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Die
durch Medikamentenfälschungen verursachten Probleme in Deutschland werden
immer gravierender, warnt der ehemalige Präsident des Bundesinstituts für Arzneimittel
und Medizinprodukte (BfArM), Prof. Harald Schweim. "Waren Wirkstofffälschungen nach Auffassung
des Bundeskriminalamtes früher ein Problem der Dritten Welt, tauchen
derartige Produkte neuerdings vermehrt auch in westlichen Ländern auf",
erklärt der jetzige Lehrstuhlinhaber für "Drug Regulatory Affairs" an der Uni Bonn. Über 30 Prozent aller
Fälschungen würden heute in den Industrienationen entdeckt.
"Als
sicher gilt, dass die Fälscher in Europa sichergestellter Produkte vorwiegend
aus dem ost-europäischen Raum, daneben aber auch aus Asien, Afrika und
Lateinamerika kommen", erklärt Schweim, der
eine Aufklärungskampagne des Pharmakonzerns MSD zum Thema
Medikamentenfälschungen unterstützt. "Auch zwei Hamburger Unternehmer
und ein Schweizer Hersteller sind bereits mit Arzneimittelfälschungen in
Verbindung gebracht worden", berichtet Schweim
weiter. Spuren führten auch nach Italien, Spanien und Griechenland;
Schaltstelle in Afrika scheine Nigeria zu sein. In neuer Zeit seien
zusätzlich China und Indien als Quellen bekannt geworden.
"Die Fälscher-Banden besorgen sich aus weltweit verfügbaren Produktionen
Wirkstoffe sowie Verpackungsstraßen und infiltrieren mit ihren
Informationsnetzen sogar renommierte Hersteller, um an die Codierung
aktueller Chargen zu gelangen. Mit denen versehen sie dann die
Fälschungen", erklärt Schweim. Die Imitate
seien oft schwer zu erkennen: "Solange die Pille gleich groß ist und die
gleiche Farbe hat wie das Original, kann sie weder vom Arzt noch vom
Apotheker, geschweige denn vom Patienten als Fälschung identifiziert
werden."
Ein Eintrittsweg für Fälschungen scheine der Versandhandel im Internet und
der Großhandel zu sein. "Laut WHO ist jedes zehnte Medikament, das
weltweit per Versand verschickt wird, eine Fälschung. Verantwortlich für die
Zunahme der Fälschungen sind dabei auch die fallenden Handelsschranken",
erläutert Schweim weiter. Dem BKA seien – zwischen
1996 und Februar 2004 – insgesamt 28 Verdachtsfälle in Deutschland bekannt,
überwiegend Packungsfälschungen. Im neuesten Fall aus 2005 in Dillligen
(Bayern) seien gefälschten Produkte von einem US-Staatsbürger über ein
Netzwerk von mindestens 400 Internetseiten vertrieben worden. Die Produkte
selbst seien aus China gekommen. Vertrieben wurden nach Angaben Schweims Fälschungen der Medikamente â
(MSD); Xenicalâ (Lilly); Propeciaâ
(GSK); Cialisâ (Abott);
Zyban âReductil .â(Roche) und Viagra
Problematisch sei in Deutschland früher gewesen, dass das Fälschen von
Arzneimitteln rechtlich wie Produktpiraterie behandelt worden sei. "Es
handelte sich damals um Verstöße nach dem Markenrecht und Urheberrecht. Erst
seit der 12. AMG-Novelle können sie nach Arzneimittelrecht verfolgt
werden", erläutert der ehemalige BfArM-Leiter.
Dabei könnten die Folgen des Gebrauchs der Fälschungen gravierend sein:
"Über 50 Prozent der von der WHO aufgedeckten Fälschungsfälle enthielten
keinen arzneilich wirksamen Bestandteil, 19 Prozent
eine falsche Menge und 16 Prozent komplett falsche Wirkstoffe",
erläutert Schweim. Nicht nur Verpackungen würden
gefälscht, sondern auch die Beipackzettel hinsichtlich einer erweiterten
Indikationsstellung. Schweim: "Die
Verfallsdaten werden verlängert. Dokumente, die angebliche
Qualitätskontrollen bescheinigen, werden ebenfalls gefälscht."
Ärzte müssten daher die Ermittlungsbehörden in Deutschland aktiv bei der
Aufdeckung von Medikamentenfälschungen unterstützen, wenn sie Informationen
über Fälschungen hätten: "Die Ärzte sollten auch Ihre Patienten auf die
Gefahren durch gefälschte Medikamente, die zur Zeit vor allem über illegale
Internetquellen vertrieben werden, aufmerksam machen", sagt Schweim. Mehrere Pharmahersteller hätten auch das BMGS um
Hilfe im Kampf gegen die Medikamentenfälschungen gebeten. "Bislang hat
sich das Ministerium aber noch nicht geregt. Daher hat sich MSD jetzt mit
einer Kampagne an die Fachkreise gewandt und wird sich auch ab dem nächsten
Wochenende an die allgemeine Öffentlichkeit wenden."
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