Alle Angaben ohne jede Gewähr und unter Ausschluß jedweder Haftung.
Hydraulische Bremsen am Langliegerad, das sich nicht überschlagen kann, führen zu einem extrem kurzen Bremsweg (solange das Blockieren der Räder vermieden werden kann). Ein auf Fernreisen u.U. gravierender Nachteil ist jedoch die geringe Verfügbarkeit von Ersatzteilen in den meisten Ländern der Erde. So war auch davon auszugehen, daß sämtliche für eine etwaige Reparatur der am „Gynt” verbauten Magura Bremsen erforderlichen Spezialwerkzeuge und Ersatzteile in Japan nicht erhältlich sein würden. Dabei schien trotz der an den knickempfindlichen Punkten angebrachten Transportabdeckungen eine Beschädigung auf dem Hinflug nicht ausgeschlossen, weshalb entsprechendes Reparaturwerkzeug mitgenommen wurde. Dies war kein Problem, denn die erforderlichen Spezialteile sind allesamt Pfennigartikel, klein und leichtgewichtig.
Inzwischen sind detaillierte Reparaturanleitungen, sogenannte „Workshop Manuals” für die verschiedenen Bremsenmodelle im „Downloads”-Bereich der Magura WWW-Seiten erhältlich. Das (auch) dort propagierte „Service Kit” ist jedoch zumindest für Besitzer von Langliegern nicht zu empfehlen: Sowohl die Länge des darin enthaltenen Ersatzschlauches wie die gelieferte Ölmenge samt der zum Neubefüllen der Bremsanlage vorgesehenen Spritze sind für eine Reparatur der Vorderradbremse am Langlieger zu knapp bemessen. Die bei einem Leitungsdefekt zu erneuernden Teile müssen daher einzeln gekauft werden, was zudem sehr viel billiger wird.
Das Foto zeigt zunächst einen Ersatzschlauch in ausreichender Länge (Meterware) und darunter 2 Metalldichtungen (Stückpreis 2001 ca. 50Pfg.). Bei jeder Montage eines neuen Schlauches muß die vorhandene alte Dichtung ersetzt werden, da sie beim Einbau deformiert wird (darauf beruht die Dichtwirkung). Das Einschrauben dieses Leitungsendes in das Bremsengehäuse ist der heikelste Teil der Reparatur: Bei zu geringem Anziehen wird keine ausreichende Dichtung erreicht, sodaß beim Bremsen Luft in die Anlage geraten kann, die anschließend von Neuem entlüftet werden muß. Bei zu festem Anziehen kann hingegen sehr leicht das (Fein!)gewinde im aus einem relativ weichen Metall bestehenden Bremsengehäuse irreperabel zerstört werden. Das „Magura Workshop Manual” gibt ein maximales Anzugsdrehmoment von 4Nm vor, aber wer hat unterwegs schon einen Drehmomentschlüssel mit passendem Meßbereich dabei? Deshalb wird man i.d.R. auf sein Feingefühl angewiesen sein. Ratsam erscheint es, im Zweifelsfall lieber 2 - 3x die Bremse zu entlüften, als die Bremse irreparabel zu ruinieren (solange die Leitungen nur nachgezogen, also fester eingeschraubt werden, ohne zwischenzeitlich gelöst zu werden, brauchen die Metalldichtungen nicht erneuert zu werden). Gewaltmenschen ohne Fingerspitzengefühl sollten diese Reparatur also besser dem Fachmann überlassen. Wer auch den „Fachleuten” des Ziellandes die nötige Vorsicht nicht zutraut, kann daran denken, für die Dauer der Reise zumindest eine Bremse gegen ein leichter weltweit zu reparierendes konventionelles Exemplar mit Seilzug auszutauschen.
Anders als die Metalldichtung läßt sich der am anderen Ende der defekten Leitung befindliche Metallstutzen durchaus weiterverwenden, sofern er beim Entfernen des alten Schlauches nicht beschädigt wird. Das Einpressen dieses Metallstutzens in den neuen Schlauch ist ohne die abgebildeten weißen Teflonklemmbacken, mit dem der Schlauch in einen Schraubstock eingespannt wird, fast unmöglich — mir ist es jedenfalls nie gelungen. Wessen Fahrradhändler auch nach Hinweis auf die Unbrauchbarkeit des „Service Kits” für (Lang)liegeradfahrer die beiden Backen nicht einzeln abgibt, kann sich auch am nicht allzu anspruchsvollen Nachbau geeigneter Backen versuchen (Durchmesser des „Schlauchloches” 5,0mm) oder seinen Händler wechseln.
Nach Austauch der Leitung muß die Bremse entlüftet werden. Hierzu wird neues Öl solange in die Befüllungsöffnung am Bremszylinder eingepreßt, bis am geöffneten Entlüftungsloch am Bremsgriff nur noch Öl ohne Luftblasen austritt. Zweckmäßigerweise schraubt man mittels 2er überzähliger Metallstutzen Silikonschläuche in beide Öffnungen ein, die mit Ölreservoir bzw. Auffanggefäß verbunden werden. Wegen der notwendigen Kontrolle auf Freiheit von Luftbläschen kommt insbesondere auf der Zulaufseite praktisch nur ein transparentes und möglichst flexibles Schlauchmaterial in Frage. Das Foto zeigt eine (ebenfalls transparente) Flasche mit normalem Feinmechaniköl. Tatsächlich habe ich meine Hydraulikbremsen über Jahre hinweg mit diesem Öl betrieben ohne Beeinträchtigungen der Bremswirkung oder Schäden an der Bremse feststellen zu können. Da ich darauf vertraute, vergleichbares Öl ebenso wie den zur Schlauchmontage erforderlichen Schraubstock nötigenfalls auch in Japan auftreiben zu können, kam die Ölflasche nicht ins Reisegepäck. Wer sich um die dichtungsangreifenden und weiteren Eigenschaften dieser Öle sorgt, sollte eine ausreichende Menge Originalhydrauliköles mitnehmen. Für Magura Felgenbremsen gibt Magura selbst als Alternative ausschließlich Castrol LHM an, ein Spezialöl für Kraftfahrzeuge der Marke Citroën, der Liter derzeit für knapp 10,--€ (Juni 2003).
© Axel Schnellbügel 2002, 2003