Ehemaliger BfArM-Leiter warnt vor gefälschten Medikamenten in Deutschland

Di, 19.07.2005

 

Die durch Medikamentenfälschungen verursachten Probleme in Deutschland werden immer gravierender, warnt der ehemalige Präsident des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), Prof. Harald Schweim. "Waren Wirkstofffälschungen nach Auffassung des Bundeskriminalamtes früher ein Problem der Dritten Welt, tauchen derartige Produkte neuerdings vermehrt auch in westlichen Ländern auf", erklärt der jetzige Lehrstuhlinhaber für "Drug Regulatory Affairs" an der Uni Bonn. Über 30 Prozent aller Fälschungen würden heute in den Industrienationen entdeckt.

 

"Als sicher gilt, dass die Fälscher in Europa sichergestellter Produkte vorwiegend aus dem ost-europäischen Raum, daneben aber auch aus Asien, Afrika und Lateinamerika kommen", erklärt Schweim, der eine Aufklärungskampagne des Pharmakonzerns MSD zum Thema Medikamentenfälschungen unterstützt. "Auch zwei Hamburger Unternehmer und ein Schweizer Hersteller sind bereits mit Arzneimittelfälschungen in Verbindung gebracht worden", berichtet  Schweim weiter. Spuren führten auch nach Italien, Spanien und Griechenland; Schaltstelle in Afrika scheine Nigeria zu sein. In neuer Zeit seien zusätzlich China und Indien als Quellen bekannt geworden.

"Die Fälscher-Banden besorgen sich aus weltweit verfügbaren Produktionen Wirkstoffe sowie Verpackungsstraßen und infiltrieren mit ihren Informationsnetzen sogar renommierte Hersteller, um an die Codierung aktueller Chargen zu gelangen. Mit denen versehen sie dann die Fälschungen", erklärt Schweim. Die Imitate seien oft schwer zu erkennen: "Solange die Pille gleich groß ist und die gleiche Farbe hat wie das Original, kann sie weder vom Arzt noch vom Apotheker, geschweige denn vom Patienten als Fälschung identifiziert werden."

Ein Eintrittsweg für Fälschungen scheine der Versandhandel im Internet und der Großhandel zu sein. "Laut WHO ist jedes zehnte Medikament, das weltweit per Versand verschickt wird, eine Fälschung. Verantwortlich für die Zunahme der Fälschungen sind dabei auch die fallenden Handelsschranken", erläutert Schweim weiter. Dem BKA seien – zwischen 1996 und Februar 2004 – insgesamt 28 Verdachtsfälle in Deutschland bekannt, überwiegend Packungsfälschungen. Im neuesten Fall aus 2005 in Dillligen (Bayern) seien gefälschten Produkte von einem US-Staatsbürger über ein Netzwerk von mindestens 400 Internetseiten vertrieben worden. Die Produkte selbst seien aus China gekommen. Vertrieben wurden nach Angaben Schweims Fälschungen der Medikamente
â (MSD); Xenicalâ (Lilly); Propeciaâ (GSK); Cialisâ (Abott); Zyban âReductil .â(Roche) und Viagra

Problematisch sei in Deutschland früher gewesen, dass das Fälschen von Arzneimitteln rechtlich wie Produktpiraterie behandelt worden sei. "Es handelte sich damals um Verstöße nach dem Markenrecht und Urheberrecht. Erst seit der 12. AMG-Novelle können sie nach Arzneimittelrecht verfolgt werden", erläutert der ehemalige BfArM-Leiter.

Dabei könnten die Folgen des Gebrauchs der Fälschungen gravierend sein: "Über 50 Prozent der von der WHO aufgedeckten Fälschungsfälle enthielten keinen arzneilich wirksamen Bestandteil, 19 Prozent eine falsche Menge und 16 Prozent komplett falsche Wirkstoffe", erläutert Schweim. Nicht nur Verpackungen würden gefälscht, sondern auch die Beipackzettel hinsichtlich einer erweiterten Indikationsstellung. Schweim: "Die Verfallsdaten werden verlängert. Dokumente, die angebliche Qualitätskontrollen bescheinigen, werden ebenfalls gefälscht."

Ärzte müssten daher die Ermittlungsbehörden in Deutschland aktiv bei der Aufdeckung von Medikamentenfälschungen unterstützen, wenn sie Informationen über Fälschungen hätten: "Die Ärzte sollten auch Ihre Patienten auf die Gefahren durch gefälschte Medikamente, die zur Zeit vor allem über illegale Internetquellen vertrieben werden, aufmerksam machen", sagt Schweim. Mehrere Pharmahersteller hätten auch das BMGS um Hilfe im Kampf gegen die Medikamentenfälschungen gebeten. "Bislang hat sich das Ministerium aber noch nicht geregt. Daher hat sich MSD jetzt mit einer Kampagne an die Fachkreise gewandt und wird sich auch ab dem nächsten Wochenende an die allgemeine Öffentlichkeit wenden."