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Die Weide
Rund 50 km südlich der Bartsch sucht sich die etwas kleinere Schwester Weide ihren Weg zur gemeinsamen Mutter
Oder. Ein wenig bekanntes Flüßchen, die Weide, müssen doch die rechten schlesischen Oderzuflüsse Olsa, Raude,
Klodnitz, Malapane, Stober, Weide und Bartsch gegenüber den bekannteren linken Zuflüssen meist zurückstehen.
Die Weide, früher verschiedentlich auch Weida oder Weyda genannt, die Polen nennen sie Widawa, entspringt bei
Rudelsdorf, das liegt halbwegs zwischen Gr.War-tenberg und Festenberg, am Südhang der Schildberger Höhen. Auch Schollendorf wird die Weidequelle zuge-schrieben[1]. Gr. Wartenberg, eine kleine Kreisstadt mit schönem
Schloß, die seit 1283 ihren Namen Warten-berg trägt und die 1945, obwohl kampflos in die Hände der Russen
gefallen, stark zerstört wurde. Festenberg, auch schon 1293 als deutsche Stadt gegründet, war bekannt als die „Tischlerstadt“, denn nicht weniger als 54 Tischlereien gab es einmal dort.
Streng nach Süden mit einer nur leichten Ausbuchtung nach Osten geht der Lauf der Weide zunächst, vorbei an den
Stradam-Dörfern, Kunzendorf und bei Dalbersdorf wird die von Bralin (173m) kommende „Schwarze Weide“ aufgenommen. Laut Meyers Lexikon von 1909 entspringt die Weide als „Schwarze Weide.“
Nachdem die Schwarze Weide hier beim Zusammenfluß bereits einen etwas längeren Weg als die Weide
zurückgelegt hat, könnte man durchaus die Schwarze Weide als den Hauptquellfluß bezeichnen. Daher wohl auch die unterschiedlichen Längenangaben.
Weiter Paulsdorf und Michelsdorf mit seiner schönen Schrotholzkirche, wo die Studnitz, von Reichthal her zufließt.
Das „Reichthaler Ländchen“, völlig schlesisch/deutsch gesinnt, wurde nach dem Ersten Weltkrieg ohne Volksabstimmung Polen zugesprochen.
4 Kilometer östlich von Paulsdorf liegt Schmograu, wo es laut „Zedler Universal Lexikon von 1747“ die erste Schule
in Schlesien gab, im Jahre 956. Auch Bischofssitz soll es einst gewesen sein. In dem eben erwähnten Lexikon wird
uns viel über die Weide erzählt. „Sie entspringt,“ heißt es da, „in der Herrschaft Wartenberg, gantz an der
Pohlnischen Grentze aus dem Weiderteiche.“ Viele Mühlen „drehte“ die Weide. So bei Jauchzenbach (Jauchenbach, existiert heute nicht mehr), St.Michael (Michelsdorf) und die Grabkersmühle in Altstadt.
Hier wird nach rund 30 km Flußlauf Namslau erreicht, das auf dem linken Ufer liegt. Seit etwa 1270 ist Namslau im
Be-sitze deutschen Stadtrechts. 1939 hatte die Kreisstadt 8200 Einwohner, 1975 bereits 12400. Das alte Deutsch-Ordenschloß ging 1895 in den Besitz der Brauerei Hasel-bach über. Der letzte Besitzer die-ser
weltbekannten Brauerei, Albrecht Haselbach, trug hier eine bedeutende Sammlung schlesischer Städte- und Landschaftsansichten zusammen. Das gute Haselbach-Bier wird nicht zuletzt dazu beigetragen haben, daß Namslau
einmal den höchsten Pro-Kopf-Bierverbrauch der Welt hatte. Das erfahren wir von Albrecht Haselbach selbst, und der muß es ja wissen.
Obernigker Schüler, das sei hier so nebenbei erwähnt, hatten eine besondere Beziehung zur „Heimat Namslau“,
denn der bekannte Lehrer Koschig stammte von dort.
Bei Namslau biegt der hier beinahe spreewaldähnliche Fluß nach Nordwesten ab und wählt damit den kürzeren
Weg zur Oder, anstatt wie die nahe Prosna den Umweg über die Warthe zu nehmen. Nach 13 km, vorbei an Ellguth,
Lauben und Weidenbach wird Bernstadt, die kleine Land- und Residenzstadt erreicht, die auf dem rechten Ufer liegt.
Bernstadt hatte 1939 4700 Einwohner. Es war als Fürstenwalde 1266 nach fränkischem Recht gegründet worden
und beherbergte in der Reformationszeit eine Fürstenschule. Das Schloß, schon 1339 an die Oelser Fürsten gefallen, blieb bis 1945 im Besitz des preußischen Königshauses.
Erwähnt im schon genannten Zedler-Lexikon betrieb unsere Weide um Bernstadt die Tamenger Mühle, die
Kranster-, Kreuz- und Kricher Mühle. Die letzte in der Kette ist die Agnes-Mühle in Weidenhof. Der „Strom“ lieferte
„delicate Fische und Krebse“. Letztere sollen sogar auf den Speisekarten in Paris gestanden haben
Die ehemalige Reichsstraße 117, die von Gleiwitz kommend über Bernstadt auch Oels, Trebnitz und Obernigk
passiert, sowie die Eisenbahnlinie von Kreuzburg nach Oels begleiten die Weide bis Bernstadt.
War der Flußlauf hinter Namslau nach Nordwesten gerichtet, geht es jetzt ab Bernstadt genau nach Westen. Der
Fluß bildet ab hier meist zwei oder mehr Arme, Alte- und Neue Weide, Grenzwasser und durchquert den Oelser- und
den Kottwitzer Forst. Es geht vorbei an den Dörfern Weidenfließ, Vielguth und Klarenwald, bevor der Kurs wieder auf Nordwesten dreht.
Von Norden kommend werden Schmollen-, Schwierse- und der Oelser Bach aufgenommen, von Süden eine Reihe
kleinerer Bäche. Ganz in der Nähe liegt das Dorf Nädlingen, wo der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge erst kürzlich den Friedenspark angelegt hat, mit auch einem Baum aus Obernigker Spenden.
Zwischen den Dörfern Kl.Weigelsdorf, Wildschütz und Görlitz war der Fluß einst die Grenze zwischen der Stadt
Breslau mit den Stadtteilen Guentherbrücke und Friedewalde einerseits und dem Landkreis Oels andrerseits. Auf
etwa zwei Kilometer Länge westlich Hundsfeld bis Glockschütz und Burgweide ist die Weide eine „Breslauerin“, denn
sie fließt durch das Stadtgebiet und nähert sich, zwischen Dämmen eingezwängt, dem Breitenbach-Kanal bis auf 1500 Meter.
Hier fließt ihr noch neben kleineren Bächen das von Nordosten kommende Juliusburger Wasser zu, an dem in
geringer Entfernung Sybillenort mit seinem prächtigen Schloß liegt. Es diente seit 1918 der sächsischen Königsfamilie als Wohnsitz.
Der Breitenbach-Kanal ist der nördliche, äußere Arm des die Stadt Breslau umgehenden Oder- Flutkanals. Bis 1945
bildete hier die Weide auf 15 km die Grenze zwischen dem Landkreis Breslau im Süden und dem Kreis Trebnitz im Norden bis zu ihrer Mündung in die Oder.
Bei Gr.Bischwitz, Hünern und Simsdorf fließt, oder floß die Weide ganz kurz auch mal durch Trebnitzer Kreisgebiet.
Sie passiert außer den schon genannten Orten noch Weide, Weidebrück und Weidenhof, wo Straße und Eisenbahn
kreuzen, um nach etwa noch drei Kilometern westlich Weidenhof beim Vorwerk Häselei in die Oder zu münden. Das durchschnittliche Gefälle beträgt 0,9 m pro Kilometer oder 1 : 1111.
Von Bernstadt bis zur Mündung sind es noch über 50 Kilometer, so daß die Gesamtstrecke des Flußlaufs mit rund
100 Kilometern angegeben werden kann.
Die diversen Lexika nennen Flußlängen von 102 bis 110 Kilometern. Aus der Höhendifferenz zwischen Quelle und
Mündung von etwa 90 m ergibt sich ein durchschnittliches Gefälle von 0,86 m pro Kilometer oder 1: 1162, d.h. 1 m Gefälle auf 1162 m Flußlauf. (Vergleiche: Bartsch 0,36/1: 2747. Bober 2,77/1: 360)
Weidenhof war Bahnstation, gleich nach Schebitz, von Obernigk aus betrachtet, und den Obernigkern , besonders
den Fahrschülern wohlbekannt. Zum Hinausschauen hatten Letztere allerdings meistens keine Zeit, denn es waren häufig noch Schularbeiten zu erledigen oder man spielte Karten.
Die alte hölzerne Weidebrücke bei Weidenhof, die man nur noch im Schrittempo befahren durfte, wurde in den 30er
Jahren abgerissen und durch eine moderne Konstruktion ersetzt. Der bekannte Lehrer Ullmann aus Obernigk hatte
um 1932 ein Theaterstück geschrieben, worin die Bemerkung vorkam: „denn noch immer wackelt die Brücke über die Weide“.
Heute grenzt hier an der Weidebrücke die Gemeinde Obernigk (Gmina Oborniki) direkt an die Stadt Breslau und laut
Brockhaus von 1997 liegt damit die Weidemündung im Stadtgebiet von Breslau, wie auch die linken Zuflüsse Ohle, Lohe und Weistritz.
Der aus Liegnitz gebürtige Schriftsteller Horst Lange, 1904 – 1971, schrieb 1937 den Roman „Schwarze Weide“.
Lange gestaltet das Erleben und Erleiden des heutigen Menschen und beschreibt vor dem Hintergrund der Oderlandschaft die Kraft der dämonischen Mächte und seelischen Abgründe. (Gero v. Wilpert, Deutsches
Dichterlexikon)
Während des Kampfes um Breslau von Februar bis Mai 1945 verlief die Nord- und Ostfront des Verteidigungsringes
längere Zeit entlang der Weide.
Hellmut Seidel, im Januar 2000
[1] Meyers Lexikon von 1852
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