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Unternehmen STARDUST
Perry Rhodans erstes Raumschiff unter der Lupe
- von Martin Marheinecke -
Teil 3
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Zurück zur STARDUST: Ihr mutmaßlicher Brennstoff, n-Triethyl-boran, ist wie alle Alkylborane noch reaktionsfreudiger als Dimethylhydrazin und entzündet sich unter Umständen schon an der Luft. Alkylborane sind außerdem noch viel giftiger als Hydrazine! Für eine bemannte Großrakete wären sie damit wohl zu gefährlich, ganz abgesehen von ihrem hoben Preis. Möglicherweise entschied sich Scheer für n-Triethyl-boran, weil es der damals "neueste" Brennstoff war.
Die Erststufe der "echten" Mondrakete Saturn 5 flog mit gewöhnlichen Kerosin als Brennstoff und LOX als Oxydator. Kerosin, das noch nicht einmal die für Düsenflugzeuge nötige Qualität haben mußte, war der billigste verfügbare Brennstoff (beim Kraftstoffverbrauch einer Trägerrakete nicht ganz unwichtig) und läßt sich leicht und sicher handhaben. Die beiden Oberstufen verwendeten die "Idealkombination" flüssiger Wasserstoff und flüssiger Sauerstoff, die heute auch in den Haupttriebwerken des Space Shuttles und der Ariane-Raketen verwendet wird. Bei der Saturn 5 setzte man auch wegen der besseren Massenverteilung - der Schwerpunkt beim Star sollte möglichst weit unter liegen - das gegenüber flüssigem Wasserstoff schwere Kerosin ein.
Die Raketeningenieure bekamen, obwohl schon sehr früh mit Wasserstoff als Treibstoff experimentiert wurde, den schon bei - 252,78 Grad Celsius siedenden Flüssigwasserstoff nur schwer in den Griff. Vor allem die Verdampfungsverluste machten ihnen lange zu schaffen.
Die erste Flüssigwasserstoff-Rakete, die "Centaur," flog, nach einer schier endlos lange Serie von Fehlstarts, erst 1963. (Später erwies sich die "Centaur" als sehr zuverlässig. Sie leistet noch bis heute als Oberstufe der "Atlas-Centaur", der "Titan 3E" und der "Titan 4" gute Dienste. Eine modifizierte "Centaur" sollte auch im Space-Shuttle-Programm Verwendung finden, kam wegen des „Challenger"-Unfalls aus Sicherheitsgründen nicht zum Einsatz. Die UdSSR hatte bis zur „Energia" in den 1980er Jahre überhaupt keine operationelle Wasserstoff-Rakete, selbst die europäischen "Nachzügler" waren in dieser Hinsicht schneller. Wie man "Unternehmen Stardust" entnehmen kann, kannte Scheer die Probleme mit dem Wasserstoff.
Die Trägerrakete wäre technisch machbar gewesen. Allerdings ist sie trotz ihrer Größe nach dem Stand von 1961 konservativ (und dem von 1971 technisch veraltet). Selbst unter völlig anderen Ausgangsbedingungen hätte eine echte Mondrakete technisch wohl nie der Pluto-D entsprochen, schon gar nicht mit dieser gefährlichen und teueren Treibstoffkombination. Allerdings: mit dem Grundprinzip der "massiven Triebwerksbündelung" und der typischen Kegelform ähnelt sie äußerlich der N1,die für das Mondlandeprojekt der UdSSR vorgesehen war. Die N1 war allerdings deutlich leichter, eben "moderner".
Das Raumschiff "STARDUST" selber wirkt, im Gegensatz zur Rakete, schon rein äußerlich für ein Anfang der 60er Jahre "entworfenes" Raumschiff ziemlich modern. Es entspricht in vielem dem Space Shuttle-Orbiter. Scheer lehnte sich sicher auch hier wieder an die wiederverwendbare Frachtrakete aus "Station im All" an, berücksichtigte aber auch modernere Entwürfe. Meines Erachtens geht die STARDUST in erster Linie auf den damals von der US-Air Force geplanten Raumgleiter X 20 "Dyna-Soar" zurück, der von einer leistungstarken Trägerrakete in einer Erdumlaufbahn getragen werden sollte. Es ist nicht ganz klar, was Scheer mit den 64,2 Tonnen Nutzlast des Mondschiffs meinte. Sicherlich nicht die Frachtkapazität. Ich gehe davon aus, daß er - den Gepflogenheiten der Raumfahrttechnik entsprechend - mit der "Nutzlast" einer Rakete die Masse gemeint ist, die sie zum Ziel bzw. in die vorgesehene Bahn trägt. Der Shuttle hat eine "Nutzlast" von 110 t, daß heißt, das System trägt 110 t in einen 320 km-Orbit. Davon fällt das meiste jedoch auf den Orbiter selber, die Nettofrachtkapazität für den Orbit beträgt nur 34 t. (Das ist, ganz nebenbei, auch der Grund, weshalb "Wegwerfraketen" Satelliten immer noch wirtschaftlicher in den Orbit bringen, bei ihnen liegen Nutzlast und Nettofrachtkapazität sehr eng beeinander.) Die STARDUST wiegt auf Mondkurs also voll ausgerüstet und mit Besatzung 64,2 t.
Das ist überraschend wenig. Die schweren (auf dem Mond völlig überflüssigen) Tragflächen, und der Hitzeschild für das ganze Schiff machten das Raumschiff noch viel schwerer als ein vergleichbares "reines Raumschiff". Für ein "trockenes Raumschiff" der Größe der STARDUST sind 64 t durchaus plausibel. Die 47 t des APOLLO-Systems (Kommandokapsel, Versorgung- und Triebwerksteil, Mondfähre mit Landestufe) waren aber gut zur Hälfte Treib- und Betriebsstoffe. Überschlägig gerechnet hätte die STARDUST, da sie "am Stück" landet und startet, mehr als das dreifache ihrer Leermasse an Treibstoff und Oxydator gebraucht. Ich bin mir ziemlich sicher, daß auch K. H. Scheer diese überschlägige Berechnung gemacht hat und zu dem Ergebnis "zu schwer" gekommen ist. Im Gegensatz zu seinem Kollegen Clark Darlton, der bei einer vergleichbaren Schwierigkeit im Roman "Das Weltraumabenteuer" einfach einen nicht näher bezeichneten "Wundertreibstoff" erfand, wählte er einen glaubwürdigeren Ausweg: das "kernchemische Atomstrahltriebwerk".
Auch diese Bezeichnung bleibt rätselhaft. "Kernchemisch" ist an sich ein Widerspruch, da sich die Chemie nicht um die Atomkerne kümmert. Plausibel wäre "kern-chemisch", d. h. die STARDUST hat einen kombinierten chemischen und kernenergetischen Antrieb. "Atomstrahl" ist redundant, ich nehme an, es steht nur da, weil es so gut klingt.
Das die STARDUST einen Kernenergieantrieb hat, paßt in die "Atom-Euphorie der Zeit. Damals plante man Atom-Flugzeuge, Atom-Lokomotiven und sogar Atom-Autos. Kernkraftwerke sollten in einfachen Fabrikhallen ohne irgendwelche Schutzvorrichtungen mitten in den Städten errichtet werden. K. H. Scheer folgte diesem Zeitgeist, wie man vor allem aus seinen "ZbV"-Romanen, in denen auch alles und jedes Atomantrieb hat, erkennen kann. Als technisch versierter Schriftsteller schilderte er - im Gegensatz zu den "Atom-Euphorikern" - auch die Nachteile dieser Technologie. Radioaktive Verseuchung ganzer Landstriche, Strahlenschäden und der Kampf um die allmählich knapper werdenden Uranvorräte sind wichtige Probleme dieser alten SF-Agententhriller. Es gibt kaum einen frühen "ZbV" ohne Strahlenunfall (Spötter meinen deshalb, ZbV stünde für "Ziemlich bald verstrahlt".)
Das Triebwerk der STARDUST entspricht im Prinzip jenen "Nuklarraketen", an denen sowohl in der USA (Projekte ROVER und NERVA, Mitte der 70er Jahre aus Geldmangel gestoppt) und in der UdSSR gearbeitet wurde. Bei diesen "einfachen" nuklearen Triebwerken wird flüssiger Wasserstoff mit einer Temperatur von minus 253 Grad Celsius in einen kleinen Reaktor gepumpt, wo er dann durch die Kernreaktion um mehrere tausend Grad erhitzt und durch eine herkömmliche Düse ausgestoßen wird. Die Probleme liegen im Detail: Zu schwere Reaktoren, die große Hitze, die herkömmliche Metalle zum Schmelzen bringt, Materialversprödung durch Strahlung usw. - und was ist mit der Abschirmung? Was geschieht bei einem Unfall? Den Entwicklungsingenieuren gelang es in über 30 Jahren Arbeit am "Atomtriebwerk" nicht, diese Probleme überzeugend zu lösen. Scheer war sich dieser Problemen bewußt - und er wählte einen für ihn typischen "Ausweg". Im Gegensatz zu den prinzipiellen technischen und naturwissenschaftlichen Problemen, bei denen sich Scheer stets um Glaubwürdigkeit bemühte, griff er bei "Werkstoffproblemen" gerne zu "Wundermaterialien". ("Wie konnte der Roboter nur dieser gewaltigen Explosion widerstehen?" - "Kein Problem, er besteht aus mit Karl/Herbert-Verbundwerkstoffen verstärktem Scheerium.") Bei der relativ "zeitnahen" STARDUST - sie hätte, wenn sie tatsächlich 1971 einsatzklar sein sollte, eigentlich 1961 schon in der Entwicklung sein müssen (Scheer war sich dessen durchaus bewußt) - hielt er sich vergleichsweise zurück. Er beschränkte sich auf seine mittlerweile legendären "molekülverdichteten Legierungen" die die Arbeitstemperatur von 3920 Grad Celsius gut überstehen. (Da ich mal Chemie studiert habe, wundere ich mich nur, wie man Metalle, die ja keine molekulären Vwerbindungen sind, "molekülverstärken" kann.)
Fazit: "Unternehmen Stardust" gehört ohne Zweifel zu den "besseren" "Hard-SF"-Romanen. K. H. Scheers Raumschiff ist - wenn man die Zeitumstände bedenkt - durchaus plausibel und durchdacht. Man hätte es jedoch schon aus Gründen des Katastrophenschutzes sicher nie so gebaut. (Zwei mit je mindestens 20 kg Plutonium - vielleicht sogar erheblich mehr - bestückte Reaktoren auf etwas, das nur als unberechenbare 4000t-Bombe bezeichnet werden kann.) Das nicht alles so ganz realistisch war, wußte er selber wohl ganz genau. Schließlich ist "Perry Rhodan" ja keine ausgearbeitete Projektbeschreibung.
Viele naturwissenschaftlich-technisch orientierte SF-Romane lesen sich so spannend wie eine Betriebsanleitung oder riechen so sehr nach Forschungslabor, daß man unwillkürlich nach Chemikalienspritzern auf dem Papier sucht. Scheer dagegen schaffte es in "Unternehmen Stardust" Spannung, interessante Charaktere, phantastisches Geschehen und reichlich Technik auf einen Nenner zu bringen. Die STARDUST war damit eine gute Trägerrakete für eine SF-Romanserie, die einmal die größte der Welt werden sollte.
- ENDE -
Literatur:
K. H. Scheer: "Unternehmen Stardust" (Nachdruck), Eichborn, Frankfurt/Main 1987
William Volz (Hrsg.): Perry Rhodan - Die dritte Macht, Moewig, Rastatt, 1978
Horst Hoffmann (Hrsg.): Perry Rhodan Werkstattband, Moewig, Rastatt, 1986
Cornelius Ryan (Hrsg.) Wernher von Braun: Station im All, Umschau, Frankfurt/Main, 1953
Arthur C. Clarke: Unsere Zukunft im Weltall, Fischer, Frankfurt/Main, 1970
Werner Büdeler: Projekt Apollo, Bertelsmann Sachbuchverlag, 3. erweiteterte Auflage, Gütersloh, 1970 Wernher von Braun, Frederik J. Ordway III: Raketen, Udo Pfriemer, München, 1979
Heinz A. F. Schmidt (Hrsg.) Lexikon der Raumfahrt, VEB Verlag für Verkehrswesen, Berlin, 1982
Hermann-Michael Hahn (Hrsg.): D1-Unser Weg ins All, Westermann, Braunschweig, 1985
Kurt R. Spillmann (Hrsg.): Der Weltraum seit 1945, Birkhäuser, Basel, 1988
Joachim Kutzner, Kurt Kobler: Der verlorene Traum, TCE, Hückeswagen, 1999
Mark Wade: „Encyclopedia Astronautica", Raumfahrt-Datenbank, im Internet: http://www.friends-partners.org/~mwade/
Quelle: WORLD OF COSMOS Nr. 15
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