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Die Glatzer Neiße
Die Glatzer Neiße ist der südlichste der niederschlesischen Odernebenflüsse, über den im Rahmen dieser Reihe ausführlich
berichtet werden soll. Die Neiße sammelt alle Wasser, die ihr vom Gebirgsrahmen der Grafschaft Glatz, vom Altvatergebirge
und den Vorbergen zuströmen und führt sie zur Oder ab. Vor Hebung der Geröllhalde bei Bobischau, die jetzt die
Wasserscheide zu Elbe und Donau bildet, sollen einmal Stille Adler, Rothwasser und March durch das Neißetal geflossen sein.
Zunächst der Steckbrief der Glatzer Neiße: Länge 182 Kilometer. (Nach anderer Quelle 195 Km.) Einzugsgebiet 1778 qkm.
Sie entspringt im Glatzer Schneegebirge am Eschenberge bei Thanndorf und Neißbach in 832 m Höhe und mündet sechs Kilometer nördlich von Schurgast in die Oder in 140 m Höhe. Höhendifferenz:
692 m. Das ergibt ein Gefälle von 3,80m pro Kilometer oder 1: 263. Vom Austritt aus dem Bergland bei Wartha, wo etwa der
Beginn des Unterlaufs anzusetzen ist, beträgt die Höhendifferenz noch etwa 110 m. Das bedeutet nur noch einen Meter pro
Kilometer oder 1: 1000, also geht es nicht mehr so schnell talwärts. Zum Vergleich: Bartsch 1: 2890, Naab 1: 637. (Auf 637m Flußstrecke beträgt das Gefälle 1 m)
Eine Anmerkung zu diesen Zahlen: Meistens bin ich mangels anderer Quellen gezwungen, die Höhenangaben aus Karten zu
entnehmen, wozu mir einige Generalstabskarten 1: 100000 und Schlesien 1: 300000 zur Verfügung stehen. Es ist oft auch
nicht einfach die Quellen exakt zu ermitteln und die Angaben über die Flußlängen weichen oft stark voneinander ab. Über die
Spreequelle wird z.B. immer noch gestritten. Die von mir angegebenen Zahlen können daher im einen oder anderen Fall nur als Anhaltspunkte dienen.
Die Neiße, der Name soll „Niederungsfluß“ bedeuten, bildet, grob gesehen etwa ab Patschkau die Grenze zwischen Nieder-
und Oberschlesien, einige OS-Kreise oder Teile davon liegen allerdings auch nördlich der Neiße.
Die junge Neiße fließt zunächst nach Süden, nur drei Kilometer trennen sie von der March, die zur Donau geht, wendet sich
aber bald in spitzem Winkel nach Norden, eine Richtung, die sie im Verlaufe der nächsten 50 km einhält, um dann in einem
großen Bogen nach Osten abzudrehen. Sie nimmt bald zahlreiche Bäche auf, die ihr vom Habelschwerdter Gebirge und vom
Schneegebirge zufließen, so den Wölfelsbach mit dem prächtigen Wasserfall vom Schneeberg. Schreibendorf, das Städtchen
Mittelwalde, gegründet um 1294, unter 3000 Einwohner, Herzogswalde, Schönfeld, Ober- und Nieder Langenau säumen die
Ufer bis Habelschwerdt. Gegründet im 13.Jahrhundert, war die Stadt bis 1742 böhmisch, bzw. habsburgisch. Heute über 10000 Einwohner.
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Kurz vor der Stadt mündet der erwähnte Wölfelsbach, im Stadt-gebiet die von der Hohen Mense (1084) kommende
Habelschwerdter Weistritz und wenig oberhalb das Weißwasser. Krotenpfuhl, Grafenort, Rengersdorf, Piltsch, wo die Biele
zufließt und noch vor Glatz die Glatzer- oder Reinerzer Weistritz, die ihren 34 Kilometer langen Lauf auch im Gebiet der Hohen Mense beginnt, begleiten die junge Neiße bis Glatz.
Die Stadt gilt als ältester, 981 geschichtlich bezeugter Ort Schlesiens. 1275 dann deutsch-rechtliche Stadt. Glatz war eine
Festungsstadt, eingezwängt zwischen Kasernen und grauen Klöstern, die sich erst nach Beseitigung der Festungswälle 1877
ihrer von der Natur bevorzugten Lage bewußt wurde. Im letzten Krieg blieb Glatz verschont, in den Folgejahren aber hat die
Bausubstanz leider sehr gelitten. Die Einwohnerzahl wuchs von 22 500 vor dem Kriege auf jetzt über 29000.
3 Kilometer nördlich Glatz bei Steinwitz wird die Steine, auch Braunauer Steine genannt, aufgenommen. Die Steine kommt aus
dem Waldenburger Bergland und berührt auf ihrem 60 Kilometer langen Weg Friedland in Schlesien und Braunau im Sudetenland, um bei Scheidewinkel wieder in die schlesische Grafschaft Glatz einzutreten.
Wieder zur Neiße. Nach mehreren Flußschlingen bei Neißefels, Mühldorf, Neißtal und Giersdorf zwängen sich Fluß, Straße
und Eisenbahn durch den Paß und die Enge von Wartha, dem vielbesuchten Wallfahrtsort. Johnsbach, Frankenberg, Dürr-
Hartha, Grunau und Kamenz mit seinem gewaltigen Preußenschloß sind die nächsten Orte an der Neiße, die jetzt aus
dem Gebirgsland heraus in die hügelige Landschaft Oberschlesiens eintritt. Schrom, Reichenau, Ober Pomsdorf seien noch
erwähnt, bevor sich gleich ostwärts von Patschkau das Staubecken von Ottmachau über fast 7 Kilometer Länge erstreckt.
Patschkau, 1254 mit deutschem Stadtrecht gegründet, daneben Alt Patschkau, die vermutlich schon vorher bestehende Ansiedlung.
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Patschkau, wegen der gut erhaltenen Stadt-befestigung auch „schlesisches Rothenburg“ genannt, hatte/hat um die 8000
Einwohner. Das Städtchen Ottmachau, nur 12 Kilometer östlich von Patschkau, ist auch schon 1254 als deutscher Marktort
gegründet worden. Es wurde besonders bekannt durch den 1933 fertigge-stellten Stausee, der eine Fläche von über 20 qkm
bedeckt und ein Fassungsvermögen von 143 Mio cbm hat. Zum Vergleich: Marklissa 15, Mauer 50, Edertalsperre 202 Mio
cbm. Inzwischen ist ein noch größeres Rückhaltebecken dazugekommen, der 9 Kilometer lange Glumpenauer Stausee. Sehr
spät erst hat man sich zum Bau der Ottmachauer Talsperre entschlossen, da für eine Anlage im engen Flußtal des Oberlaufs
kein geeigneter Platz gefunden worden war. Vor dem Ottmachauer Stausee werden noch der Pausebach von Norden und die Tarnau von Süden aufgenommen.
Nach 12 Kilometern, vorbei an Eichenau, Glumpenau und Kohlsdorf, am neuen Stausee entlang ist die größte und
bedeutendste Stadt an der Neiße erreicht: Neisse. Vorher noch ein paar Worte zur Biele. Sie legt vom Altvatergebiet, wo sie
3 Kilometer unterhalb des Altvaters (1490m) entspringt, über Freiwaldau-/Sude-tenland und Ziegenhals eine Strecke von etwa
50 km zurück und führt aus ihrem großen Einzugsgebiet der Neiße viel Wasser zu. Zur Unterscheidung von der Landecker
Biele wird sie auch Freiwaldauer Biele genannt. Grundwasser, Weidenauer Wasser und Biele münden direkt in den neuen Stausee. Bielau und Neumühl dürften vom neuen Stausee profitieren, da sie Anlieger geworden sind.
Neisse
, wahrscheinlich 1215 gegründet, wurde 1225 mit flämischen Recht ausgesetzt. Zum Schutze der Stadt, so wird
vermutet, haben die ersten, vom Bischof herbeigerufenen Siedler die Biele in zwei Arme gespalten. Der eine Arm verlief
außerhalb der Mauer, der andere wurde zur reinigenden Durchspülung durch die Stadt geleitet. Den von den Preußen
verstärkten früheren Festungsbauten mußte die Altstadt weichen, trotzdem weist die Stadt viele schöne, besonders aus der
Bischofszeit stammende Bauten auf, erwähnt sei der „Schöne Brunnen“ von 1686. Man nannte die Stadt wegen der vielen
Kirchen auch das „schlesische Rom“. Neisse war zu deutscher Zeit eine bedeutende Industrie- und eine Garnisonstadt. Vor dem Kriege hatte sie 37 900 Einwohner, jetzt über 45 000.
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Am 2. September 1938 wurde die Stadt wieder einmal überflutet und auch der Ottmachauer Stausee konnte die
Wassermassen nicht zurückhalten. Da auch die Biele Hochwasser zuführte, brachen die Dämme an mehreren Stellen und am
Töpfermarkt im Zentrum stand das Wasser 2 Meter hoch. U.a. war die Wasser- und Stromversorgung für einige Wochen
unterbrochen, die Brücken beschädigt, Ratsturm und Jacobuskirche unterspült. Aber die zerstörten Brücken konnten bald wieder aufgebaut werden.
1945 fiel die umkämpfte und schwer beschädigte Stadt am 23./24. März in die Hand des Feindes, die eigene Front stabilisierte
sich dann entlang der Biele.
Bis Kaundorf behält die Neiße noch ihre Ostrichtung bei, dann biegt sie nach Norden ab.
Ober-Jeustritz, Rothaus, Grünfließ, Bielitz, Winzenberg, Sonnenberg, Pilkendorf, Kirchberg und Tiefensee begleiten die Neiße
am Rande des großen Tillowitzer Forsts, auf der Westseite gegen Grottkau liegt weites fruchtbares Bauernland. Von Grottkau
kommt das Grottkauer Wasser. Zwischen Michelau und Groß Sarne eine vorletzte Richtungsänderung der Neiße nach
Nordwesten bis Schurgast, unweit des kleinen Landstädtchens Löwen mit 4000 Einwohner vor dem Krieg, 5000 nachher.
Erstaunlich der Bevölkerungszuwachs, obwohl die Stadt 1945 schwer unter den Kampfhandlungen zu leiden hatte.
Bei Löwen mündet die Steine oder Steinau. Auf ihrem 40 km langen Weg von Steinau über Friedland und Falkenberg
durchquert sie den Tillendorfer Forst und
die dortige Teichlandschaft von Süd nach Nord. Bis zur 4 Kilometer entfernten Kleinstadt Schurgast- der man inzwischen das
Stadtrecht entzogen hat - behält die Neiße ihre Nordostrichtung noch bei, um für die letzten sechs Kilometer wieder einen Nordkurs einzuschlagen.
Das letzte große Oderhochwasser hat gezeigt, daß auch die Stauseen der Odernebenflüsse die große Katastrophe, die ganz
große Flut nicht verhindern konnten.
Hellmut Seidel, im März/Mai 2000
Quellen:
Karte Schlesien 1:800000 Paul List Verlag KG K. Ullmann, Schlesien-Lexikon
H. Sieber, Schlösser und Herrensitze in Schlesien H. Hupka (Herausgeber) Schlesisches Panorama Josef von Golitschek, Schlesien – Land der Schlösser W.E. Peuckert, Schlesien
Kraft/Niekrawietz, Schlesien Dr.Josef Partsch, Schlesien (Landeskunde) Fedor Sommer, Landeskunde Schlesien v.Ahlfen, Der Kampf um Schlesien Hausdorf, Unser Schlesien
Denkschrift über die Ströme Memel bis Rhein, Berlin 1888 Vers. 2
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