. Stachowiak, 1973, S. 157; 1983, 118f).
Die durch die äußere Umrandung symbolisierten Mengen sind jeweils Mengen von Attributen, wobei die gesamte Menge links die Originalattribute, diejenige rechts die Modellattribute enthält.
a) Attributenabbildung
Die der Modellbildung zugrundeliegende Attributen-Abbildung F ordnet nun Teilen des Originals (einer Teilmenge der Originalattribute; schraffierte Fläche links) Teile des Modells zu (eine Teilmenge der Modellattribute; schraffierte Fläche rechts), und dies in eineindeutiger Weise („isostrukturelle Abbildung"). Besonders interessant sind aber die nicht erfaßten Attribute auf beiden Seiten:
b) Präterition
Jedes Modell enthält (als Bild) nur einen Teil der Originalattribute; durch Selektion (Verkürzung) gehen zwangsläufig Originalattribute verloren, die bei der Modellbildung „übergangenen", präterierten Attribute. Es sind diejenigen Attribute des Originals, die im Modell keine Entsprechung finden. Das Modell ist ein um die präterierten Attribute verkleinertes Abbild des Originals.
c) Abundanz
Andererseits ist jedes Modell mehr als eine „Aufzählung" von einzelnen Bildattributen, deren jedes einem Originalattribut entspricht. Zwangsläufig ergeben sich in jedem Modell Zusatzattribute, die im Original nicht enthalten sind: die abundanten Attribute. Diese sind besonders wichtig, wenn das Modell ein „Konkretionsmodell" (s.u.), also etwa ein „Beispiel" eines allgemeineren Modells ist. Dann sind seine Attribute nämlich konkrete Ausformungen allgemeinerer Attribute des Originals (genauer: deren Bilder), die immer noch „etwas mehr" enthalten als das Original.
Abundante Attribute sind also solche Modellattribute, die im Original keine Entsprechung haben.
d) Kontrastierung
Während Präterition und Abundanz das quantitative „Weglassen" oder „Hinzufügen" von Attributen bezeichnen, wird unter der Kontrastierung von Attributen eine qualitative Veränderung verstanden, die dadurch zustande kommt, daß bestimmte Attribute besonders betont und herausgestellt werden, während andere eher „am Rande" erwähnt werden. Kontrastierung bezeichnet eine quantitativ schwer darstellbare, aber gerade in semantischen Modellen häufig vorkommende Gewichtung von Attributen.
Das behavioristische Modell des operanten Konditionierens enthält als wesentliche Attribute bekanntlich: (diskriminative) Reize, (operante) Reaktionen, (kontingente) Konsequenzen und eine Rückwirkung dieser auf die zukünftige Auftretenshäufigkeit der operanten Reaktion. Wie oben dargestellt, werden durch die (vom pragmatischen Entschluß bedingte) Festlegung auf beobachtbare und meßbare Reize und Reaktionen eine große Zahl von Originalattributen präteriert: z.B. alle „kognitiven Prozesse" in einem Individuum, die nicht objetivierbar sind.
Das Modell des operanten Konditionierens ist ein Abstraktionsmodell, d.h. seine Attribute (Reiz, Reaktion ...) sind Abstraktionen konkreter experimenteller Situationen (Lichtblitz, Speichelmenge, Picken).
In konkreten behavioristischen Experimenten (also Konkretionsmodellen des „operanten Konditionierens") werden nun z.B. die Bewegungen von Ratten oder Tauben in Labyrinthen oder Käfigen auch zu Modellen für „operantes Verhalten", was dazu führt, daß eine große Zahl von Modellattributen (z.B. kognitive Prozesse des problemlösenden Tieres, typische artspezifische angeborene Verhaltenssysteme) hinzukommen, zu denen es im Original (der Theorie des operanten Konditionierens) kein Urbild gibt (Abundierung). (Was allerdings die Modelleure wenig stört, da solche abundanten Attribute in der Abbildung zurück zum theoretischen Modell wieder, wie oben gezeigt, präteriert werden.)
Attributklassen der Modellbildung
Modellbildung geschieht durch einen Prozeß der Abbildung von Original-Attributen auf Modell-Attribute. Eine sprachlogische Analyse zeigt nun, daß Attribute unterschiedlicher semantischer Stufe sein können, und daß bei der Modellbildung Attribute jeder beliebigen Stufe auf Attribute jeder anderen Stufe abgebildet werden können.
In der Regel werden in einem Modell bestimmte Attribute als „Individuen" betrachtet, die bestimmte „Eigenschaften" haben, oder untereinander in bestimmter „Relation" stehen. Solche „Individuen" heißen Attribute nullter Stufe, es sind die Entitäten, denen während des Umgangs mit dem Modell Subjektcharakter zugesprochen wird, obwohl auch sie selber durchaus Eigenschaften oder Relationen sein können. („Reize" und „Reaktionen" sind z.B. solche „Individuen" im Modell der behavioristischen Lerntheorien.)
Den Attributen nullter Stufe werden nun meist Eigenschaften zugeordnet, oder sie werden untereinander in Beziehung gesetzt. Dadurch steigt man in der Attributklasse um eine Ebene nach oben, man betrachtet Attribute erster Stufe. („Reize" können zu anderen „kontingent" sein; „Kontingenz" ist demnach ein Attribut von Attributen, also mindestens erster Stufe.) Entsprechend läßt sich so beliebig hochsteigen, so daß Eigenschaften von Eigenschaften oder Relationen von Relationen zweiter Stufe sind, usw. .
(4) Wissenschaftliche Modelle und Sprache
(a) „Semantische Modelle" verschiedener Stufen
Je nach dem Medium ihrer Darstellung unterscheidet Stachowiak
- graphische Modelle (z.B. Bildmodelle, Diagramme: meist zweidimensionale anschauliche Originalrepräsentationen),
- technische Modelle (z.B. mechanische Modelle (Atommodell), biotechnische Modelle (Tierversuche): meist dreidimensionale, raumzeitlich-materiell-energetische Repräsentationen) und
- semantische Modelle
(vgl. Stachowiak, 1983; S. 122f).
Letztere sind in unserem Zusammenhang von besonderer Bedeutung, denn die überwiegende Zahl wissenschaftlicher Theorien und Methoden sind semantische Modelle, da sie in Form sprachlicher Zeichen niedergelegt sind.
Im Bereich der semantischen Modelle der Wissenschaft läßt sich eine Hierarchie unterschiedlicher semantischer Stufen erkennen:
1. Erste semantische Stufe: Interne semantische Modelle
Jeder Wissenschaftler ist bei seinen wissenschaftlichen „Beobachtungen", seien sie nun streng methodisch und experimentell, oder seien es nur Alltagsbeobachtungen, angewiesen auf seine inneren Perzeptionsmodelle („Wahrnehmungsschemata"), also seine inneren kogitativen Modelle, seine eigenen, typischen kognitiven Schemata. Beide tragen bei zu seinem individuellen Außenbildmodell.
2. Zweite semantische Stufe: Externe semantische Modelle
Natürlich müssen in den Wissenschaften Beobachtungs- und Denkprozesse kommuniziert, und damit zunächst in allgemeinsprachliche, also sprech-sprachliche Gebilde umgeformt werden. Dieses sind semantische Modelle, die interne semantische Modelle zu Originalen haben, und deshalb auf höherer Stufe (2. Stufe) sind.
3. Dritte semantische Stufe: Standard-Schriftsprache
Auf die nächste Stufe kommen Wissenschaftler bzw. Wissenschaftlergruppen dann dadurch, daß sie die alltagssprachlichen Modelle (den „Jargon" ihrer Gruppe) explizit in die Standard-Schriftsprache übertragen, um z.B. ihre Forschungsergebnisse in Zeitschriften kommunizierbar zu machen. Auch diese sprachlichen Modelle bilden Modelle der jeweils niedrigeren Stufen ab.
4. Vierte semantische Stufe: Anerkannte wissenschaftliche Fachsprache
Danach werden diese Modelle der Standard-Schriftsprache in umfassendere fachsprachliche Modelle der Wissenschaftssprache abgebildet. Hier werden an den schriftsprachlichen Modellen der vorigen Stufe weitere Verkürzungen und Kontrastierungen vorgenommen.
(b) Attribute und Prädikate
Bei wissenschaftlichen semantischen Modellen (wie bei allen übrigen semantischen Modellen) muß unterschieden werden zwischen dem primären perzeptiv-kogitativen Gebilde eines (Modell-)Attributs und den sekundären, dieses symbolisierenden gesprochenen oder geschriebenen Prädikaten, also der expliziten symbolischen Repräsentation.
Von Menschen erzeugte und verwendete Modelle sind selten identisch mit ihren durch (z.B. sprachliche) Zeichen gegebenen Darstellungen. Stachowiak unterscheidet hier auch sorgfältig zwischen den sprachlichen Repräsentanten, also den Prädikaten, die den Modellattributen zugeordnet sind und den „gemeinten" kognitiven Prozessen, für die diese stehen:
„Für die allgemeine Modelltheorie existieren jene Gebilde [die Attribute] vielmehr als psychische Prozesse und Zuständlichkeiten, die aus den Zusammenhängen der durch externe Beobachter feststellbaren Zeichenverwendungen erschließbar sind." (Stachowiak, 1973; S. 136)
(5) Interpretation: Wissenschaftliche Modellbildung als konstruktives Sprachspiel
Die Vorstellung der Allgemeinen Modelltheorie von der Bedeutungszuweisung (Prädikat zu Attribut) im Kontext der Zeichenverwendung macht die Parallelen zur Sprachspieltheorie Wittgensteins (1984) unübersehbar. Auch Wittgenstein besteht darauf, daß die Bedeutung (d.i. die Zuordnung von Original zu Modell) der sprachlichen Modelle nicht definitorisch oder „an sich" gegeben, sondern nur aus ihrer Verwendung, also im „Sprachspiel", zu rekonstruieren ist. Sprachspielregeln können aufgefaßt werden als Konstruktionsregeln für Modelle in der jeweiligen Gruppe, die das Sprachspiel spielt.
Betrachtet man die wissenschaftlichen semantischen Modelle der verschiedenen Stufen, dann zeigt sich, daß mit Höhe der semantischen Ebene sowohl die Zahl der „Mitspieler" als auch die Verbindlichkeit der Regeln des wissenschaftlichen Sprachspiels wächst. Je mehr es um „allgemeine Bedeutungen", also (nach Wittgenstein) um die Regeln für Konstruktion und Verwendung von wissenschaftlichen Modellen geht (z.B. „Begriffe" (Fachsprache), „Handlungsmodelle" (Methodik) oder „Wahrnehmungsmodelle" („Gegenstand" der Wissenschaft)), umso rigider wird der „Gebrauch" dieser Teilmodelle reglementiert. Das wissenschaftliche Sprachspiel strebt auf „Eigenwerte" ( v.Foerster, 1990) bei den Regeln für die Modellbildung zu.
Stachowiaks Vorstellungen von der Entwicklung wissenschaftlicher (semantischer) Modelle sind denn auch der konstruktivistischen Beschreibung Flecks (1993) von der „Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache" sehr ähnlich: Der Übergang von der dritten zur vierten Stufe wird in derselben Weise beschrieben wie bei Fleck der Übergang von der „Zeitschriftenwissenschaft" zur „Lehrbuchwissenschaft": als Normierungsprozeß für einen „Denkstil". Dieser Normierungsprozeß liest sich in den Begriffen der Allgemeinen Modelltheorie als kaskadenhafte Ausbildung von Meta-Modellen, denn die Abbildung auf einer semantisch höheren Ebene verlangt stets „pragmatische Entschlüsse" einer immer stärker wachsenden Zahl von Personen, die sich dann in den neuen Modellen selber niederschlagen.
3.1.3 Erweiterung des Modellbegriffs: „Subsumptionsmodelle" als Modelle von mehreren Modellen
In der vorliegenden Arbeit wird die Systematisierung von unterschiedlichen psychologischen Modellen von großer Bedeutung sein:
• Es wird z.B. versucht, die „Struktur der Disziplin" dadurch zu rekonstruieren, daß zu unterschiedlichen Theorien oder Forschungsprogrammen systematisierende, zusammenfassende Modelle („Paradigmen") konstruiert (oder gesucht) werden.
• In Lehrbüchern oder Lehrveranstaltungen wird häufig der Versuch gemacht, die übergroße Vielfalt wissenschaftlicher Ergebnisse und Forschungsaktivitäten durch Auswahl weniger repräsentativer Inhalte und Methoden „exemplarisch" zu reduzieren, was gleichbedeutend ist mit der Bildung von „Konkretionsmodellen", die diese Vielfalt abbilden, also modellieren.
Beide Vorgänge sind dadurch charakterisiert, daß sie mehrere Modelle durch ein anders abbilden, und zwar abstrahierend oder konkretisierend: ein Paradigma modelliert verschiedene Einzeltheorien und abstrahiert deren Attribute. Ein Lehrbeispiel, aber auch ein paradigmatisches Musterbeispiel, konkretisiert häufig mehrere abstraktere Modelle.
Es bietet sich deshalb an, diese Vorgänge innerhalb der Allgemeinen Modelltheorie zu explizieren.
(1) Semantische Abstraktionsmodelle und Konkretionsmodelle: die wechselseitige Modellierung
Im Sinne der Modelltheorie lassen sich Verallgemeinerungen konkreter Fälle als Modelle dieser auffassen (vgl. Stachowiak, 1973; S. 249):
a) Abstraktionsmodelle
Die Modellattribute werden gewonnen durch Verkürzung des Originals; es werden Attribute des Originals abgezogen, also „abstrahiert"; das Modell entsteht durch Präterition und ist damit ein Abstraktionsmodell.
b) Konkretionsmodelle
Andererseits kann ein konkreter „Fall", ein „Beispiel", als Modell eines abstrakten Prinzips aufgefaßt werden: Das (konkretisierende) Modell enthält Bilder der wesentlichen Originalattribute (weshalb es ja als „Beispiel" gelten darf), darüber hinaus aber eine ganze Reihe weiterer Attribute (die es zum konkreten Fall machen), die im (abstrakten) Original keine Entsprechung haben; es entsteht durch Originalerweiterung, Abundierung, und ist damit ein Konkretionsmodell.
(2) Definition des „Subsumptionsmodells" und der „Ähnlichkeit" von Modellen
Modelle können, wie oben dargestellt, auch Modelle abbilden, und das neue Modell beinhaltet Bilder von Attributen eines anderen. Betrachten wir hier nun den Spezialfall der Modellierung mehrerer verschiedener Modelle durch ein anderes Modell:
Auch hier liegt ein pragmatischer Entschluß vor, z.B. die Entscheidung, eine Familie von Modellen { M1, M2, M3, ... Mn } durch ein „umfassenderes" Modell M zu systematisieren, „Gemeinsamkeiten" herauszuarbeiten.
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Das neue „darstellende" Modell M entsteht nun durch Abbildung von Attributen der verschiedenen „Originale" M1, ... Mn (genauer: durch n verschiedene Abbildungen M1 M, ... Mn M ). Dabei entsteht folgende Situation:
In jedem der Modelle M1 ... Mn werden Attribute so ausgewählt, daß diese (vermöge der jeweiligen isostrukturellen Abbildung) demselben Modellattribut von M zugeordnet werden können (vgl. Abb. 3.2). D.h.: zu jedem Modellattribut aus M gibt es in jedem der abgebildeten Originale M 1 ... M n ein Attribut, das diesem zugeordnet ist.
Dabei müssen aus jedem einzelnen „Original" (M1 ... M n) zwangsläufig spezifische Attribute weggelassen, also präteriert werden. Andererseits entstehen in M abundante Attribute, die den „besonderen Charakter", das „Gemeinsame" der n modellierten Originale ausmachen.
Wir definieren nun:
Sei für n Modelle M1 ... M n eine Modellierung durch ein gemeinsames Modell M in folgender Weise möglich:
1. Es gibt n Abbildungen M1 M, ... M n M , die für jedes Mi die Elemente des Abbildungsvorbereichs von Mi auf denselben Abbildungsnachbereich von M abbilden.
2. Es gibt weiter zu jedem Attribut a des Abbildungsnachbereichs in M aus jedem der Modelle M1 ... Mn je ein Attribut a i , das diesem a zugeordnet wird.
Dann soll M Subsumptionsmodell der Modelle M1 ... M n genannt werden.
Es sei hier noch darauf hingewiesen, daß M nicht unbedingt ein Abstraktionsmodell von M1 ... Mn sein muß; es ist ebenso denkbar, daß M ein modellierendes „gemeinsames" Beispiel für M1 ... Mn darstellt, also ein Konkretionsmodell. Außerdem muß beachtet werden, daß die in M verwendeten (sprachlichen) Prädikate keineswegs aus einem der Originale stammen müssen, (aber können, wobei in diesem Fall die Modellzugehörigkeit des gleichlautenden Prädikats immer beachtet werden muß, um Verwechslungen zu vermeiden). M kann also durchaus eine neue Terminologie „eröffnen". Entsprechend ist es auch nicht erforderlich, daß M1 ... Mn die gleiche Terminologie, also dieselben Prädikate besitzen. M ist damit in der Lage, durch eigene Prädikate die Äquivalenz der abgebildeten Modelle darzustellen.
Damit Modelle im obigen Sinne durch ein gemeinsames Modell subsumiert werden können, müssen bestimmte Attribute eine gewisse Ähnlichkeit besitzen. Aus diesem Grund ist es sinnvoll, einen Ähnlichkeitsbegriff für Modelle zu definieren:
n Modelle M1 ... M n heißen ähnlich bezüglich eines Modells M, wenn M Subsumptionsmodell von M1 ... M n ist.
(3) Beispiele für Subsumptionsmodelle in der Psychologie
(a) Das behavioristische Reiz-Reaktions-Modell
Ein berühmtes Beispiel für diese Zusammenhänge ist das behavioristische „Reiz-Reaktions-Modell", dessen wesentliche Modellelemente bekanntlich in einem graphischen Schema abgebildet und interpretiert werden:
Konkretisiert man einzelne Attribute, so könnte man sagen: Das „Reiz-Reaktions-Modell" ist die Grundeinheit behavioristischer Theorien und Forschungsprogramme. „Reize" sollen objektiv erfaßbare physikalische Gegebenheiten sein, die aus der Umwelt auf einen Organismus einwirken; „Reaktionen" sind ebenfalls objektiv erfaßbare Aktivitäten eines Organismus, die mit den Reizen in einen kausalen Zusammenhang treten können.
Unterschiedliche behavioristische Theorien können nun daraufhin untersucht werden, ob sie unter diesem gemeinschaftlichen Modell subsumierbar sind, von diesem also abgebildet werden. Im Falle von Pawlows Theorie des „Klassischen Konditionierens" und Skinners „Operantem Konditionieren" ist dies bekanntlich der Fall. Dabei sind besonders die Präteritionen und die Abundanzen von Interesse:
Präteritionen: Während „Reiz" von Pawlow als „Auslöser" interpretiert wird, ist für Skinner ein (diskriminativer) „Reiz" eher eine Situation, die die Möglichkeit eines Verstärkers anzeigt, und dadurch die „Reaktion" keineswegs zwangsläufig „auslöst". Auch die „Reaktionen", im Klassischen Konditionieren eher elementare physiologische Korrelate, kommen bei Skinner als „operants" in die Nähe komplexer, zielgerichteter Verhaltensweisen. Das „Reiz-Reaktions-Modell" abstrahiert diese, präteriert ihre modellspezifischen Attribute.
Abundierungen: Andererseits abundiert das Modell durch die Parallelisierung mit technischen Verfahren (z.B. mit der von Geheimdiensten verwendeten „Black-Box"-Methode zur Erforschung unbekannter Dechiffriermaschinen) eine Reihe von Attributen, die von den einzelnen Autoren der abgebildeten Modelle nicht unbedingt „gemeint" waren (aber später möglicherweise den Ruf des Behaviorismus als „mechanistisch" bestärkt haben).
Da das Reiz-Reaktions-Modell ein Subsumptionsmodell für das operante wie auch für das klassische Konditionieren darstellt, könnten diese beiden als „ähnlich" bezüglich des S-R-Modells angesehen werden.
(b) „Menschenmodelle" der Psychologie
Herzog (1984) nimmt an, daß die gesamte Psychologie drei fundamentalen „Menschenmodellen" subsumiert werden kann: dem „Maschinenmodell", dem „Organismusmodell" und dem „Handlungsmodell".
Dabei enthält z.B. das Maschinenmodell (Bild-)Attribute des Behaviorismus (z.B. des Reiz-Reaktions-Modells), des Kognitivismus (z.B. des Computermodells), der Psychoanalyse (z.B. von Freuds Triebtheorie) und der Humanethologie (z.B. der „angeborenen Auslösemechanismen"). Herzog nennt als Modellattribute dieses Subsumptionsmodells z.B. Reaktivität, Reduzierbarkeit, Determination, Kausalität, Subjekt-Objekt-Trennung (a.a.O., S. 143), denen jeweils Originalattribute in allen genannten Original-Modellen entsprechen.
In prinzipiell ähnlicher Weise, allerdings ohne explizite Verwendung der modelltheoretischen Terminologie, unterscheidet Stangl (1989) das „empiristische Paradigma" von dem des „Radikalen Konstruktivismus". Unter das „empiristische Paradigma" subsumiert er alle psychologischen Modelle, deren Attribute z.B. den Modellattributen (höherer semantischer Stufe) „Objektivität", „Reduktionismus" oder „Kausalität" zugeordnet werden können (vgl. Stangl, 1989; S. 100 ff).
In dieser Arbeit wird dieses Verfahren mehrfach auf psychologische
Forschungsprogramme
angewendet, wobei sich ein psychologisches „Paradigma" als ein
gemeinsames
Modell einer größeren Familie von Forschungsprogrammen formulieren
läßt. So kann z.B. durch Konstruktion eines gemeinsamen Modells
gezeigt werden, daß die Gestaltpsychologie, die genetische Entwicklungspsychologie
Piagets, die Humanistische Psychologie, der systemtheoretische Konstruktivismus
und weitere andere, einem Paradigma angehören, das ich unten das
„Ganzheitspsychologische
Paradigma" nennen werde.
3.2 Die Grundlagen des Paradigmatischen Rekonstruktionsmodells
3.2.1Zielsetzungen: Der Pragmatische Entschluß
Modelle sind nach dem Verständnis der Allgemeinen Modelltheorie also stets Abbildungen von etwas zu bestimmten Zwecken. Modelle selektieren Aspekte des Originals und sie pointieren andere. Die Legitimation solcher zwangsläufigen Veränderungen der Originalattribute stammt aus den Zielen, die mit der jeweiligen Modellbildung verfolgt werden.
Ein solcher pragmatischer Entschluß des Paradigmatischen Rekonstruktionsmodells der Psychologie wird mit Blick auf die allgemeine Zielsetzung in Kapitel 1 wie folgt konkretisiert:
1) Das Paradigmatische Rekonstruktionsmodell soll ein wissenschaftstheoretisch begründetes Analyse- und Apperzeptionsmodell sein für die Rekonstruktion der Wissenschaft Psychologie.
2) Es soll einen systematisierten Überblick erzeugen über die Gegenstände und Methoden der Psychologie, also über das Gesamtsystem psychologischer Forschung und deren Ergebnisse.
3) Es soll die von den meisten Psychologen wahrgenommene Pluralität der Psychologie herausarbeiten.
4) Die mit diesem Modell erzeugten Strukturwahrnehmungen sollten „konsensfähig", d.h. zu den intuitiven Wahrnehmungen möglichst vieler Psychologen kompatibel sein.
Dies bedeutet insbesondere:
5) Das Paradigmatische Rekonstruktionsmodell soll helfen, die wichtigsten elementaren wissenschaftlichen Wahrnehmungs- und Erkenntnismodelle der Psychologie zu identifizieren.
6) Es soll helfen, die zentralen Gesetzesaussagen der Psychologie systematisch zu erschließen.
7) Es soll die Rekonstruktion „paradigmatischer Exemplaria" der Psychologie ermöglichen: z.B. die für eine psychologische Richtung „typischen" Experimente, Fälle, Teiltheorien.
8) Es soll außerdem wesentliche wissenschaftstheoretische und allgemeinphilosophische Strukturen der Psychologie, also ihre Metaannahmen, offenlegen.
9) Es soll wichtige historische Entwicklungslinien der Psychologie erkennbar werden lassen sowie die Verflechtung wissenschaftlicher Ergebnisse mit gesellschaftlichen Prozessen.
3.2.2 Das Vorgehen
Die Unvollkommenheit der großen, klassischen wissenschaftstheoretischen Systeme für eine Rekonstruktion der Psychologie wurde oben ausführlich diskutiert.
Das hier vorgeschlagene Verfahren orientiert sich zunächst an Herrmanns (1992) grundlegenden Skizzen für ein Rekonstruktionsmodell der Psychologie „neben" den wissenschaftstheoretischen Grundmodellen. Es faßt Strukturen im Wissenschaftssystem der Psychologie auf zwei Ebenen ins Auge:
Ebene 1: Wissenschaftliche „Forschungsprogramme" als elementare Einheiten
Herrmann (1992) stellt „Forschungsprogramme" als Elementareinheiten der psychologischen Forschung vor, wobei der Begriff des Forschungsprogramms inzwischen deutlich von dem bei Lakatos abweicht: Forschungsprogramme werden wissenschaftlichen Problemlösungsprozessen zugeordnet und bekommen dadurch wesentliche pragmatische Eigenschaften.
Oberhalb der Ebene wissenschaftlicher Forschungsprogramme sollen dann weitere Makrostrukturen ausfindig gemacht werden, die sich aus Ähnlichkeiten zwischen Forschungsprogrammen ergeben. Um solche Ähnlichkeiten präziser feststellen zu können, wird Herrmanns Konzept der psychologischen Forschungsprogramme erweitert, und zwar durch Hinzufügen feinerer Instrumente der Detailanalyse, z.B. „wissenschaftliche Sprachspiele", Ansätze „Strukturalistischer Rekonstruktionen", „Selbstorganisationsprozesse der Wissenschaft". So können dann Forschungsprogramme verglichen werden auf ähnliche Sprachspielelemente, ähnliche theoretische Basiselemente, ähnliche Strategien bei den Theorie-Empirie-Rekursionen.
Ebene 2: „Paradigmen" als Cluster im Netzwerk wissenschaftlicher Forschungsprogramme
Um Makrostrukturen zu „entdecken", die in ihrer Größenordnung den von vielen Psychologen postulierten „Hauptströmungen" oder „Grundrichtungen" der Psychologie nahekommen, wird nach „Clustern" im Netzwerk psychologischer Forschungsprogramme gesucht. Bestimmte solcher Cluster können als „Paradigmen" der Psychologie aufgefaßt werden. Zum Nachweis, daß mehrere Forschungsprogramme tatsächlich zu einem Paradigma gehören, wird die Subsumptionsmethode eingesetzt:
Es wird aufgrund der charakteristischen Ähnlichkeiten zwischen den Forschungsprogrammen ein „paradigmatisches Subsumptionsmodell" konstruiert. Auf dessen Attribute werden die wesentlichen Forschungsprogrammattribute abgebildet. Ein Forschungsprogramm arbeitet also genau dann unter einem bestimmten Paradigma, wenn sich zu allen Attributen des paradigmatischen Subsumptionsmodells entsprechende Attribute des Forschungsprogrammes finden lassen. Ein solches Subsumptionsmodell kann dann auch als Modell des Paradigmas angesehen werden.
3.2.3 Forschungsprogramme als elementare Einheiten bei der Rekonstruktion psychologischer Forschungsprozesse
Wissenschaftliche Forschung ist nach Herrmann (1992) ein Gefüge von Problemlösungsprozessen. Damit orientiert sich jedes wissenschaftliche Handeln an der Lösung eines solchen Problems oder Problemkomplexes. Die Grundeinheiten in diesem Prozeß sind die wissenschaftlichen Forschungsprogramme, die sich, außer durch die Zielbestimmung (Lösung eines wissenschaftlichen Problems), aus zwei Grundkomponenten bestimmen: dem sozialen und dem kognitiven System.
(1) Das soziale System: die Forscher
(a) Forschergruppen lösen Probleme
Zur Lösung wissenschaftlicher Probleme finden sich wissenschaftliche Akteure zusammen, die in bestimmten Zeiträumen, an bestimmten Orten, innerhalb bestimmter Institutionen
• dasselbe Problem bearbeiten und
• zur Bearbeitung gemeinsame Handlungsregeln aufstellen und einhalten, sowie
• nach diesen Regeln und über sie interagieren.
(vgl. Herrmann, 1992; S.2)
(b) Die „Gruppenmatrix"
Das soziale System eines Forschungsprogramms kann als ein selbstrückbezügliches, selbststabilisierendes konstruktives System angesehen werden. Es erzeugt und erhält sich in diesem problemlösenden Wechselwirkungsprozeß selbst, denn ohne das Problem und ohne die Absicht der interaktiven Bearbeitung dieses Problems würde es gar nicht existieren (oder sich bei seinem Wegfall auflösen). Die sich so konstituierende Gruppenmatrix besteht aus vier Konstruktionsprozessen (vgl. Krohn & Küppers, 1989; S. 37ff):
• Die kognitive Komponente: Ausbildung eines kollektiven Denkstils
In Anlehnung an Fleck (1993) wird die Entstehung „wissenschaftlicher Tatsachen" beschrieben als Ausbildung gemeinsamer fundamentaler Perzeptions- und Kognitionsmechanismen mit selektierender Funktion. Wahrnehmungen und Interpretationen werden durch vorgefaßte Begriffe und theoretische Festlegungen gesteuert. Diese Komponente wird weiter unten genauer beleuchtet (vgl. unten: „Das kognitive System").
• Die soziale Komponente: Stabilisierung des Gruppenverhaltens
Die rekursive Interaktion prägt ebenfalls das Verhalten der Gruppenmitglieder. Während diese abweichenden Überzeugungen aus den eigenen Reihen gegenüber eher tolerant sind (um das eigene kreative Potential nicht zu gefährden), werden Auseinandersetzungen mit Außenstehenden manchmal mit großer Energie, Erbitterung und Polemik geführt. Damit probt die Gruppe (nach innen) mögliche Argumentationslinien und ermöglicht die interne Anpassung an veränderte Erkenntnisbestände; andererseits trägt dies bei zum Zusammenhalt der Forschergruppe. (vgl. Krohn & Küppers, 1989; S. 39).
• Die emotionale Komponente: Engagement und Verpflichtung
„Zusammenhalt" drückt sich nicht nur in den sozialen Handlungen und der kognitiven Übereinstimmung aus, sondern auch durch den Aufbau emotionalen Engagements. Dieses kann sich einerseits „gegen" andere Forschungsgemeinschaften oder -tendenzen richten (siehe „soziale Komponente"), andererseits kann es auf die Reputation der eigenen bedacht sein.
• Die reflexive Komponente: Ausbildung einer Gruppenidentität
Die Forschergruppe entwickelt durch rekursive Interaktion auch ein Selbstbild der eigenen Gruppe sowie eine Vorstellung davon, wie die Gruppe von außen wahrgenommen wird („Fremdbild"). Durch diese Ausbildung einer Gruppenidentität in der Form von Selbst- und Fremdbildern wird es möglich, daß die Gruppe eine Kontinuität unabhängig von ihren konkreten Mitgliedern entwickeln kann. Verlassen Mitglieder die Gruppe und werden neue eingebunden, so nehmen auch diese sofort an der gruppeninternen Interaktion teil und erwerben so deren Selbst- und Fremdbild.
(2) Das kognitive System: Problemlösungen in Modellen
(a) Annahmekerne - kognitive Strukturen - Modellattribute
Forschergruppen bilden unter den beschriebenen Bedingungen zur Lösung des forschungsprogrammeigenen Problems kognitive Strukturen aus: theoretische und methodologische Überzeugungen, Einstellungen über die Relevanz von Verfahren und Zielen. Sie beginnen meist bei relativ unspezifischen und weniger verbindlichen Elementen, die dann von Rekursion zu Rekursion spezifischer und auch verbindlicher werden (vgl. Krohn & Küppers, 1989; S. 41).
Diese kognitiven Strukturen sollen im folgenden als die Modellattribute des forschungsprogrammeigenen Problemlösemodells interpretiert werden, denn im Sinne von Stachowiak (1973, 1983)
• reduzieren sie die Realität auf die im Forschungsprogramm interessierenden Komponenten (Abbildungsmerkmal), und machen sie so „handhabbar",
• rekonstruieren sie die so definierten „Gegenstände" in ihren Zusammenhängen (Strukturangleichung),
• All dies geschieht auf dem Hintergrund des von der Forschergemeinschaft gefaßten „pragmatischen Beschlusses", nämlich ein bestimmtes Problem zu lösen.
Damit sind in den Problemlösemodellen der einzelnen Forschungsprogramme sowohl
• ihre zentralen Hintergrundüberzeugungen („Menschenmodelle", vgl. Herzog, 1984),
• ihre methodischen Überzeugungen („methodische Handlungsmodelle") sowie
• alle „inhaltlichen", theoretischen expliziten wie auch impliziten Annahmen
repräsentiert.
Die kognitiven problemlösenden Strukturen sind so im Sinne Herrmanns (1976a, 1992) interpretierbar als die Annahmekerne der Forschungsprogramme.
Annahmekerne sind Modelle von (außerwissenschaftlichen) Originalen (Herrmann, 1976a; S. 82/83). Diese kognitiven Strukturen („Attribute" in der Sprache der allgemeinen Modelltheorie), die von ihren verbalen, begrifflichen, expliziten Formulierungen (den „Prädikaten") unterschieden werden müssen (vgl. Herrmann, 1976a, S. 7; Stachowiak, 1973, S. 135) sind zum Beginn eines Forschungsprogramms vage und schwer verbalisierbar, manche bleiben es auch. Das Forschungsprogramm führt dann (nach Krohn & Küppers; 1989) durch dauernde Rekursionen im Laufe seines Bestehens zu Präzisierungen, z.B. durch Ausbildung einer festen Terminologie, einer expliziten Methodik oder theoretischer (Teil-)Modelle („Eigenlösungen"). Dies ist Gegenstand und Ziel des Problemlöseprozesses (vgl. Herrmann, 1976a; S. 7).
Der Aufbau solch elaborierter Teilmodelle besteht dann in einer konkreten Zuordnung von Prädikaten (sprachlichen Zeichen) zu den durch die kognitive Struktur des Annahmekerns ausgewählten „Modellattributen"; d.h. sie präzisieren Teile des Annahmekerns.
Damit kann man die Präzisierung des Annahmekerns durch Ausbildung problemlösender Teilmodelle als einen wesentlichen Vorgang in einem Forschungsprogramm ansehen.
(b) Zentrale Modellattribute: Bestandteile des Annahmekerns
Was als „Problem" P zu gelten hat, geht aus einer Zahl von Annahmen hervor, die die Forscher über den problematisierten Realitätsbereich machen. Diese Annahmen konstituieren das Problem und bilden die zentralen Attribute des forschungsprammeigenen Modells. Sie können (nach Herrmann, 1992) im einzelnen folgende Eigenschaften haben:
• Quasidefinitorische Kernannahmen enthalten (im Kantschen Sinne) „analytische", empirisch gehaltfreie und nicht widerlegbare Annahmen aus dem außerwissenschaftlichen Grundkonsens der Forscher, z.B. über den Forschungsgegenstand und ihn betreffendes Basis-"wissen" („der Mensch handelt"; „Angst ist aversiv").
Quasidefinitorische Annahmen sind damit „innere" Eigenschaften der modellkonstituierenden Attribute (im Sinne der allgemeinen Modelltheorie). Es sind einstellige Relationen der ersten semantischen Stufe (zur Terminologie der Allgemeinen Modelltheorie vgl. Stachowiak, 1973, 1983, sowie den vorigen Abschnitt).
• Existenzkonstatierende Kernannahmen behaupten die Existenz bestimmter Phänomene („Es gibt kognitive Prozesse", „Es gibt Unbewußtes", „Das Ganze ist ...")
Existenzkonstatierende Annahmen können interpretiert werden als Ausdruck materialer und struktureller Angleichungsprozesse. Sie stellen fest, welche Attribute (beliebiger semantischer Stufe) „dazugehören" und welche nicht, explizieren also insgesamt die selektiven Grundentscheidungen bei der Modellbildung und legen die „Individuen" des Modells fest (meist: nullte semantische Stufe).
• Implikative Kernannahmen postulieren „Wenn-dann-Beziehungen", also z.B. Ursache-Wirkungszusammenhänge („wenn das Wahrnehmungssystem aktiviert wird, organisiert es sich ganzheitlich" - und zerlegt nicht in Elemente). Implikative Annahmen sind Vorläufer von wissenschaftlichen Gesetzesaussagen. Sie sind insbesondere auch exklusiv, schließen also häufig andere Zusammenhänge aus („die Reduktion von Wahrnehmungsprozessen auf elementare Bestandteile zerstört den 'Gegenstand' „ - und ist damit verboten).
In den implikativen Annahmen spiegeln sich insbesondere die strukturellen Angleichungsprozesse der Modellbildung und deren Selektionsfunktionen (Präterition, Abundanz, Kontrastierung) wider; sie sind damit Attribute erster und höherer Stufe.
• Semantisch mehrstufige Kernannahmen: Manche Annahmen beziehen sich auf andere Annahmen (z.B. „Die Annahme über das Wahrnehmungssystem (s.o.) ist sicher auch im Bereich des Denkens richtig.")
Auch Modellattribute können semantisch mehrstufig sein (vgl. Stachowiak, 1973), auch sie können sich auf andere Attribute beziehen, bis hin zur Bildung von Teilmodellen auf semantisch höherer Ebene (z.B. methodologische Modelle).
• Transformationsprozesse als Bestandteile des Annahmekerns: Auch der Annahmekern enthält schon fundamentale Richtlinien zu den Verfahrensweisen bei der Problemlösung, z.B. für die Methodenwahl (vgl. Herrmann, 1992). Diese sind weitgehend abhängig
- von den Menschenbildannahmen (z.B.: „Menschliches Verhalten ist Umwelt- (Reiz-) determiniert.")
- den epistemologischen Grundüberzeugungen (z.B.: „Wissenschaftliche Erkenntnis muß unbedingt ´objektiv´ sein.")
- und natürlich von der Konstituierung des Problems („Verhalten kann objektiv und quantitativ erfaßt werden." oder: „Hoffnung auf Erfolg äußert sich in der Interpretation von sozialen Situationen.").
Transformationsannahmen, also solche Annahmen, die die Wege zur Lösung
des forschungsprogrammspezifischen Problems festlegen, können ebenfalls
(z.B. als Handlungsmodelle, vgl. Herzog, 1981) modelltheoretisch gedeutet
werden. Sie sind als Modellattribute grundsätzlich höherer semantischer
Stufe, denn sie modellieren den Umgang mit Modellelementen niedrigerer
(z.B. nullter) Stufe, also den „Gegenständen".
• Die Indisponibilität des Annahmekerns: „Innerhalb eines Forschungsprogramms kann kein Bearbeitungsresultat dazu zwingen, den Annahmekern zu P zur Disposition zu stellen." (Herrmann, 1992, S.12) Forschungsprogramme können nicht falsifiziert werden, sie können höchstens uninteressant, unfruchtbar, nutzlos werden; die Aufgabe von Kernannahmen aber zerstört das Forschungsprogramm selber, und zwar in allen Komponenten (soziales wie inhaltliches System).
Da Problemlösungsmodelle von Forschungsprogrammen in kompatibler Weise ihren Gegenstand, die ihm zugeschriebenen Eigenschaften sowie die zur Überprüfung „möglichen" Methoden gleichzeitig enthalten, sind sie „aus sich heraus" nicht falsifizierbar (vgl. Herzog, 1981). Läßt man wesentliche Modellattribute fallen, so verändert dies das Modell in seiner Grundsubstanz, denn dies würde bedeuten, modellkonstituierende Elemente zu modifizieren.
(c) Theorien in Forschungsprogrammen
Wesentliche Teile der kognitiven Struktur des problemlösenden Modells beinhalten explizite semantische Teilmodelle, die während des Bestehens eines Forschungsprogramms, häufig als eines seiner wesentlichen Ziele, ausgearbeitet werden. Dieses sind u.a. die vom Forschungsprogramm ausformulierten Theorien. Auch (explizite) Theorien sind nach Stachowiak (1973) als Modelle interpretierbar; d.h. auch ihre Konstruktion besteht in der selektiven Auswahl von Attributen, deren Belegung mit Prädikaten (den Grundbegriffen der Theorie) und der Postulierung struktureller Eigenschaften (Relationen von Begriffen, also „Aussagen" der Theorie), die als Attribute höherer semantischer Stufe bezeichnet werden.
Nun ist auf die Analyse dieser Aspekte das strukturalistische Modell von Sneed/Stegmüller (s.o.) spezialisiert. Herrmann (1992) schlägt in bezug auf die Rekonstruktion forschungsprogrammspezifischer Annahmekerne folgende Explikation vor, die in die modelltheoretische Terminologie ohne Schwierigkeiten übernommen werden kann:
Teile des Annahmekerns eines Forschungsprogramms können als Theorie(element) T = K, I interpretiert werden, bestehend aus dem Theoriekern K und den intendierten Anwendungen I, unter denen insbesondere die paradigmatischen (intendierten) Anwendungen I0 zu finden sind.
Dies betrifft allerdings nur die Teile des Annahmekerns, die eine theoretische Begrifflichkeit sowie Annahmen über den Zusammenhang dieser Begriffe enthalten. Kaum strukturalistisch zu rekonstruieren sind diejenigen Teile des Annahmekerns, die auf semantisch höherer Ebene stehen, z.B. sogenannte „pragmatische" Komponenten, die festlegen, was im Forschungsprogramm „offen" ist, in welche Richtung „weitergesucht" werden muß, welche Methoden „bedeutender" sind, welche weniger, oder, auf noch höherer Ebene, welche wissenschaftstheoretischen und anthropologischen Hintergrundannahmen die Formulierung von Theorieelementen determinieren.
Andererseits, so kann hier hinzugefügt werden, sind über die „Eindeutigkeitsbeziehungen" (constraints) sowie über die Ähnlichkeitsbeziehungen zwischen intendierten und paradigmatischen Anwendungen einige „Metaannahmen" des Annahmekerns zu erfassen (hier handelt es sich wohl am ehesten um „quasidefinitorische" Elemente des „inhaltlichen Systems", während die „existenzkonstatierenden" und die „implikativen" rekonstruierbar sein dürften). Obwohl die aus dieser Analyse hervorgehenden Aussagen auch in Stegmüllers Konzeption nicht formalisiert werden, sind sie doch (umgangssprachlich) beschreibbar.
Insgesamt folgt aus dem Gesagten, daß der oben explizierte Annahmekern einen „Bedeutungsüberschuß" hat gegenüber den im Theorieelement T rekonstruierbaren Komponenten (vgl. Herrmann, 1992; S.19).
Betrachtet man nun den Fall der „Anwendung" einer Theorie eines fremden Forschungsprogramms, so ist sie in folgender Weise explizierbar (vgl. Herrmann, 1992; S. 20):
Aus dem Problem P des vorliegenden Forschungsprogramms wird ein Derivat erzeugt, das mittels einer (fremden) Theorie rekonstruiert wird. Das bedeutet, daß versucht wird, dieses Derivat als intendierte Anwendung, oder gar als paradigmatische intendierte Anwendung zu explizieren, um es zu einer Anwendung, also zu einem Modell der Theorie zu machen. Gelingt dies, so „versteht" man das Derivat im Zusammenhang der importierten Theorie. Sollte dies aber mißlingen, wird also die empirische Behauptung (s.o.) widerlegt, so „trifft" dies selbstverständlich nicht den Kern dieser Theorie, sondern das Derivat, bzw. die bei seiner Konstruktion gemachten Zusatzannahmen, so daß gilt: fremde Theorien sind auch in fremden Forschungsprogrammen nicht falsifizierbar.
(d) Erkenntnisgewinnung als selbstorganisierter Prozeß
Ebenso wie die Prozesse innerhalb der Forschergruppe beschreiben Krohn & Küppers (1989) auch den Aufbauprozeß wissenschaftlicher Erkenntnis als rekursiv und selbstkonstruierend. Auch wissenschaftliche Erkenntnisse können interpretiert werden als Eigenlösungen eines Prozesses selbstrückbezüglicher Erkenntnisoperationen. Die in Forschungsprogrammen zirkulären Operationen, die immer wieder auf ihr eigenes Ergebnis angewendet werden, haben folgende Komponenten (vgl. Abb. 3.4; der Anfangspunkt der Darstellung des Kreisprozesses ist beliebig, obwohl Rationalisten sicher am liebsten bei der „Theorie", Empiristen bei der „Empirie" beginnen würden):
|
Theorieseite Empirieseite
Abb. 3.4: Rekursiver Prozeß bei der wissenschaftlichen Erkenntniskonstruktion (nach: Krohn & Küppers, 1989; S.60)
Aus Theorien werden konkrete Hypothesen abgeleitet, die zunächst zu empirischen Erwartungen führen. Diese Erwartungen werden nun in einem ersten Transformationsprozeß, der Operationalisierung, in ein empirisches Verfahren überführt, wofür es zunächst verschiedene Möglichkeiten gibt. Die so durch Konvention (vgl. Popper, 1984) ausgewählten Verfahren führen zu Daten, die dann, um theoretisch relevant zu sein, im Hinblick auf die Theorie gedeutet werden müssen. Dies ist der zweite Transformationsprozeß, die Erklärung; auch sie ist uneindeutig und unterliegt wie die Operationalisierung der Beurteilung der Forschergruppe, also ebenfalls der Konvention. Die Theorie wird nun entsprechend dieser „Beobachtungen" oder aufgrund anderer Einflüsse modifiziert, was erneut zu Hypothesen führt.
Mehrfache Durchläufe dieser Schleife führen zu einer immer weiteren Einschränkung der Freiheitsgrade innerhalb der Transformationen (Operationalisierung und Erklärung), also den Theorie-Empirie- und den Empirie-Theorie-Übergängen. Das forschende System hat einen Eigenwert entwickelt, der in seinen „klassischen" Gegenständen, den „klassischen" Methoden und Interpretationsschemata sowie „der" forschungsprogrammspezifischen Theorie besteht.
In der Sprache der Allgemeinen Modelltheorie kann „Operationalisierung" als die Bildung eines Konkretionsmodells verstanden werden, während „Erklärung" die Abbildung von Daten in einem Abstraktionsmodell bezeichnet. Der beschriebene erkenntniserzeugende, wissenschaftliche Prozeß läßt sich deuten als selbstrückbezüglicher, zyklischer Vorgang, währenddessen sukzessive die „typischen" Konkretions- und Abstraktionsmodelle des Forschungsprogramms als Eigenlösungen entstehen.
In diesem Modell sind eine Reihe wissenschaftstheoretischer Konstrukte explizierbar:
1) der Prozeß der Verfestigung der Annahmekerne von Forschungsprogrammen (vgl. Herrmann, 1992),
2) der Bereich, in dem nach Popper (1984) konventionalistische Beschlüsse erforderlich sind,
3) Poppers These von der „Theoriegeladenheit aller Erfahrung" (beides in den Transformationsbereichen) sowie
4) die Wirkungen zentraler forschungsprogrammspezifischer Wahrnehmungsschemata (vgl. Kuhn, 1989) und den Vorgang ihrer Verfestigung.
Auch die verschiedenen Typen von Modellen, die Stachowiak (1973) im wissenschaftlichen Prozeß erkennt, kann man hier verorten:
„Theoretische Modelle" und „Demonstrationsmodelle" beherrschen die linke „Theorie"-Seite des Modells, während „Experimentalmodelle" und „operative Modelle" auf der rechten, der „Empirie"-Seite angesiedelt sind.
(e) Sprachspiele: Zur Methodologie rekonstruktiver Modellbildung
Wissenschaftliche Forschungsprogramme, insbesondere die der Psychologie, werden beinahe ausschließlich in sprachlicher Form dokumentiert (wenn man von den wenigen filmischen, fotografischen oder schematischen Darstellungen oder Dokumenten absieht). Einer rekonstruktionswilligen Person, die nicht selbst Mitglied der Forschergruppe ist, teilen sich alle Ergebnisse, Grundsätze, Interpretationen, empirischen Prozesse, also alle problemlösenden Modelle der Forschungsprogramme über sprachliche Medien mit, und es stellt sich damit die wesentliche Frage, in welcher Weise die mitgeteilten Modelle in ihrer Bedeutung erschlossen werden können.
Ludwig Wittgenstein (1984, Original 1953) stellt in seinen „Philosophischen Untersuchungen" fest, daß „der allgemeine Begriff der Bedeutung der Worte das Funktionieren der Sprache mit einem Dunst umgibt, der das klare Sehen unmöglich macht"(a.a.O; § 5). Dies liegt aber an der „Gleichförmigkeit ihrer Erscheinung, wenn die Wörter uns gesprochen, oder in der Schrift und im Druck entgegentreten. Denn ihre Verwendung steht nicht so deutlich vor uns." (§ 11). Um diesen „Dunst" aufzuklären, schlägt er vor, den konkreten Gebrauch der Wörter zu beachten und nicht die Vorstellungen, die ein jeder (sei es auch der Forscher selber) mit ihnen verbindet.
Die „Bedeutung" eines Wortes erschließt sich aus seinem Gebrauch in der Situation seiner Verwendung, aus den Tätigkeiten, mit denen die Sprache „verwoben" ist, und die Gesamtheit solcher Situationen von Sprache und Tätigkeit nennt Wittgenstein das Sprachspiel (vgl. § 7; siehe auch oben, S. 22).
Wie die „Bedeutung" der Figuren eines Schachspiels, so kann man die der Begriffe an den Regeln erkennen, nach denen diese verwendet werden. Welche Möglichkeiten aber haben wir, die Regeln des Sprachspiels eines Forschers zu erfahren? Ist es
1) „die Hypothese, die seinen Gebrauch der Worte, den wir beobachten, zufriedenstellend beschreibt", oder
2) „die Regel, die er beim Gebrauch der Zeichen nachschlägt", oder
3) „die er uns zur Antwort gibt, wenn wir ihn danach fragen" ? (§ 82)
Alle diese Möglichkeiten sind uns aus wissenschaftlichen Beschreibungen bekannt: wir leiten entweder selber den Sinn von Fachtermini ab aus ihrer Verwendung im Forschungsprogramm (1), oder wir sehen uns in Fachbüchern „gegebene" Definitionen an (2), oder wir lesen die Definitionen der Autoren (3), und glauben, wenigstens diese seien „authentisch".
Nun sind aber die wenigsten Begriffe (wahrscheinlich überhaupt keine) eindeutig explizit „definiert", denn wir stellen häufig genug fest, daß die Autoren „sie selbst nicht wissen" (vgl. § 82). Hier wird deutlich, warum mehrere Autoren darauf bestehen, die „Modellattribute" bzw. die „kognitiven Strukturen" von Annahmekernen von ihren sprachlichen „Prädikaten" zu unterscheiden (vgl. Herrmann, 1976a, S. 7; Stachowiak, 1973, S. 135). Welche Möglichkeiten aber bleiben uns nun?
Hier schlägt Wittgenstein (1984) vor, über verschiedene (Verwendungs-)Beispiele die auftretenden Familienähnlichkeiten zu betrachten. Damit ist nun nicht das „Gemeinsame" aller durch den Begriff zusammengefaßten Dinge (also die mengentheoretische Schnittmenge ihrer Merkmale) gemeint, sondern die „indirekte Verwandtschaft" der Verwendungssituationen im Sprachspiel. Wittgenstein vergleicht diese mit einem aus vielen kurzen Einzelfasern gesponnenen Faden: Wir „dehnen unseren Begriff (...) aus, wie wir beim Spinnen eines Fadens Faser an Faser drehen. Und die Stärke des Fadens liegt nicht darin, daß irgend eine Faser durch seine ganze Länge läuft, sondern daß viele Fasern einander übergreifen." (§ 67) Dadurch ist also „der Umfang eines Begriffs nicht durch eine Grenze abgeschlossen". (§ 69)
Für die Mitteilung an einen anderen Menschen, was unter einem bestimmten Begriff zu verstehen sei, geht man gewöhnlich so vor: „Man gibt Beispiele und will, daß sie in einem gewissen Sinn verstanden werden. - Aber mit diesem Ausdruck meine ich nicht: er solle nun in diesen Beispielen das Gemeinsame sehen, welches ich - aus irgend einem Grunde - nicht aussprechen konnte. Sondern: er solle diese Beispiele in bestimmter Weise verwenden. Das Exemplifizieren ist nicht ein indirektes Mittel der Erklärung, - in Ermangelung eines Besseren. Denn, mißverstanden kann auch jede allgemeine Erklärung werden." (§71)
Was „tut" aber das uns vertraute Verfahren der Begriffserklärung, und ist sie nun überflüssig oder gar irreführend? Hier stellt Wittgenstein fest: „Die Erklärung verstanden haben heißt, einen Begriff des Erklärten im Geiste besitzen, und d.i. ein Muster oder Bild." (§ 73; Hervorhebung: G.S.)
Hier wird der Zusammenhang zur allgemeinen Modelltheorie deutlich: Begriffserklärungen sind kognitive Nachkonstruktionen, also Modelle, und jede dieser (begrifflichen) Modellbildungen beinhaltet Selektionen, Verkürzungen, Strukturangleichungen und: pragmatische Beschlüsse; d.h. Begriffe werden von bestimmten Personen, zu bestimmten Zwecken rekonstruiert, wobei die „Originale" in den einzelnen konkreten Verwendungssituationen der Sprachspiele zu finden sind. (Auch wenn Wertheimer „Ganzheit" „definiert", tut er dies in einem pragmatischen Kontext, z.B. um sich von gegnerischen Konzepten abzusetzen oder um Gleichgesinnte des eigenen Forschungsprogramms auf eine „Linie" zu bringen; vgl. z.B.: Wertheimer, 1922.)
So soll hier festgelegt werden, daß die Modellierung von zentralen Termini und ihren Relationen, von methodologischen Regeln und Hintergrundüberzeugungen, also ganzer Annahmekerne einzelner Forschungsprogramme darin bestehen soll, daß wir die konkrete, implizite wissenschaftliche Verwendung solcher Termini studieren. Das Lernen aus Anwendungsbeispielen ist keineswegs ein trivialer Vorgang, der aus akademischer Sicht „dem Anfänger" überlassen bleiben kann: „Wie ein Wort funktioniert, kann man nicht erraten. Man muß seine Anwendung ansehen und daraus lernen. Die Schwierigkeit aber ist, das Vorurteil zu beseitigen, das diesem Lernen entgegensteht. Es ist kein dummes Vorurteil." (Wittgenstein, 1984; § 340)
(f) Methodologische Folgerung: Sprachspiele in strukturalistischen Rekonstruktionen
Hieraus und aus der in (c) aufgestellten Forderung nach strukturalistischer Rekonstruktion forschungsprogrammspezifischer Theorieelemente folgt die Notwendigkeit, die beiden in ihren geistesgeschichtlichen Wurzeln so unterschiedlichen Ansätze der späten Wittgenstein'schen Sprachphilosophie und des Sneed/Stegmüllerschen Strukturalismus miteinander zu verbinden. Daß dies durchaus möglich ist, soll im folgenden erläutert werden:
In Abschnitt 2.1.4 wurde dargestellt, daß bei strukturalistischen Rekonstruktionen ein besonderes Problem an der „pragmatischen Gelenkstelle" besteht, nämlich beim Übergang von der formalen Struktur des Theoriekerns zu ihren Anwendungen auf „reale" Phänomene. Schon in seinen ersten Entwürfen hatte Sneed (1971) nämlich erkannt, daß möglicherweise hinreichende, in keinem Fall aber notwendige Bedingungen angegeben werden können, unter denen ein reales Phänomen daraufhin zu beurteilen ist, ob es ein potentielles Modell einer Theorie sein kann.
Den Grund für dieses Problem sah Sneed, in Anlehnung an Wittgenstein, in der prinzipiellen Offenheit aller Begriffe. Wie alle Begriffe, so sind nämlich auch die „zentralen Begriffe" und „elementaren Relationen" eines jeden Theoriekerns nicht als eindeutig abgrenzbare, definierende Zusammenfassungen von „Eigenschaften" zu verstehen, sondern auch sie sind durch Familienähnlichkeiten charakterisiert und unterliegen damit einer „prinzipiell nicht behebbaren Vagheit" (Stegmüller, 1987; S.478).
Der „Sinn" und die „Bedeutung" der zentralen Begriffe und elementaren Relationen eines Strukturkerns ist damit nicht irgendeiner „Definition" zu entnehmen, bzw. durch sie zu konstituieren (was schließlich der Angabe notwendiger und hinreichender Bedingungen entsprechen würde), sondern ausschließlich aus ihrer Verwendung im Sprachspiel. Daraus folgt aber:
Die Regeln des forschungsprogrammeigenen Sprachspiels konstituieren die Bedeutung der zentralen Begriffe und elementaren Relationen des Theoriekerns und die Familienähnlichkeiten ihrer konkreten Anwendungen.
Worin besteht aber dieses bedeutungsverleihende Sprachspiel aus strukturalistischer Sicht? Sneed (1971) (vgl. auch Stegmüller, 1987) weist bekanntlich hin auf die Methode der paradigmatischen Beispiele: Eine ausgezeichnete Menge (I0) von Partialmodellen vermittelt einen „Eindruck" von den Ähnlichkeiten, die vorhanden sein müssen, damit Phänomene als konkrete mögliche „Anwendungen" des Theoriekerns angesehen werden können. Und diese konstituieren den pragmatischen Aspekt der „Bedeutung" des Theoriekerns.
Jedes paradigmatische Beispiel ist nämlich, in Anschluß an Wittgenstein, nicht das, was durch einen Begriff bezeichnet wird, sondern es ist selber Bestandteil dieses Sprachspiels (vgl. Wittgenstein, 1983; § 50). Am Beispiel des Sprachspiels „Längenmessung" erläutert Wittgenstein, daß das Urmeter ein solcher elementarer Bestandteil dieses Sprachspiels ist: „Man kann von einem Ding nicht sagen, es sei 1 m lang, noch, es sei nicht 1 m lang, und das ist das Urmeter in Paris" (a.a.O.). Das Urmeter selber kann nicht gemessen werden, es ist „nicht Dargestelltes, sondern Mittel der Darstellung" (a.a.O.); Es ist Voraussetzung des Sprachspiels, denn es „ist in unserem Sprachspiel ein Paradigma; etwas, womit verglichen wird" (a.a.O., Hervorhebung: G.S.).
Damit wird klar: das Paradigma konstituiert das Sprachspiel, es ist eines seiner wesentlichen, konstruktiven Bestandteile. Ob das Paradigma die Eigenschaften besitzt, die den Dingen im Sprachspiel zugeordnet werden, für das es selber als Referenz dient, ist eine logisch unerlaubte Frage.
Diese Situation, so betont Stegmüller (1987), hat folgende Konsequenzen:
Jeder Wissenschaftler hat beim Aufbau einer wissenschaftlichen Theorie prinzipiell zweigleisig zu verfahren: Neben den theoretischen Teilen, den grundlegenden Begriffen und Gesetzmäßigkeiten, hat er Anwendungen durch Beispiele zu beschreiben, denn es „ist ausgeschlossen, diese Anwendungen im Rahmen der Spezifikation des theoretischen Apparates selbst mitzuliefern" (Stegmüller, 1987; S.478). Dadurch entsteht zwangsläufig eine nicht behebbare Vagheit, was die Umgrenzung des Anwendungsbereiches seiner Theorie anbetrifft, denn dieser ist stets eine offene Menge, da sowohl die intendierten Anwendungen im Laufe der Entwicklung der Theorie stets, und oft auf unabsehbare Weise, sowohl erweitert, als auch wieder eingeschränkt werden können; letzteres geschieht, wenn sich herausstellt, daß für einige intendierte Anwendungen die empirische Behauptung zu falsifizieren ist (vgl. Stegmüller, 1987).
Die Funktionen der paradigmatischen Beispiele in strukturalistischen Rekonstruktionen lassen sich damit wie folgt zusammenfassen:
• Sie sind Ankerpunkt und gleichzeitig Bestandteil des Sprachspiels der Theorie. Dieses besteht u.a. darin, daß die zentralen Begriffe und elementaren Relationen an ihnen „angewendet" werden. Damit sind die paradigmatischen Beispiele konstituierend für deren „Bedeutung".
• Sie sind (im Unterschied zu den intendierten Anwendungen) „nicht falsifizierbar"; d.h. es ist sinnlos zu fragen, ob die Theorie auf sie „zutrifft" (vgl. die „empirische Behauptung"), denn aus ihnen ist die Theorie konstruiert.
• Sie vermitteln über ihre Familienähnlichkeiten einen „Eindruck" vom Gültigkeitsbereich der Theorie und lenken damit die weitere Wahrnehmung für die intendierten Anwendungen oder für die Möglichkeiten von Theorieerweiterungen.
• Sie sind prinzipiell nicht durch „explizite" Definitionen im theoretischen Bereich ersetzbar.
Für die hier durchzuführenden Rekonstruktionen theoretischer Modellbildung ergibt sich daraus folgendes Verfahren:
Die zentralen Begriffe und elementaren Relationen des Theoriekerns sowie die Fundamentalgesetze einer jeden forschungsprogrammeigenen Theorie, also insgesamt die „Basiselemente", sind in ihrer Verwendung im Sprachspiel des jeweiligen Forschungsprogramms zu analysieren. Dies bedeutet, daß zunächst als Referenz für das Sprachspiel die exemplarischen, paradigmatischen Beispiele, die von den Autoren verwendeten „Musteraufgaben" bei der Konstituierung der Theorie betrachtet werden. Gleichzeitig damit sind die in diesem Zusammenhang gegebenen „theoretischen Erklärungen" und Begriffsbildungen wiederzugeben, was einer exemplarischen Ausführung des Sprachspiels entspricht.
Dabei werden zwei Probleme zu bewältigen sein:
1) Es ist sicherzustellen, daß es sich auch wirklich um mögliche Theoriekerne im Sinne des Strukturalismus handelt („mögliche" deshalb, weil strukturalistische Rekonstruktionen, wie mathematische Axiomatisierungen, niemals eindeutig sind). Dies wird leicht zu entscheiden sein, wenn zu der betreffenden Theorie schon eine strukturalistische Rekonstruktion vorliegt. Ist das jedoch nicht der Fall, was angesichts der geringen Zahl „fertiger" Rekonstruktionen (vgl. Abschnitt 2.1.4) in der überwiegenden Mehrheit der zu betrachtenden Forschungsprogramme zu erwarten ist, so ist eine „strukturalistische Skizze" anzulegen. Eine solche Skizze soll für jedes betrachtete Forschungsprogramm in sprachlicher Form, also informell, die Basiselemente (Begriffe, Relationen, Fundamentalgesetze) des dort vertretenen zentralen theoretischen Ansatzes enthalten.
2) Außerdem muß gewährleistet sein, daß es sich bei den ausgewählten „Musterbeispielen" auch wirklich um „paradigmatischen Anwendungen" handelt. Welche Bedeutung die Vertreter und Gründer eines Forschungsprogramms einem Beispiel geben, läßt sich in der Regel den ersten Veröffentlichungen entnehmen. Paradigmatische Beispiele werden fast immer zur Legitimierung des neuen Ansatzes verwendet, als Kampfmittel gegen konkurrierende Forschungsprogramme und gleichzeitig zur Identitätsstiftung innerhalb der Forschergruppe. Werden Kernaussagen des Forschungsprogramms an immer denselben Musterbeispielen demonstriert, werden diese Beispiele neuen Mitgliedern oder dem wissenschaftlichen Nachwuchs zur weiteren Bearbeitung empfohlen, oder wird in wissenschaftlichen Diskussionen immer wieder mit diesen Beispielen argumentiert, so kann man sicher sein, daß es sich um solche forschungsprogrammspezifischen, paradigmatischen Beispiele handeln muß. Aus diesem Grund werden die Veröffentlichungen aus den „Gründerzeiten" eines Forschungsprogramms, aber auch die aus Zeitabschnitten besonderer „wissenschaftlicher Herausforderungen" (etwa durch andere, neue Forschungsprogramme) eine wesentliche Rolle bei der Rekonstruktion spielen.
(3) Die Interdependenz von sozialem und kognitivem System
Hieraus folgt nun zusammenfassend: Soziales und inhaltliches System bedingen sich gegenseitig. Eine Forschergruppe trifft (und hält) zusammen, um auf dem Hintergrund des gemeinsamen Annahmekerns ein Problem zu lösen; „das" Problem und der zugehörige Annahmekern werden durch die beteiligten Forscher konstituiert. Der Annahmekern hat für die Forschergruppe existenzkonservierende Funktion.
Äußere „Störungen" (z.B. durch Kritik an den Kernannahmen)
führen zu regulativen „Gegenmaßnahmen", die das Systemgleichgewicht
wiederherstellen. Diese schlagen sich in der Regel auch im inhaltlichen
System der Kernannahmen nieder. (Implikative Annahmen können „trotzig"
überbetont, methodische Annahmen weiter verschärft oder verallgemeinert
werden.) Da „die Akzeptanz von Theorien nicht zuletzt auf der ihnen
zugeschriebenen
Erklärungskraft beruht, entscheidet die 'Selbsterhaltungstendenz'
von Forschungsprogrammen über das Schicksal psychologischer Theorien
mit" (Herrmann, 1992; S. 15).
3.3 Das Paradigmatische Rekonstruktionsmodell der Psychologie
Das Paradigmatische Rekonstruktionsmodell soll nun die folgenden Attribute besitzen:
3.3.1 Ebene 1: Die Rekonstruktion von Forschungsprogrammen
Für jedes Forschungsprogramm werden jeweils folgende Aspekte beschrieben:
(1) Das soziale System: die Gruppenmatrix
Die soziale, emotionale und reflexive Komponente (vgl. Krohn & Küppers, 1989) sollen erschlossen werden durch folgende Angaben:
• die raum-zeitliche Bestimmung (das Forschungsprogramm findet wann, wo, in welchem Zeitraum statt),
• die wichtigsten Mitglieder des Forschungsproramms,
• ihre wissenschaftliche „Herkunft" (Ausbildung, wichtige wissenschaftliche Einflüsse usw.),
• institutionelle Vorgänge (Übernahme von Lehrstühlen, Einrichtung/Auflösung von Instituten usw.),
• Aufspaltung oder Verschmelzungen von wissenschaftlichen Gemeinschaften,
• personelle Verflechtungen mit anderen Forschungsprogrammen,
• wissenschaftliche Gegner (z.B. Forschungsprogramme, aus denen starke Kritik geäußert wird, und denen gegenüber ausdrückliche Profilierungen versucht werden),
• wissenschaftliche Kampfpositionen (z.B. emotionalisierte Auseinandersetzungen, Polemiken und ihre Konsequenzen für das Forschungsprogramm),
• Rekursionen (z.B. wer greift von wem was wieder auf und mit welchem Ergebnis?),
• interne Auseinandersetzungen (forschungsprogramminterner Streit um Begriffe und Methoden),
• Kommunikationsstrukturen (Veröffentlichungen, Kongresse, institutionalisierte Treffen).
(2) Das kognitive System: die Annahmekerne
Hier können zwei Ebenen unterschieden werden: explizite Komponenten des Annahmekerns (z.B. formulierte Theorien und methodologische Regeln) und implizite Komponenten, die aus der Forschungspraxis erschlossen werden (müssen).
(a) Explizite Komponenten des Annahmekerns: Sprachspiel in Theorie und Anwendung
Das Sprachspiel eines Forschungsprogramms ist meist in wesentlichen Teilen veröffentlicht (und nur solche Teile sind durch Nicht-Mitglieder „von außen" rekonstruierbar). In Originalveröffentlichungen finden wichtige Teile des forschungsprogrammeigenen Sprachspiels statt, allerdings in einer schon für die Öffentlichkeit pointierten und aufbereiteten Fassung:
Die Mitglieder des Forschungsprogramms beschreiben dort ihre empirischen Verfahren und Methoden, deuten deren Ergebnisse in ihrer spezifischen Weise, formulieren Theorien und theoretische Schlußfolgerungen. Sie debattieren mit wirklichen und angenommenen wissenschaftlichen Gegnern.
Der Strukturalismus (vgl. Sneed, 1971; Stegmüller, 1973) bietet für all diese Aspekte des expliziten forschungsprogrammeigenen Sprachspiels ein hervorragendes analytisches Raster. Danach sind bei der Rekonstruktion herauszuarbeiten:
1. Das theoriebildende Sprachspiel des Forschungsprogramms
Die Basiselemente der Theorie:
• typische Gegenstände („potentielle Modelle" der Theorie), wobei zu analysieren sind:
- zentrale Begriffe und
- elementare Relationen
• Fundamentalgesetze der forschungsprogrammeigenen Theorien, also die behaupteten elementaren Zusammenhänge zwischen den Begriffen und Relationen.
Paradigmatische Anwendungen:
Erfolgreiche „Modelle" der Theorie: klassische Experimente und Beispiele; hier ist insbesondere zu achten auf
• typische Interpretationen und Interpretationsmuster;
• Verwendung der Terminologie (Begriffe, Relationen, Fundamentalgesetze im forschungsprogrammeigenen Sprachspiel).
Intendierte Anwendungen, sofern über diesen Bereich explizite Annahmen (also „empirische Behauptungen") vorliegen.
2. Das methodologische Sprachspiel des Forschungsprogramms
Explizite Regeln zur Methodik des Forschungsprogramms: die expliziten Kernannahmen über Transformationsprozesse
(b) Nicht explizite Komponenten des Annahmekerns: die Hintergrundannahmen
Die Analyse der von den Mitgliedern eines Forschungsprogramms nicht explizit formulierten Hintergrundannahmen ist äußerst „irrtumsgefährdet" (Herrmann, 1992; S.7) und bildet damit den schwierigsten Teil der Rekonstruktion. Diese Annahmen sind meist auf sehr hoher semantischer Stufe, denn es handelt sich nicht um den Inhalt des Sprachspiels, sondern um dessen Regeln.
In den verschiedenen Modellbildungsprozessen des Forschungsprogramms sind es insbesondere die Präteritionen, Abundierungen und Kontrastierungen (vgl. Stachowiak, 1973), die hier analysiert werden müssen, da diese im Forschungsprogramm selten explizit formuliert werden. In vielen psychologischen Forschungsprogrammen wird das eigene Modell gar mit „der Realität" gleichgesetzt, was eine kritische Einschätzung der selektiven Vorgänge bei der (Modell-) Strukturangleichung kaum noch möglich macht.
Nach Krohn & Küppers (1989) kommen bei den Modellbildungen insbesondere Theorie-Empirie-Transformationen in Betracht, soweit diese nicht von den Mitgliedern des Forschungsprogramms explizit beschrieben sind:
1. Theorie Empirie - Transformationen: die Bildung von Konkretionsmodellen
• Welche typischen „Exemplare" mit welchen Charakteristika werden
• in welchen typischen empirischen Situationen
• mit welchen Methoden untersucht,
• welche Attribute werden dabei betont (Kontrastierung),
• welche kommen hinzu, ohne in der Theorie eine Entsprechung zu haben (Abundierung)?
2. Empirie Theorie - Transformationen: die Bildung von Abstraktionsmodellen
• Welche Attribute der erforschten „Realität" werden theoretisch erfaßt,
• von welchen Eigenschaften wird abgesehen (Präterition),
• welche werden besonders herausgearbeitet (Kontrastierung)?
3. Rekursionen bei der Erkenntnisproduktion:
• „Menschenbildannahmen" als Eigenwerte: welche prinzipiellen Annahmen über den Forschungsgegenstand lassen sich aus der abwechselnden Konkretisierung und Abstrahierung erkennen?
• Methodologie als Eigenwert: inwiefern schaffen sich theoretische und empirische Modelle gegenseitig ihre eigene Bestätigung, indem z.B. empirische Verfahren auf dem Hintergrund theoretischer Annahmen ausgewählt oder „passend gemacht" werden, so daß sie kaum noch andere als die theoretisch postulierten Daten produzieren können, oder indem Daten so gedeutet werden, daß sie die Theorie bestätigen. Welche Aspekte blendet die theorieorientierte Wahrnehmung der „Daten" aus?
3.3.2 Ebene 2: Die Rekonstruktion paradigmatischer Strukturen
(1) Das Netzwerk psychologischer Forschungsprogramme
„Forschungsprogramme entstehen und vergehen; sie können auseinander hervorgehen; sie können sich teilen, wobei P in Teilstrukturen zerfällt; sie können auch verschmelzen, usf." (Herrmann, 1992; S. 20/21)
Im Modell des Netzwerkes sind Forschungsprogramme als „Knoten" interpretierbar, während die „Netzwerkkanten" sich als Austauschbeziehungen der einzelnen Forschungsprogramme verstehen lassen. Es gibt aber immer auch Austauschbeziehungen mit nicht-psychologischen Forschungsprogrammen, z.B. durch Importe aus physikalischen, soziologischen oder philosophischen Forschungsprogrammen (die philosophisch-holistischen Annahmen der Gestaltpsychologie und deren physiologisch-physikalische Isomorphieannahme wären hierfür exemplarisch). Somit ist das Wissenschaftssystem Psychologie interpretierbar als Netzwerksausschnitt des Gesamtsystems Wissenschaft. (vgl. Herrmann, 1992)
(2) Paradigmatische Strukturen
Eine Rekonstruktion des Wissenschaftssystems Psychologie in Forschungsprogrammen erzeugt zwar eine relativ feine Struktur, die allerdings noch keinen Überblick erlaubt, und insbesondere keine Systematik im Vergleich verschiedener Forschungsprogramme. Es entsteht dadurch immer noch ein Bild der Psychologie, das von verschiedenen Autoren als äußerst heterogen charakterisiert wird (vgl. Kapitel 1).
Nun soll an dieser Stelle der dort geäußerten Mutlosigkeit entgegengetreten werden, denn es lassen sich innerhalb des Wissenschaftssystems Psychologie Teilnetze auffinden, bei denen die Probleme (also die Annahmekerne) viele ähnliche, „äquivalente" Komponenten besitzen. Dies soll dadurch geschehen, daß paradigmatische Strukturen aufgezeigt werden, die ganzen Gruppen dieser vielfältigen forschungsprogrammspezifischen Einzelmodelle gemeinsam sind.
Herrmann (1992) deutet eine solche Struktur an, indem er postuliert, daß in der Psychologiegeschichte großräumige Annahmestrukturen über große Realitätsbereiche vorkommen, denen sich einzelne Forschungsprogramme unterstellen: „Diese Annahmestruktur enthält auch globale Ideen über Problemlösungsrichtungen sowie präskriptive Komponenten, in denen in globaler Weise (methodologisch) festgelegt ist, was in der psychologischen Forschung erlaubt ist und was nicht." (a.a.O., S.47)
Herrmann nimmt an, daß es sich hierbei um ein „Meta-Forschungsprogramm" handelt, das sich einem „Metaproblem PM" widmet. (Als Beispiele gibt er an: Erlebnispsychologie, Behaviorismus, Psychoanalyse, Informationsverarbeitungsansatz). Mehrere Forschungsprogramme arbeiten nach ein und demselben Paradigma, „falls die Annahmekerne ihrer jeweiligen Probleme P1, P2 ... Pn eine Kernannahmemenge bilden, die Annahmen des Metaproblems PM des Wissenschaftssystems wesentlich enthält. Anders ausgedrückt: Mehrere Forschungsprogramme sind im Falle der Zugehörigkeit zu einem Wissenschaftsparadigma durch Annahmekerne konstituiert, die einander insofern ähnlich sind, als sie alle einige wesentliche Merkmale desjenigen Metaproblems PM teilen, durch das die Wissenschaftlergemeinschaft gekennzeichnet ist, deren Subsysteme die Forschungsprogramme sind." (a.a.O., S. 47/48)
In einem psychologischen Forschungsprogramm sind aber solche Kernannahmen, die dem Meta-Forschungsprogramm angehören, in der Regel auf relativ hoher semantischer Ebene angesiedelt, so daß sie dort selten in expliziter Form zu finden sind. Das wäre z.B. der Fall, wenn es zwischen verschiedenen Theorien terminologische und gleichzeitig inhaltliche Übereinstimmungen gäbe, oder wenn konkrete methodologische Regeln von einem ins andere Forschungsprogramm übertragbar wären.
(3) Paradigmatische Subsumptionsmodelle
Wie oben dargestellt, lassen sich Forschungsprogramme als Modelle rekonstruieren, die von Forschern („soziales System") zur Lösung spezifischer Probleme konstruiert werden. Sie konstituieren sich in expliziten oder impliziten Kernannahmen („kognitives System") und unterliegen einer durch interne und externe Faktoren bestimmten Dynamik. Da im folgenden konkrete Forschungsprogramme auf ihre konkrete paradigmatische Ausrichtung hin untersucht werden sollen, womit dann die Existenz dieses psychologischen Wissenschaftsparadigmas behauptet werden kann, ist eine Präzisierung von Herrmanns „Meta-Forschungsprogramm" im Rahmen der modelltheoretischen Terminologie erforderlich.
Ein Metaforschungsprogramm zu einem Metaproblem kann als Modell verschiedener Forschungsprogramm-Modelle angesehen werden. So bietet es sich an, ein solches Metaforschungsprogramm als Subsumptionsmodell mit paradigmatischem Charakter zu konstruieren.
Ein paradigmatisches Subsumptionsmodell soll so konstruiert werden, daß es
1) wesentliche Kernannahmen aller zugehörigen Forschungsprogramme abbildet (und damit das Metaproblem expliziert).
Gleichzeitig soll gefordert werden, daß es
2) die Attribute enthält, die nach Kuhn wesentliche Eigenschaften eines Paradigmas (hier: Paradigma im weiteren Sinne, also des „disziplinären Systems") sind.
Kuhn (1989, S. 194ff) nennt als zentrale Bestandteile des ein wissenschaftliches Paradigma (i.w.S.) konstituierenden disziplinären Systems:
1) gemeinsame symbolische Verallgemeinerungen: formalisierte oder verbalisierte Terme, die zentrale Gesetze oder Definitionen (oder wie bei T-theoretischen Begriffen beides in einem) darstellen;
2) gemeinsame Modelle: Grundauffassungen von Zusammenhängen im betrachteten Gegenstandsbereich, wesentliche Analogien und Metaphern;
3) gemeinsame Werte: Festlegungen über die Validität empirischer Verfahren (Genauigkeit, qualitative oder quantitative Ausrichtung), über die Strategien der Theoriebildung und deren Qualität (Einfachheit, Plausibilität, Widerspruchsfreiheit, Systematisierung des Aufbaus), über die Grundausrichtung des wissenschaftlichen Prozesses („gesellschaftliche Nützlichkeit", „Wertfreiheit");
4) gemeinsame „Musterbeispiele": konkrete Problemlösungen, gemeinsame Beispiele oder technische Anwendungen, in denen die gemeinsamen symbolischen Verallgemeinerungen, Modelle und Werte in ihrem „Funktionieren" vorgestellt werden.
Eine modelltheoretische Analyse dieser Bestandteile des Kuhnschen disziplinären Systems zeigt zumindest einen Grund für die vielen Ungenauigkeiten und Mißverständnisse, die mit Kuhns Paradigmenbegriff verbunden sind (Mastermann (1974) kommt auf über 20 verschiedene Verwendungen des Paradigmenbegriffs durch Kuhn selber):
Während die Aspekte 1) bis 3) des disziplinären Systems Bestandteile eines (paradigmatischen) Abstraktionsmodells sind, sind die „Musterbeispiele" (Aspekt 4) (paradigmatische) Konkretionsmodelle. Daraus folgt also:
Beide Modelltypen bilden das Paradigma ab:
• sowohl das Abstraktionsmodell der symbolischen Verallgemeinerungen, Modelle und Werte
• als auch die Konkretionsmodelle der „Musteraufgaben"
Beide können also auch als Modelle des Paradigmas interpretiert werden.
Betrachtet man das Rekursionsschema des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses von Krohn & Küppers (1989) (vgl. 3.4, S. 56), dann modellieren die Musterbeispiele die Theorie-Empirie-Übergänge und die Vorgänge auf der „Empirieseite", während symbolische Verallgemeinerungen, Modelle und Werte eher die Übergänge von Empirie zu Theorie abbilden und die Vorgänge auf der „Theorieseite" erfassen.
Aber streng genommen bilden sich auch beide gegenseitig ab (nach Stachowiak (1973) im Sinne „wechselseitiger Modellierung"): das Abstraktionsmodell, das die gemeinsamen symbolischen Verallgemeinerungen, Modelle und Werte enthält, vermittelt die Kenntnisse über strukturelle Zusammenhänge und Verwandtschaften innerhalb und zwischen den Musterbeispielen; diese wiederum stellen anschauliche, konkrete Fälle dar, an denen die abstrahierten Zusammenhänge realisiert sind.
Kuhn (1989) suggeriert nun durch seine additive Darstellung, daß die „Musterbeispiele" ein „Bestandteil" der disziplinären Matrix, also des Paradigmas im weiteren Sinne seien. Wenn aber ein Bestandteil Bild einer dieses umfassenden Gesamtheit ist und die Gesamtheit Bild des Bestandteiles, so ergeben sich in der herkömmlichen Logik Probleme von der Art einer Russelschen Antinomie durch „Kategorienfehler".
Aus diesem Grund soll im folgenden begrifflich zwischen paradigmatischen Abstraktionsmodellen, die die symbolischen Verallgemeinerungen, Modelle und Werte enthalten, und paradigmatischen Konkretionsmodellen, also den „Musterbeispielen", unterschieden werden.
3.3.3 Zusammenfassung: Ein Rekonstruktionsmodell paradigmatischer Strukturen im Netzwerk psychologischer Forschungsprogramme
Paradigmatisches Subsumptionsmodell wird ein Modell genannt, das zu einer Gruppe verschiedener Forschungsprogramme konstruiert wird und für alle Annahmekerne folgende Attributgruppen abbildet:
(1) Die „paradigmatischen Basiseinheiten"
Sie sind das Bild aller potentiellen Modelle der Theoriekerne der unter dem Paradigma arbeitenden Forschungsprogramme. Die paradigmatischen Basiseinheiten modellieren die „zentralen Begriffe" und „elementaren Relationen" der Theorien, also die „gemeinsame theoretische Welt" aller Forschungsprogramme.
Einige Beispiele:
„Unbewußtes" und „Assoziation" in der Tiefenpsychologie (vgl. Kap. 4), „Ganzheit" und „Emergenz" in der Ganzheitspsychologie (vgl. Kap. 5), „Reize" und „Reaktionen" im Behaviorismus (vgl. Kap. 6), (adaptives) „Verhalten" in der Psychobiologie (vgl. Kap. 7) „Repräsentation" und „Informationsverarbeitung" im Kognitivismus (vgl. Kap. 8).
(2) Die „paradigmatischen Fundamentalgesetze"
Sie entstehen als Bild aller einzelnen Fundamentalgesetze der konkreten Forschungsprogramme. Um behaupten zu können, verschiedene Forschungsprogramme arbeiten unter demselben Paradigma, muß auch eine gemeinsame Struktur bei den „inhaltlichen Axiomen" (Stegmüller, 1973) erkennbar sein. Diese wird meist dargestellt in Form gemeinsamer Analogien, Metaphern oder auch graphischer (Teil-) Modelle, die die fundamentalen Zusammenhänge (Gesetze und Definitionen) in verallgemeinerter Form nachbilden. Wiedergegeben werden hier gemeinsame Deutungs- und Interpretationsmuster, also insgesamt die gemeinsamen Formen der wissenschaftlichen Apperzeptionsschemata.
(z.B. Reiz-Reaktions-Schema (Behaviorismus), „Selbstorganisation" und „dynamisches Gleichgewicht" (Ganzheitspsychologie), Konflikt und Verdrängung (Tiefenpsychologie), Fitneßmaximierung (Psychobiologie) )
Mit (1) und (2) sind nun die wesentlichen Aspekte erfaßt, die Kuhn (1989) in seinen ersten beiden Bestandteilen der disziplinären Matrix beschreibt: die gemeinsamen symbolischen Verallgemeinerungen und Modelle.
(3) Die „paradigmatische Methodologie"
Diese bezieht sich insbesondere auf die Bewertungen („Werte" im Sinne Kuhns), denen empirisch-methodologische und theoriebildende Verfahren unterliegen. Es sind die Gemeinsamkeiten bei den Empirie-Theorie-Übergängen aller Forschungsprogramme, die unter dem Paradigma arbeiten. Vor allem geht es hier um die gemeinsamen Anforderungen, die an empirische Verfahren gestellt werden, damit diese als „relevant" angesehen werden können, außerdem um die Maßstäbe für eine „geeignete" Form der Theoriebildung.
(z.B. im Behaviorismus müssen empirische Verfahren quantitativ, genau und objektiv sein, es werden eher stabile Zustände untersucht; behavioristische Theorien müssen Kausalzusammenhänge beschreiben und eine klassisch deduktive Begriffsstruktur besitzen, die Existenz T-theoretischer Begriffe wird eher verschleiert.
In der Ganzheitspsychologie sollen empirische Verfahren instabile Zustände (Phasenübergänge) in ihrem Gesamtzusammenhang erfassen, die Begriffsbildung kann (soll) in impliziter, rekursiver Weise vorgenommen werden: Ganzheit definiert sich durch Emergenz und dynamisches Gleichgewicht und umgekehrt, T-theoretische Begriffe werden offen akzeptiert.)
(4) Die „paradigmatischen Menschenbildannahmen"
Es wird jeweils versucht, alle forschungsprogramm-spezifischen Menschenbildannahmen zu einem gemeinsamen „Menschenbild" des Paradigmas zu abstrahieren. Solche „paradigmatischen Menschenbildannahmen" sind immer auch ein Abstraktionsmodell der theoretischen und der methodologischen Kernannahmen (s.o. (1), (2) und (3)).
(5) Bezeichnungsprobleme
Bei der Formulierung von paradigmatischen Subsumptionsmodellen ergeben sich in Bezug auf die dort verwendeten Prädikate besondere Schwierigkeiten: Häufig verwenden Forschungsprogramme, die unter einem Paradigma arbeiten, dieselben Prädikate (sprachlichen oder außersprachlichen Symbole), ohne daß diese wirklich identisch wären. Behavioristische Forschungsprogramme sagen übereinstimmend „Reiz" und „Reaktion" und meinen (wie oben am Beispiel des Skinner- und des Pawlow-Programms gezeigt) inhaltlich Unterschiedliches, was bei deren konkreter Verwendung im Sprachspiel der Forschungsprogramme deutlich wird. Im behavioristischen Subsumptionsmodell tauchen diese Prädikate erneut auf, und diesmal durch die höhere Abstraktion in wieder anderer „Bedeutung". Andererseits gibt es, wie später gezeigt wird, in unterschiedlichen Forschungsprogrammen auch verschiedene Prädikate, deren zugehörige Attribute dennoch durch ein einziges paradigmatisches Subsumptionsmodell abgebildet werden können (in der Ganzheitspsychologie sind z.B. Piagets „kognitive Schemata" ebenso „Ganzheiten" wie die „selbstorganisierten Systeme" der neueren Systemtheorie oder die (Wahrnehmungs-) Ganzheiten Wertheimers).
Um Mißverständnisse zu vermeiden, müßten, streng genommen, die in paradigmatischen Subsumptionsmodellen verwendeten Prädikate stets neu gewählt werden und dürften sich nicht mit denen decken, die in allen beteiligten Forschungsprogrammen verwendet werden. Dies hätte aber enorme Kommunikationsprobleme zur Folge, da die spontanen Assoziationen behindert würden. Außerdem müßten schon existierende Subsumptionsmodelle wie das „S-R-Modell" des Behaviorismus in ihrer Terminologie neu gefaßt werden oder zumindest mit zusätzlichen Attributen („Bezeichnungsballast") versehen werden (z.B. „ReizS" für „Reiz" im Skinner-Programm, „ReizP" für solche im Pawlow-Programm und „ReizBeh" für die Abstraktion im Subsumptionsmodell des Behaviorismus).
Um dies zu vermeiden, sollen bei den Rekonstruktionen in den Kapiteln 4 bis 8 die im Wissenschaftssystem Psychologie traditionellen Formen beibehalten werden: Prädikate für das paradigmatische Subsumptionsmodell werden weiterhin den beteiligten Forschungsprogrammen entnommen, wobei deren Modellzugehörigkeit nur in Zweifelsfällen explizit genannt werden soll. Kommen als Quelle verschiedene Forschungsprogramme mit verschiedenen Prädikaten in Frage (z.B. „Äquilibration" (Piaget) oder „Prägnanz" (Wertheimer) oder „dynamisches Gleichgewicht" (Watzlawick), so muß eine möglichst leicht kommunizierbare Belegung ausgewählt werden (wofür es neben dem „Bekanntheitsgrad" oder der „historischen Bedeutung" kaum Kriterien gibt).
3.4 Festlegungen für eine paradigmatische Rekonstruktion der Psychologie
Das oben beschriebene analytische „Paradigmatische Rekonstruktionsmodell der Psychologie" würde bei seiner Anwendung auf die Wissenschaft Psychologie keineswegs zu eindeutigen Ergebnissen führen, denn die Strukturen der Psychologie, die man mit ihm „entdecken" würde, „ergeben" sich nicht in deterministischer Weise. Das angestrebte „Modell der Disziplin" ist, auch bei gegebenem Analyseinstrumentarium, immer noch Ergebnis eines konstruktiven Prozesses mit vielen Freiheitsgraden.
Die wichtigsten der vorhandenen Unbestimmtheiten sollen nun vorgestellt
und durch weitere Festlegungen („Pragmatische Entschlüsse") möglichst
beseitigt werden.
3.4.1 Paradigmatische Strukturen verschiedener Größenordnung
(1) Drei Ebenen paradigmatischer Strukturen in der Psychologie
Paradigmen der Wissenschaft bestehen, wie oben dargestellt, aus den Elementen: wissenschaftliche Gemeinschaft, gemeinsame symbolische Verallgemeinerungen, Modelle und Wahrnehmungsschemata, gemeinsame Werte und Musterbeispiele. Sucht man innerhalb der Psychologie konkret nach solchen Strukturen, dann stößt man auf folgendes Problem:
Der Paradigmenbegriff kann innerhalb einer Wissenschaft für Strukturen verschiedener Größenordnung verwendet werden. In der Psychologie lassen sich mindestens drei Ebenen unterscheiden, auf denen bisher „Paradigmen" kogniziert wurden.
Ebene 1: Paradigmen als polarisierende weltanschauliche „Grundrichtungen"
In verschiedenen Analysen wird das Wissenschaftssystem der Psychologie auf allgemeine wissenschaftstheoretische und allgemeinphilosophische Strukturen hin untersucht. Unter Verwendung von Strukturgesichtspunkten, die nicht psychologie-spezifisch sind, sondern auch in anderen Humanwissenschaften wiederzufinden sind, entstehen so großräumige, eher weltanschauliche Dichotomien:
• „Empiristische Psychologie" vs. „Psychologie des reflexiven Subjekts" (vgl. Groeben & Scheele, 1977; Groeben, 1986),
• „Naturwissenschaftlich-empiristisches Paradigma" vs. „Radikaler Konstruktivismus" (vgl. Stangl, 1989),
• „Empiristische" vs. „Diskursive" Psychologie (vgl. Jaeggi, 1989, 1991; Jüttemann, 1991; Legewie, 1991).
Solche Polaritäten im Wissenschaftssystem der Psychologie werden meist in der Absicht (re)konstruiert, den eigenen Standpunkt kämpferisch gegen „die anderen" zu vertreten und wissenschaftsintern „durchzusetzen".
Ebene 2: Paradigmen als Ähnlichkeitsklassen psychologischer Forschungsprogramme
Eine Reihe anderer Analysen des psychologischen Wissenschaftssystems nehmen konkrete psychologische Forschungsprogramme zum Ausgangspunkt. Unter ihnen wird jeweils nach Ähnlichkeiten gesucht, und zwar in wissenschaftstheoretischer, -philosophischer, -historischer und wissenschaftssoziologischer Hinsicht. So entstehen Klassen von Forschungsprogrammen, die dann „Paradigmen" genannt werden. Zwangsläufig ergibt dieses Verfahren feinere Strukturen geringerer Größenordnung als auf Ebene 1. Die wesentlichen klassen-stiftenden Kriterien sind in diesem Fall eher psychologie-spezifisch:
• Der „Behaviorismus" Watsonscher Prägung, der „psycholinguistische Grundansatz" oder der „kognitive Ansatz" (vgl. Palermo, 1971; Segal & Lachman, 1976; Lachmann, Lachmann & Butterfield, 1979),
• „Erlebnispsychologie", „Behaviorismus", „Psychoanalyse", „Informationsverarbeitungsansatz" (vgl. Herrmann, 1992).
• Die „Paradigmen" der Klinischen Psychologie: „Psychoanalyse", „Behaviorismus", „Kognitivismus", „Humanistische Psychologie", „Physiologische Psychologie" (vgl. Davison & Neale, 1988)
Ebene 3: Paradigmen als wissenschaftliche Handlungsmuster
Auch einzelne Forschungsprogramme (meist im Sinne Herrmanns vom Typ b) oder typische experimentelle Anordnungen und die zugehörigen theoretischen Konstrukte werden häufig „Paradigmen" genannt, wodurch Strukturen noch geringerer Größe als auf Ebene 2 identifiziert werden:
1. Forschungsprogramme:
• die „elementen- und bewußtseinspsychologische Schule" Wundts,
• die Berliner Gestaltpsychologie und die Leipziger Ganzheitspsychologie (vgl. W. Schmidt, 1981),
2. Experimentelle Anordnungen und theoretische Konstrukte:
• das „Paradigma des klassischen Konditionierens" und das „Paradigma der operanten Konditionierung" (vgl. Zimbardo, 1992),
• das „Milgram-Paradigma" (vgl. Kroner, 1986),
• verschiedene „experimentelle Paradigmen" innerhalb des Informationsverarbeitungsansatzes (Neisser, zitiert nach Westmeyer, 1981; S. 119)
Auf dieser Ebene handelt es sich offensichtlich um Teilstrukturen der 2. Ebene.
(2) Die Kompatibilität mit dem Kuhnschen Sprachspiel
Die Identifizierung unterschiedlicher „Größenordnungen" von Paradigmen bzw. paradigmatischen Strukturen ist nun aber keineswegs auf einen „fahrlässigen" oder unpräzisen Umgang der jeweiligen Autoren mit Kuhns Paradigmenbegriff zurückzuführen. Es ist nämlich innerhalb des Kuhnschen Sprachspiels durchaus sinnvoll, sowohl umfassende wissenschaftstheoretische Makrostrukturen als auch kleinere Strukturen einfacher wissenschaftlicher Handlungsmuster „Paradigmen" zu nennen. Denn auf allen Ebenen lassen sich (wie die oben genannten Beispiele aus der Psychologie zeigen) in der Tat „Forschergruppen" ausmachen, die mit gemeinsamen „symbolischen Verallgemeinerungen", gemeinsamen „Modellen" und „Wahrnehmungsschemata", gemeinsamen „Werten" und „Musterbeispielen" arbeiten.
Kuhn selbst scheint derselben Auffassung zu sein: Während er in seinem ersten Entwurf noch von dem Paradigma spricht (vgl. Kuhn, 1989), das eine Wissenschaft beherrscht, bis es durch ein anderes abgelöst wird, hat er schon in seinem „Postskriptum" von 1969 dieses monoparadigmatische Postulat aufgegeben und auf mehrere multiparadigmatische Möglichkeiten hingewiesen:
Fall 1: Ein neues Paradigma erscheint „an anderer Stelle", ohne Vorgänger
Ein neues Paradigma kann sich auf Phänomene und Sichtweisen beziehen, die bisher unbekannt waren bzw. von bestehenden Paradigmen nicht erfaßt wurden. Neues Wissen tritt an die Stelle von Unwissenheit. Die bestehenden Paradigmen werden nicht berührt. Kuhn nennt als Beispiel die Quantentheorie, die sich auf subatomare Prozesse bezieht, die vor dem 20. Jahrhundert unbekannt waren. (vgl. Kuhn, 1989, S.108)
Fall 2: Ein neues Paradigma umfaßt den/die Vorgänger; diese bleiben aber bestehen
Ein neues Paradigma könnte einfach auf „einer höheren Ebene" liegen als die bisher bekannten. Es könnte eines oder mehrere auf einer niedrigeren Ebene liegende Paradigmen zusammenfassen, ohne diese wesentlich zu verändern. Beispiel: Die Theorie der Energieerhaltung, die die Dynamik, Optik, Wärmelehre, Elektrizitätslehre und Chemie „übersteigt" (vgl. Kuhn, 1989, S.108).
Tatsächlich zeigt sich auch am Beispiel der Psychologie, daß im Laufe der letzten Jahrzehnte wesentliche Elemente des ursprünglichen „Paradigmen"-Sprachspiels im Sinne der von Kuhn angegebenen Varianten verändert worden sind. Paradigmen können auch in der Psychologie
• „nebeneinander" bestehen (wie z.B. Behaviorismus und Tiefenpsychologie),
• und ein allgemeineres Paradigma kann andere, konkretere „umfassen": Das „Paradigma" des „Behaviorismus" umfaßt das „Paradigma" der „Instrumentellen Konditionierung", und dieses enthält natürlich (in Neissers Diktion) eine ganze Reihe von „experimentellen Paradigmen" (von der Skinner-Box bis zu den unterschiedlichsten Kontingenzexperimenten).
Nur noch in besonderen Ausnahmen, wie in den oben bei Ebene 1 dargestellten Fällen, wird „das" herrschende Paradigma einer Wissenschaft gesucht, dann aber stets mit programmatischen, kämpferischen Absichten (vgl. dazu auch Kapitel 2).
(3) Grundlegende Eigenschaften paradigmatischer Strukturen
(a) Die hierarchische Anordnung paradigmatischer Teilstrukturen
Wenn Paradigmen andere „umfassen" können, wenn sie mehrere andere „übersteigen" oder auch unverbunden (also inkommensurabel) „nebeneinander bestehen" können, dann wird eine wissenschaftliche Disziplin offensichtlich wahrgenommen als hierarchische Anordnung paradigmatischer Strukturen unterschiedlicher Komplexität. (vgl. Abb. 3.5).
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Abb. 3.5: Hierarchische Anordnung paradigmatischer Strukturen unterschiedlicher Komplexität in einem Baumdiagramm: Jedes Paradigma einer höheren Ebene umfaßt die (hier durch Pfeil zugeordneten) Paradigmen der jeweils niederen Ebene. Es gibt zwei „maximale Elemente", die Paradigmen 8 und 9; sie sind „inkommensurabel", und es gibt kein Paradigma auf einer höheren Ebene.
(b) Die „Selbstähnlichkeit" paradigmatischer Strukturen und Teilstrukturen
In solchen hierarchischen Anordnungen von Paradigmen tritt nun eine Besonderheit auf: Die jeweils übergeordneten, umfassenderen Paradigmen besitzen dieselbe paradigmatische Grundstruktur wie die in ihnen enthaltenen. Die von ihnen gebildete Gesamtstruktur ist damit „selbstähnlich".
Eine mögliche Erklärung für dieses Phänomen der Selbstähnlichkeit paradigmatischer Strukturen ergibt sich wohl aus den in oben beschriebenen „rekursiven Prozessen" des Wissenschaftsbetriebes (vgl. dazu auch Krohn & Küppers, 1989):
Wie aus der Theorie „nichtlinearer" Systeme bekannt, können rekursive Prozesse relativ stabile, selbstähnliche „fraktale" Strukturen bilden (vgl. Mandelbrot, 1987: Gleick, 1988; Stadler & Kruse, 1992a, 1992b). Das bedeutet: im Wissenschaftsprozeß entstehen Strukturen, deren wesentliche Eigenarten sich stets in ihren Teilstrukturen wiederholen, und ebenso in deren Teilstrukturen, usw.. In der Terminologie der Theorie nichtlinearer Systeme entsteht so eine „fraktale Struktur" des Gesamtsystems. Der Wissenschaftsprozeß ist somit in seinen paradigmatischen Aspekten selbstähnlich.
(c) „Maximale Elemente" in paradigmatischen Strukturen
Wenn paradigmatische Strukturen stets andere paradigmatische Strukturen enthalten oder umfassen können, dann gibt eine Formulierung wie „ist ein Paradigma der Psychologie" keinen Hinweis mehr darauf, welche Größenordnung hier gemeint sein soll. Die in den meisten nach „Paradigmen" strukturierenden Lehrbüchern gemachte Annahme, es handele sich hierbei um maximale Strukturen, ist aus dem Paradigmenbegriff nicht ableitbar. Damit entfällt für die Paradigmenanalyse im Wissenschaftssystem der Psychologie jeder „archimedische Punkt" zur Identifizierung von Paradigmen, und wir sind an dieser Stelle gezwungen, festzulegen, welche Strukturebene des psychologischen Forschungssystems wir analysierend betrachten wollen.
Im Rahmen dieser Arbeit kann also die Frage nicht mehr lauten: auf welcher Ebene der Psychologie gibt es welche Paradigmen, sondern: auf welcher Ebene ist die Analyse paradigmatischer Strukturen für die anliegende Aufgabenstellung erwünscht?
Zu ihrer Beantwortung ist der (Rück-)Blick auf einige Ziele sinnvoll, die oben (vgl. S. 6 und S. 52) für ein „Modell der Disziplin" festgelegt wurden:
Es wurde dort verlangt, daß dieses Modell einen strukturellen Überblick über das Gesamtsystem der Wissenschaft Psychologie liefern soll. Ziel ist also eine Systematik der dort existierenden grundlegenden Handlungs- und Forschungsmodelle. Das bedeutet aber für die zu analysierenden paradigmatischen Strukturen, daß sie einerseits
- möglichst maximal sein sollten, andererseits aber
- in ihrer Gesamtheit noch vollständig Teile des Wissenschaftssystems der Psychologie.
Die Existenz solcher maximalen paradigmatischen Strukturen sagt in der mathematischen Algebra die Theorie der Halbordnungen voraus.
Exkurs: Paradigmatische Strukturen und die mathematische Theorie der Halbordnungen
Der Begriff des „maximalen Elements" wird hier der mathematischen Theorie der „Halbordungen" entlehnt (vgl. van der Waerden, 1966; auch oben, S. 42):
In einer Menge liegt eine Halbordnung vor, wenn es dort zwischen den Elementen eine Ordnungsrelation im Sinne a „umfaßt" b gibt und die folgenden drei Axiome erfüllt sind:
1. Jedes Element „umfaßt" sich selbst (Reflexivität);
2. wenn ein Element a das Element b „umfaßt" und b „umfaßt" c, dann „umfaßt" a auch c (Transitivität);
3. wenn ein Element a das Element b „umfaßt" und Element b auch Element a, dann sind beide gleich (Antisymmetrie).
Es läßt sich leicht zeigen, daß „paradigmatische Strukturen", in der oben ausgeführten Explikation als „Mengen von Forschungsprogrammen" diese Halbordnungsaxiome erfüllen. Ein Paradigma „umfaßt" ein anderes (also z.B. das behavioristische Paradigma umfaßt das Paradigma des operanten Konditionierens), wenn es dessen Forschungsprogramme (mit-)enthält (was bzgl. Behaviorismus und operantem Konditionieren offensichtlich ist!). Die obigen drei Axiome sind damit durch die Teilmengenbeziehung unter den Forschungsprogramm-Klassen zweifellos erfüllt. Somit ist die mathematische Theorie der Halbordnungen hier anwendbar.
In der Menge aller Paradigmen im Wissenschaftssystem der Psychologie gibt es nun „abgeschlossene Teilmengen" von Paradigmen: Bestimmte Paradigmenklassen (z.B. die „behavioristischen Paradigmen": operantes Konditionieren, klassisches Konditionieren, „Skinner-Box-Paradigma", ...) enthalten mit jeder geordneten „Kette" (z.B.: „Skinner-Box-Paradigma" operantes Konditionieren) jeweils auch deren Vereinigungsmengen. Dies ist hier wegen der Teilmengenbeziehung stets die „oberste" paradigmatische Struktur der jeweiligen Kette. Ist dies aber der Fall, so hat (nach dem „Lemma von Zorn") eine solche abgeschlossene Teilmenge von Paradigmen stets mindestens ein maximales Element; d.h. es gibt in dieser Menge von Forschungsprogramm-Klassen eine paradigmatische Struktur, die keine weitere, sie umfassende Oberstruktur mehr besitzt, die ganz im Wissenschaftssystem der Psychologie liegt. (Im Falle der Menge aller „behavioristischen Paradigmen" ist das maximale Element zweifellos der „Behaviorismus".) Jedes noch umfassendere Paradigma (z.B. das „naturwissenschaftlich-empiristische Paradigma") würde die Grenzen der Psychologie überschreiten.
Anschaulich lassen sich paradigmatische Strukturen so wie Halbordnungen darstellen in hierarchischen Baumdiagrammen; vgl. Abb. 3.5.: dort sind die Mengen PAR1, PAR2, PAR4, PAR5, PAR8 sowie PAR3, PAR6, PAR7, PAR9 abgeschlossene Teilmengen mit je einem maximalen Element PAR8 bzw. PAR 9. PAR8 und PAR9 sind inkommensurable Paradigmen.
(4) Festlegung auf „maximale paradigmatische Strukturen"
Daraus ergibt sich für die konkrete Anwendung des oben entwickelten Paradigmenmodells der Psychologie folgende Festlegung für das Paradigmenmodell der Psychologie:
Es sollen im folgenden nur solche paradigmatischen Strukturen des Wissenschaftssystems der Psychologie betrachtet werden, die innerhalb der Psychologie keine weiteren paradigmatischen Oberstrukturen mehr besitzen.
Als paradigmatische Oberstruktur soll im Sinne des obigen (analytischen) „Paradigmenmodells der Psychologie" jedes paradigmatische Subsumptionsmodell verstanden werden, das Attribute von untergeordneten Modellen abbildet. Paradigmatische Strukturen haben also dann keine Oberstruktur mehr (und sind deshalb „maximal"), wenn sie sich nicht mehr weiter unter eine allgemeinere Struktur subsumieren lassen, ohne daß dabei relevante Merkmale eines psychologischen Paradigmas verlorengehen.
Damit scheiden von den oben genannten Ebenen zwei aus:
• Die Paradigmen des „instrumentellen" und „klassischen Konditionierens" (Ebene 3) besitzen ebenso übergeordnete paradigmatische Strukturen (den „Behaviorismus") wie die unterschiedlichen „experimentellen Paradigmen". Sie sind also nicht maximal.
• Andererseits greifen wohl Strukturbeschreibungen wie „Radikaler Konstruktivismus" oder „naturwissenschaftlich-empiristisches Paradigma" (Ebene 1) deutlich über die Psychologie hinaus. Und es muß überdies bezweifelt werden, ob sich in diesen Grobstrukturen genügend inhaltliche Übereinstimmungen finden, die es noch erlauben, von gemeinsamen „symbolischen Verallgemeinerungen" zu sprechen. Hier scheint es sich doch mehr um eine „Methoden- und Wertegemeinschaft" zu handeln.
Es empfehlen sich für das Anliegen dieser Arbeit damit solche paradigmatischen Strukturen, deren Komplexität der von Ebene 2 entspricht: „Behaviorismus", „kognitiver Ansatz", „Psychoanalyse" usw..
3.4.2 Wahrnehmungen paradigmatischer Strukturen in Lehrbüchern und Überblicksdarstellungen der Psychologie
Auf dem Hintergrund der Zielsetzung, ein möglichst „konsensfähiges" Modell der Psychologie zu entwerfen, werden nun die Wahrnehmungen verschiedener Psychologen in verschiedenen Lehrbüchern und systematisierenden Übersichtsdarstellungen der Psychologie verglichen. Es wird sich ein überraschendes Bild ergeben:
Die meisten der in der Psychologie „erkannten" Strukturen sind von ähnlicher „Größenordnung", und zwar unabhängig davon, ob es sich um eine „Einführung in die Psychologie", um eine „Entwicklungspsychologie" oder um eine „Klinische Psychologie" handelt. Und noch mehr: Sie stimmen weitgehend mit den „paradigmatischen Strukturen" überein, die vorhin für die „Ebene 2" genannt wurden: Es sind die typischen Klassen psychologischer Forschungsprogramme wie „Behaviorismus", „Psychoanalyse", „Kognitivismus" usw., die oben als „paradigmatische Strukturen" der Psychologie bezeichnet wurden.
Die folgende Übersicht soll zunächst einen Eindruck davon vermitteln, welche „Paradigmen" in den verschiedenen Bereichen der Psychologie wahrgenommen werden. Danach wird durch eine „Metaanalyse" versucht, diese im Detail noch differierenden Bilder der Psychologie zu einem Gesamtbild zu synthetisieren. Das Ergebnis wird ein nach Klassen psychologischer Forschungsprogramme strukturiertes Gesamtbild der Paradigmen der Psychologie sein, wie es zum gegebenen Zeitpunkt „in der Psychologie" wahrgenommen wird. Die hier erkennbaren fünf Paradigmen Tiefenpsychologie, Behaviorismus, Ganzheitspsychologie, Psychobiologie und Kognitivismus werden dann in den folgenden Kapiteln 4 bis 8 einzeln rekonstruiert.
(1) Strukturen in Übersichtsdarstellungen der Psychologie: eine Metaanalyse
Für die Metaanalyse ausgewählt wurden
- 9 Werke zur Geschichte der Psychologie, bzw. Überblicksdarstellungen über die Systematik der Psychologie (5 von amerikanischen, 4 von deutschen Autoren), sowie
- 15 Hand- bzw. Lehrbücher (4 amerikanische und 11 deutsche Autoren) aus unterschiedlichen Teildisziplinen der Psychologie.
Insgesamt sind 6 der analysierten Bücher vor 1980 erschienen, 6 zwischen 1980 und 1989 und 12 seit 1990.
(a) Systematische Einführungen und Darstellungen zur Geschichte
der Psychologie
| Wertheimer, Mi (1971):
Kurze Geschichte der Psychologie „Schulen der Psychologie": - Strukturalismus - Funktionalismus - Behaviorismus - Gestaltpsychologie - Psychoanalyse |
Neel (1974):
Handbuch der Psychologischen Theorien „Psychologische Theorien": - Strukturalismus, Funktionalismus - psychologischer Assoziationismus - Behavioristische Theorien - Psychoanalytische Theorien - Feldtheorien: Gestaltpsychologie, Lewins Feldtheorie - Individualpsychologische Theorien - „Psychologie um die Jahrhundertmitte": Kybernetik |
Viney (1979):
History of Psychology „Systems, schools of psychology": - Strukturalismus - Funktionalismus - Behaviorismus - Gestaltpsychologie - Psychoanalyse - Existentialismus, Phänomenologie und Humanistische Psychologie |
| Marx & Hillix (1979):
Systems and Theories in Psychology. „Schools, systems": - Strukturalismus - Funktionalismus - Assoziationismus - Psychoanalyse - Behaviorismus - Gestalttheorie - Informationstheorie |
Lück, Miller & Rechtien (1984):
Geschichte der Psychologie „Strömungen, Schulen": - Experimentelle Psychologie (Wundt) - Massenpsychologie (Le Bon) - Behaviorismus - Würzburger Schule - Gestalttheorie - Feldtheorie - Psychoanalyse - Individualpsychologie - Handlungspsychologie |
Leahey (1980):
A History of Psychology. „Paradigmen": frühe Paradigmen: - Ganzheitspsychologie - Strukturalismus - Gestaltpsychologie - das Freudsche Paradigma - Funktionalismus moderne Paradigmen: - klassischer Behaviorismus und Neobehaviorismus - drei Paradigmen des Kognitivismus: • Strukturalismus (Piaget) • Informationsverarbeitungsansatz • Mentalismus (Brewer) |
| Rexilius & Grubitzsch (1986):
Psychologie „Theoretische Annäherungen": - Psychoanalyse - Ganzheits- Gestalt- und Feldtheorie - Lerntheorien - Kognitive Theorien - Handlungstheorie |
Ulich (1989):
Einführung in die Psychologie „Hauptströmungen der Psychologie": - Bewußtseinspsychologie (Wundt) - Psychoanalyse - Behaviorismus - Kognitivismus |
Lück (1991):
Geschichte der Psychologie „Schulen der Psychologie": - Leipziger Schule (Wundt) - Würzburger Schule - Gestalt- und Ganzheitspsychologie (Berliner Schule, Leipziger Schule) - Feldtheorie (Lewin) - Psychoanalyse (Freud) - Individualpsychologie (Adler) - Analytische Psychologie (Jung) - Behaviorismus - Kognitive und Handlungspsychologie - Kritische Psychologie - Humanistische Psychologie |
(b) Hand- und Lehrbücher der Psychologie
1. Gesamtdarstellungen
| Kindlers Psychologie des 20. Jahrhunderts (1978):
„Große theoretische Ansätze": - Freud und die Folgen (Psychoanalyse), - Pawlow und die Folgen (Behaviorismus) - Binet und die Folgen (differentielle Psychologie) - Piaget und die Folgen (Entwicklungspsychologie) - Lewin und die Folgen (Feldtheorie, Gruppendynamik) - Lorenz und die Folgen (Humanethologie) |
Legewie & Ehlers (1994):
Knaurs moderne Psychologie „Systeme der Psychologie": - Wundts Psychologie der Bewußtseinselemente - Psychoanalyse - Gestaltpsychologie - Behaviorismus - Humanistische Psychologie - Kognitive Psychologie - Kritische Psychologie |
Mietzel (1994):
Wege in die Psychologie „Sichtweisen": - Die biologische Sichtweise (Physiologie) - Die behavioristische Sichtweise - Die kognitive Sichtweise - Die psychoanalytische Sichtweise - Die humanistische Sichtweise |
| Schönpflug & Schönpflug
(1995): Psychologie. „Grundlegende theoretische Richtungen": - Kognitivistische Richtungen (Informationsverarbeitungsansatz, Ganzheits- und Gestaltpsychologie, Humanistische Psychologie) - Tiefenpsychologische Richtungen - Behavioristische Richtungen |
Zimbardo (1995):
Psychologie „Modelle, Perspektiven" - Das biopsychologische Modell (Physiologie) - Das psychodynamische Modell - Das behavioristische Modell - Das kognitive Modell (Informationsverarbeitungsansatz) - Das humanistische Modell |
Dörner, D. & Selg, H. (1996):
Psychologie „Programme zur Problemlösung": - Die Psychologie Wundts - Gestaltpsychologie - Behaviorismus - Psychoanalytische Schulen - Ethologie - Moderne Strömungen (kognitive und Handlungstheorien) |
2. Sozialpsychologie
| Graumann (1969):
Sozialpsychologie „Ansätze, Modelle" - Der psychoanalytische Ansatz - Der feldtheoretische Ansatz - Der lerntheoretische Ansatz - Rollentheorie - Mathematische Modelle |
Wellhöfer (1988):
Grundstudium Sozialpsychologie „Erklärungsmodelle" - Feldtheorie - Rollentheorie - Tiefenpsychologie - Lerntheorie - Kommunikationstheorie |
3. Entwicklungspsychologie
| Trautner (1991):
Lehrbuch der Entwicklungspsychologie „(Entwicklungs-)Theorien": - Biogenetische Entwicklungstheorien (Kroh und Werner, Ethologie und Soziobiologie) - Psychoanalytische Entwicklungstheorien - Reiz-Reaktions-Theorien - Kognitive Entwicklungstheorien (Piaget, Informationsverarbeitungstheorie) |
P. Miller (1993):
Theorien der Entwicklungspsychologie „(Entwicklungs-)Theorien": - Piagets Theorie der Kognitiven Stadien - Freud und Eriksons psychoanalytische Theorien - Die soziale Lerntheorie - Die Theorie der Informationsverarbeitung - Ethologie - Gibsons Theorie der Wahrnehmungsentwicklung - Wygotskis Theorie und die Kontexttheoretiker |
4. Persönlichkeitspsychologie
| Amelang & Bartussek (1990):
Differentielle Psychologie und Persönlichkeitsforschung „Konstrukte": - Faktorenanalytisch begründete Gesamtsysteme - Psychodynamische Persönlichkeitskonstrukte - Verhaltenstheoretische Persönlichkeitskonstrukte - Kognitive Persönlichkeitskonstrukte |
Pervin (1993):
Persönlichkeitstheorien „Perspektiven, Standpunkte, Theorien": - die psychodynamische Theorie - die phänomenologische Theorie (Rogers) - die kognitive Theorie (Kelley) - das Konzept der Persönlichkeitswesenszüge (Allport, Eysenck, Cattell) - Lerntheoretische Ansätze - Die sozial-kognitive Theorie (Bandura, Mischel) - Der kognitive Ansatz der Informationsverarbeitung |
5. Pädagogische Psychologie
| Nolting & Paulus (1992):
Pädagogische Psychologie „Theoretische Strömungen": - Tiefenpsychologie - Behaviorismus - Kognitivismus (Handlungstheorien, Selbstkonzept, Informationsverarbeitung) - Humanistische Psychologie - Systemische Sichtweise |
6. Klinische Psychologie
| Davison & Neale (1988):
Klinische Psychologie „Paradigmen": - Psychoanalyse - Behaviorismus - Kognitivismus - Humanistische Psychologie - Physiologische Psychologie |
Bastine (1990):
Klinische Psychologie „Quasiparadigmen, Modelle": Organisches Modell Psychosoziale Modelle: - Psychoanalytisches Modell - Humanistisches Modell - Konditionierungstheoretisches Modell, behavioristische Verhaltenstherapie - Kognitives Modell (Kelley, Bandura, Handlungstheorien) |
(c) Eine vergleichende Metaanalyse
Die angegebenen Werke bemühen sich stets, einen systematischen Überblick zu geben, entweder über das Gesamtsystem der Psychologie und ihre Geschichte oder über die wesentlichen aktuellen Forschungs- und Erklärungsbemühungen einzelner Teildisziplinen. Dabei werden die Strukturen nach unterschiedlichen Aspekten identifiziert, die entsprechend unterschiedliche Akzentsetzungen enthalten:
1. „Theorien", theoretische „Annäherungen", „Richtungen" oder „Strömungen" differenzieren die Strukturelemente der Psychologie nach den spezifischen Strategien der Beschreibung und Erklärung.
2. „Standpunkte" und „Perspektiven" bezeichnen typische Wahrnehmungsschemata.
3. Mit „Ansätzen", „Modellen" oder „Systemen" sind meist sowohl theoretische Modellbildungen („Erklärungsmodelle") als auch forschungsmethodische Prinzipien („methodische Ansätze") gemeint.
4. Formulierungen wie „Schulen", „Strömungen" oder „Hauptströmungen" sowie „Paradigmen" sind sicher die umfassendsten. Hiermit werden gleichzeitig neben theoretischen und methodologischen auch soziale Strukturelemente (Forschergemeinschaften) bezeichnet.
Die zuletzt genannten Aspekte des Wissenschaftssystems kommen sicher dem am nächsten, was im Rahmen dieser Arbeit unter „paradigmatischen Strukturen" verstanden wird. Dagegen bezeichnen die drei anderen lediglich Teilaspekte von Paradigmen: „gemeinsame symbolische Verallgemeinerungen" (1), „gemeinsame Apperzeptionsschemata" (2) und „gemeinsame Modelle" (3).
Umso erstaunlicher ist es, daß die obigen Systematisierungen inhaltlich in vielen Punkten zu ähnlichen Ergebnissen kommen:
Die identifizierten Strukturelemente haben meist dieselbe Größenordnung, denn es handelt sich in der Regel um die oben beschriebenen „Klassen von Forschungsprogrammen" (Ebene 2). Weder kleinere Einheiten (wie „Skinner-Paradigma") noch größere (wie „empiristische" vs. „verstehende" Psychologie) werden in den betrachteten Arbeiten herangezogen, um die Psychologie oder eines ihrer Teilgebiete zu systematisieren.
Eine Auszählung der konkreten Nennungen zeigt folgende Tendenzen:
1. Behaviorismus und Psychoanalyse
Am eindeutigsten ist wohl die übereinstimmende Identifizierung des Behaviorismus und der Psychoanalyse: Alle 24 aufgeführten Systematisierungen nennen diese beiden als wesentliche Strukturelemente der Psychologie, und zwar sowohl bei den Gesamtdarstellungen als auch in den genannten aktuellen Lehrbüchern zu den Teildisziplinen.
Dabei wird je nach Disziplin terminologisch leicht variiert oder stärker differenziert (beim Behaviorismus: „Reiz-Reaktions-Theorien", „soziale Lerntheorien" oder „Konditionstheoretisches Modell"; bei der Psychoanalyse: „Freudsches-Paradigma", „Psychoanalytische Entwicklungstheorien" oder „psychodynamische Persönlichkeitstheorie").
Es zeigt sich, daß diese beiden Ansätze nicht nur von historischem Wert sind, sondern bis heute übereinstimmend als wichtige Erklärungsansätze in unterschiedlichen Teildisziplinen angesehen werden.
2. Ganzheits-, Gestalt-, Feldtheorie und Humanistische Psychologie
Von diesen holistischen Ansätzen werden
• die (Berliner) Gestaltpsychologie 9mal,
• die (Leipziger) Ganzheitspsychologie 3mal,
• die Feldtheorie (Lewins) 7mal und
• die Humanistische Psychologie 9mal genannt.
Dabei fällt auf, daß die Gestaltpsychologie in den geschichtlichen Arbeiten als selbständige historische „Schule" stets genannt wird, während sie als „Erklärungsansatz" in den modernen Darstellungen von Teildisziplinen immer weniger zu finden ist, und wenn, dann wird sie unter „kognitive Psychologie" subsumiert (vgl. z.B. Schönpflug & Schönpflug, 1995). Andererseits wird immer mehr zu einer Zusammenfassung von Ganzheits-, Gestalt- und Feldtheorie zu einem einheitlichen Ansatz übergegangen (vgl. Neel 1974, Rexilius & Grubitzsch 1986, Lück, 1991).
In den Teildisziplinen macht sich auch die jeweilige inhaltliche Schwerpunktsetzung bemerkbar: Während die holistische Perspektive in der Sozialpsychologie durch die Feldtheoretischen Ansätze vertreten ist (vgl. Graumann, 1969; Wellhöfer, 1988), ist sie in der Klinischen Psychologie durch die Humanistische Psychologie (vgl. Davison & Neale, 1988; Bastine, 1990) repräsentiert.
Weiter unten wird nachgewiesen werden, daß Gestalt-, Ganzheits- und Feldtheorie sowie die Humanistische Psychologie tatsächlich dieselbe paradigmatische Struktur besitzen, d.h. sie können demselben „Ganzheitspsychologischen Paradigma" subsumiert werden.
3. Kognitivismus
Während in den älteren Systematisierungen Nennungen des „kognitivistischen Ansatzes" als selbständige Einheit noch häufig fehlen (nur 1 Nennung in 6 Büchern vor 1980), nimmt seine Identifizierung in neueren Werken ständig zu (in allen 12 Arbeiten seit 1990). Anfangs wird dieser Ansatz mit anderen „kognitiven" Konzepten wie der Gestaltpsychologie zusammen aufgeführt (s.o.), außerdem wird noch nach „Kognitionstheorien", „Handlungstheorien" und „Informationsverarbeitungsansatz" getrennt (vgl. Rexilius & Grubitzsch, 1986; Lück, Miller & Rechtien, 1984). In den 90er Jahren ist dann aber eine zunehmende Verschmelzung dieser drei Bereiche zu beobachten. Nun werden sie als Repräsentanten derselben Struktur des „Informationsverarbeitungsansatzes" behandelt (vgl. Lück, 1991; Trautner, 1991; Nolting & Paulus, 1992; Bastine, 1990).
(Hier spiegelt sich wohl die Wahrnehmung eines nach der „Kognitiven Wende" neu entstandenen Paradigmas wieder: Während man anfangs die beteiligten Forschungsprogramme noch nach ihren Gegenständen klassifizierte („Handlung", „Kognition", „Informationsverarbeitung"), wurde mit der Zeit wohl immer klarer, daß diese gemeinsame theoretische, methodologische und perzeptive Grundmodelle besitzen. Auch hierüber weiter unten mehr!)
4. Psychobiologische Ansätze
Häufig werden die biologischen Aspekte der Psychologie mit Psychophysiologie gleichgesetzt, wenn sie denn überhaupt erwähnt werden (vgl. Mietzel, 1994; Zimbardo, 1995; Davison & Neale, 1988; Bastine, 1990). „Humanethologie" oder „Soziobiologie" werden insgesamt nur viermal erwähnt (vgl. Kindlers Psychologie des 20. Jahrhunderts, 1978; Trautner, 1991; P. Miller, 1993; Dörner & Selg, 1996), davon zweimal in entwicklungspsychologischen Lehrbüchern. In den aufgeführten Werken der Sozialpsychologie fehlen sie meist.
5. „Geschichtlich bedeutsame" Ansätze
Mehrere Ansätze der Jahrhundertwende, wie
- Wundts experimentelle „Elementen- und Bewußtseinspsychologie",
- der Strukturalismus Ticheners u.a. in der Nachfolge Wundts,
- der Funktionalismus von Dewey, Mead, Thorndike u.a. oder
- die Würzburger Schule Külpes u.a.
haben offensichtlich ihre Bedeutung als heute noch „einflußreiche" eigenständige Strukturen im aktuellen Wissenschaftssystem der Psychologie verloren. Sie werden ausschließlich in den Arbeiten zur Geschichte der Psychologie dargestellt! In den Hand- und Lehrbüchern, die sich mit den Einflüssen psychologischer Ansätze auf aktuelle Forschungsprogramme verschiedener Teildisziplinen befassen, werden sie nicht mehr erwähnt.
Wie in den nächsten Abschnitten gezeigt wird, sind sie aber noch wirksam beim „Entwicklungsprozeß" der neueren Paradigmen. Hier wirken sie als Katalysatoren bei der Identitätsbildung einzelner methodologischer Grundpositionen, aber auch als Lieferanten inhaltlicher „Grundideen".
(2) Folgerung und Beschluß
Die obige Metaanalyse legt nahe, daß in der heutigen Psychologie fünf unterscheidbare maximale paradigmatische Strukturen rekonstruiert werden können:
1. Die Tiefenpsychologie:
Hierunter sollen alle in der Nachfolge Freuds entstandenen Forschungsprogramme subsumiert werden, also insbesondere auch die von Adler und Jung und deren Nachfolger.
2. Der Behaviorismus:
Dies sind alle auf den Grundprinzipien des Klassischen und Instrumentellen Konditionierens und dem S-R-Schema beruhenden Forschungsprogramme in der Nachfolge von Watson, Skinner, Hull und Tolman.
3. Die Ganzheitspsychologie:
Diese Struktur umfaßt alle holistischen Ansätze der Psychologie, also z.B. die Berliner Gestaltpsychologie (incl. Lewins Feldtheorie), die Leipziger „Genetische Ganzheitspsychologie", aber auch die Humanistische Psychologie. Alle auf dieser gemeinsamen holistischen Grundlage arbeitenden Forschungsprogramme werden hier „ganzheitspsychologisch" genannt.
4. Die Psychobiologie:
Gemeint sind alle Forschungsprogramme, die sich entweder auf die klassische Humanethologie (Lorenz, Tinbergen) oder die neuere Soziobiologie (Wilson) beziehen.
Nicht gemeint sind die psychophysiologischen Forschungen. Diese sind nach meiner Auffassung (zumindest für der Psychologie) Paradigmen-unspezifisch, denn physiologische Untersuchungen sind unter mehreren psychologischen Paradigmen üblich.
5. Der Kognitivismus:
Hierunter fallen alle informations- und handlungstheoretischen Ansätze sowie diejenigen (aktuellen) Forschungsprogramme, deren Kernannahmen die Entstehung und Veränderung von Kognitionen als zentrale Elemente enthalten (also z.B. auch Einstellungs-, Selbstkonzept- oder Attributionsforschungen). In neueren Darstellungen werden sie meist übereinstimmend dem „Informationsverarbeitungsansatz" zugeordnet.
Hieraus ergibt sich zusammengefaßt die weitere Festlegung:
Das zu konstruierende „Modell der Disziplin" soll die folgenden fünf paradigmatischen Strukturen der Psychologie enthalten:
|
1. Tiefenpsychologie |
| 2. Behaviorismus |
| 3. Ganzheitspsychologie |
| 4. Psychobiologie |
| 5. Kognitivismus |
Die obigen Lehrbuchanalysen lassen vermuten, daß diese Struktur im Grundsatz weitgehend kompatibel ist mit den Strukturwahrnehmungen vieler Psychologen.
Zwei Aufgaben sind im weiteren Verlauf dieses Kapitels nun noch zu bewältigen:
1. Es ist zu zeigen, daß diese fünf „Ansätze" auch tatsächlich paradigmatische Strukturen im Sinne des oben konstruierten Paradigmenmodells sind, daß also die Psychologie tatsächlich nach fünf Paradigmen rekonstruiert werden kann.
2. Es ist darauf zu achten, daß die rekonstruierten Strukturen auch wirklich maximal sind, und das heißt in der Sprechweise der Paradigmentheorie: Es darf kein übergeordnetes (rein) psychologisches Paradigma mehr existieren.
3.4.3 Die konkrete Technik der Paradigmenanalyse
Nach dem „Paradigmenorientierten Rekonstruktionsmodell der Psychologie" (s.o.) wird eine Paradigmenanalyse in zwei Stufen durchgeführt:
Stufe 1: Identifizierung repräsentativer Forschungsprogramme
Zunächst ist eine Übersicht der Forschungsprogramme zusammenzustellen, die als Repräsentanten des Paradigmas in Frage kommen. Dabei soll folgendes beachtet werden:
1. Exemplarisches Vorgehen:
Wegen der großen Zahl der zu betrachtenden Forschungsprogramme und ihres z.T. ungeheuren Umfangs ist ein exemplarisches Vorgehen unabdingbar. Ausgewählt werden:
• Exemplarische Forschungsprogramme, wobei für jedes Paradigma diejenigen berücksichtigt werden, die aus meiner Sicht „zentral" sind; d.h. die die paradigmatische Struktur in besonderer Weise erkennbar machen.
Insbesondere sollen hier wissenschaftshistorische Kriterien gelten: z.B.
- Welche Forschungsprogramme können als „Gründungsprogramme" des Paradigmas angesehen werden?
- Welche haben im Wissenschaftssystem der Psychologie besonderen Einfluß?
- Welche spiegeln die paradigmatischen Kernannahmen besonders gut wider?
• Exemplarische Musterbeispiele: Auch bei der Darstellung einzelner Forschungsprogramme wird es unabdingbar sein, einzelne Experimente, Untersuchungen oder andere wissenschaftliche „Erfahrungsprozesse" auszuwählen, um an ihnen die typischen Verfahren der Empirie und der Theoriebildung vorzuführen. Hier wird es erforderlich sein, die „paradigmatischen Anwendungen" von anderen „intendierten Anwendungen" zu unterscheiden. Soweit möglich, sollen hier „Gründungsexperimente" berücksichtigt werden. Sofern es aber einflußreiche Folgeuntersuchungen gibt, soll auch auf diese zurückgegriffen werden.
• Exemplarische theoretische Modelle: Natürlich würde es den Rahmen dieser Arbeit sprengen, wenn die Theoriebildung einzelner Forschungsprogramme in großem Umfang dargestellt würde. Deshalb soll immer versucht werden, die Theoriekerne (vgl. Stegmüller, 1973) zu erfassen. Da aber strukturalistische Rekonstruktionen nur für eine sehr kleine Zahl von Forschungsprogrammen vorliegen, ist auch hier die informelle Identifikation der Basiselemente notwendig, ohne diese detailliert begründen zu können. (An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, daß auch die bisherigen ausführlichen strukturalistischen Rekonstruktionen bei der Postulierung von zentralen Begriffen und Relationen kaum mehr Argumente besitzen als deren „Evidenz".)
Die in diesem Kapitel vorgenommenen Darstellungen sollen denn auch keinen Überblick über die gesamte Psychologie vermitteln, sondern lediglich einen Einblick in ihre Struktur.
2. Strukturalistische Rekonstruktionen
Für die Wiedergabe einzelner Theoriekerne in einzelnen Forschungsprogrammen gilt zwar als methodische Leitlinie Sneed/Stegmüllers Strukturalismus, dies kann aber nicht bedeuten, daß Theoriekerne als mengentheoretisches Prädikat rekonstruiert werden. Erstens scheint mir der Nutzen exzessiver mengentheoretischer Formulierungen recht zweifelhaft, und zweitens ist dies im Rahmen dieser Arbeit kaum zu leisten. (Eine ausführliche Kritik des „formalen Ballastes" üblicher strukturalistischer Rekonstruktionen psychologischer Theorien findet sich oben auf S. 41.)
Statt dessen bleibt die Rekonstruktion von Basiselementen auf der Ebene der sprachlichen Darstellung, und zwar möglichst in der für das Forschungsprogramm üblichen Terminologie. Dies hat aus wissenschaftshistorischen Gründen wesentliche Vorteile, weil damit auch der historische Freudsche, Wertheimersche oder Skinnersche „sound" (des Sprachspiels) vermittelt wird, der in konsequenten strukturalistischen Rekonstruktionen längst verlorengegangen ist. Dennoch ist es durchaus möglich und vorteilhaft, die verbalen Formen der Theorien im Sinne des „non-statement-view" als (verbale) Platzhalter aufzufassen, die von den konkreten Elementen der Musteraufgaben (paradigmatischen intendierten Anwendungen) „belegt" werden.
Die Ausführung von „Sprachspielen" bedeutet dann, daß die Grundbegriffe und -relationen der Theorien „angewendet", also durch diese Belegungen konkretisiert werden.
3. Sprachspiele
Das Sprachspiel des jeweiligen Forschungsprogramms wird an einigen exemplarischen paradigmatischen Anwendungen dargestellt; dabei wird wiedergegeben:
• das methodische Verfahren und seine Ergebnisse,
• die Erklärungen und Deutungen,
• die theoretische Systematisierung.
Die Darstellung mehrerer Anwendungen ermöglicht zusätzlich das Erfassen einiger Familienähnlichkeiten, von denen selten explizit die Rede ist.
4. Originalarbeiten
Soweit möglich, sollen Originalarbeiten analysiert werden, da sonst nicht das forschungsprogrammspezifische Problemlösemodell selber, sondern ein Modell eines anderen Autors betrachtet wird, das dieses abbildet. Die möglicherweise idealisierten Darstellungen von Forschungsprogrammmitgliedern gehören immerhin selber zum Sprachspiel, die Wiedergabe in Lehrbüchern dagegen nur selten.
5. Integrierte Form
Die inhaltliche Darstellung soll in integrierter Form geschehen; d.h. es wird nicht das obige wissenschaftstheoretische Inhaltsraster „abgehakt", sondern bei der Vorstellung eines Forschungsprogramms wird der Chronologie seiner Entwicklung und der Sachlogik seiner Ergebnisse Priorität eingeräumt.
Stufe 2: Konstruktion des Paradigmatischen Subsumptionsmodells
„Paradigmen" werden, wie oben beschrieben als Strukturen im Netzwerk psychologischer Forschungsprogramme aufgefaßt. Aus den einzelnen Forschungsprogrammen ist ein Modell („Paradigmatisches Subsumptionsmodell") zu konstruieren, dem sich wesentliche Elemente dieser Forschungsprogramme subsumieren lassen (Abb. 3.6 zeigt eine schematische Darstellung dieses Modellbildungsprozesses).
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Abb. 3.6: Das paradigmatische Subsumptionsmodell: Zentrale Begriffe und elementare Relationen dreier verschiedener Forschungsprogramme werden auf die Basiseinheit eines gemeinsamen Paradigmas abgebildet. Es entsteht ein Subsumptionsmodell der drei Forschungsprogramme.
Das Subsumptionsmodell soll die folgenden theoretischen und methodologischen Elemente des Paradigmas enthalten:
1. Paradigmatische Basiseinheiten: Die zentralen Begriffe und elementaren Relationen der Forschungsprogramme werden auf ein gemeinsames Begriffsinstrumentarium gebracht.
2. Paradigmatische Fundamentalgesetze: Hier wird versucht, eine gemeinsame paradigmatische „Kernaussage-(Form)" zu finden.
3. Paradigmatische Methodologie: Die Methodik der einzelnen Forschungsprogramme wird auf gemeinsame Schwerpunkte untersucht; es wird die Frage gestellt nach gemeinsamen Annahmen über Theorie-Empirie-Transformationen und gemeinsamen methodischen Wertigkeiten.
4. Paradigmatische Sprachspiele: Diese ergeben sich aus den Verwendungszusammenhängen der drei vorangegangenen Bereiche. Herausgearbeitet werden soll stets das Charakteristische der paradigmenspezifischen Sprachspiele.
Der „non-statement-view" ergibt sich übrigens in den paradigmatischen Subsumptionsmodellen von selbst, da diese immer Abstraktionsmodelle (z.B. von Theorien) sind. Damit sind die dort formulierten Terme niemals „Aussagen" (mit Wahrheitswert), sondern Aussageformen, bei denen sich lediglich die Frage stellt, ob ein Konkretionsmodell (also ein Forschungsprogramm) eine sinnvolle Belegung darstellt von der Form: „ist ein unter Paradigma X arbeitendes Forschungsprogramm".
5. Menschenbild
Aus den theoretischen und methodologischen Attributen lassen sich nun, auf semantisch höherer Ebene, fundamentalere Hintergrundannahmen rekonstruieren (nicht deduzieren!), die Menschenbildannahmen des Paradigmas. Es wird versucht, wesentliche Kernannahmen der einzelnen Forschungsprogramme als Urbilder diesem „Menschenbild" zu subsumieren.
3.4.4 Ausblick
Die fünf oben „identifizierten" Paradigmen der Psychologie werden nun in der Reihenfolge ihres historischen Entstehens rekonstruiert. Dabei wird als „Gründungszeitpunkt" das Jahr angesehen, in dem die erste große, identitätsstiftende Arbeit veröffentlicht wurde.
Solche Arbeiten können enthalten:
• empirische Untersuchungen, die als zentrales Musterbeispiel gedient haben, an denen sich also das Sprachspiel und alle weiteren Untersuchungen „entzündet" haben; z.B.
- Wertheimers erste Veröffentlichung über die „Scheinbewegungen" (vgl. Wertheimer, 1912), oder
- Lorenz und Tinbergens Arbeit über die „Eirollbewegung der Graugans" (vgl. Lorenz & Tinbergen, 1938)
• Es kann sich aber auch um programmatische Aufsätze handeln, die eine langsam sich entwickelnde Strömung kleinerer Untersuchungen bündelt und als neue „revolutionäre" Richtung identifiziert; z.B.:
- Watsons „Psychologie, wie der Behaviorist sie sieht" (vgl. Watson, 1968; Original 1913) oder
- Miller, Galanter, und Pribrams Gründungsbuch des „Kognitivismus" (vgl. Miller, Galanter & Pribram, 1991; Original 1960).
• Oder sie sind klinische Berichte mit theoretischen Ambitionen, wie Breuers und Freuds „Studien über Hysterie" (Breuer & Freud, 1991; Original 1895).