Trotzdem gibt es Unterschiede - "Krach" ist nicht gleich "Krach".
Jeder der gespielten Rhythmen hat seine Geschichte und seine Spielweise, fast alle sind von irgendwoher adaptiert und von einer brasilianischen Gruppe ausgebaut worden. Die gesamte brasilianische Musik ist auch heute noch in voller Entwicklung; dadurch, daß sie schamlos neue Rhythmen und Instrumente einkassiert und alles nutzt, was nicht schnell genug wegläuft, fällt die Unterteilung in "Traditionelles" und "Neues" echt schwer.
Man kann nur versuchen, Beispiele zu geben, da man schlecht westliche, östliche, nördliche und südliche Musik von Weißen, Schwarzen, Roten, Gelben, Grünen, Blauen, Bunten und Einfarbigen als "Eine" Musik bezeichnen kann. Das einzige, was man als gemeinsames Merkmal (zumindest in unserem Fall, aber das relativiert sich auch gerade...) ausmachen kann, ist die Percussion-Lastigkeit.
[ach nee, das wird aber jetzt wirklich Schlagloch]
AAAALSOOO.
Das meiste "Brasilianische" der heutigen trommeligen Musik stammt aus den musikalischen Vorstellungen der afrikanischen Sklaven. Samba hat extrem viele Gesichter, aber ein sehr großer Teil des Musik-, Harmonie- und Rhythmusverständnisses geht auf einen gemeinsamen afrikanischen Kern zurück. Ganz typisch sind die Frage-Antwort-Gesänge und auch die geklatschten oder auf einem hochklingenden Gegenstand geschlagenen Claven (asymmetrische Time-Lines), die sich durch fast alles durchziehen. In Lateinamerika wird man geradezu manisch von "der" Clave verfolgt, einem ungleichen Rhythmusgebilde aus zwei halben Takten (für westliches 4/4-Denken). In der cubanischen Musik gibt es zwei Formen der Clave, die hartnäckigst durchgespielt werden (und man wird auch nach vier Jahren ununterbrochener Clave-Spielerei immer noch an den abstrusesten Stellen rausfliegen!): die 3-2 und die 2-3 (was nix anderes meint, als die Anzahl der Schläge im ersten-zweiten Teil)
Die lateinamerikanische Clave geht entweder
3
2
1...2... 1...2...
x..x..x. ..x.x...
oder
2
3
1...2... 1...2...
..x.x... x..x..x.
Das sieht einfach aus und klopft sich ne Zeitlang auch einfach. Aber
wehe, die restlichen Instrumente setzen ein...
Eine der ersten "samba-lines", die überhaupt dokumentiert wurden,
ist der 3er-Teil dieser Clave. Dieser wurde von den im Kreis stehenden
afrikanischen Sängern, gerade nicht tanzenden Tänzern und Zuschauern
geklatscht.
3
3
1...2... 1...2...
x..x..x. x..x..x.
Man kann mit dieser Stimme herumexperimentieren und wird sich auf der Stelle im Dschungel der verdammt komplizierten, vertrackten und zum Verrecken schönen Lines wiederfinden (Beispiele weiter unten).
Samba wird ursprünglich in 2/4 notiert. Nun ist die Frage, wieviel von der 12/8 Clave in die 2/4 bzw. 4/4 Clave übertragen wurde. Etliche afrikanische Stücke sind im "triolischen Feeling", will meinen, im 6/8 oder 12/8 Groove. Man darf bei der ganzen Notiererei nicht vergessen, dass das 'ne westliche Art ist, eine Musik in ein Schema zu klopfen, in dem sie nicht erfunden wurde. Dementsprechend klingt ein authentischer Samba weniger geleckt und geradegebogen, als ihn die Noten "diktieren". Er eiert ein bisschen zwischen diesen "binären westlichen" und triolischen Feelings hin und her, aber das meist auf ne ganz bestimmte Weise. Dieses "Geeier" erklärt sich vielleicht ein bisschen aus den untenstehenden 4/4 und 12/8 Vergleichen.
Jede einzelne der Stimmen sollte euch (vorausgesetzt, ihr macht selber schon brasilianische oder afrikanische Percussion nach Noten) in "harmloserem Rahmen" sehr bekannt vorkommen. Lasst euch mal rein spaßweise auf das untenstehende Experiment ein und prügelt die Formeln mit einem zweiten Menschen, in zwei Gruppen oder allein mit zwei Händen vor euch hin, bis euch schwindelig wird! Die gleichen Dinger könnt ihr auch mit den anderen zwei 12/8 Claven und ner ganzen Faust voll anderer Stimmen mal durchspielen und auch nen mordskomplizierten Break draus zaubern, wenn ihr nach dem untenstehenden Block noch Platz für was anderes im eurem Hirn habt ;-) [also, Motorisches Gedächtnis "AN"]
Wichtig ist auch noch zu wissen, dass die Time Lines und Claven ASYMMETRISCH sind, das heißt, sie bestehen aus 2 Teilen, die sich voneinander unterscheiden und zusammen komischerweise immer eine UNGERADE ANZAHL Schläge ergeben (also 3, 5, 7, 9, 11 Schläge auf eine komplette "Metronomdenke" 16er Einheit).
Klar gibt es im Samba auch GERADE patterns, zB die marcaçao ("Markieren"
- meint nix anderes als Schluckauf Beat : "HicksBeat - - HicksBeat - -
HicksBeat - - HicksBeat - - ..."), aber wir wollen hier erstmal ein bißchen
herumeiern:
| = Hilfsbalken, um das Ende des Taktes anzuzeigen bzw. den Punkt, an dem die nächste 1 [1-4: Beat] wäre
typische 4/4 Clave
| Teil A ------>< Teil B -------| 1 . . . 2 . . . 3 . . . 4 . . . | x . . x . . x . . . x . x . . . |
typische 4/4 Clave mit typischer 4/4 Samba-Timeline 1 . . . 2 . . . 3 . . . 4 . . . | x . . x . . x . . . x . x . . . | x . x . x x . x . x . x . x x . |
umgedrehte 4/4 Clave mit typischer 4/4 Samba-Timeline - man beachte das plötzliche "Einrasten" der beiden Stimmen (das uns mitteilt: SO isses richtig...) 1 . . . 2 . . . 3 . . . 4 . . . | . . x . x . . . x . . x . . x . | x . x . x x . x . x . x . x x . |
typische 12/8 Clave 1 . . 2 . . 3 . . 4 . . | x . x . x x . x . x . x |
typische 12/8 Clave verglichen mit der obigen 4/4 Samba-Line (im gleichen Puls!) 1 . . . 2 . . . 3 . . . 4 . . . | 1 . . 2 . . 3 . . 4 . . | - x . x . x x . x . x . x | - x . x . x x . x . x . x . x x . |
- "Ach..." Und zum Überfluss: die gleiche 12/8 Clave mit der 4/4 Clave von ganz oben... aber diesmal im gleichen Beat!
1 . . . 2 . . . 3 . . . 4 . . . | 1 . . 2 . . 3 . . 4 . . | x . x . x x . x . x . x | x . . x . . x . . . x . x . . . |
Europäische Musiker fangen irgendwann an, von "Swing" zu labern, wenn sie zu nem Achtel noch n Sechzehntel dazuzählen, um was Quasi-binärotriolanisches im 4/4 Takt zu imitieren (und wenn das passiert, dann redet man häufig mit männlichen Mathematikern, die naturgemäß zum JAZZ neigen und für alles ne Formel haben, oder mit MIDI-Programmierern), und anschliessend zu dem Ganzen nochmal den gefühlten Bruchteil einer Millisekunde aus 96 verschiedenen Takteinheiten pro auf Bräunungsstufe Drei gestelltem Toaster im Umkreis von 3 km, aber dies bitte nur in der zweiten Hälfte des Gesamt-Taktes, zählen - [tikkeditakkediCGTAATGAGATATA]...
Keine Panik! Ich sach einfach: erst mal üben, GERADE zu spielen, DANN abschrägen. Die Dinger da oben sehen simpel aus, aber ich hau mich noch 12 Jahre nach Beginn meiner Percussion-"Karriere" damit rum - und lern immer noch dazu.
Dann gibt es die Afro Blocos und Afoxés aus Bahia, wie Olodum, Timbalada, Ilé Ayè usw., die teilweise von der Organisationsform her "schwarze" Äquivalente zu den Sambaschulen Rios darstellen und meist erst in den 80er Jahren gegründet wurden (z.B. SambaReggae-Gruppen). Manche Gruppen sind sehr beleidigt, wenn man sie mit Sambaschulen durcheinanderwirft, etliche können (in verschieden kommerziellen Besetzungen) allerdings fast jeden Stil spielen und scheuen sich trotz ihrer "Roots" nicht, neues zu adaptieren und auch mal vorzutragen. Sie spielen etwas "afrikanischere" oder afrophilere Rhythmen wie SambaReggae, Timbalada, Afoxé und transportieren damit oft auch realpolitische "schwarze" Botschaften. Wir transportieren die Grooves ohne eine andere Botschaft als "Tanzt! Geht nämlich prima damit!"
Die Musik aus dem Recôncavo, nordöstliches Brasilien, traditionelles Landwirtschafts- und Plantagenland, ist sehr ursprünglich geblieben. Hier findet man noch alte Sambas und Formen wie Baiao, alte portugiesisch geprägte Lieder (fados usw.) und Tänze, mittelalterlich anmutende Prozessionen, "ursprüngliche" Capoeiras und so weiter und so fort. Zu diesen roots kehren auch brasilianische Künstler immer wieder zurück (z.B. Sergio Mendes, Gilberto Gil), um sich Anregungen zu holen.
Nicht zu vergessen Maracatu-Gruppen, frevos, trios eletricos, lambadas...
Irgendwie gibt das noch kilometerweise Stoff zu schreiben und wird trotzdem nicht zum Ende kommen. Was bei uns in Europa strikt getrennt ist, ist die Verbindung zwischen weltlicher und kulticher / kirchlicher Musik - das machts bei uns so einfach mit den Schubladen. Wenn man einen brasilianischen Musikstil beschreibt, muss man immer auch gleich dazu sagen, dass die Musik, weil großenteils auf den Straßen und von fast jedem Menschen gespielt, in einem Spinnennetz aus Einflüssen, Verflechtungen, Abwandlungen hängt und keinesfalls vorhat, auf einer definierbaren Stelle zu bleiben. Im Grunde beschreibt man immer nur einen Schnappschuss - wer einen Afoxé-Rhythmus mal im candomblé erlebt hat und damit ehrfürchtig was Religiöses verbindet, ist entsetzt, ihn im Pop und im Karneval wiederzuhören oder sich erzählen lassen zu müssen, dass der Afoxé ein Arbeitertanz ist, bei dem Schaufelbewegungen imitiert werden; wer einen Samba sanft gezupft auf der Klampfe kennt, fällt tot um, wenn die gleichen zugrundeliegenden Rhythmen von Hundertschaften getrommelt und geschrien eine Stampede in der Tänzermasse verursachen, wer Akkordeons nur mit 80er-Jahre-Fischerdörfchen-Romantik und den Musikschülerinnen verbindet, die zu westfälischem Trachtentanz einfache Weisen hüdeln, der fällt bei einem krachigen Baiao vom Glauben ab, Akkordeons seien was für Schiffs-Schaukler.
Die Einflüsse sind so vielfältig und die Namen bezeichnen mal ein Instrument, einen Rhythmus und eine Liedform gleichzeitig, einige Instrumente haben mehr Namen als man Töne auf ihnen spielen kann, manche Töne haben mehr Namen als man Instrumente einsetzen kann, da herrscht ein fröhlicher Mix aus afrikanischen, brasilianisch-indianischen, portugiesischen, verwestlichten, veröstlichten und verwunderlichten Schreibweisen, Instrumenten, Riten, Rhythmen...wo soll ich anfangen zu erzählen? Am besten hör ich hier auf...
Dieser Samba hat wie alles, was bunt und schön ist, auch eine Schattenseite, die dem Touristen vielleicht verborgen bleibt.
Etliche escolas de samba waren beileibe nicht nur die Touristen-Attraktion, für die sie heute gerne und ausschließlich gehalten werden, sondern während ihrer wechselvollen Geschichte soziale Einrichtungen höchsten Grades; nicht umsonst kamen / kommen ihre Mitglieder sehr oft aus den ärmsten Bevölkerungsschichten und Ghettos. Die wie große Vereine organisierten escolas holten junge Männer von der Straße und gaben ihnen Arbeit, Sinn, Rückhalt und waren ihnen (und sind teilweise heute noch) so was wie eine große Familie. Ursprünglich war es den Schwarzen und brasilianischen Ureinwohnern nicht gestattet, auf dem großen Karneval zu spielen, so dass es nur "weiße" escolas und Samba-Gruppen gab; doch irgendwann hat der Staat erkannt, daß die Touristen genau auf diesen Straßenkarneval der Ärmsten abfuhren, und seitdem dürfen auch die "farbigen" escolas in Rio auf dem Sambodromo voll mitmischen.
Heute kämpfen jährlich jeweils zehn Samba-Schulen der "A-Klasse" auf dem "sambodromo" um den Sieg, für den sie ein ganzes Jahr lang den Wagen bauen, Choreographien einstudieren, ein bestimmtes Thema so aufbereiten, daß man es in 45 Minuten Tanz, Gesang und Trommeln vortragen kann. Der Wagen wird immer noch von Hand gezogen, weil motorbetriebene Schlepper nicht erlaubt sind. Andere Escolas (B-Klasse) wettkämpfen ebenfalls an verschiedenen Orten über Rio verteilt. Es herrscht viel Filz und Händewaschen hinter den Kulissen, und die Ehrenpräsidenten der Sambaschulen sind oftmals bekannte jogo-de-bicho-Veranstalter (verbotenes, aber von der Regierung stillschweigend geduldetes Glücksspiel). Manche escolas bieten Ausländern gegen Geld die Möglichkeit zur aktiven Teilnahme am Umzug an.
Die Blocos trugen zumindest in ihrer Entstehungszeit "schwarze" politische Botschaften. Der Samba-Reggae wurde erst in den 80er Jahren entwickelt und ist die Verschmelzung brasilianischer Rhythmen mit jamaikanischem Reggae, Reggae-Stars wie Bob Marley sind Vorbilder, die mit großem Selbstbewußtsein die "schwarze Sache" vertreten haben. Da im Reggae das mythische Afrika sehr verehrt wird, ist es logisch, daß sich auch die schwarzen Brasilianer ebenfalls stark für ihr afrikanisches Erbe interessierten, da es ihnen eine starke Identität geben konnte. Auf diese Weise kommen z.B. auch die altägyptischen Kulte und Anspielungen auf Pharaonen in den Samba-Reggae hinein.
Mittlerweile sind auch die meisten Blocos kommerzialisiert.
Zwei Kämpfer/Tänzer werden innerhalb eines Zuschauerkreises
von einem oder mehreren Musikbögen (berimbau), einer Handtrommel
(atabaque) und gelegentlich einer Glocke (?) begleitet und tanzen gemeinsam
eine Art Grundschritt (ginga), aus dem heraus sie Stöße, Tritte,
Schläge und Würfe anzubringen versuchen. Der erste berimbau-Spieler
singt und leitet durch sein Spiel und gesungene Formeln den Ablauf des
Kampfes, und vor ihm hocken die Kämpfer / Tänzer auch zu Beginn,
um dem berimbau Achtung zu erweisen.
Ursprünglich war Capoeira eine Selbstverteidigungstechnik afrikanischer
Sklaven und nahm besonders in Rio, Salvador und Recife um 1820 gewalttätige
und bewaffnete Formen an, die Fußtritte, Beinwürfe, akrobatischen
Sprünge und der berimbau als musikalischer Taktgeber kamen erst später
hinzu.
Vor der Eröffnung von Capoeira-Akademien waren die Anhänger in kleinen hierarchischen Banden organisiert, die sich gegenseitig nach komplexen Regeln herausforderten; so drangen an religiösen oder nationalen Feiertagen die Banden (Lehrlinge oder carrapetas immer voran) in feindliche Territorien ein, um zu provozieren, und wenn die Chefs der Gruppen beschlossen, die Angelegenheit durch einen Kampf zwischen zwei Vertretern ihrer Gruppen zu lösen, hielten die Trupps Abstand und jubelten beide auf den Sieger, egal wie der Kampf ausging. Wenn die Polizei kam, flüchteten die Gruppen in organisierter Form.
In Rio wurden 1850-1900 die Capoeira-Truppen auch politisch eingesetzt, und es gab neben Gruppen von Sklaven und Freien Schwarzen auch intelektuelle, militärische, politische und diverse andere. In Bahia kam es nicht zur Bildung von Banden, die mit Politikern oder anderen Bevölkerungsgruppen zu tun hatten, hier blieb es bei rein schwarzen Gruppen.
Die heute in Europa zunehmend moderne Form der Capoeira mit vielen hohen Tritten und akrobatischen Sprungfiguren ähnelt am stärksten der in Salvador zwischen 1900 und 1930 ausgeübten. Mestre Bimba eröffnete in den 30er Jahren in Salvador die erste Capoeira-Akademie, einige Jahre nach ihm folgte die von Mestre Pastinha. Bimba gilt als "Urvater" der Capoeira Regional, Pastinha praktizierte den traditionelleren Stil, bei dem nahe am Boden gekämpft wird, und nannte ihn zur Unterscheidung Capoeira Angola.
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email: sambanana@gmx.de
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