zurück zum Inhaltsverzeichnis © Günter Sämmer 1999

 

9. Kapitel

Möglichkeiten und Grenzen des Paradigmenmodells der Psychologie
 
 

Nach dem Entwurf des Paradigmenmodells der Psychologie lohnt ein Rückblick auf die Zielsetzungen, die „pragmatischen Entschlüsse" (siehe Kapitel 1), die der Konstruktion des Modells zugrunde gelegen haben:

(1) Konstruiert werden sollte ein wissenschaftstheoretisch begründetes, plurales und unter Psychologen konsensfähiges Modell, das unter wissenschaftshistorischen und wissenschaftssoziologischen Gesichtspunkten das Gesamtsystem der Psychologie möglichst umfassend strukturiert und für diesen Strukturierungsprozeß klare Kriterien liefert.

(2) In seiner didaktischen Funktion soll es einerseits dem Psychologie-Lernenden ein tieferes und auch kritischeres Verständnis seines Faches ermöglichen, andererseits nicht forschenden Praktikern die Anwendung technologischen wissenschaftlichen Wissens erleichtern.

(3) Darüber hinaus soll das Modell berufsidentitätsstiftende Funktionen haben, indem es Psychologen dabei hilft, die aktuellen Forschungsprogramme unter alternativen Perspektiven kritisch zu betrachten und in Relation zu anderen psychologischen Richtungen ihren eigenen wissenschaftlichen Standpunkt zu bestimmen.

 
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 9.1 Das Paradigmenmodell der Psychologie: Wissenschaftstheoretische Konstruktion, Pluralität und Konsensfähigkeit

9.1.1 Das Rekonstruktionsinstrument: Das Paradigmatische Rekonstruktionsmodell

Zur Rekonstruktion des Wissenschaftssystems der Psychologie wurde (in Kapitel 3) zunächst ein Analyseinstrumentarium entworfen, das Paradigmatische Rekonstruktionsmodell. Es ist ein wissenschaftstheoretisch eklektizistisches Modell, das die fundamentale und sozialpsychologische Perspektive von Kuhns Paradigmenansatz mit dem präzisen theorieanalytischen Instrumentarium des Sneed/Stegmüllerschen Strukturalismus verbindet. Die Kompatibilität beider Modelle wurde in Übereinstimmung mit Stegmüller (1989) ausführlich begründet und in der Anwendung demonstriert.

Grundlage und „Objekte" des Strukturierungsprozesses sind die wissenschaftlichen Forschungsprogramme der Psychologie, die in Anlehnung an Herrmann (1992) in folgenden Komponenten betrachtet werden:

Ein problematisierter Gegenstandsbereich wird vom sozialen System der miteinander zu diesem Zweck kommunizierenden Forscher oder Praktiker bearbeitet. Sie bilden dafür konsensuelle methodologische und theoretische Annahmekerne, die so aufeinander bezogen sind, daß in einem konstruktiven Kreisprozeß zur Prüfung theoretischer Annahmen empirische Modelle („Methoden") entwickelt, und umgekehrt aus empirischen „Befunden" theoretische „Schlüsse" gezogen werden (Interdependenz von Empirie-Theorie-Transformationen). Wesentlich zur Konstituierung eines wissenschaftlichen Forschungsprogramms sind dabei auch die nicht-expliziten Hintergrundannahmen, also Regeln des gemeinsamen Sprachspiels oder negative Heuristiken, die selten bewußt ausformuliert werden, aber dennoch das Forschungshandeln wie auch den emotionalen Zusammenhalt der Forschergruppe entscheidend beeinflussen.

Ein Paradigma in diesem Netzwerk wissenschaftlicher Forschungsprogramme ist nun eine Struktur, die dadurch rekonstruiert werden kann, daß eine größere Zahl von Forschungsprogrammen aufgrund bestimmter Ähnlichkeiten gebündelt wird. Dazu wird jeweils ein „paradigmatisches Subsumptionsmodell" konstruiert, bestehend aus den Basiseinheiten (zentrale Begriffe, elementare Relationen), den Fundamentalgesetzen (den Kernaussagen), der grundlegenden paradigmatischen Methodologie, dem Paradigmen-typischen Sprachspiel sowie den paradigmatischen Menschenbildannahmen.

Analog zum Vorgehen in der Mathematik wird nun eine paradigmatische Struktur durch Konstruktion von Zuordnungen gebildet: Verschiedene Forschungsprogramme werden einem gemeinsamen Paradigma subsumiert, indem ihre Kernannahmen den Attributen dieses Subsumptionsmodells zugeordnet werden. Ist eine solche Zuordnung möglich, dann sagen wir, das betreffende Forschungsprogramm „gehöre" zu diesem Paradigma.
 

 
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9.1.2 Rekonstruktionsergebnis: Das Paradigmenmodell der Psychologie

(1) Grundsätze der Rekonstruktion

Das eigentliche Ergebnis der Rekonstruktion ist das Paradigmenmodell der Psychologie (vgl. Tab. 9.1). Das dafür vorgeschlagene Instrument, das Rekonstruktionsmodell, führt aber keineswegs in deterministischer Weise zu eindeutigen Ergebnissen. Das Ausfüllen der verbleibenden konstruktiven Freiräume bei der inhaltlichen Konkretisierung des Rekonstruktionsvorgangs kann deshalb dazu verwendet werden sicherzustellen, daß die von diesem abstrakten Modell erzeugte Struktur auch unter Psychologen konsensfähig ist; das heißt, daß möglichst viele von ihnen ihre Wissenschaft in ähnlicher Weise wahrnehmen.

Mit diesem Ziel wurde eine größere Zahl moderner Lehr- und Übersichtswerke (der 80er und 90er Jahre) gesichtet (vgl. Kapitel 3). Es stellte sich heraus, daß unter Psychologen, die sich um eine Gesamtdarstellung der Psychologie oder einzelner ihrer Teildisziplinen bemühen, ähnliche Strukturwahrnehmungen weit verbreitet sind: Psychoanalyse und Behaviorismus, biopsychologische und holistische Ansätze sowie Kognitivismus werden immer wieder als grundlegende „methodologische Hauptströmungen", „theoretische Ansätze" oder auch „Schulrichtungen" der Psychologie bezeichnet, wobei im ersten Fall eher die Forschungsmethoden, im zweiten die theoretische Modellbildung und im dritten die soziale Struktur der Forschergemeinschaften zur Strukturierung des Wissenschaftssystems herangezogen werden; Kriterien also, die alle konstitutive Bestandteile eines wissenschaftlichen Paradigmas im Kuhnschen Sinne sind. Sofern die durchgesehenen 24 Lehrbücher repräsentativ sind, hat das hier vorgelegte Paradigmenmodell als Rekonstruktionsmodell der Psychologie gute Chancen auf Konsensfähigkeit unter Psychologen, und zwar sowohl im Hinblick auf die verwendeten Strukturierungskriterien als auch auf die inhaltlichen Ergebnisse der Rekonstruktion.

Unter Berücksichtigung dieser Ergebnisse wurden für die gegenwärtige Psychologie fünf grundlegende Paradigmen postuliert und anschließend im Detail rekonstruiert: 

Tiefenpsychologie Ganzheitspsychologie Behaviorismus Psychobiologie Kognitivismus
Das Paradigmenmodell der Psychologie beinhaltet, analog zum Kuhnschen Paradigmenkonzept, zwei grundlegende Perspektiven: Es zeigt einerseits die Psychologie des 20. Jahrhunderts als paradigmatische Struktur ihrer Forschungsprogramme und gibt andererseits einen Einblick in die Dynamik ihrer historischen Entwicklung.
 
 

Tab. 9.1: Ergebnis der Rekonstruktion: Das Paradigmenmodell der Psychologie des 20. Jahrhunderts - Ein tabellarischer Überblick
 

Tiefenpsychologie
Ganzheitspsychologie
Behaviorismus
Psychobiologie
Kognitivismus
paradigmatische

Basiseinheiten:

zentrale

Begriffe

und

elementare

Relationen

Untersucht werden die Vorgänge im psychischen System: Es reguliert Erleben und Verhalten, um die von elementaren Antrieben gesetzten Ziele zu erreichen. Wesentliche Vorgänge im psychischen System sind unbewußte Prozesse. Untersucht werden psychische Phänomene als Ganzheiten: Sie bestehen aus Teilen (Unterganzheiten), die interdependent aufeinander einwirken.

Durch Interdependenz der Teile entstehen Ganzheiten als prinzipiell neue emergente Phänome.

Untersuchungsgegenstand ist das offeneVerhalten: Beobachtbare äußere Reaktionen von Individuen auf äußere Reize. Untersucht wird das biologisch adaptive Verhalten, also autonome Aktivitäten zur Sicherung des Überlebens und der Fortpflanzung. Verhalten unterliegt genetischen Einflüssen und ist hierarchisch organisiert. Es ist immer sowohl von innen als auch von außen bedingt. Untersucht werden Prozesse der Informationsverarbeitung. Diese beruhen darauf, daß kognitive Repräsentationen verschiedenen kognitiven Prozessen unterzogen werden. Aus solchen Prozessen bilden sich organisierte kognitive Schemata und Wissensstrukturen.
 
 
 

paradigmatische

Fundamental-

gesetze:
 
 

Zentrale

inhaltliche

Behauptungen

Regulation und Adaption:

Das psychische System reguliert die inneren Zustände im Hinblick auf eine möglichst gute Anpassung an die Außenwelt.

Genetisches Grundgesetz:

sukzessive Strukturbildung im Verlauf der ontogenetischen Entwicklung; daraus entsteht eine Persönlichkeits- bzw. Charakterstruktur.

Konflikt und Verdrängung:

Konflikte zwischen den Antrieben sowie inneren und äußeren Anforderungen können zu dauerhafter Verdrängung und Hemmung von Trieben führen.

Selbstorganisation:

Jede Ganzheit entsteht ohne äußere Verursachung "aus sich selbst".

Dynamisches Gleichgewicht:

Ganzheiten streben stets einem dynamischen Gleichgewichtszustand zu.

Reiz-Reaktions-Modell:

Äußere Reize und beobachtbares Verhalten eines Individuums sind gesetzmäßig miteinander verknüpft:

Reiz6 (Organismus)6 Verhalten

Das Verhalten steht damit „unter der Kontrolle" der äußeren Reizsituation.

Lernprozesse:

Jede Reiz-Reaktions-Verbindung kann durch äußere Einflüsse dauerhaft verändert werden.

Anpassung und Reproduktion:

Jedes Verhalten hat Einfluß auf die Anpassungs- und Reproduktionsfähigkeit eines Individuums.

Verhalten entwickelt sich phylogenetisch in evolutionären Prozessen.

Reproduktive Fitneßmaximierung: Der Prozeß der natürlichen Selektion führt zu einer stetigen Verbesserung der Anpassungsfunktion jedes Verhaltens

Verhaltensrelevanz:

Kognitive Prozesse sind in der Lage, Verhalten hervorzurufen.

Handlungsregulation:

Jedes Verhalten ist aktiv, zielgerichtet und plangesteuert.

 

paradigmatische

Methodologie:
 
 

Untersuchungs-

methoden,

Forschungs-

techniken,

Strategien der Theoriebildung

 

Psychoanalytische Gesprächssituation: an klinischen Einzelfällen systematisch auf unbewußte Prozesse rückschließen; Introspektion; theorieorientierte Deutung (qualitativ beschreibende hermeneutische Methode).

Theoriebildung durch Vergleich von Einzelfallstudien.

Ganzheitliche Erfassung aller Phänomene in möglichst realistischen Situationen; Beobachtung von „Phasenübergängen".

Theoriebildung durch „ganzheitliches" Sprachspiel

Strenge experimentelle Methodik:

objektive Kontrolle der untersuchten Variablen möglichst im (Labor-) Experiment; Genauigkeit quantitativer Messung; Reproduzierbarkeit aller empirischen Verfahren.

Theoriebildung durch Induktion.

Verschiedene empirische Methoden: Ungestörte und künstliche Beobachtungs- bzw. Experimentalsituationen; Wahrung des "funktionalen Bezuges" von Verhalten;

Theoriebildung durch vergleichende Methode: systematischer Vergleich verschiedener Arten oder Kulturen; spieltheoretische Modelle

Objektive empirische Verfahren:

Labor- und Feldexperimente, Befragungen; möglichst hohe Reproduzierbarkeit; aber auch Liberalisierung möglich, wenn sonst Phänomene „verlorengehen" würden.

Theoriebildung: Theorien „mittlerer Reichweite" als hypothetische Konstrukte - Theorien haben Modellcharakter


 
 

 

Tiefenpsychologie
Ganzheitspsychologie
Behaviorismus
Psychobiologie
Kognitivismus
 
 
 

Menschenbild

Der Mensch reguliert z.T. durch unbewußte Prozesse die Ansprüche aus seinen inneren elementaren Antrieben und der Außenwelt. Der Mensch steht als organismisches System in aktiver Auseinandersetzung mit der Umwelt. Der Mensch steht unter der Kontrolle von Reizen seiner sozialen und physikalischen Umwelt; Lernprozesse optimieren seine Anpassung. Der Mensch ist ein aktiver biologischer Organismus, dessen Verhalten fortpflanzungs- und erhaltungsrelevante adaptive Funktionen hat. Der Mensch ist ein aktiver, informationsverarbeitender Organismus mit zielgerichteten, selbstgesteuerten Handlungen.
"scientific

community":

Gründer und

wichtige Vertreter

Freud (ab ca. 1900); Adler, Jung Wertheimer (ab ca.1912); Köhler, Koffka, Lewin, Krüger Watson (ab ca.1913) Guthrie, Hull, Skinner; Tolman Lorenz, Tinbergen (ab ca. 1935); Wilson, Hamilton, Maynard Smith Miller, Broadbent, Pribram, Galanter (ab ca.1960)
 
 
 

Einige

wichtige

Forschungsprogramme

 

Grundrichtungen:

1. Klassische Psychoanalyse (Freud und Schüler)

2. soziale Richtungen (Adler, Horney, Fromm ...)

3. philosophische Richtungen (Jung, Binswanger...)
 
 

Sozialpsychologie: Gruppenpsychologie (Simmel, Alexander, Richter) Transaktionsanalyse (Berne)

Entwicklungspsychologie: "Identität" (Erikson); "Deprivation" (Spitz)

Persönlichkeitspsychologie: Diagnostik (Rorschach)

Klinische Psychologie: psychoanalytische Therapie, Gruppentherapie (Balint), psychosomatische Medizin

Grundrichtungen:

1. Berliner Schule (Wertheimer, Köhler, Koffka, Lewin)

2. Leipziger Schule (Krueger, Sander)

3. „Rekursive Systeme"
 
 
 
 

Sozialpsychologie: Kleingruppenphänomene (Lewin);

soz. Konvergenzphänomene (Asch, Sherif, Milgram )

Entwicklungspsychologie: Entwicklungs- Stufenmodelle (Kroh, Werner); Entwicklung der Intelligenz (Piaget)

Pädagogische Psychologie: "Lernen durch Einsicht" (Wertheimer, Katona); „Situated Cognition" (Clancey, Greeno)

Klinische Psychologie: Gestalttherapie (Perls), Gesprächstherapie (Rogers), Systemische (Familien-) Therapie (Watzlawick u.a.)

 

Grundrichtungen:

1. Kontiguität (Guthrie)

2. Systematische Lerntheorie (Hull)

3. Operantes Konditionieren (Skinner)

4. Kognitiver Behaviorismus (Tolman)

Sozialpsychologie: soz. Interaktion (Thibaut, Kelley)

Entwicklungspsychologie: Erziehungsstile (Sears)

Persönlichkeitspsychologie: sekundäre Motivsysteme (Hull, Dollard & Miller)

Pädagogische Psychologie: programmiertes Lernen, Verhaltenssteuerung von Kindern (Skinner)

Klinische Psychologie: Verhaltenstherapie, "systematische Desensibilisierung" (Wolpe), "token economy" (Skinner)

 

Grundrichtungen:

1. Klassische Ethologie (Lorenz, Tinbergen)

2. Soziobiologie (Wilson)

3. Evolutionspsychologie (Tooby, Cosmides)
 
 
 
 

Sozialpsychologie: Aggression (Eibl-Eibesfeld), soziale Rollen (Hinde); Zeichen, Signale, Sprache (Frisch, Scherer, Wickler); "Soziobiologie" (Maynard Smith, Wilson); sexuelle Partnerwahl (Buss)

Entwicklungspsychologie: Deprivation (Harlow); Bindungsverhalten (Bowlby, Ainsworth); Kindheit (Hassenstein)

Grundrichtungen:

1. Quantitative Systemmodelle („Computermodelle") (Broadbent, Anderson)

2. Kognitive Denk-, Handlungs- und Problemlösemodelle (Miller, Kelley, Schachter, Flavell)

Sozialpsychologie: Attributionstheorien (Heider, Kelley); Emotionstheorie (Schachter, Singer) Einstellungen (Ajzen, Fishbein, Petty, Cacioppo)

Persönlichkeitspsychologie: Selbstkonzept (Wicklund, Filipp); Selbst-Schema (Markus)

Entwicklungspsychologie: Metakognitionen (Flavell); Entw. d. Leistungsmotivation (Heckhausen)

Pädagogische Psychologie:

Attribution und Leistung (Weiner); Produktionssysteme (Anderson)

Klinische Psychologie: Rational-emotive Therapie (Ellis); Kognitive Therapie der Depression (Beck)

 
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(2) Aspekte der wissenschaftshistorischen Entwicklungsdynamik

a) Paradigmen-Vorläufer außerhalb des „mainstream"

Ein neues psychologisches Paradigma wird durch einzelne Forscher oder kleinere Forschergruppen gegründet, und zwar stets auf dem Hintergrund bereits bestehender einzelner Forschungsprogramme, die bis dahin außerhalb des „mainstream" manchmal nur ein Nischendasein fristen; dies sind z.B.:

Charcots Studien über Hysterie für Freuds Tiefenpsychologie,

Külpe, Meinong und Ehrenfels holistische Arbeiten für die Ganzheitspsychologie,

Pawlows und Thorndikes lerntheoretische Ansätze für den Behaviorismus,

Darwins Evolutionstheorie für die Psychobiologen,

Pollacks, Hakes oder Garners frühe Gedächtnisexperimente für den Kognitivismus.
 
 

b) Neudefinition des Gegenstandsbereichs und grundlegende Modellbildung

Die Gründer bündeln und selektieren einzelne Aspekte ihrer Vorgänger und kristallisieren daraus ein griffiges Grundmodell, das dann weiter expliziert, elaboriert und empirisch fundiert wird. Ein solches neues psychologisches Grundprinzip muß geeignet sein, durch eine fundamentale Neudefinition des Gegenstandsbereiches eine zur bestehenden Psychologie alternative Konzeption zu ermöglichen. Es legt zunächst durch „existenzkonstatierende Kernannahmen" (vgl. Herrmann, 1992) fest, was ein „relevantes" psychisches Phänomen ist, welche Klasse von Phänomenen also von nun an untersucht werden soll. Für die verschiedenen Paradigmen der Psychologie lassen sich diese (hier in bewußter Verkürzung und Komprimierung) wie folgt formulieren

für die Tiefenpsychologie: Psychische Phänomene sind Funktionen eines psychischen Apparats aufgrund unbewußter Prozesse;

für die Ganzheitspsychologie: Psychische Phänomene sind Ganzheiten („emergente Phänomene") des Erlebens und Verhaltens;

für den Behaviorismus: Psychische Phänomene sind Verhaltensweisen, die von Reizen verursacht werden;

für die Psychobiologie: Psychische Phänomene sind evolutionsbedingte, adaptive Formen des Erlebens und Verhaltens;

für den Kognitivismus: Psychische Phänomene sind Formen der Informationsverarbeitung.

Anders als Kuhn dies postuliert, werden solche paradigmatischen Kernannahmen in der Psychologie von den Gründern häufig sehr früh in manifestartigen programmatischen Erklärungen formuliert und „auf den Punkt" gebracht.
 
 

Die Grundmodelle gewinnen nun umso mehr an Dynamik, je mehr sie den zeitgenössischen Trend „modernen Denkens" treffen. So haben im 20. Jahrhundert naturwissenschaftliche Modelle die besten Chancen; und zwar

die Energiemodelle (der klassischen Physik des 19. Jahrhunderts) in der Tiefenpsychologie zu Beginn des Jahrhunderts,

das holistische Modell (der Philosophie, Biologie und Medizin der Jahrhundertwende) in der Ganzheitspsychologie der 20er Jahre,

das Modell des Reflexbogens (aus der klassischen Physiologie des 19. Jahrhunderts) im Behaviorismus,

das Darwinsche Evolutionsmodell der Entwicklung der Arten in der Psychobiologie,

oder das kybernetische Steuerungs- und Informationsverarbeitungsmodell (der 50er Jahre) im Kognitivismus.

Nicht selten gilt schon der Hinweis auf die naturwissenschaftliche Herkunft eines solchen Grundmodells als besonderer Ausweis seiner Modernität und Wissenschaftlichkeit, aber auch als Legitimation, mit seiner Hilfe ernstzunehmende psychologische Forschung betreiben zu können (wie im Falle des Behaviorismus und des Kognitivismus).
 
 

c) Positive und negative Heuristiken: Der Kampf mit den „anderen"

Das neue paradigmatische Programm wird zunächst von kleinen Forschergruppen mit großer Energie vorangetrieben, wobei für seine „Durchschlagskraft" nicht nur die positiven Heuristiken (das, was man positiv annimmt) wichtig sind, sondern mindestens genauso die negativen Heuristiken, also alles das, was man bei den „anderen" ablehnt.

Nicht selten werden scharfe Polemiken ausgetauscht zwischen den „Neuen" und den „Etablierten": Wertheimer und Watson polemisieren (aus verschiedenen Richtungen!) gegen Wundt, Watson zusätzlich auch noch mit großer Heftigkeit gegen Freud. Lorenz hält die behavioristische Tierpsychologie für absurd und Miller, Galanter und Pribram plädieren gar dafür, einen reflexologisch und erkenntnistheoretisch „realistisch" argumentierenden Behavioristen doch „getrost zu ignorieren". Man „widerlegt" durch Verunglimpfung (wie Wertheimer die „Elementaristen"; s.o., 4.3.2.2), warnt „besorgt" seine Freunde (wie Skinner Fred Keller vor den „psychoanalytisch gefährdeten" Hullianern; s.o., 4.4.4.2) oder man warnt (wie Stern u.a.) die gesamte Öffentlichkeit vor den „Übergriffen" der Jugendpsychoanalyse (s.o., 4.2.3.2).

Die Auseinandersetzungen werden häufig äußerst emotional geführt, was einerseits die Aufmerksamkeit der Fachöffentlichkeit sichert, andererseits zur gruppendynamischen Konsolidierung der scientific community beiträgt. Schließlich geht es neben wissenschaftlichen auch um personelle und materielle Fragen des institutionellen Einflusses, ohne den ein Paradigma kaum überlebt.

Manchmal ist die persönliche Identität der Forscher eng mit dem von ihnen vertretenen Paradigma verknüpft: Psychoanalytiker „leben" natürlich die Psychoanalyse, wie ihre internen Auseinandersetzungen zeigen, und der sonst so nüchterne Skinner überschreibt seine Autobiographie gar mit „The shaping of a behaviorist" (Skinner, 1978).

In der Psychologie ist es besonders der Bereich der Forschungsmethoden, in dem erbitterte Auseinandersetzungen stattfinden. Die bevorzugten, angemessenen und erlaubten, kurz: die „richtigen" Forschungstechniken identifizieren ein Paradigma mindestens genauso wie die inhaltlich-theoretische Modellbildung. Objektivierung vs. subjektives Verstehen, quantifizierende vs. qualitative Methoden, kontrolliertes Experiment und Reproduzierbarkeit vs. offene Beobachtung in „natürlichen Umgebungen", sind Gegensatzpaare um die interparadigmatisch gerungen wird und auf die die scientific community innerparadigmatisch eingeschworen wird.
 
 

d) Die Ausbreitung verschiedener Paradigmen im Wissenschaftssystem der Psychologie

Die Paradigmen der Psychologie breiten sich im Wissenschaftssystem der Psychologie in sehr unterschiedlichen raum-zeitlichen, personellen und institutionellen Mustern aus. Während Ganzheitspsychologie, Behaviorismus, Psychobiologie und Kognitivismus ihre institutionelle Basis vorwiegend in Instituten wissenschaftlicher Hochschulen haben, wird die Tiefenpsychologie von Anfang an außerhalb des akademischen Bereiches, in der klinischen Praxis entwickelt. So rivalisiert die akademische Psychologie mit den Tiefenpsychologen auch eher um öffentlichen Einfluß und die Reputation der Psychologie als wissenschaftliche Disziplin als um konkrete institutionelle Ressourcen.

Neue psychologische Paradigmen gewinnen den größten Einfluß immer zunächst in geographischer und kultureller Nähe ihres Entstehens. Die Tiefenpsychologie breitet sich, von Österreich ausgehend, zunächst im deutschen Sprachraum aus, bevor sie ins übrige Europa und in die USA gelangt. Zuerst in Deutschland und dann in Kontinentaleuropa konzentrieren sich vor dem zweiten Weltkrieg die Ganzheitspsychologen, während der Behaviorismus zur gleichen Zeit in den USA seine Domäne hat.

Von allen politischen Ereignissen des 20. Jahrhunderts hat wohl die nationalsozialistische Machtübernahme, zunächst in Deutschland, dann auch in Österreich, die gravierendsten und auch die verheerendsten Konsequenzen auf die Entwicklungsdynamik der psychologischen Paradigmen. Das gesamte Zentrum ganzheitspsychologischer Forschung in Berlin wird bis Mitte der dreißiger Jahre zerschlagen und zur Emigration gezwungen. Es folgt der Zwangsexodus der wichtigsten Psychoanalytiker. Die Übriggebliebenen versuchen sich zu arrangieren. Die einen halten still und füllen die „Lücken", andere biedern sich gar bei den Machthabern an mit „germanischer" Psychologie (C.G. Jung). Vor allem die Leipziger Ganzheitspsychologen und die jungen Vertreter der neuen „Verhaltensforschung" geraten (mal mehr, mal weniger beabsichtigt) in gefährliche Nähe zu den Nationalsozialisten.

Dies hat erhebliche Konsequenzen für die Entwicklung nach dem zweiten Weltkrieg: In Deutschland verliert die Ganzheitspsychologie ihre Dominanz, denn viele junge Psychologen beginnen, sich am amerikanischen Behaviorismus zu orientieren. Andererseits kann die Etholgie in den USA kaum Fuß fassen. In den 50er Jahren dominieren behavioristische Techniken viele psychologische Anwendungsbereiche von der Pädagogischen bis hin zur Klinischen Psychologie, und für kurze Zeit sieht es so aus, als sei der Behaviorismus nun das Paradigma der Psychologie der gesamten westlichen Welt geworden. Aber die „Kognitive Wende" der 60er Jahre vollzieht sich rasch und effektiv, ausgehend von den USA, dem Kernland sowohl des Behaviorismus als auch der Kybernetik und der Informationstheorie. Und bis Ende der 70er Jahre ist dann auch die Psychologie Zentraleuropas weitgehend kognitivistisch „umgestellt".
 
 

e) Psychologische Paradigmen herrschen nicht

Die Dominanz eines paradigmatischen Ansatzes im psychologischen Wissenschaftssystems erreicht niemals jene Exklusivität, die Kuhn in seinem ursprünglichen Entwurf einem wissenschaftlichen Paradigma zuschreibt (vgl. Kuhn, 1989; Original 1962): Psychologische Paradigmen herrschen nicht! Noch nie in der Geschichte der Psychologie ist es einem ihrer Ansätze gelungen, eine wirkliche Monopolstellung zu erringen, was die gültige Auffassung von den psychischen Phänomenen und ihrer Erforschung angeht. Es gibt zwar Zeiten, in denen eines von ihnen weiter verbreitet ist und von einflußreicheren Psychologen betrieben wird, die „Alternativen" sind aber stets auch innerhalb des akademischen Systems präsent:

Auch zu Hochzeiten des Behaviorismus gab es stets sehr vitale Forschungsprogramme außerhalb dieses mainstream: Piaget in Genf, Lewins „Gruppenlaboratorien", Heiders einflußreiche Balancetheorien oder den „new look in social perception", Lorenz in Seewiesen, um nur einige Forschungsprogramme zu nennen, die gänzlich „unbehavioristisch" sind und bereits den Keim eines Behaviorismus-Nachfolgers in sich tragen.

Auch heute, wo viele die Herrschaft des Kognitivismus für ausgemachte Sache halten (vgl. z.B. Mandl & Spada, 1988; Ulich, 1989; Grabitz & Hammerl, 1995), gewinnen ganzheitspsychologische Forschungsprogramme (z.B. in der Sozialpsychologie als systemische Gruppenpsychologie oder in der Wissenspsychologie als „social-cognition-Ansatz") erheblich an Terrain zurück. Die großen Standesverbände der akademischen Psychologie beginnen, die Biologische Psychologie zu fördern, und mit der „Evolutionspsychologie" gelangt ein psychobiologischer Ansatz sowohl zu wissenschaftlicher Akzeptanz als auch zu hoher Popularität.

Und natürlich ist da immer noch, wie seit 100 Jahren „neben" allen akademischen Linien: die Tiefenpsychologie! Ihr „Niedergang und Ende", von Eysenck und vielen anderen postuliert und erhofft (vgl. Eysenck, 1985) ist bislang nicht eingetreten. Psychoanalytiker arbeiten an immer neuen, inzwischen kybernetischen und systemtheoretischen aber stets tiefenpsychologischen Modellen (wie z.B. schon Stierlin, 1975), und sie besetzen weiterhin mit großem Erfolg den klinischen Bereich (einschließlich klinischer Lehrstühle an medizinischen Fakultäten!).
 

 
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9.2 Probleme bei der Paradigmen-Rekonstruktion: Forschungsprogramme „zwischen" verschiedenen Paradigmen

Das Paradigmenmodell erschließt die großen strukturellen Linien im Wissenschaftssystem der Psychologie, indem es in Gestalt der Paradigmen fünf Grunddimensionen benennt, nach denen psychologische Forschungsprogramme eingeordnet werden können. Eine solche Zuordnung gelingt umso leichter, je mehr ein Forschungsprogramm inhaltlich, methodologisch und institutionell den „Gründungsforschungsprogrammen" eines Paradigmas verbunden ist.

Die gesamte Landschaft der psychologischen Forschungsprogramme ist aber keineswegs so problemlos in fünf Paradigmen „einzuteilen", wie dies die bisherigen Ausführungen suggerieren. Besonders problematisch ist die Subsumption unter ein Paradigma z.B. immer dann, wenn ein Forschungsprogramm

in einer Übergangsphase von einem alten zu einem neu entstehenden Paradigma als historisches Bindeglied fungiert, oder

wenn es Kernannahmen aus unterschiedlichen Paradigmen verwendet.

Beide Problemfälle sollen nun an Beispielen erörtert werden.
 
 
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9.2.1 Forschungsprogramme in Übergangsphasen

Vor dem Aufstieg eines neuen Paradigmas gibt es häufig Forschungsprogramme, die schon einzelne Kernannahmen des neuen Paradigmas enthalten, ohne im eigentlichen Sinne dem neuen Paradigma anzugehören. Es handelt sich sehr oft um Forschungsprogramme, die als „Vorläufer" gelten, weil sie sowohl in methodischer als auch in theoretischer Hinsicht wichtige Vorarbeiten geleistet haben.

Soweit solche Forschungsprogramme einzelnen Paradigmen nur vorangehen (wie Pawlow und Thorndike dem Behaviorismus, Külpe und meinong der Ganzheitspsychologie), ohne einem anderen der modernen Paradigmen anzugehören, tritt für das paradigmatische Rekonstruktionsmodell noch kein Kategorisierungskonflikt auf. Es stellt sich dann lediglich die Frage, ob sie „schon" hinzugehören, oder „noch nicht". Problematisch wird es aber, wenn Forschungsprogramme in einer historischen Situation von einem älteren Paradigma zu einem neuen Paradigma „hinüberführen", und dann auch noch so, daß die von ihnen aufgeworfenen und bearbeiteten Problemstellungen zu zentralen Forschungsprogrammen des neuen Paradigmas werden.

Am Beispiel einiger wichtiger Forschungsprogramme der 40er und 50er Jahre, die zu Vorläufern von z.T. bis heute bestehenden kognitivistischen Forschungsprogrammen werden, soll dieses Problem erläutert werden. Betrachten wir z.B.

Heiders frühe Theorie der Kausalattributionen (vgl. Heider, 1944)

Festingers Theorie sozialer Vergleichsprozesse und der kognitiven Dissonanz (vgl. Festinger, 1954; 1957)

Bruners und Postmans „Hypothesentheorie der Wahrnehmung" (vgl. Bruner, 1951; Postman, 1951)

Schachters frühe Theorie des sozialen Anschlusses („Theory of social affiliation") (vgl. Schachter, 1959)

All diese Forschungsprogramme basieren zunächst auf den ganzheitspsychologischen Kernannahmen von Heiders Konsistenztheorie (vgl. hierzu: Lilli & Frey, 1993; Meyer & Försterling, 1993; Frey & Gaska, 1993): Sie nehmen an, daß Personen bestrebt sind, ihre Kognitionen (Denkprozesse, Wahrnehmungen der Außenwelt und des eigenen Verhaltens, Einstellungen und Urteile) in einem widerspruchs- und spannungsfreien Zustand zu halten, also zu einer „Guten Gestalt" zu organisieren. Etwaige Inkonsistenzen erzeugen einen emotionalen Spannungszustand, der eine starke Motivation zur Harmonisierung der „kognitiven Gesamtlage" hervorruft. Die Vertreter dieser Theorien sind denn auch entweder selber emigrierte Gestaltpsychologen (wie Heider) oder stehen diesen wissenschaftlich nahe, wie die Lewin-Schüler Festinger und Schachter.

Soweit hier also emergente selbstorganisierende Prozesse angenommen werden, die auf ein dynamisches Gleichgewicht zielen, sind diese Theorien ohne Zweifel ganzheitspsychologisch. Schwierig für die paradigmatische Zuordnung und damit für die Funktionsfähigkeit des paradigmatischen Rekonstruktionsmodells wird die Lage aber, wenn man deren Fortentwicklung betrachtet. Hier kommt es in der Abfolge von aufeinander aufbauenden und sich aufeinander beziehenden Forschungsprogrammen sukzessive und unmerklich zu einem Verlust ganzheitspsychologischer Kernannahmen und zu einem „schleichenden Übergang" ins kognitivistische Lager. Vorgänge, die zumindest in diesem Bereich der Psychologie keineswegs im Kuhnschen Sinne „revolutionär" verlaufen:

Der Prozeß der Bildung von Kausalattributionen wird von Heider (1944) zunächst als Gestaltbildungsprozeß aufgefaßt, der den entsprechenden Wertheimerschen Gesetzen unterliegt. Diese stiften nicht nur die phänomenale Zusammengehörigkeit von Ereignissen, sondern konstituieren eine „phänomenale Verursachung": „Wenn zwei Ereignisse ähnlich sind oder nahe beieinanderliegen, dann wird wahrscheinlich das eine als Ursache für das andere wahrgenommen" (Heider, 1944; S. 362). Dieser Vorgang der Kausalattribution wird nun in der Folgezeit immer mehr informationstheoretisch „elementarisiert". Heiders „Differenzenmethode" beginnt, die beteiligten Einzelinformationen zu „digitalisieren": „Diejenige Gegebenheit wird für einen Effekt als verantwortlich angesehen, die vorhanden ist, wenn der Effekt vorhanden ist, und die nicht vorhanden ist, wenn der Effekt nicht vorhanden ist" (vgl. Heider, 1958; S. 152). Auf diesem Hintergund formuliert Kelley endlich sein varianzanalytisches Modell das „Kovariationsprinzip". Eine Ursachenzuschreibung ergibt sich nun als Ergebnis eines Verrechnungsprozesses, der verschiedene Klassen von Informationen über mögliche Ursachen eines Effekts (Personen, Zeitpunkte, Entitäten) zu verschiedenen Variationsmustern verknüpft (Konsensus, Distinktheit, Konsistenz) (vgl. Kelley, 1973).

Irgendwo zwischen Heiders „Social perception and phenomenal causality" (1944) und Kelleys „Processes of causal attribution" (1973) ist das Ganzheitspostulat abhanden gekommen (was übrigens auch die Titel der Arbeiten verraten!). Es ist dieser „Flirt mit dem Reduktionismus" (Gardner, 1992), der ganzheitspsychologische in kognitivistische Forschungsprogramme übergehen läßt; das Bestreben also, wie die mathematische Informationstheorie es nahelegt, Prozesse informationstheoretisch zu zerlegen, und einzelne Informationen möglichst quantitativ, zumindest aber kategorial zu klassifizieren. Diese Art der Interpretation, die dem „spontanen" Entstehen von Ganzheiten die Verarbeitung von Einzelinformationen entgegensetzt, wird nun typisch für die kognitivistische Fortführung der Forschungsprogramme der Übergangsphase und somit für die Geburt des Kognitivismus aus dem Geiste der Ganzheitspsychologie.

Damit wird deutlich, daß das schärfste Trennkriterium zwischen Ganzheitspsychologie und Kognitivismus in der jeweiligen Grundauffassung von den zu untersuchenden Entitäten besteht: Während Kognitivisten Erklärungen aus Teilprozessen heraus zulassen und anstreben, bleibt für Ganzheitspsychologen das unreduzierbare „Ganze etwas anderes als die Summe seiner Teile" (vgl. Wertheimer, 1923). Die Aufgabe des Ganzheitspostulats ist die „Kognitive Wende" der Gestaltpsychologen.
 
 

Fazit:

Das paradigmatische Rekonstruktionsmodell ist ein eher kategoriales Modell, das die Annahme enthält, man könne ein Forschungsprogramm entweder einem Paradigma zuordnen (indem es gelingt, eine Modellabbildung auf die Attribute des paradigmatischen Subsumptionsmodells zu finden) oder eben nicht. Die historische Sequenz der Forschungsprogramme zur Kausalattribution zeigt nun, daß eine besonders genaue Beachtung und sorgfältige Anwendung der Zuordnungskriterien insbesondere im Bereich der Basiseinheiten bis an bestimmte Stellen einer solchen Sequenz noch eindeutige Zuordnungen erlaubt. Dann aber folgen Übergangsmodelle wie Heiders Differenzenmethode, die das Rekonstruktionsmodell in arge Schwierigkeiten bringen, weil sie in wichtigen Bereichen einerseits „immer noch" ganzheitlich, andererseits aber „auch schon" kognitivistisch argumentieren.
 
 
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9.2.2 „Multiparadigmatische" Forschungsprogramme

Ein weiteres Problem für das paradigmatische Rekonstruktionsmodell entsteht, sobald ein Forschungsprogramm sich aus den Kernannahmen verschiedener Paradigmen bedient. Solche Forschungsprogramme gibt es sowohl in der psychologischen Grundlagenforschung als auch bei den „psychologischen Technologien"; hier einige Beispiele:
 
 

Adlers „Individualpsychologie" (vgl. Adler, 1974; Original 1930) ist ein tiefenpsychologisches Forschungsprogramm mit zusätzlichen ganzheitspsychologischen Kernannahmen.

Die „Humanistischen" Ansätze von Rogers´ „Theorie des Selbst" und Perls´ „Gestalttherapie" (vgl. Rogers, 1961; Perls, 1976) sind ganzheitspsychologische Forschungsprogramme mit tiefenpsychologischen Kernannahmen.

Dollard & Millers „Sekundärtriebtheorie" (vgl. Dollard & Miller, 1950) entstammt einem behavioristischen Forschungsprogramm erweitert um tiefenpsychologische Kernannahmen.

Die Verfahren der modernen „Kognitiven Verhaltenstherapie" (vgl. z.B. Margraf & Schneider; 1990) beruhen auf kognitivistischen Forschungsprogrammen mit behavioristischen Kernannahmen.

Die psychologische „Theorie sozialer Systeme" (vgl. z.B. Watzlawick u.a., 1969) gehört zu ganzheitspsychologischen Forschungsprogrammen mit kognitivistisch-kybernetischen Kernannahmen.
 
 

Die Formulierung dieser Beispiele enthält bereits die Annahme, man könne diese Forschungsprogramme wenigstens „zur Hauptsache" einem bestimmten Paradigma zuordnen und das „andere" Paradigma liefere stets nur Zusatzannahmen. Die genannten paradigmatischen Zuordnungen sind schließlich in den Kapiteln 4 bis 8 auch tatsächlich gefunden worden, und sie zeigten sich kompatibel mit den in der Geschichte der Psychologie üblichen: „Natürlich" wird der Freud-Schüler Adler schon immer als führender Tiefenpsychologe angesehen, ebenso sind die Hull-Schüler Dollard und Miller „primär" Behavioristen. Watzlawick sieht sich selbst in der Tradition Wertheimers, und Rogers wie auch Perls betonen immer wieder ihre Nähe zur Berliner Gestaltpsychologie. Die Rekonstruktionen stehen also in schöner Übereinstimmung mit den traditionellen Zuordnungen.

Und dennoch gibt es hier ein für das gesamte Rekonstruktionsmodell gewichtiges Problem: Die Rekonstruktion eines Forschungsprogramms mit der „Absicht", es einem bestimmten Paradigma zu subsumieren, erzeugt eine gewisse Verzerrung bei seiner Darstellung: Die Selektion und Interpretation der Einzelheiten wird nämlich stets im Hinblick auf diese eine paradigmatische Zuordnung vorgenommen. Die Elemente des anderen Paradigmas, also seine „Einflüsse" werden weitgehend vernachlässigt. (So geschehen z.B. in Kapitel 4, etwa bei der Darstellung von Adlers System, dessen ganzheitspsychologische Annahmen kaum Berücksichtigung fanden!) Das Rekonstruktionsergebnis entspricht also ganz der Rekonstruktionsabsicht und kommt damit in Verdacht, eine self-fulfilling prophecy zu sein.

Nun heißt dies dennoch nicht, daß Rekonstruktionsergebnisse völlig beliebig den Rekonstruktionsabsichten ausgeliefert sind. Schon ein Blick auf die Forschungsmethoden zeigt nämlich: Adler hat nicht experimentiert, Rogers und Perls haben nicht „analysiert", und niemals wären Dollard und Miller mit introspektiven klinischen Daten zufrieden gewesen! Wer die genannten Forschungsprogramme also denjenigen Paradigmen zuordnen möchte, aus denen sie die Zusatzannahmen entnehmen, der muß sich bei der Realisierung dieser Rekonstruktionsabsicht auf erhebliche Probleme gefaßt machen!
 
 

Fazit:

Man sollte insgesamt nicht vergessen - und dies ist eine unvermeidliche Eigenschaft des paradigmatischen Rekonstruktionsmodells wie aller konstruktiven Modelle -, daß bei der Rekonstruktion deutlich „hypothesengeleitete" und natürlich auch motivierte Wahrnehmungen im Spiel sind, die durch Selektion und Interpretation das gewünschte Ergebnis erzeugen. Und „gewünscht" ist auf dem Hintergrund der allgemeinen Modellannahmen des Kuhnschen Paradigmenmodells, daß Forschungsprogramme eine möglichst eindeutige oder doch zumindest „primäre" paradigmatische Ausrichtung besitzen. Gewünscht ist aber auch, daß ein möglichst einfaches, elegantes Gesamtmodell, das „Paradigmenmodell der Psychologie", entsteht, in dem nicht schon bei Forschungsprogrammen (wie dem Adlerschen), die traditionell als Gründungsforschungsprogramme eines Paradigmas angesehen werden, die ersten Zweifel aufkommen, ob sie nicht doch einem ganz anderen Paradigma angehören.
 
 
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9.3 Didaktische Funktionen des Paradigmenmodells der Psychologie

Der zweite Zielschwerpunkt bei den „pragmatischen Entschlüssen", die zur Bildung des Paradigmenmodells der Psychologie führten, betrifft die möglichen didaktischen Funktionen des Modells (vgl. Kapitel 1).

Psychologie-Lernende stehen häufig vor der Aufgabe, eine große Zahl verschiedener Theorien und Forschungsprogramme sowie wissenschaftlich psychologischer Techniken aufzunehmen, zu behalten und in Problemsituationen anzuwenden. Problemlösung kann hier z.B. bedeuten: eine theoretische Erklärung finden, ein empirisches Verfahren entwickeln, eine bestimmte wissenschaftlich begründete Lösungshandlung durchführen.

Es sollen exemplarisch zwei Schwerpunkte herausgegriffen werden, um die möglichen didaktischen Funktionen des Paradigmenmodells der Psychologie zu demonstrieren: den Erwerb systematischen psychologischen Wissens und die Anwendung psychologischen Wissens in typischen nicht-forschenden Anwendungssituationen.
 
 
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9.3.1 Funktionen des Paradigmenmodells beim Wissenserwerb

„Wissenserwerb" wird in der neueren Wissenspsychologie konzipiert als Aufbau eines geordneten mentalen Modells mit dem Ziel, „seines Abrufs, seiner Anwendung beim Entscheiden, im Denken und Handeln" (vgl. Mandl & Spada, 1988; S. 1).

Eine lange Forschungstradition auf diesem Gebiet zeigt, daß sowohl die Aneignung, als auch das Behalten und die Anwendung von Wissen durch zwei miteinander interagierende Prozesse optimiert werden: durch Strukturierung und durch Elaboration (vgl. z.B. Anderson, 1989; Mandl, Friedrich & Hron, 1988; Weinert & Waldmann, 1988).

Das Paradigmenmodell bietet für die Menge der Forschungsprogramme der Psychologie die Möglichkeit einer hierarchischen Strukturierung an. An oberster Position einer solchen Hierarchie steht das jeweilige Paradigma, während weiter unten immer kleinere Klassen immer ähnlicherer Forschungsprogramme angeordnet sind (vgl. Abb. 9.1):
 
  

 

Abb. 9.1: Beispiel einer hierarchische Ordnung verschiedener behavioristischer Forschungsprogramme 

Ein solcher Zuordnungsprozeß verlangt den Lernenden eine Reihe von elaborierenden Einzelaktivitäten ab. Die einzuordnenden Forschungsprogramme müssen auf ihre Basiselemente hin untersucht werden: Wie werden die „Gegenstände" gesehen? Welche Grundeigenschaften haben die Begriffe und Relationen, welche die Forschungsmethoden? Hier sind „definitorische und charakteristische Merkmale", „Voraussetzungen und Bedingungen" sowie „übergeordnete Zusammenhänge" herauszuarbeiten, wesentliche Bestandteile also einer „tieferen" Elaboration (vgl. Mandl, Friedrich & Hron, 1993). Wissensoptimierung geschieht hier durch „Generalisation" und „Diskrimination" (vgl. Anderson, 1989): Einerseits muß nämlich zum Zwecke der Subsumierung die konkrete Modellbildung eines Forschungsprogramms auf die des Paradigmas verallgemeinert werden („... arbeitet ebenfalls nach dem S-R-Schema"). Andererseits muß auf die konzeptuellen Unterschiede zwischen den verschiedenen Forschungsprogrammen abgehoben werden („... befaßt sich mit anderen Kontingenzen des Verhaltens als ...).

Damit wird deutlich: Die Zuordnung neu erlernter Forschungsprogramme zu den entsprechenden Paradigmen und die damit verbundene vergleichende Analyse seiner paradigmatischen Grundeigenschaften erleichtert den Aufbau und die Festigung strukturierten psychologischen Wissens.
 
 
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9.3.2 Eine paradigmenorientierte Heuristik zur Anwendung psychologischen Wissens

(1) Psychologische „Anwendungs"- Tätigkeiten

Unter den Tätigkeiten, die als „Anwendung" psychologischen Wissens bezeichnet werden, unterscheidet Herrmann drei Hauptkategorien (vgl. Herrmann, 1979):
 
 

1. nicht-forschende, technisch-praktische Tätigkeiten (z.B.: das Erstellen eines Webeplakats unter Berücksichtigung psychologischer Erkenntnisse; die Entwicklung von Konfliktlösungsstrategien am Arbeitsplatz)

2. psychologisch-technologische Innovations- und Forschungstätigkeit (z.B.: die Konstruktion eines standardisierten Persönlichkeitsfragebogens; Entwicklung und empirische Validierung von Lerntechniken)

3. psychologisch-wissenschaftliche Innovations- und Forschungstätigkeit (z.B.: Durchführung eines Experiments zur Gedächtnisforschung oder einer sozialpsychologischen Felduntersuchung)
 
 

Während sich die „Anwender" in (2) und (3) meist auf eine wohlgeordnete Forschungstradition mit häufig eindeutiger paradigmatischer Ausrichtung bei der Problemdefinition und den Lösungsstrategien beziehen können, stehen die nicht-forschenden, technisch-praktischen „Anwender" vor besonders gravierenden Schwierigkeiten: Sie werden häufig mit äußerst komplexen, unstrukturierten praktischen Problemlagen konfrontiert, die sie zunächst selektiv zu ordnen haben, bevor sie ihr psychologisches Wissen zur Anwendung bringen können. Dabei liefert die Wissenschaft zur effektiven Bewältigung praktischer Probleme zwar exemplarische Interpretationsmuster (inhaltlich-technologisches Wissen) und wissenschaftlich gesicherte Handlungsroutinen (operativ-technologisches Wissen) (vgl. Bunge, 1967), dem einzelnen Praktiker wird aber zusätzlich eine besondere kreative Leistung abverlangt. Im einzelnen gehören zu einer effektiven Problemlösung nämlich

die Fähigkeit, verschiedene Wissensbestände aufeinander zu beziehen und miteinander zu verbinden,

die Fähigkeit, die Komplexität des Handlungsfeldes so zu verringern, daß relevantes Hintergrundwissen auch einsetzbar wird,

die Fähigkeit, das Problem im Lichte einer konkreten Theorie so umzuformulieren, daß es aus der Theorie heraus rekonstruierbar wird.

(vgl. Krapp & Heiland, 1993)

Das Paradigmenmodell der Psychologie scheint nun in besonderer Weise geeignet, dem Praktiker in Alltagssituationen sowohl inhaltlich-technologisches als auch operativ-technologisches Wissen zu erschließen. Eine mögliche paradigmenorientierte Heuristik soll im folgenden vorgestellt werden.
 
 

(2) Paradigmenorientierte Anwendung technologischen psychologischen Wissens - Ein heuristisches „Produktionssystem"

a) Problemlösung als Suchprozeß

Tritt in komplexen Alltagssituationen ein erklärungs- und/oder lösungsbedürftiges Problem auf, so kann der zugehörige Problemlöseprozeß in Übereinstimmung mit Anderson (1989) als Suche in einem „Problemraum" beschrieben werden. Als wesentliche Heuristiken zur Erreichung des Zielzustandes (einer an wissenschaftlichen Theorien orientierten „Erklärung" oder an wissenschaftlich-psychologischen Techniken orientierten Lösungshandlung) können z.B. gelten:
 
 

• Auffinden geeigneter wissenschaftlicher Modelle (Theorien oder Techniken) aus dem Pool des Hintergrundwissens (mit entsprechender Aufmerksamkeitssteuerung),

• Selektion der passenden Elemente (Modellattribute) der Problemsituation,

• Rekonstruktion der passenden konkreten Relationen und Bezüge innerhalb der Problemsituation sowie

• Interpretation und Konkretisierung der allgemeinen Implikationen des Modells in Bezug auf die Situation.
 
 

Geschieht dieser Suchprozeß unsystematisch, so kann es schnell zu Konfusionen kommen. „Sieht" z.B. ein Lehrer, dessen Unterricht durch einen bestimmten Schüler häufig gestört wird, bei der Reflexion dieses Sachverhalts spontan

1. gewisse „auslösende Situationen", in denen das Störverhalten auftritt, gleichzeitig

2. beim Schüler massive „aggressive Impulse" gepaart mit

3. ungeeigneten Einstellungen die Schule betreffend, die

4. immer wieder zu interaktiven Aufschaukelungprozessen zwischen ihm und dem Schüler führen,

so steht er endlich vor einem Konglomerat von Einzelaspekten, deren jeder auf eine andere Theorie mit anderer paradigmatischer Herkunft verweist (hier: behavioristisch, tiefenpsychologisch, kognitivistisch, und ganzheitspsychologisch).

Nun wird es ihm aufgrund der paradigmatischen Unverträglichkeit („Inkommensurabilität") seiner Einzelbeobachtungen und Annahmen kaum noch gelingen, auch nur eine der möglichen Theorien zur Erklärung anzuwenden. Folge ist möglicherweise die verbreitete „Einsicht", daß psychologische Theorien, wenn es darauf ankommt, „zu nichts nütze" sind, und endlich der Entschluß, sich in Zukunft doch lieber auf den „gesunden Menschenverstand", also auf seine Alltagstheorien zu verlassen. (vgl. hierzu Noltings These von den „zwei Psychologien" im Leben von jungen Psychologen; Nolting, 1985)
 
 

b) Ein heuristisches paradigmenorientiertes „Produktionssystem"

Es kommt nun entscheidend darauf an, den Zufallsprozeß bei der Hypothesenbildung zu systematisieren. Genau dies könnte aber mit Hilfe einer paradigmenorientierten Heuristik gelingen:

Würde sich der Lehrer zunächst für eine allgemeine paradigmatische Perspektive entscheiden, so würden ihm die Basiselemente des Paradigmas einen klar definierten Bereich „relevanter Aspekte" liefern und dadurch eine Vorstrukturierung für die nachfolgende Suche nach einer konkreten Theorie. Es kann nun angenommen werden, daß eine solche Vorstrukturierung den Suchprozeß wesentlich erleichtert, denn einmal schränkt sie den Bereich der zu berücksichtigen TeilPhänomene und -Prozesse ein (Verkleinerung des Suchraumes), anderseits bildet sie auf einer höheren Ebene ein Suchmuster für konkrete Theorien.
 
 

1. Wahl einer paradigmatischen Perspektive

Der Lehrer im obigen Beispiel müßte sich also zunächst festlegen, ob er eine tiefenpsychologische, eine behavioristische, eine kognitivistische oder eine ganzheitspsychologische Deutung versuchen möchte. (Wobei die individuelle „Vorliebe" für bestimmte paradigmatische Perspektiven sicherlich vom jeweiligen Vorwissen eines Anwenders abhängt; aber ebenso von ausgesprochen subtilen motivationalen Faktoren: Man bedenke, daß tiefenpsychologische Modelle im obigen Beispiel eher auf außerschulische Ursachen verweisen, während z.B. systemische Theorien den Lehrer selber und sein eigenes Verhalten zum Mitbestandteil des Problem machen!)
 
 

2. Vorstrukturierung durch paradigmatische Basiseinheiten

Hat sich der Lehrer also z.B. für ein kognitivistisches Vorgehen entschieden, so wäre sein „Suchraum" deutlich kleiner geworden, und er bräuchte sich lediglich mit kognitivistischen Basiselementen wie „Kognitionen" und „Handlungsplänen" zu beschäftigen, den paradigmatischen Antecedensbedingungen des Kognitivismus: Welche Sachverhalte interpretiert der Schüler wie? Welche Schlüsse zieht der Lehrer selber woraus? Welche Handlungsziele haben die Beteiligten?
 
 

3. Suche nach einer geeigneten Theorie

Diese Vorstruktur „kanalisiert" nun die Suche nach einer konkreten Theorie: Ist z.B. das störende Verhalten des Schülers sinnvoll interpretierbar als Versuch, eine „kognitive Dissonanz" zu beseitigen (z.B. weil der Schüler von Mitschülern eine glaubwürdige Vorinformation über die „Ungerechtigkeit" des Lehrers bekommen hat), oder kommt es zustande wegen unterschiedlicher „Attributionen" bei Lehrer und Schüler (z.B.: der Schüler als Akteur attribuiert die Ursachen für sein störendes Verhalten external, der Lehrer als Beobachter hingegen internal)?
 
 

4. Wahl geeigneter Handlungsroutinen

Mögliche Handlungsmuster zur Lösung des Problems ließen sich nun aus den entsprechenden Theorien gewinnen (etwa in Bezug auf die Beseitigung kognitiver Dissonanzen oder die Veränderung von Attributionsmustern).
 
 

5. Alternativlösungen durch „Paradigmenwechsel"

Gelingt die Lösung nicht, oder bleibt die Erklärung unbefriedigend, so bleibt dem „Anwender" die Möglichkeit, durch „Paradigmenwechsel" zu gänzlich anderen, wirklich „alternativen" Erklärungs- und Lösungsmustern zu gelangen!
 
 

Zusammengefaßt ist die paradigmenorientierte Heuristik wie folgt zu beschreiben: 

Eine paradigmenorientierte Heuristik zur psychologischen Problemlösung in Alltagssituationen:

1. Entscheidung für eine paradigmatische Perspektive

2. Paradigmatische Vorstrukturierung: Wahrnehmen und Erkennen der paradigmatischen Basiseinheiten (zentrale psychische „Gegenstände" und elementare Relationen) in der konkreten Situation, (Re)Konstruktion der paradigmatischen „Welt"

3. Theoriesuche: Auffinden von anwendbaren psychologischen Theorien innerhalb dieses Paradigmas

4. Erklärung: Konkretisierung der theoretischen Aussagen in Bezug auf die problematische Alltagssituation; theorieorientierte Rekonstruktion von Zusammenhängen der Alltagssituation

5. Lösung durch Heranziehen affiner Techniken

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9.4 Schluß

Heute ist das Verhältnis der verschiedenen Paradigmen untereinander deutlich entkrampfter als noch vor 20 Jahren. Man akzeptiert durchaus die wissenschaftlichen Bemühungen und Erfolge der Konkurrenten. Dies ist nicht zuletzt auf die „postmoderne" erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Liberalisierung zurückzuführen. Den nach Zahl und Einfluß immer noch dominierenden Kognitivisten ist es gelungen, ihre wahrnehmungspsychologischen und konstruktivistischen Grundüberzeugungen auf die Rezeption des eigenen Wissenschaftssystems anzuwenden. Wissenschaftliche Theorien und deren Kernannahmen werden zunehmend als hypothetische Modelle aufgefaßt, deren heuristische Bedeutung wichtiger ist als ein irgendwie gearteter Wahrheits- und Universalitätsanspruch. Obwohl es z.B. der Ganzheitspsychologie inzwischen gelungen ist, ihr immer schon von vielen als metaphysisch kritisiertes holistisches Grundmodell durch das viel modernere (und auch modischere) Modell „rekursiver chaotischer Systeme" zu ersetzen (s.o., Kapitel 5), wird dies kaum zu einer „Ablösung" des informationstheoretischen Kognitivismus führen. Dessen heuristische Kraft scheint für bestimmte Problemstellungen (z.B. der Sozialpsychologie oder der Sprachpsychologie) längst nicht erschöpft zu sein. Überhaupt scheint eine solch pragmatische Einschätzung von wissenschaftlichen Ansätzen dafür zu sorgen, daß das Aufkommen alternativer wissenschaftlicher Theorien und Modelle heute kein Anlaß mehr ist für Existenzängste unter Psychologen.

Die Pluralität des Wissenschaftssystems der Psychologie wird zunehmend akzeptiert, und diese Arbeit soll einen Beitrag liefern, sich in einer solch vielfältigen wissenschaftlichen Landschaft besser zurechtzufinden.
 
  

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