Bogenschießen und lange
Bögen?!

 

Vorwort

Über Tausende von Jahren spielten Pfeil und Bogen eine entscheidende Rolle in der Geschichte der Menschheit. Vom prähistorischen Menschen als erstes durch mechanische Kraft betriebenes Gerät erfunden, hatten Pfeil und Bogen enormen Einfluss auf den Aufstieg und Niedergang von Nationen. So wichtig wurde diese Waffe genommen, dass Männer, die den Umgang mit ihr besonders gut meisterten, große Auszeichnungen bekamen, dass Söhne durch Gesetz gezwungen wurden, das Bogenschießen zu erlernen, und Weisungen erteilt wurden, die den Besitz von Pfeil und Bogen anordneten.

Ein englischer oder schottischer Bogenschütze war verachtet, wenn er nicht in einer Minute 10-12 Pfeile abschießen konnte oder ein mehrere hundert Schritte entferntes Ziel auch nur einmal verfehlt hätte.

Auch nach der Erfindung des Schwarzpulvers wurden Pfeil und Bogen teilweise noch als Kriegs- und Jagdwaffe eingesetzt.

 

Die Erfindung von Pfeil und Bogen

Wie und wann der prähistorische Mensch Pfeil und Bogen entdeckt hat, darüber gehen die Meinungen der Archäologen auseinander. Zwischen 150000 und 50000 Jahre alt sei er, vermuten die Wissenschaftler. Der Gebrauch des Bogens seit der Steinzeit ist durch Funde von Pfeilspitzen aus Horn, Knochen oder Stein erwiesen. Selbst das Aussehen des Bogens kann man an Hand von prähistorischen Höhlenzeichnungen, die in den letzten Jahren in Teilen Afrikas, in Spanien und Frankreich entdeckt wurden, beschreiben: Danach handelte es sich um einfache Holzbögen, die ungefähr anderthalb bis zwei Meter lang waren. Die angepassten Saiten waren aus tierischem Darm und konnten den Pfeil bis zu dreißig Zentimeter weit zurückziehen. Diese Maße sind fast die gleichen wie bei üblichen Langbögen aus dem Mittelalter. An den Proportionen hat sich also nicht viel geändert. Der älteste heute noch existierende Bogen wurde 1944 in Dänemark gefunden. Er stammt aus der mittleren Steinzeit und datiert zirka 8000 zurück.

 

Die wichtigste Kriegswaffe

Als Jagdwaffe war der Bogen bei den Menschen des Altertums schon im Gebrauch, bevor sie Krieg führten. Später wurde er dann für lange Zeit die wichtigste Kriegswaffe und wurde dabei oft von Feinden unterschätzt.

Vergleicht man die Wirkung mit der Einfachheit der Herstellung, erscheint der Bogen als die vorteilhafteste Waffe. Die ganze Mechanik dieser Waffe besteht in einer Rute, einem biegsamen Stab aus Holz oder Horn, dessen äußerste Enden mit einer Schnur, der Sehne, verbunden sind. Die angespannte Sehne nimmt die Schnellkraft des Bogens so weit in Anspruch, dass damit ein leichter Pfeil auf 200 bis 250 Schritt mit aller Treffsicherheit abgeschossen werden kann. Deshalb darf der Bogen den Ruhm erfolgreicher, jahrhundertelanger Verwendung in Anspruch nehmen.

Im Mittelalter war der Bogen in erster Linie eine taktische Waffe und diente vorwiegend dazu, zu Beginn des Kampfgeschehens, auf größere Entfernung die Reihen des Gegners zu schwächen oder auseinander zu treiben. Ihnen folgten die geschlossenen Körper des mit Schild und Speer bewaffneten Fußvolkes, den Kern des Ganzen bildete dann die Reiterei. Ihr wurde mehr Aufmerksamkeit geschenkt, sie war die ausschlaggebende Waffe.

In den wilden Heerhaufen der von Osten herdrängenden Völker wurden Bogenschützen außer zum Einleiten des Gefechtes auch zum Schutz der Flügel und Flanken eingesetzt.

Es war nicht so sehr das Treffen auf große Entfernung ausschlaggebend, sondern die Schussfolge und Menge der verschossenen Pfeile.

Die unterschiedlichsten Arten von Pfeilen waren dabei im Gebrauch. Zum Durchschlagen von Panzergeflecht oder Stoffharnischen eigneten sich beispielsweise schmale Spitzen mit rechteckigem Querschnitt am besten.

 

Ein paar Zahlen

Ein geübter Bogenschütze erreichte mühelos eine Schussfolge von 12 Pfeilen in der Minute. Also konnten 1000 Bogenschützen schon 12000 Pfeile in der Minute auf den Gegner abschießen. In 5 Minuten waren das schon 60000 Pfeile, in zehn Minuten schon 120000 Pfeile, die auf den Gegner nieder regneten.

Ein Feldheer zählte im Normalfall mehrere tausend Bogenschützen in seinen Reihen. Eine Schlacht dauerte wesentlich länger. Es war dieses Sperrfeuer-Schießen, dem die englischen Langbogenschützen ihre Haupterfolge verdankten.

Im Bezug auf Form und Wirksamkeit wurde im Mittelalter der englische Bogen stets als ein unübertreffliches Muster angesehen. Die französischen Bögen hatten im 13. Jahrhundert nur eine Länge von etwas über 130 cm, während die englischen stets über 2 m Länge maßen. Sie waren aus dem Holz von Eibe und Ahorn und die Pfeillänge betrug nicht ganz 1 m.

 

Wandel der Zeit

Nach Erfindung der Armbrust verlor der Bogen immer mehr an Bedeutung, obwohl dieser sich durch seine hohe Schlußfolge aus taktischer Sicht gegenüber der neuen Technik behaupten konnte. Beide Waffen existierten lange Zeit nebeneinander, doch der Armbrust wurde immer mehr Bedeutung zugesprochen. Mit der Erfindung des Schießpulvers wurden Pfeil und Bogen nur noch selten im Krieg eingesetzt.

Bei ihrer staunenswerten Geschicklichkeit blickten die Bogenschützen mit Verachtung auf die Büchsenmacher mit ihren schwerfälligen Feuerrohren, die bei Regen oft unbrauchbar wurden und auch sonst an Treffersicherheit noch zu wünschen übrig ließen.

In der heutigen Zeit hat sich der Bogen zu einem beliebten Sportgerät entwickelt, das von Menschen von 8 bis 80 Jahren genutzt wird!

Dies stellt vor allem einen Gegenpol zur heutigen schnelllebigen Zeit dar, denn beim Schießen braucht man innere Ruhe, Zeit und Konzentration.

 

Nachwort

Wer einmal Interesse an dieser Art des Sportschießens gefunden hat, wird feststellen, daß er nicht so schnell wieder davon los kommt. Denn man entwickelt, wie bei vielen anderen Sportarten, schnell denn Wunsch immer besser zu werden und sich mit anderen zu messen. Gleichzeitig bekommt man einen guten Einblick in das Kriegswesen des Mittelalters.

 

Thomas der Schlosser





Herbularius
© Thomas Schlosser, 2000