Das Lager

Hier findet das alltägliche Leben statt. Hier sitzt der Lehnsherr mit seiner hohen Vrouwe, anderen Adligen und Gästen zur Tafel. Im LagerHier nimmt er die Vorrechte seines Standes wahr, hier kann er das Schwert ruhen lassen und sich zurückziehen. Die reich gekleidete Dame an seiner Seite, ist sie seine Liebste oder die von ihm minniglich verehrte hohe Vrouwe, für die er zu Streite zieht? Sie ist es auch, die selbst auf Reisen den Sinn für die feine Art behält und dem rauhen Kerl an ihrer Seite das nötige Maß an Bildung entgegenhält. Weilt der Herr nicht am Orte, obliegt es ihr, das höfische Leben zu leiten. Der Adel verehrt sie in Minne, doch wissend, daß sie unerreichbar bleibt. Daß sie eine wahrhaft hohe Vrouwe ist, mag man daran erkennen, daß auch auf Reisen viele Kleider mit sich führt, sich selbst und andere mit dem Anblick zu erfreuen.

Hier im Lager findet auch ein Teil des Handwerks statt, hier bereiten die Mägde und Knecht das Essen für die Herrschaft zu, hier werden auch kleinere Reparaturen gemacht. Hier betet der Benediktinerbruder und arbeitet in seinem Scriptorium. Die Kräuterfrau kümmert sich um die kleinen und großen Beulen, die das Leben so bringen mag, welcher Art sie auch seien. Manch einer soll diesem Weib auch schon Magie, - gar Hexerei - nachgesagt haben...

Ein Ritter hatte nicht nur seine Knappen und Pagen um sich, sondern auch Gefolgsleute. Die Anzahl und Ausrüstung dieser »Reisigen« war wechselnd. Auch ihre Ausrüstung konnte je nach Anforderung und Stand sehr verschieden sein. Stets dabei waren Bogenschützen, die die leichte Artillerie des Hochmittelalters darstellten. Ausgerüstet mit großen Langbögen aus Eibenholz konnten sie ihre Pfeile als wahren Regen abfeuern und über die Gegner niederprasseln lassen. Eine sehr wirksame, gefürchtete Waffe. Gelegentlich wird man sie bei Wehrübungen und Scheibenschießen beobachten können.

Weitere Gefolgsleute, die im Lager beobachtet werden können, sind Pagen und Hofdamen. Meist von anderen Burgen zwecks Erziehung überstellt, erhalten sie am Hof eine gesellschaftliche Grundausbildung, die bei den Jungen die Zielrichtung Page Knappe - Ritter verfolgt, bei den Mädchen hingegen Jungfer Hofdame - Hohe Vrouwe.

Das Lager ist umfaßt mit einer Absperrung, die im Bedarfsfall auch mit spitzen Spießen - den Spanischen Reitern - erweitert wird. Achtet sie gut, Leute, denn sie sind wie die Wände Eures Heimes. Wer sie ungefragt übertritt und nicht brav die Wache am Tor um Einlaß bittet, der wird übel gelitten und mag vielleicht im Schandstock landen, der unweit steht. Schon so mancher Missetäter hat in ihm gesessen und war dem Spotte des Volkes ausgesetzt, das ihn mit frommen Liedern, Kohlstrünken und Eiern bedachte.



Herbularius


© Frank Dierkes und Sascha Sturm, 1998 - 2000
Foto von Sascha Sturm