JOHN ABBOTT COLLEGE

Besuch '99

1. Gruppe 1999 Am 18. August 1999 war es so weit, eine Gruppe Zehntklässler, 15 an der Zahl, machte sich vollbepackt auf nach Frankfurt. Unser viermonatiger Trip nach Montreal/Quebec konnte beginnen. Ein halbes Jahr zuvor bot uns Herr H. Schlieger diesen Auslandsaufenthalt im zweisprachigen Montreal (Französisch und Englisch) am John Abbott College an. Da die Kontakte zu der Partnerschule in den USA abgerissen waren, hatte sich unser Lehrer auf die Suche gemacht und mit dem dort unterrichtenden Lehrer Dr. Alan Weiss einen neuen Kontakt geknüpft. Mehr oder weniger spontan fanden sich dann Schüler aus allen drei zehnten Klassen zusammen, die sich in die Ferne wagen wollten. über unsere Gastfamilien wussten wir so gut wie nichts und hatten auch über den Ablauf des Aufenthaltes wenig Informationen. Dieses halbe Jahr bis zu unserer Abreise ging rasch vorbei und schon brüteten wir über die schwierige Frage, was wir an Kleidung und sonstigen Gegenständen mitnehmen sollten. Hätten wir gewusst, dass es ganz entgegen unserer Erwartungen bis Mitte September so heiß sein würde, wären unsere Koffer wohl etwas leichter gewesen... Ja, und dann saßen wir nach ein paar Abschiedstränen im Flieger gen Westen und konnten uns noch gar nicht richtig vorstellen, wie es ohne unsere Freunde und Familien in einem fremden Land sein würde. Nach der Landung in Montreal hatten wir zunächst noch ärger mit Formalitäten, konnten dann aber gegen Mittag unsere Gastfamilien begrüßen, die uns total nett aufnahmen und gleich mit uns nach Hause fuhren. Im Großen und Ganzen kamen wir uns mit unseren "neuen" Familien recht gut klar, mussten uns aber an die kanadische Lebensweise erst einmal gewöhnen. Dabei fiel mir gleich auf, dass Mikrowelle, Backofen und Tiefkühltruhe ein Muss in jedem Haushalt sind, sonst wären die Kanadier ziemlich unfähig sich zu ernähren. Unsere neue Ernährung machte sich dann auch bald in Form von rapider Gewichtszunahme bemerkbar...

Unsere Zimmer unterschieden sich sehr von einander. Die einen hatten 2 Quadratmeter für ihre privaten Dinge, die andern mussten zu zweit ins Zimmer, die wenigen Glücklichen hatten sogar mehr Platz als zu Hause. Nach vier Tagen Heimweh, Eingewöhnung und Erholung des Jetlags ging's dann Schlag auf Schlag los, und das Herbstsemester unserer neuen Schule mit bescheidenen 5000 Schülern konnte beginnen. Nach anfänglichen Orientierungs- und Organisationsschwierigkeiten kehrte bei uns allen der Alltag ein. Jeder von uns hatte seinen eigenen Stundenplan und unterschiedliche Kurse (Vergleich: Oberstufe). Manchmal musste man schon um halb Neun zum Unterricht erscheinen, an anderen Tagen konnte man gemütlich ausschlafen wenn die Schule erst um 12:30 anfing. Der Unterricht dauerte dann bis etwa 16:00 oder auch länger. Horrortage waren die Tage mit fünf Stunden Nonstop-Unterricht, an anderen hatte man dann vielleicht mal eine Pause von bis zu fünf Stunden (ich jedenfalls). In solchen Stunden belagerten wir dann das Computerlabor mit Internetanschluss(!!). Im ersten Monat konnten wir unsere Kurse noch umwählen oder abwählen, wobei wir dann noch im Durchschnitt fünf Kurse besuchten. Unsere kanadischen Mitschüler waren im Schnitt zwei bis drei Jahre älter, manchmal sogar auch Mitte 50. So war zum Beispiel im Französisch-Kurs für uns Lateiner eine 50-jährige US-Amerikanerin, die nicht mehr so viel kapierte, jedoch offensichtlich Spaß hatte! Die Lehrer haben sich mitleidsvoll um uns Deutsche gekümmert, leider nicht immer sehr erfolgreich, wie einer der Physiklehrer, durch dessen Kurs wir ausnahmslos durchfielen. Erreichte man nämlich nur 59 Prozent (in Quebec werden Schüler in erreichten Prozenten bewertet, wobei alle Ergebnisse über 60 % als bestanden gelten), so hatte man diesen Kurs nicht bestanden. Auf die mündliche Mitarbeit wurde meistens kein großer Wert gelegt, da sich die Noten aus Kursarbeiten, kleinen Überprüfungen und dem Abschlussexamen zusammensetzten. Letzteres fand in der Sporthalle statt, wo die Schüler auf Spickzettel - mehr oder weniger erfolgreich - durchsucht wurden. Die Halle fasst etwa 300 Schüler, die je nach dem, zwei bis vier Stunden Zeit haben, um z.B. für Mathe 30 Aufgaben aller behandelten Themen zu lösen. Das hört sich jetzt alles recht schwer und zeitraubend an, dem war aber nicht so.

Wir hatten auch viel Freizeit, abends, übers Wochenende oder an den insgesamt zwei bescheidenen Feiertagen. So besuchten wir mit den andern 30 deutschen Schülern aus verschiedenen Orten Deutschlands Kanadas Hauptstadt Ottawa, besichtigten dort das Parlament, ein Museum und verschiedene andere Sehenswürdigkeiten. Ein weiteres Angebot des John Abbott Colleges war ein Besuch im Indianerdorf namens Kanawake. Dort wurde uns etwas von der Kultur der Indianer gezeigt, sowie einige lustige Tänze vorgeführt. Ein weiterer Höhepunkt unserer Sprachreise war der Besuch der Niagara Fälle. Sie liegen eine ca. achtstündige Busfahrt weiter südlich an der Grenze zu den USA. Ohne Begleitung von Erwachsenen machten wir uns zu 16. (vier von uns haben nicht zur TGA-Gruppe gehört) auf den Weg. Wegen der chaotischen Organisation mussten wir bei unserer Ankunft leider feststellen, dass wir keine Unterkunft hatten. Glücklicherweise fand sich dann doch noch ein Motel mit vier freien Doppelbettzimmern. Ergo schliefen wir halt mal zu zweit für eine Nacht in einem Bett (Natürlich geschlechtlich getrennt!!). Unsere hohen Erwartungen bezüglich der Fälle wurden wir allerdings etwas enttäuscht. Wir dachten, die Wasserfälle wären größer und mehr von Natur umgeben. Nachts war Niagara dann eine einzige Spielhölle, touristendurchflutet und ganz und gar nicht idyllisch. Am nächsten Abend starteten wir dann unsere Rückreise und kamen morgens erschöpft, aber heil wieder an! Zu unseren beliebtesten Freizeittätigkeiten gehörten ausgiebige Kino-Besuche, sowie Bummeln im nahegelegen Einkaufscenter Fairview oder Shopping in Downtown, der Innenstadt Montreals. Anschluss zu kanadischen Jugendlichen fanden nur einige wenige. So zum Beispiel Chris die recht erfolgreich im "Women's Soccer-Team" von John Abbott spielte. Andere wiederum hatten Gastgeschwister im passenden Alter. Jedoch blieben wir sehr viel untereinander, was natürlich das Englischlernen nicht gerade förderte.

Meiner Meinung nach haben wir das eigentliche Ziel unseres Aufenthaltes als sogenannte Pilotgruppe (Schüler des TGA waren zuvor noch nie für eine so lange Zeit im Ausland), das Lernen der Fremdsprache(n) erreicht. Wir sind jetzt im Englisch für den täglichen Gebrauch fit, können uns besser ausdrücken, müssen nicht mehr so lange über die richtige Wortwahl nachdenken und die Grammatik inklusive Aussprache kommt uns flüssiger über die Lippen. Wir alle haben auch einen hübschen kleinen "original kanadischen" Akzent mitgebracht, der mir persönlich sehr gut gefällt. Er ist nicht so gestochen wie das Hochenglisch und auch nicht so "breit" wie das typische Ami-Englisch, sondern irgendwas mittendrin. Schulisch hat sich unser Auslandsaufenthalt auf jeden Fall zumindest im Fach Englisch positiv bemerkbar gemacht. In den anderen Fächern hatten wir anfangs zwar ein paar Probleme, aber nach etwa einem Monat war der Stoff größtenteils wieder aufgeholt. Mittlerweile fällt es kaum noch auf, dass einige von uns ein Schulhalbjahr der entscheidenden 10. Klasse gefehlt haben. Wie es um die französischen Sprachkenntnisse steht, weiß ich leider nicht, da ich zu den Lateinern gehöre, deren Sprache sehr gelitten hat. Unser Kanada-Aufenthalt hat sich, denke ich, sehr positiv auf uns alle ausgewirkt. Wir wurden selbstständiger, selbstbewusster und irgendwo ein Stückchen freier. Wir konnten, Dank unserer spendablen Eltern, ein anderes Land mit einer anderen Kultur und anderen Leuten kennen lernen. Einigen von uns hat dieses Erlebnis sicher auch die Angst vor einem Auslandsstudium genommen und die Welt ein wenig weiter geöffnet. Unseren Nachfolgern, den jetzigen Neuntklässlern, wünsche ich viel Glück und Spaß und hoffe, dass sie mit ähnlichen guten Eindrücken wie wir heimkommen werden.

Kristin Kaufmann, Klasse 10c (1999) aus: Mitteilungen des Freundeskreises, Trifels-Gymnasium Annweiler