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Im Weltraum wie zur See
- von Martin Marheinecke -

"Konstruierte" Karl-Herbert Scheer die PERRY RHODAN-Raumschiffe nach einer Faustformel gemäß den Größenverhältnissen realer Kriegsschiffe?

Vor nun schon einiger Zeit, im PERRY RHODAN Heft 1960, stieß ich in einem Leserbrief von Ulrich Heise auf eine interessante Hypothese. Ulrich geht davon aus, daß PR-"Gründervater" K. H. Scheer bei der Konzeption der Perry-Rhodan Schlachtschiffe und Raumschlachten immer die Schlachtschiffe des Ersten und Zweiten Weltkriegs vor Augen (und Ohren) hatte. Dabei stellte er folgende Faustformel auf:

Schiffsdurchmesser eines PR-Schiffstyps mal 50 = Wasserverdrängung des realen Kriegsschiffstyps

die er mit folgender Tabelle verdeutlichte:


   100 m Leichter Kreuzer   5.000 t Verdrängung
   200 m Schwerer Kreuzer 10.000 t Verdrängung
   500 m Schlachtkreuzer 25.000 t Verdrängung
   800 m Schlachtschiff 40.000 t Verdrängung
1.500 m Superschlachtschiff 75.000 t Verdrängung


Leichter Kreuzer


Ulrich zufolge kommt das in etwa ganz gut hin, d. h. die errechneten Schiffstonnagen stimmen mit den typischen Wasserverdrängungen der Kriegsschiffstypen überein.

Ging der gute alte Karl-Herbert tatsächlich nach dieser Formel vor? Leider kann man ihn selber nicht mehr danach fragen. Immerhin: Er diente Ende des 2. Weltkriegs bei der Kriegsmarine - genauer gesagt war er U-Boot-Maschinist, Spezialist für frischluftunabhängige Antriebsanlagen. (Zu seinem großen Glück mußte er nicht mehr auf "Feindfahrt" gehen, denn das wäre in den letzten Monaten des Krieges ein beinahe sicheres Todesurteil gewesen.) Das er ein Faible für Waffen hatte - nicht nur als Schriftsteller, sondern auch als Waffensammler - dürfte allgemein bekannt sein. Darüber hinaus schrieb Scheer gut recherchierte Seeabenteueromane. Man kann also davon ausgehen, daß er sich mit Kriegsschiffen gut auskannte.

Da ich mich ebenfalls sehr für Seefahrtsgeschichte interessiere, reizte mich Ulrichs Faustformel sehr. So sehr, daß ich - spontan und ohne Recherche - einen Leserbrief schrieb, in dem ich diese Hypothese ein wenig abklopfte. An dieser Stelle nehme ich die Formel etwas genauer unter die Lupe.

Hierzu eine kleine Tabelle:

Ungefähre Wasserverdrängung von Kriegsschiffen der Baujahre 1910 - 1960 (in Tonnen)

Typ: minimal: maximal:
Leichter Kreuzer: 4.500 15.000
Schwerer Kreuzer: 7.000 15.000
Schlachtkreuzer: 18.000 45.500
Schlachtschiff: 19.000 52.000
Superschlachtschiff: 73.000 73.000



Einige Erläuterungen:
Gemäß dem Washingtoner Flottenabkommen von 1922 unterschied man "Leichte Kreuzer" mit Geschützen bis zu einem Kaliber unter 15,5 cm und "Schwere Kreuzer" mit Geschützen bis zum Kaliber 20,3 cm. Die maximale Wasserverdrängung wurde für beide Kreuzertypen mit 10.000 tons (10.160 metrische Tonnen) festgelegt. Ein Leichter Kreuzer war also nicht unbedingt kleiner als ein Schwerer Kreuzer! Da praktisch alle Seemächte bei den Tonnageangaben "tricksten" und Deutsch-land, die UdSSR und ab 1936 auch Japan das Flottenabkommen ohnehin nicht beachteten, gab es z.B. mit der HIPPER-Klasse (Schwerer Kreuzer) und der WERDLOW-Klasse (Leichte Kreuzer) auch erheblich größere Kreuzer. Nachdem ab 1960 praktisch alle Kreuzer Raketen oder Flugkörper als Hauptwaffen erhielten, war diese Unterscheidung zwischen "schweren" und "leichten" Kreuzern veraltet.

Schlachtkreuzer waren Großkampfschiffe, die im Vergleich zu Schlachtschiffen leichter bewaffnet und erheblich schwächer gepanzert waren, aber dafür eine höhere Geschwindigkeit und einen größe-ren Aktionsradius hatten. In der Regel waren Schlachtkreuzer ebenso groß oder sogar größer als zeit-gleich gebaute Schlachtschiffe. Die Kombination "große Kanonen - schwacher Panzer" bewährte sich nicht: in der Skagerrakschlacht explodierten drei britische Schlachtkreuzer unmittelbar nachdem sie ihren ersten Volltreffer erhalten hatten. Seit 1922 wurden deshalb keine "klassischen" Schlachtkreu-zer mehr gebaut, nur die britische Marine behielt drei Battlecruisers im Dienst - alle anderen See-mächte stellten diese Schiffe außer Dienst oder rüsteten sie zu Schlachtschiffen oder Flugzeugträgern um. (Zwei der letzten drei britischen Schlachtkreuzer folgten im 2. Weltkrieg der tödlichen "Traditi-on": die H.M.S. HOOD und später die H.M.S. REPULSE sanken unmittelbar nach den ersten gegne-rischen Treffern mit fast ihrer gesamten Besatzung.) In der Umgangssprache wurden einige "leichte" und schnelle Schlachtschiffe ebenfalls "Schlachtkreuzer" genannt (DUNKERQUE-Klasse, SCHARNHORST-Klasse), technisch gesehen war diese Bezeichnung falsch.

Die einzigen tatsächlich gebauten Schiffe, die die Bezeichnung "Superschlachtschiff" wirklich verdienten, waren die beiden 1937 - 1941 gebauten japanischen Kriegsschiffe YAMATO und MUSASHI. Ihre Wasserverdrängung betrug 72.809 ts, sie waren 263 m lang und u. A. mit neun 45,7-cm-Geschützen bewaffnet.

Schwerer Kreuzer


Im großen und ganzen scheint die Formel also zu stimmen - vielleicht ist der Leichte Kreuzer mit 5000 (t) = 50 * 100 (m) als "typische" Größe etwas niedrig gegriffen, ebenso der Schlachtkreuzer mit 25.000 t. Für die Schweren Kreuzer und die Schlachtschiffe des 2. Weltkriegs stimmen die Werte erstaunlich genau. Allerdings klaffen zwischen den jeweils kleinsten und jeweils größten Vertretern eines bestimmten Schiffstyps solche Unterschiede, daß die Formel nahezu wertlos ist.

Es sind aber zwei andere Sachverhalte, die mich daran zweifeln lassen, daß K. H. Scheer tatsächlich nach dieser Formel vorgegangen ist. Zum einem stimmt die Faustformel für die "Korvette" überhaupt nicht. Der der 60 m-Korvette in der PERRY RHODAN-Serie entsprechende reale Kriegsschiffstyp müßte um die 3000 t Wasser verdrän-gen - und wäre damit Gegenstück des Zerstörers, der im II. Weltkrieg zwischen ca. 2000 t bis ca. 3500 t Wasserverdrängung hatte. Eine "Korvette" (bzw. im deutschen Sprachgebrauch ein Geleitboot) hatte damals nur um die 700 - 1000 t und würde damit einem Kugelraumer von 35 - 50 m entsprechen. Das klingt jetzt haarspalterisch, aber wenn Scheer aber wirklich von dieser Überlegung ausgegangen wäre, hätte er den 60 m-Typ meiner Ansicht nach dann wohl wahrscheinlich "Zerstörer" oder, da der Be-griff schon für schwere Raumjäger "vergeben" war, "Fregatte" genannt. Erst recht gibt es kein reales Gegenstück zum 2500 m Ultraschlachtschiff. So ein Schiff hätte nämlich 125.000 t Wasserverdrängung - selbst die "Superflugzeugträger" der NIMITZ-Klasse liegen mit ihren 90.000 t deutlich darunter. Schwerer wiegt der zweite Einwand: Ein 200 m durchmessender Schwerer Kreuzer ist natürlich acht mal so groß (und so schwer) wie ein Leichter Kreuzer von 100 m. Damit wäre die Annahme, die Grö-ßenverhältnisse zwischen den PR-Raumern entsprächen denen zwischen den realen Schiffstypen, hinfällig.

Ist Ulrich Heises Überlegung also falsch? Nein, denn obwohl Scheer wahrscheinlich nicht auf die Größen der PERRY RHODAN-Raumschiffe kam, indem er Kriegsschiffstonnagen durch 50 teilte, besteht natürlich ein enger Bezug zwischen realen Kriegsschiffen und denen in PR. Ich vermute, daß Scheer zuerst die Größen der in der Serie vorkommenden Schiffstypen festlegte - und sich dann erst überlegte, wie er die Schiffstypen dann benennen wollte. (Das läßt sich aus den Originalromanen durchaus belegen - so war das auf dem Mond notgelandete arkonidische 500 m-Schiff einfach ein "Kreuzer" und die STARDUST II wurde abwechselnd als "Schlachtschiff" oder "Superschlacht-schiff" bezeichnet.) Dabei ging er wahrscheinlich so vor, daß er den kampfstärksten Raumsschiffstyp nach dem stärksten Kriegschiffstyp, also dem Schlachtschiff, benannt. So ging es eine Stufe nach der anderen herunter - bis der 100 m Typ als "Leichter Kreuzer" benannt war. Das 60 m Schiff hieß an-fangs "Kaulquappe" - wohl, weil die 800 m STARDUST diese als Beiboote so schluckte, wie ein venusischer Saurier eine Kaulquappe - erst in den 200er-Bänden gingen die Autoren allgemein zur "Korvette" über.

Die Schilderungen der Raumschlachten und des Lebens an Bord der gewaltigen Schiffe sind zweifel-los der realen Kriegsmarinen auf den Meeren Terras nachempfunden. Das schlägt sich auch in der Art und Weise nieder, in der Scheer das Innere "seiner" Raumschiffe beschrieb: Viel graulackiertes Me-tall, zahlreiche unverkleidete Armaturen, altmodisch anmutende Zeigerinstumente und Kippschalter - und trotz der Größe der Schiffe spartanische Wohnverhältnisse für die Besatzung. Also ein getreues Abbild der Scheer vertrauten Kriegsschiffe. Schon in der 1960er Jahren beschrieben andere Autoren das innere ihrer Raumschiffe völlig anders, wohnlicher und von der Technik her "futuristischer". Das gilt sogar für viele SF-Filme der damaligen Zeit - obwohl der "U-Boot-Look" sich schon aus Kosten-gründen bei den Produzenten einer gewissen Beliebtheit erfreute. Das elegante Interieur der ORION und die wohnliche Einrichtung der ENTERPISE entstanden 1965, als in Perrys Großraumern noch nackter Stahl vorherrschte. Der nüchterne "Kommißstil" der PR-Schiffe entsprang also nicht dem "Zeitgeist" sondern Scheers bewußter Entscheidung.

- ENDE -


Quelle: WORLD OF COSMOS Nr. 20


 

 

 

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