Fassung vom 25.11.1997
Der Pilgerausweis gehört ganz eng zur Santiagowallfahrt. Er war schon im Mittelalter ein Zertifikat, das ihn als Pilger ausweist. Damit hatte er gegenüber anderen Reisenden - so z.B. den Händlern, Kaufleuten, Abenteurer - bestimmte Vorteile und Vergünstigungen. Allem voran stand er unter dem Schutz der Kirche und auch der meisten Landesherren, die auch die Pilger schützten, die durch ihr Land zogen. Daneben hatten Pilger keinen Wege- und Brückenzoll zu zahlen. Auch an den Landesgrenzen genossen sie meist Zollfreiheit. Diese Zusicherungen sollten zum Pilgern animieren und das Wallfahren sicher machen. Daneben war der Pilgerausweis für die Bußpilger ein Nachweis, daß er diese Strecke auch gepilgert war. Auf diesen Nachweis hin erhielt er in Santiago die Urkunde, daß er die Wallfahrt durchgeführt hatte und konnte mit dieser Urkunde in seiner Heimat wieder in den Kreis der Gläubigen aufgenommen werden.
Doch das war damals. Was ist hiervon heute - am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts, auch Angesichts der Europäischen Union - geblieben? Die Wege und Straßen sind heute weitaus sicherer als im Mittelalter. Auch haben wir innerhalb der EU seit Jahren Zollfreiheit. Wege- und Brückenzoll gibt es schon seit Jahrzehnten nicht mehr, höchstens noch für Fähren und Autobahnen. Letztere kommen für Jakobspilger sowieso nicht in Betracht. Was soll dann somit dieser Pilgerausweis? Ist er nicht doch ein Leistungsnachweis? Schließlich dokumentiert er doch, wie schnell ich die verschiedenen Stationen des Pilgerweges aufgesucht habe.
Sicher, so kann der Pilgerausweis auch gesehen und mißbraucht werden. Dafür kann jedoch der Pilgerausweis nichts. Heute steht der Pilgerausweis in erster Linie dafür, daß man - wie bereits im Mittelalter - als Jakobspilger ausgewiesen ist. Heute bekommt der Jakobspilger mit ihm neben der Pilgerurkunde - schon wieder ein Leistungsnachweis!? - in den Refugios Unterkunft. Daneben bieten die gesammelten Stempel die Möglichkeit, Zuhause in Gedanken die Wallfahrt im Geiste noch einmal zu machen. Jeder einzelne Stempel ruft Erinnerungen hoch, an die sonst wohl kaum gedacht worden wäre. Es sind Erinnerungen an die Natur, an Gebäuden, an Begegnungen und wohl auch Erinnerungen an Gott. Diese Erfahrungen können jedoch nur gemacht werden, wenn von der Haltung des Leistungsnachweises losgelassen wird und der Pilgerausweis als das angesehen wird, was er ist. Es ist mehr als ein Wortspiel, wenn die Definition lautet: Der Pilgerausweis weist den Jakobspilger als Pilger aus.
Zunächst wollte ich auf den Spuren der Jakobspilger alle vier Hauptrouten - über Paris (1996), Vezelay (1992), Le Puy (1997) und Arles (1994) - mit dem Fahrrad von Deutschland aus nach Santiago pilgern. Mir kam es entgegen alle kritischen Anfragen und Widerstände darauf an, daß ich - wie die mittelalterlichen Pilger - von meiner Heimat aus lospilgere und mich nicht erst bis zu einem der Hauptsammelpunkte oder gar den Pyrenäen fahren lasse. Das Aufbrechen in der Heimat gehörte für mich einfach wesentlich mit hinzu, um den mittelalterlichen Pilgern besser nachspüren zu können. Ich wollte über die ganze Distanz hinweg nachspüren, was für ein weiter Weg es ist, den die Pilger seit Jahrhunderten angetreten sind. Immer wieder machte ich mir dabei bewußt, daß die Pilger früherer Jahrhunderte Monate benötigten, wofür wir heute nur Wochen benötigen. Dabei pilgern die meisten Menschen den Weg nur in eine Richtung. Der Rückreise wird zumeist mit Auto, Bahn oder Flugzeug durchgeführt. Diese Möglichkeiten stehen aber erst den Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts offen.
Wenn es nur dies wäre, so wäre mein „Santiagofieber“ damit ausgeheilt. Es brennt aber nach wie vor weiter. Es kommt mir dabei nicht als Schmerz vor, sondern als Freude und Begeisterung. Somit ist es noch mehr, warum ich auch in Zukunft noch weitere Radwallfahrten von Deutschland aus nach Santiago de Compostela durchführen werde.
Es ist die Begegnung mit der Geschichte. Romanik und Gotik sind in jedem größeren und kleineren Ort Südfrankreichs anzutreffen. Mitunter sind in Frankreich Bauten aus der Karolingerzeit oder in Spanien Gebäude der Westgoten zu sehen. Menschen verschiedener Jahrhunderte haben immer wieder auf ihrem Weg nach Santiago daran mitgeholfen. Davon zeugen nicht nur die großen Bauleute, deren Namen uns überliefert sind, wie zum Beispiel Hans, Simon und Franz von Köln. Sie haben nicht nur an der Kathedrale von Burgos mitgewirkt. So wird der Kenotaph, die lehre Grabstätte des hl. Juan von Ortega, Hans von Köln zugeschrieben, er baute 1452 zusammen mit Simon auch am Kloster Cartuja de Miraflores. Auch trugen Tausende von Santiagopilgern Kalksteine von Triacastela zum über 100 km entfernten Castañeda, damit sich dort in den Kalköfen zu Kalk für den Bau der Kathedrale in Santiago gebrannt werden konnten. Zur Erinnerung an diese großartige Leistung wurde 1965 am Ortsausgang von Triacastela den vielen unbekannten Pilgern ein Denkmal gesetzt.
Daneben ist diese Wallfahrt eine europäische Geschichte, länderübergreifend, im wahrsten Sinne des Wortes inter-national. Davon legen gerade die Kirchen und ihre Ausschmückungen Zeugnis ab. Hier sei nur kurz auf das Y-förmige Kreuz in Puente la Reina hingewiesen, das von einem deutschen Pilger im 14.Jh geschnitzt und auf seinen Schultern bis nach Puente la Reina getragen worden ist. Oder an die großen flämischen Wandteppiche, die in der Dorfkirche von Castrojeriz hängen. Diese Internationalität ist auch heute noch erlebbar. Auf dem Camino sind Pilger aus ganz Europa anzutreffen, die sich zu einer großen Pilgerfamilie - Jakobsschwester und –brüder - alle in Santiago treffen.
Es ist auch das Bewußtsein der Nachfolge, das auf dem Pilgerweg immer wieder ganz deutlich erfahrbar wird. Wenn z.B. in Puente la Reina über die alte Pilgerbrücke gegangen wird - Radpilger schieben hier oft ganz bewußt ihr Rad über diese Brücke -, dann weiß man nicht nur um die Verbundenheit mit den Pilgern früherer Jahrhunderte, man kann sie auch regelrecht erspüren und erleben. Ein eigenartiges Prickeln durchfährt dabei den Körper. - Oder wenn man schließlich vom Monte del Gozo aus erstmals die Türme der Kathedrale von Santiago sehen kann, dann kann es wie dem italienischen Geistlichen Domenico Laffi ergehen, der 1670 an dieser Stelle stand und berichtet: „Als wir die Höhe eines Bergzuges mit dem Namen ´Berg der Freude´ erreichten und das so herbeigeflehte Santiago offen vor uns liegen sahen, fielen wir auf die Knie und die Freudentränen schossen uns aus den Augen. Wir begannen das ´Te Deum´ zu singen, aber kaum brachten wir zwei oder drei Verse hervor, denn allzusehr unterbrachen Tränen und Seufzer unseren Gesang und ließen das Herz erzittern.“ Wer heute nach mehreren Wochen Pilgerreise vor oder in Santiago die Kathedrale sieht, dem geht es auch heute nicht viel anders. Freudig liegen sich die Pilger in den Armen. Alles ist vergessen, Mühsal und Entbehrung, Streit und Verletzungen, Freud und Leid. Was hier nur noch zählt, das ist die Freude, daß man am Ziel angekommen ist.
Schließlich ist es nicht nur die Nachfolge im Glauben dieser Menschen, die zu hunderttausenden und Millionen in früheren Jahrhunderten nach Santiago gepilgert sind, sondern auch die persönliche Nachfolge Christi. Nach-folgen, irgend jemand ist mir vorausgegangen, ist einen Weg gegangen. Diesen Weg will ich nach-gehen. Diesen Weg im Leben und im Glauben. Gott wurde in Jesus Christus Mensch. ER ist hier auf der Erde unter uns gewandelt. ER hat das Leben einen Menschen gelebt. ER hat uns vor-gelebt, wie wir leben sollen. Diese Nach-folge kann ich auf der Santiagowallfahrt in einer Art Wirklichkeit werden lassen, wie ich sie bisher nicht erlebt habe. Für mich ist die Wallfahrt an das Grab des Apostels Jakobus erleb- und erfahrbare Nach-folge. Hierbei wird Nach-folge Wirk-lichkeit. Deswegen pilgere ich immer wieder nach Santiago.
Der Steinhaufen, in dem diese kreuztragende Stange steht, überragt jeden Menschen. Das war nicht immer so. Irgendwann hat jemand damit begonnen, dort auf dieser Paßhöhe von 1500 m einen Stein unter das Kreuz abzulegen. Schon die Römer legten entlang ihrer Straßen an bestimmten Stellen Steine ab. Damit sollte Merkur, der Gott und Schützer der Wege, gnädig gestimmt werden. Am Cruz de Ferro hat dieses Steineablegen eine andere Bedeutung gewonnen:
Täglich tragen wir etwas mit uns. Es sind unsere alltägliche Lasten. Es sind die Verletzungen, die uns zugefügt worden sind. Es sind aber auch unsere eigenen Unzulänglichkeiten, unter denen wir selbst leiden. Diese Alltagslasten, die wir mit uns tragen, verkörpern sich in diesen Steinen, die die Jakobspilger seit Jahrhunderten zum Cruz de Ferro tragen. Dort, am Kreuz, dort dürfen wir diese uns so drückende Lasten ablegen. Zum Kreuz dürfen wir kommen mit alle dem, was uns beschäftigt, bedrückt und zuweilen auch niederdrückt. Am Kreuz dürfen wir es ablegen. Dort, unter dem Kreuz, haben unsere Lasten einen Platz gefunden, wo wir sie lassen können.
Aus diesem Grunde ist es auch ein Frevel, einen dieser Steine mitzunehmen. 1997 nahm ich ganz bewußt einen dieser Steine mit. Ich war mir meiner Un-Tat auch vollens bewußt. Meinen Mitpilgern habe ich es an Ort und Stelle erklärt, warum ich es tun werde. Es soll ein Stein sein, der in den Fuß des Kelches eingearbeitet werden soll, den ich 1998 zu meiner Priesterweihe erhalten soll. Dieser mit dem Stein vom Rabanal erschwerte Kelch soll mich bei jeder Messe daran erinnern, daß es zahlreiche Menschen mit den unterschiedlichsten Lasten gibt. Einige von ihnen haben diese Last in der Form eines Steines zum Kreuz am Rabanal getragen. Einer dieser Steine soll mich stellvertretend für die anderen an diese Lasten immer wieder erinnern. Diese Lasten will ich in der Messe immer wieder neu zu Gott bringen. Angesichts dieser Absicht möge man mir meinen Frevel, den ich 1997 am Rabanal begangen habe, verzeihen.