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Die Bartsch

Die Bartsch

 

Wenn im sommerlichen Schimmelwitz bei Obernigk ein Gewitter heraufzog, hörte ich den alten Gutsschaffer[1] Orschollek nach prüfen-dem Blick zum Himmel oft sagen:

„‘s zieht an der Boartsch nim !“ Das bedeutete Entwarnung. Anscheinend besaß das breite Urstromtal der Bartsch mit seinen vielen Wasserläufen und Teichen eine größere Anziehungskraft als die südlich angrenzenden Hügel des trockenen Katzengebirges.

Rund 50 km nördlich von Breslau und 20 km nördlich von Trebnitz und Obernigk finden wir diesen rund 140 Kilometer langen Fluss,  die Bartsch. Die Polen nennen sie Barycz. Der Brockhaus von 1996 gibt die Länge mit 133 km an, die Ausgaben von 1906 und 1953 jedoch  nennen 165 km. Die größte Breite wird mit 30 m angegeben. Laut der Enzyklopädie von 1822 ist die Bartsch bekannt wegen ihrer guten Hechte und wegen der vielen Überschwemmungen.

Sie entwässert ein großes Einzugsgebiet zur Oder hin, mindestens 5500 qkm.

Die Bartsch bei Sulau

Entspringend südöstlich von Ostrowo im Bartschbruch als  „Faule Bartsch“ überschreitet sie 21 km östlich Militsch die alte schlesische und Reichsgrenze und durchfließt die Landkreise Militsch-Trachenberg und Guhrau, um im Landkreis Glogau in die Oder zu münden. 

Die Bartsch ist ein Tieflandfluß mit geringem Gefälle, deswegen wohl im Oberlauf „Faule Bartsch“ genannt. Das mittlere Gefälle beträgt nur 0,364  Meter pro Kilometer. ( 1: 2747) Bei Rützen sind es sogar nur 0,17 m pro Kilometer. (!) Die Durchflußmenge betrug nach einer Hochwassermessung 1883 bei Rützen 130 cbm pro Sekunde. (Glatzer Neiße 900 cbm/sec. im gleichen Jahr bei Glatz)

Der Fluß weitet sich mehrfach zu Bruchland und Teichen aus, zu einem die Erde zerfaulenden Geriesel, schreibt W.E.Peuckert. So ist hier ein Moor- und Teichbruch entstanden, ein Erlensumpf, auch Luge genannt, den man am besten zu Wasser besucht.  „Der Wald schattet dunkel, die Stämme und Kronen rücken zusammen, der Waldboden zergeht zu Hunderten von Inseln. Der Spreewald wirkt zahm und gesittet dagegen“. So W.E.Peuckert in „Schlesien“.

Nur zwei Kilometer westlich der alten Grenze beginnt die über 40 Kilometer lange Teichlandschaft entlang des Flusses, nur kurz bei Sulau unterbrochen. 80 km² sind von künstlichen Teichen bedeckt, die einer intensiven Karpfenzucht dienen. Der erste der großen Teiche ist der Turbinenteich, die westlichsten der Alt- und der Elensteich. Meist sind das periodische Teiche, einige bis über 200 ha[2] groß, der Grabofnitze/Buchendorfer Teich sogar über 300 ha, die im Wechselrythmus jahrelang trocken stehen und dann wieder der Fischzucht dienen. Über 30 000 Zentner Karpfen wurden pro Jahr erzielt, das entsprach einem Viertel der Gesamtproduktion Deutschlands. Die größte Teichwirtschaft in Deutschland war die des Grafen Maltzan mit 1750 ha Teichfläche, laut Carl Galinsky, dem letzten Leiter der Maltzanschen Betriebe.

Ein Unland war es war es in früheren Epochen, ein Grenzwerk für Schlesien. Kaum passierbar und nur wenige Pfade, Pässe genannt, führten von Trachenberg nach Militsch und weiter zur Kontrolle der Wege nach Polen, so z.B der Trachenberger Pass. Aber schon im 18. Jahrhundert wurde mit Trockenlegungs- und Regulierungsarbeiten begonnen und ein ausgeklügeltes System von Kanälen und Schleusen sorgt für Be- und Entwässerung. Und schon lange gibt es die gut ausgebaute West-Oststraßenverbindung zwischen Trachenberg und Militsch über Sulau, sowie auch mehrere Nord-Südverbindungen. Die dünnbesiedelte Landschaft ist noch immer ein Naturparadies, einmalig die Vogelwelt,  ein zu allen Jahreszeiten überaus reizvolles Erlebnis für Naturfreunde.

Am Altteich, 10 km nordöstlich von Trachenberg

Die Stadt Militsch, am Südufer der Bartsch erhielt um 1300 deutsches Stadtrecht. 1939 hatte sie 5400 Einwohner, heute etwa 8000. 1714 wurde dort eine der sechs Gnadenkirchen errichtet. Die  Kirche ist gut erhalten, aber  jetzt katholisch. Das ebenfalls gut erhaltene Schloss der Grafen Maltzan ist von einem großen englischen Garten umgeben. Das kleine Städtchen Sulau, 1939 1200 Einwohner, besitzt neben dem Barockschloß des Grafen Schweinitz zwei schöne Fachwerkkirchen, es ist durch eine Kleinbahn mit Prausnitz und Militsch verbunden. Weiter entlang der Bartsch nach Westen durch die Teichlandschaft kommen wir nach Trachenberg. Gegründet 1253 an einer Furt durch den Fluss. 

Schloss Trachenberg

Das Barockschloss der  Fürsten von Hatzfeld, ab 1900 wurden sie Herzöge, ist leider ein Ruine, es ähnelte mit seiner Mittelkuppel dem Militscher Schloss.   

Hier bei Trachenberg wird die aus den Hammerdörfern und der Umgebung von Trebnitz kommende Schätzke aufgenommen, eine Verstärkung, die die durch die Speisung der vielen Teiche geschwächte Bartsch in trockenen Zeiten gut brauchen kann.

Der Schätzke floß  auch Wasser aus  der von Lindenwaldau-Schimmelwitz-Kapatschütz kommenden Stroga oder Struge zu, die einst beiderseits von Prausnitz mehrere Mühlen betrieb, den Prausnitzern Feuerlöschwasser lieferte unddas dortige Freibad speiste.

Dasgeringe Gefälle von Bartsch und Schätzke  wirkt sich bei den häufigen Überschwemmungen infolge der mißlichen Vorflutverhältnisse insofern besonders schädigend für die Landwirtschaft aus, als die Überflutungen lange stehen bleiben und damit so manche Ernte auf dem Halm faulen ließen.

Zur Eindämmung der Hochwasserschäden begann man daher lt. eines Berichts von Schulrat O.Hoffmann, Trachenberg im Heimatjahrbuch von Militsch – Trachenberg 1930/32 um diese Zeit mit  Schutzmaßnahmen längs der 113 Bartsch-Fluß-kilometer von Schwusen bis Wildbahn. Man baute Dämme,  Pfahl-Buhnen gegen die Uferunterspülungen und befestigte die Uferböschungen, wobei sich u.a. der Freiwillige Arbeitsdienst beteiligte als auch Arbeitslose eine Beschäftigung fanden. Auch Flussbegradigungen standen auf dem Programm. Über 1000 Mann sollen dabei tätig gewesen sein.

Nach 10 Kilometern  in nunmehr nordwestlicher Richtung erreicht die Bartsch ein weiteres früheres Bruchgebiet, die Wirsebinger Brüche. Hier zwischen Bartsch und Horle siedelte der Preußenkönig Friedrich der Große im 18. Jahrhundert Soldaten und Invaliden an, die in den neuen Dörfern Bartschdorf, Königsbruch, Wilhelmsbruch und weiterer Gründungen nach Melioration, also hier Trockenlegung der Moraste, eine neue Heimat fanden.

Nach weiteren acht Kilometern wird Herrnstadt an der Horle in geringem Abstand passiert. Herrnstadt, deutsche Stadtgründung von 1290, hatte 1939 laut Schlesienlexikon von K. Ullmann 2500 Einwohner. Es wurde am Ende des Zweiten Weltkriegs stark zerstört.

Die Horle, polnisch Orla, selbst beachtliche 95 km lang, ist auch ein langsam strömender, wenig regulierter typischer Tieflandfluss. Sie kommt aus der Gegend von Koschmin, nördlich Krotoschin, Provinz Posen und fließt gleich hinter Herrnstadt in die Bartsch. Ich selbst war als Arbeitsmann im Reichsarbeitsdienst 1940 bei Korsenz während ein paar Wochen mit Uferbefestigungsarbeiten an diesem stillen, schwarzen und geheimnisvollen Wasser beschäftigt.

 Die Bartsch legt noch rund 35 Kilometer zurück, passiert Sandewalde, Wiersewitz, Rützen, Osten, Zapplau, Zeippern und mündet bei Schwusen in die Oder, nachdem ihr kurz vorher noch der Schlesische und der Polnische Landgraben von Norden und der Faudelachgraben von Süden her zugeflossen sind.

Ein Bad in der Bartsch bei Zeippern

Guhrau, die Kreisstadt, ist mit einem 7 km langen Kanal mit der Bartsch verbunden. Übrigens, lateinische Namen hat sie auch, die Bartsch: „Bartha und Barussus“, so nachzulesen im Zedler Universallexikon von 1733.

Hier am Unterlauf der Bartsch hatten die Russen Ende Januar 1945 eine starke Flankensicherung aufgebaut. Dabei kam es besonders bei Rützen zu schweren Kämpfen, bevor  das Korps „GD“  unter General von Saucken[3] über eine Pionierbrücke und Fähren bei Oderbeltsch über die stark Treibeis führende Oder zurückging.

 

Hellmut Seidel, im Januar 2000

 [1] Vorarbeiter, Vogt

[2] wie z.B. der Schliersee

[3] letzte Ruhestätte Waldfriedhof München-Solln