Gebrochene Flügel
Von Myles
Hier bin ich mit gebrochenen Flügeln,
liege danieder am Boden,
überflog sonst stolz die größten Hügel,
war einer der mächtigen Boten.
Aniel/Juni 3028
1.
Morgen war sein Geburtstag und er würde dann endlich sechs
Jahre alt sein.
“Sechs Jahre...!” Ian Lloyd ließ sich die beiden
Wörter geradezu auf der Zunge zergehen. Sprach sie noch mal
aus und genoß den Klang.
“Sechs Jahre! Das hört sich doch ganz anders an wie fünf
Jahre!”, dachte Ian bei sich, während er die Treppe herunter
lief. “Viel, viel älter hört sich das an.”
Schnell zog er sich die dick gefütterte Jacke, Fäustlinge
und diese komische Mütze an. Er mochte die Mütze nicht.
Er fand, daß er darin lächerlich aussah, doch seine Mutter
bestand auf die Mütze.
“Du frierst Dir sonst den Kopf und die Ohren ab und wirst
noch Krank. Willst Du zu Deinem Geburtstag Krank sein, Ian?”,
hallte ihre Stimme vom Vortag in seinem Kopf nach.
Nein, natürlich wollte er nicht Krank werden. Deswegen fügte
er sich murrend. Zum Glück kamen in diese abgeschiedene Gegend
von Talaras kaum Menschen. Er lief also kaum Gefahr, daß er
mit dieser Mütze gesehen wurde. Und Freunde hatten sich auch
nicht angekündigt.
Kaum hatten sich die magnetischen Manschetten seiner hohen Stiefel
sich geschlossen stürmte Ian auch schon zur Tür. Er nahm
schon gar nicht mehr wahr, wie sie sich automatisch vor ihm öffnete
und sich hinter ihm wieder schloß. Es war schon immer so gewesen
und deshalb machte er sich auch keine Gedanken darüber. Alles
was den noch fünfjährigen Jungen interessierte war der
erste Schnee draußen vor dem Haus.
Schnee...das hieß Schneemänner bauen, Schneeballschlachten
mit seinem Vater und hohe Schneeburgen bauen. Ian liebte einfach
den Schnee. Das einzige was er nicht mochte, war die Kälte.
Aber die gehörte zum Schnee dazu, wie ihm seine Mutter mal
erklärt hatte. Also nahm er sie einfach hin.
Das Schnee aber auch manchmal Glätte bedeutete bemerkte Ian
Lloyd ganz schnell. Schon nach wenigen schritten geriet er an eine
stelle mit überfrorener Nässe und flog der Länge
nach hin.
Zuerst wußte er nicht, ob er lachen oder weinen sollte, entschied
sich dann aber doch für das Lachen. Er wurde schließlich
sechs Jahre alt. Er war also schon fast erwachsen, wie er am gestrigen
Abendbrottisch mit fester Überzeugung gesagt hatte. Sein Vater
hatte ihn nur aus seinen grünen Augen angesehen und geschmunzelt.
Seine Mutter dagegen hatte kurz gesagt: “Wenn Du ja schon
fast erwachsen bist, dann kannst Du ja auch den Tisch abräumen.”
Das hatte gesessen. So hatte er sich das Erwachsenensein ganz und
gar nicht vorgestellt. Da er aber schlecht seine Aussage zurückziehen
konnte ohne das Gesicht vor seinen Eltern zu verlieren, ergab er
sich in sein Schicksal und räumte zusammen mit seiner Mutter
den Tisch ab.
Aber das war jetzt unwichtig. Das Erwachsen werden, sein Geburtstag,
seine noch unerledigten Aufgaben im Haus, alles war unwichtig.
Bei dem letzten Gedanken, an die unerledigten Aufgaben, hielt Ian
kurz inne. Seine Mutter würde böse werden, wenn er sie
nicht machte. Allerdings hatte das aber wohl noch Zeit, wie er fand.
Und schon schob er die Gedanken zur Seite und stürmte weiter.
Er wollte zu seinem Vater aufs Feld laufen. Vielleicht ließ
er sich ja zu einer Schneeballschlacht überreden. Das wäre
großartig, wie Ian fand.
Seine Wangen glühten und er atmete schwer beim laufen. Der
Schnee knirschte unter seinen schweren Stiefeln. Links und rechts
huschten Paros-Kiefern vorbei. Selbst jetzt im Winter, ohne ihre
Blätter, hatten diese Bäume noch etwas gewaltiges.
Erschöpft blieb Ian am Rand des Eisfeldes stehen, das sich
vor ihm Auftat. Hier hatte sein Vater Eiskaroas gepflanzt und hoffte
nun, sie bald Ernten zu können.
Ian hatte seine Eltern reden gehört, daß es eine gute
Ernte zu werden schien. Das hatte ihn gefreut, da das bedeutete,
daß seine Eltern gute Laune bekommen würden.
Angestrengt spähte er über das Eisfeld und versuchte seinen
Vater zu finden. Nach kurzer Zeit fand er ihn auch, allerdings am
anderen Ende des Feldes, wie Ian mißmutig zur Kenntnis nehmen
mußte. Also noch ein paar Meter laufen.
Da Jammern bekanntlich immer wenig half setzte er sich in Bewegung.
Diesmal rannte er aber nicht so schnell. Er war noch immer völlig
aus der Puste und sein Atem ging schwer.
Nach ein paar Minuten hatte er Dorian Lloyd aber erreicht. Sein
Vater war genauso dick angezogen wie er selbst. Er hatte jedoch
einen Handschuh ausgezogen und prüfte auf den Boden gekniet
eine Eiskaroa auf ihren Reifegrad.
Ian war noch nicht ganz da, als sein Vater den Kopf hob und ihn
prüfend ansah. Unwillkürlich verlangsamte der Junge seine
Schritte.
“Müßtest Du nicht Hausarbeiten machen Ian?”,
fragte ihn sein Vater mit ruhiger Stimme.
“Ach Papa, die kann ich doch auch noch später machen.”
Die Augenbrauen von Dorian Lloyd zogen sich zusammen. Er mochte
es ganz und gar nicht, wenn etwas nicht gleich gemacht wurde.
Schnell fügte Ian hinzu: “Es ist doch der erste Schnee
in diesem Jahr. Du weißt doch, wie sehr ich mich darauf gefreut
habe. Bitte Papa!”
Dorian Lloyd schien zu überlegen. Dann sagte er: “Du
weißt wie wir darüber denken, Ian!”
“Ich weiß Papa!”
Ian drehte sich enttäuscht um und wollte zurück nach Hause
gehen. Da hörte er jedoch noch einmal die Stimme seines Vaters.
“Zuerst jedoch....”, sagte Dorian Lloyd mit einem Lachen
und formte einen Schneeball mit seinen Händen, “...fliegen
die Schneebälle!”
Schon flog der Schneeball. Ian wollte noch ausweichen, doch er hatte
zu spät reagiert. Der Schneeball traf ihn voll an der rechten
Schulter. Sofort fing sein Gesicht vor Freude an zu strahlen und
er bückte sich, um auch einen Schneeball zu formen. Er war
noch nicht ganz fertig, da traf ihn schon der nächste. Diesmal
am Po. Er quietschte vor Überraschung auf und viel in den Schnee.
Jetzt konnte sich Dorian Lloyd nicht mehr halten und lachte laut.
Sein Sohn rappelte sich aus dem Schnee auf und lachte mit.
Noch während er im Schnee gelegen hatte, hatte er den Schneeball
zu ende geformt und schleuderte ihn in die Richtung seines Vaters.
Er hoffte, daß er treffen würde und seine Hoffnung wurde
erfüllt. Mitten auf der Brust schlug er ein und hinterließ
einen großen weißen Fleck auf der dicken Jacke.
“Getroffen!”, brüllte Ian und machte sich schleunigst
daran einen weiteren Schneeball zu formen. Immer wieder mußte
er dabei den Bällen seines Vaters ausweichen. So viel Spaß
hatte er schon seit langem nicht mehr gehabt.
Ian wollte gerade einem Schneeball ausweichen, als er ein Zischen
hörte. Erschrocken sah er seinen Vater an, der auch sofort
mit dem Spiel innegehalten hatte. Wieder war da dieses Zischen,
diesmal lauter und eindringlicher. Immer öfter kam es. Jetzt
mischte sich auch ein klirren darunter.
Ian drehte sich zu dem Wald um, der am nördlichen Rand des
Eisfeldes begann. Jetzt konnte er fahle Lichterscheinungen sehen.
Blaue und rote Blitze flackerten dort.
Er hatte gar nicht gemerkt, wie sein Vater näher gekommen war.
Er kreischte kurz vor Schreck auf, als sich die großen und
schweren Hände von ihm sich auf seine Schultern legten.
“Ian, Du läufst sofort nach Hause und bleibst dort!”
Dorian Lloyds Stimme duldete keinen Widerspruch und Ian wußte,
daß er sich sofort daran zu halten hatte. Ängstlich drehte
er sich noch mal zu ihm um und sah ihm in die Augen. Er las feste
Entschlossenheit darin.
Sein Vater strich ihm noch mal über die Wange und schickte
ihn dann fort. So schnell seine Beine ihn trugen, rannte Ian zurück
nach Hause. Hinter ihm noch immer dieses Zischen und klirren. Auf
einmal hörte es auf und Ian drehte sich um. Von dieser Entfernung
aus, konnte er jedoch nichts erkennen und lief weiter.
2.
Mit Unbehagen klebte Ian regelrecht am Küchenfenster und
schaute in die Schneelandschaft hinaus. Sehr weit konnte er nicht
sehen, da es wieder angefangen hatte zu schneien. Die Dämmerung
setzte ein und verleite dem Schnee einen grauschleier. Das, was
er sonst immer mit Faszination betrachtet hatte, besaß in
dem Moment keinen Reiz mehr für ihn. Er wartete, daß
sein Vater oder seine Mutter nach Hause kam. Seine Mutter war noch
in Karaska, der nächstgelegenen Stadt hier, Lebensmittel besorgen.
Sie hatte ihm gesagt, daß sie nicht vor zwanzig Uhr zu Hause
sein würde. Die Hausarbeit, die er eigentlich bis dahin erledigt
haben sollte, hatte er vollkommen aus seinem Bewußtsein verdrängt.
Ian beherrschte nur noch die Angst um seinen Vater. Vergeblich versuchte
er das Zittern zu unterdrücken, das seinen Körper durcheilte.
Sein kleines Herz raste und er meinte, seine Augen würden herausfallen,
so stierte er hinaus. Wenn er doch nur besser sehen könnte.
“Das Nachtglas!”, fiel es Ian ein.
Sofort sprang er auf und lief in das Zimmer seines Vaters. Normalerweise
durfte er hier nicht hinein und schon gar nicht etwas nehmen, aber
er beschloß, daß dies eine Ausnahme war. Sein Vater
würde schon nichts dagegen haben.
Trotzdem öffnete er die unterste Schublade des großen
Schrankes nur mit äußerster Vorsicht.
Er hatte Glück. Das Nachtglas lag dort, wo er es zuletzt gesehen
hatte. Behutsam nahm er es an sich und drückte die Schublade
wieder zu.
Glücklich das Glas gefunden zu haben, kam sein kindlicher Enthusiasmus
wieder zum Vorschein und er rannte mit dem Nachtglas in die Küche
an das Fenster zurück. Sprang dort auf den Stuhl, auf dem er
zuvor gestanden hatte und mußte um sein Gleichgewicht kämpfen,
da der Stuhl bedrohlich unter seinem Gewicht wackelte. Er fing sich
jedoch rasch wieder und setzte das Nachtglas dicht vor die Augen.
Über einen Sensorkontakt auf dem Gerät zoomte Ian die
Umgebung dichter heran. Erst sprangen die Bäume regelrecht
auf ihn zu. Vorsichtiger korrigierte der Junge die Weite, bis er
einen guten Kompromiß aus Übersicht und Zoom hatte.
Immer wieder schwankten seine Blicke hin und her in die Richtung,
aus der sein Vater eigentlich kommen mußte.
So langsam machte er sich richtig Sorgen.
“Was ist wenn Papa gar nicht mehr wiederkommt?”, durchzuckte
es Ian.
Das Gefühl, was bei diesem Gedanken ausgelöst wurde, ließ
ihm sofort die Tränen in die Augen schießen. Das war
ein furchtbarer Gedanke und er wollte so etwas nicht denken. So
etwas gab es nicht.
“Die Engel werden ihn beschützen!”
Genau, das war es. Die Engel. Seine Mutter hatte ihm oft Abends,
wenn er wieder mal nicht schlafen konnte, davon erzählt. Sie
hatte dann an seinem Bett gesessen und mit ihrer weichen Stimme
von den Engeln erzählt. Er liebte diese Stimme an seiner Mutter.
Sie war so anders, wie die Stimme, die er am Tag so hörte.
Da fühlte er sich immer richtig geborgen.
“Du brauchst keine Angst haben Ian. Die Engel des Kaisers
haben ein Auge auf Dich, auf uns alle. Sie beschützen uns.”
“Wie sehen die Engel aus?”, hatte er gefragt.
“Sie sind lichtumflutete Geschöpfe von großer Schönheit.
Sie haben Flügel und eine äußerst positive Ausstrahlung.
Sie wachen über Dich und über Deine Träume mein Sohn.
Und jetzt schlaf!”
Sie hatte ihm dann immer einen Gute Nacht Kuß gegeben, das
Licht gelöscht und war dann leise hinausgegangen. Er hatte
dagegen meistens noch lange wach dagelegen und über Ihre Worte
nachgedacht.
Die Engel des Kaisers. Er wußte nicht was ein Kaiser war.
Er wußte nur, daß er über allem war und die Menschen
regierte. Eigentlich war es ihm auch egal. Wichtig waren nur die
Engel und er fragte sich, ob sie auch seine Gedanken kannten.
Ihm war noch nicht richtig bewußt was böse und was gut
war. Trotzdem fragte er sich, ob es böse war wenn er wußte
was seine Eltern dachten.
Ian fühlte, daß etwas da draußen war. Er konnte
es aber nicht einordnen. Außerdem lenkte ihn seine Angst ab
und so starrte er weiter hinaus in die Abenddämmerung. Dabei
mußte er aufpassen, daß ihm das Nachtglas manchmal nicht
verrutschte. So stark zitterte er.
Doch was war da gewesen? Eine Bewegung zwischen den Bäumen?
Ian zoomte stärker in den Bereich hinein, wo er eine Bewegung
gesehen hatte.
Er hatte richtig gesehen. Zwei Personen kamen näher und diese
trugen etwas in ihrer Mitte.
Wieder kam diese Angst hoch. Die Person in der Mitte konnte auch
sein Vater sein – verletzt. Oder noch schlimmer. Tod!
So schnell wie die Gedanken kamen schob er sie wieder fort. Eltern
starben nicht. Die Engel wachten über sie. Davon war er zutiefst
überzeugt.
Schon bald waren die Gestalten näher heran und Ian konnte sie
besser erkennen. Die Person zu seiner linken war Mister Hammon.
Einer ihrer Nachbarn. Rechts von ihm war sein Vater. Beide trugen
sie eine Trage, auf der jemand lag. Ian konnte aber nicht erkennen
wer. Irgendwie wurde das Nachtglas dort seltsam unscharf. Er erkannte
nur verschwommene Konturen. Die eines Menschen.
Jetzt waren sie so dicht, daß es Ian doch wieder mit der Angst
zu tun bekam. Schnell rannte er in das Zimmer seines Vaters zurück
und verstaute das Nachtglas an seinem alten Platz. Er schaffte es
noch gerade die Treppe ein stückchen hoch zu rennen, bevor
die Haustür sich öffnete.
Ian schaute vorsichtig zwischen die Metallstreben des Geländers
hervor.
Ein dumpfer Druck lastete auf seinem Kopf. Zugleich verspürte
er die ungeheuer positive Ausstrahlung des Wesens.
Ian ignorierte den Druck auf seinem Kopf. Das war jetzt nicht wichtig.
Wichtig war allein das, was er sah. Und er wollte nicht glauben,
was er sah.
Auf der Trage, die die beiden Männer zwischen führten,
lag ein Mensch. Ein Mensch mit weißen Flügeln.
“Ein Engel”, dachte Ian schockiert.
Genauso hatte er sich immer einen Engel vorgestellt. Nur dieser
Engel schien verletzt zu sein. Schwer verletzt. Aus zahlreichen
Wunden blutete er. Wie ein Mensch.
3.
Seine Mutter war bald darauf gekommen. Was dann geschah, konnte
er leider nicht mehr mitbekommen. Seine Eltern hatten ihn ins Bett
geschickt. Ohne Duldung von Widerspruch.
Ian konnte jedoch nicht schlafen. Der Mensch....der Engel, ging
ihm nicht aus dem Kopf.
Im Moment war alles ruhig im Haus. Seine Eltern schienen schlafen
gegangen zu sein und Mister Hammon nach Hause.
Er fragte sich ob er sollte, doch seine kindliche Neugier war einfach
zu groß.
Vorsichtig schlüpfte Ian aus dem Bett und zog seine Hausschuhe
an. Leise öffnete er seine Zimmertür und lauschte Angestrengt.
Achtete auf jedes kleines Geräusch. Doch er vernahm nichts.
Ganz langsam und so leise wie möglich schlich der sechsjährige
Junge die Treppe hinunter.
Er hatte ein bißchen Angst vor dem, was kam. An der Wohnzimmertür
angekommen verharrte er. Die Tür stand offen.
Er sah seinen Vater im großen Sessel schlafend. Der Fremde,
der Engel, lag auf dem großen Sofa. Zahlreiche Verbände
umgaben ihn. Einige waren schon wieder Blutdurchtränkt.
Die großen Flügel hingen seitlich von ihm ab und waren
erschlafft. Teilweise waren sie schwarz. Ein Flügel erschien
Ian gebrochen. Er fragte sich, warum er nicht von seinen Eltern
behandelt worden war.
Der Engel hatte seinen Kopf zur Seite gedreht, so daß Ian
ihm nicht ins Gesicht sehen konnte. Die Haare waren braun und hingen
wirr herum. Der Engel sah ziemlich mitgenommen aus. Ganz und gar
nicht wie ein unsterbliches Wesen, das Lichtumflutet ist.
Ian erschrak furchtbar, als sich der Kopf des Engels auf einmal
bewegte und sich zu ihm hin drehte.
Der Druck auf seinen Kopf nahm bis ins Schmerzhafte hin zu.
Ian faßte sich an die Schläfen und stöhnte. Er wußte
nicht, wie er es machte, doch mit einem Gedanken fegte er diesen
furchtbaren Druck einfach weg.
War es richtig, wenn er jetzt grenzenloses erstaunen in dem Gesicht
des Engels las?
Die Augen waren unheimlich. Ian bekam Angst vor ihnen und war kurz
davor weg zu laufen.
Die Augen des Engels waren schwarz. Tiefschwarz, und sie fixierten
ihn.
Ian konnte es nicht verhindern, daß er wieder anfing zu zittern.
Sein Herz raste, als ob er um sein Leben rennen würde.
“Du brauchst vor mir keine Angst haben, Ian!”
Etwas in der tiefen, sonoren Stimme beruhigte den Jungen sofort.
Sein Fluchtinstinkt verbarg sich wieder. Er ging sogar einen Schritt
auf den Engel zu.
“Bist du wirklich ein Engel?”, fragte Ian mit spröder
Stimme.
“Ja, das bin ich. Ich heiße Aniel.” Wieder lächelte
der Engel.
“Aber wie kannst du dann verletzt sein? Engel sind doch unsterblich!”,
sagte Ian in seiner kindlichen, unschuldigen Art. So langsam wunderte
er sich, daß sein Vater nicht aufwachte. Das würde ein
Donnerwetter geben, wenn er ihn hier bei dem Engel sehen würde.
“Du brauchst keine Angst haben Ian. Deine Eltern können
mich nicht als Engel erkennen. Für sie bin ich ein Mensch.”
“Wie ist das möglich....Aniel?”
“Weil ich es so wünsche!”
“Und warum sehe ich Dich dann?”
Aniel sah Ian lange an bevor er antwortete. Während dieser
Zeit spürte er wieder einen sanften Druck auf seinem Kopf.
Diesmal jedoch nicht unangenehm. Nicht so wie die vorherigen male.
“Du bist etwas besonderes Ian. Bei Dir wirkt meine Macht nicht.”
Ian verstand überhaupt nichts. Er sah den Engel mit einem einzigen
Fragezeichen im Gesicht an.
“Etwas besonderes? Das verstehe ich nicht. Ich bin doch wie
alle anderen Kinder. Wir spielen die gleichen Spiele.”
Wieder lächelte der Engel, doch es schien ihm auf den Lippen
zu gefrieren. Ruckartig kam er hoch und richtete sich vor dem Sofa
auf.
Unwillkürlich war Ian ein paar Schritte zurück gegangen
und dabei an das rechte Bein von seinem Vater gestoßen. Doch
noch immer wachte er nicht auf.
Jetzt war es dem Jungen, als ob die Stimme von Aniel von ganz weit
weg herkommen würde. Bedauern lag darin.
“Es ist wirklich schade, daß ich dich nicht unter anderen
Umständen kennengelernt habe, Ian. Du dürftest für
meine Brüder interessant sein.”
Jetzt blickte er den kleinen Jungen an.
“Wenn Du überlebst!”
Aniel kam Ian wahrhaft gigantisch vor. Der Engel war wesentlich
größer wie sein Vater und auch viel kräftiger. Die
Flügel wippten auf seinem Rücken, wobei der untere Teil
des rechten Flügels schlaff herunter hing. Gekleidet war er
mit einer Kombination, die keinerlei Falten warf. Grundsätzlich
war sie weiß, schillerte jedoch an manchen Stellen wie ein
Regenbogen. Handschuhe reichten an beiden Armen bis zu den Ellenbogen
und an den Füßen Stiefel bis zu den Knien. Auch in weiß
gehalten.
Ian dachte, daß der weiße Schein fehlte, der Engel immer
umgeben sollte.
Jetzt wandte sich Aniel wieder dem Jungen zu, nachdem er einen ganze
Weile wie eine Statue dagestanden hatte.
“Los, gehe dich verstecken. Und bete!”
Ian blickte noch mal zu dem Engel hoch und bekam es mit der Angst
zu tun. Warum sollte er beten? Mit Aniel war doch ein Engel da,
der ihn vor allem beschützte. So hatte es ihm seine Mutter
gesagt.
“Geh!”, schrie der Engel ihn jetzt an.
Die Tränen schossen Ian in die Augen, doch er drehte sich um
und lief los. Zurück zur Treppe.
Hinter sich hörte er, wie sein Vater erwachte und hinter ihm
herlief. Ian verschwand schnell in seinem Zimmer. Er überlegte
fieberhaft, wo er sich verstecken sollte. Es gab doch keine Verstecke
in diesem Haus.
Von unten hörte er wie die Haustür sich öffnete und
wieder schloß.
Ian’s Angst war groß und er wollte dem Engel gehorchen.
Doch er wollte auch wissen, was jetzt passierte.
Also schlich er sich wieder runter und ging zum Küchenfenster.
Erst dachte er sich wieder das Nachtglas zu holen, doch das erwies
sich als unnötig.
Aniel, der Engel, stand von einer Lichtkaskade umgeben vor dem Haus.
Er schien zu warten. Nur auf was?
Allmählich wunderte ihn auch wirklich, das seine Eltern nicht
reagierten. Was hatte der Engel nur mit ihnen gemacht? Nachdem sein
Vater nach oben gestürmt war, war alles ruhig geworden.
Bevor er sich jedoch weiter Gedanken darum machen konnte, wurden
seine Blicke auf etwas gelenkt, was direkt auf Aniel zuging.
“Noch ein Engel!”, dachte Ian schockiert. Der einzige
Unterschied war, das der fremde Engel ganz in Schwarz gehalten war
und eine rote Kaskade aus Licht ihn umflutete.
Der dunkle Engel hielt ein Schwert in der Hand, das ebenfalls von
rotem Licht umgeben war.
“Wie Feuer! Das muß ein Dunkler Engel sein.”
Der Dunkle Engel blieb vor Aniel stehen. Sie schienen miteinander
zu sprechen.
Bevor es Ian aber so richtig mitbekam, entbrannte ein Kampf zwischen
den beiden Wesen.
Ian konnte das alles nicht nachvollziehen, was jetzt passierte.
Teilweise waren die Bewegungen der beiden Kontrahenten viel zu schnell
für sein Auge. Dafür nahm er aber um so besser das explodieren
von roten und blauen Lichtern war. Sowie einen höllenlärm.
Der Kampf verlagerte sich immer mehr in Richtung des Hauses. Ian
konnte nicht erkennen, wer von den beiden Gegnern die Oberhand in
dem Kampf hatte.
Mit einem Aufschrei sprang Ian von dem Fenster weg. Er konnte sich
nur noch auf den Boden werfen, als auch schon das Fenster splitterte
und ein großer Körper dadurch geflogen kam.
Es war Aniel.
Ian erkannte den Engel sofort. Ungläubig sah er, wie der Engel
auf dem Boden lag. Er schien noch schwerer verletzt zu sein. Überall
waren offene Wunden und...Ian wurde schlecht, der rechte Arm fehlte.
Er war dicht unter der Schulter abgetrennt worden.
Aniel spuckte Blut, rappelte sich jedoch wieder hoch.
Wimmernd und zusammengekauert hockte Ian zwischen den Glasscheiben
auf dem Boden und sah den Engel an. Was passierte hier nur?
Aniel mußte das Wimmern gehört haben. Sein Kopf ruckte
zu Ian herum. Jetzt konnte der Junge direkt in das schmerzverzerrte
Gesicht sehen.
Bevor der Engel jedoch etwas sagen konnte, kam der Dunkle Engel
durch das Fenster geflogen. Mit sicherer Eleganz landete er direkt
neben Ian, beachtete ihn jedoch nicht weiter. Seine Augen schienen
ganz auf Aniel gerichtet zu sein.
In diesem Augenblick stand Ian zum ersten Mal Todesängste aus.
Er war überzeugt, daß es dem Dunklen Engel nur eine winzige
Bewegung gekostet hätte um ihn zu töten.
Der Dunkle Engel schien kaum verletzt, auch wenn er ein wenig blutete.
Aber die Verletzungen waren wohl unerheblich zu denen, die Aniel
davon getragen hatte.
Der Kampf hatte nur eine kurze Pause davon getragen und entbrannte
wieder aufs neue.
Aniel streckte seinen gesunden linken Arm aus. Vor ihm baute sich
eine blaue Lichtmauer auf, an dem das Schwert des Dunklen Engel
folgenlos entlang glitt.
Wieder bewegten sich die beiden Kontrahenten so schnell, daß
Ian ihnen kaum folgen konnte. Obwohl das Geschehen sich direkt vor
seinen Augen abspielte.
Wieder wurde Aniel getroffen und flog mit gewaltiger Wucht gegen
die Zimmerwand und durchbrach sie.
Der Dunkle Engel wollte nachsetzen, wurde jedoch durch etwas anderes
abgelenkt. Von oben kamen Ian’s Eltern herunter gelaufen.
Beide bewaffnet.
“Verschwinde Du Hurensohn!”, schrie sein Vater und feuerte
den Blaster auf den dunklen Engel ab. Ian’s Mutter tat es
ihm gleich und feuerte ebenfalls.
Ian bekam nicht mit, ob die Blasterschüße trafen. Es
schien den dunklen Engel nicht zu kümmern. Er streckte nur
kurz den linken Arm aus und ballte die Hand zur Faust.
Mit vor schrecken geweiteten Augen mußte Ian mit ansehen,
wie sich seine Eltern an die Brust faßten und auf einmal zusammensackten.
Ian wollte schreien, wollte aufspringen und zu seinen Eltern laufen.
Doch er brachte nur ein Krächzen zustande. Seine Beine waren
wie gelähmt. Nur die Tränen schossen ihn immer mehr in
die Augen.
Am Rande bekam er mit, wie sich Aniel auf den dunklen Engel stürzte
und ihn von den Beinen riß. Sie wälzten sich auf den
Boden hin und her, doch auf einmal blieben sie liegen. Ein infernalisches
Gebrüll folgte, das Ian das Blut in den Adern gefrieren ließ.
Ian hoffte inständig, daß Aniel der Sieger sein würde,
doch seine Hoffnung trog.
Der Engel blieb liegen und sein Widersacher stand auf.
Mit grauen mußte Ian sehen, wie ein großes Loch in der
Brust von Aniel klaffte. Überall floß das Blut.
In der rechten Hand hatte der Dunkle Engel einen großen Fleischklumpen.
“Bitte nein!”, dachte Ian verzweifelt.
Mit einer geringschätzigen Bewegung zerquetschte der dunkle
Engel das Herz von Aniel und warf es danach einfach auf den Boden.
Ian wimmerte, weinte und fror erbärmlich. Er versuchte sich
unter Kontrolle zu halten. Nicht laut zu sein. Den Dunklen Engel
nicht auf sich aufmerksam zu machen. Doch er sah seine Eltern da
liegen und das schmerzte. Es tat einfach nur weh. Ein lautes Schluchzen
entfuhr ihm.
Jetzt passierte das, wovor es sich im Moment am meisten fürchtete.
Der Dunkle Engel dreht sich zu ihm um und ging auf ihn zu.
Ian machte sich vor Angst in die Hose. Warm lief es seine Beine
herab, doch er bemerkte das gar nicht mehr.
Die Angst hatte ihn in ihrem Würgegriff und ließ ihn
nicht mehr los. Er würde jetzt sterben. Wie seine Eltern und
Aniel. Davon war er fest überzeugt.
Der Dunkle Engel hockte sich vor ihm hin und sah ihn nur an. Dann
machte er etwas, womit Ian überhaupt nicht gerechnet hatte.
Der Dunkle Engel streckte seinen rechten Arm aus und streichelte
ihn über den Kopf.
“Gnade!”, hörte Ian ihn flüstern.
Abrupt stand der Dunkle Engel auf und ging aus dem Haus. Seine Schritte
verhallten in der Dunkelheit der Nacht.
Vorsichtig fing Ian an durch die Küche zu kriechen. Von draußen
wehte der eisige Wind und ließ ihn jämmerlich frieren.
Er wollte zu seinen Eltern. Dabei kam er jedoch auch an Aniel vorbei.
Er wollte ihn nicht ansehen, doch er konnte nicht anders.
Die schwarzen Augen des Engels waren vor Schmerz, Überraschung
und erschrecken geweitet. Im Tod festgefroren.
Mit tränenerstickter Stimme sagte Ian: “Du wolltest uns
doch beschützen. Du bist ein Engel. Engel sterben nicht!”
Und doch war es geschehen. Aniel hatte nicht verhindern können,
das seine Eltern starben. Das er selbst starb.
Ian kroch weiter. Sein Vater lag auf der untersten Treppenstufe.
Seltsam verkrümmt. Seine Mutter Rameira war direkt neben ihrem
Mann zu Boden gesunken. Ian legte sich zwischen die toten Körper
seiner Eltern. Kuschelte sich an sie. Klammerte sich an die Arme
seiner Eltern. Hatte irgendwie die irrationale Hoffnung, daß
sie wieder aufstehen würden.
“Mama....Papa...!”
* * *
Ian wußte nicht wieviel Zeit vergangen war, als er wieder
aufwachte. Von draußen schien Tageslicht herein und er konnte
seine Glieder kaum noch spüren. Noch immer lag er zwischen
den beiden Körpern seiner Eltern.
Irgend etwas hatte ihn geweckt. Nur was?
Ian versuchte sich aufzurichten. Seine Beine und Arme schmerzten
durch die Kälte sehr.
Er bekam es wieder mit der Angst zu tun. Was war, wenn der Dunkle
Engel zurückgekehrt war?
Tatsächlich vernahm er Geräusche von draußen. Schritte!
Sie kamen näher und Ian verbarg sich mehr zwischen den beiden
Leichen seiner Eltern.
Er linste über den Arm seiner Mutter rüber und wartete
auf das, was gleich zur Tür hereinkommen würde.
Als er es endlich sah, glaubte er wieder seinen Augen nicht zu trauen.
“Drei Engel!”
Die drei Engel waren von einer Lichtkaskade umgeben und wie schon
bei Aniel, legte sich ein dumpfer Druck auf seinen Kopf diesmal
jedoch wesentlich schwerer und kräftiger. Ian kämpfte
dagegen an und gewann. Mit Leichtigkeit sogar.
Der vorderste Engel stoppte und sah zu ihm herüber. Verwunderung
stahl sich in seine Gesichtszüge.
Mit vorsichtigen Schritten kam er näher, während die beiden
anderen sich der Leiche von Aniel näherten.
Ian verkroch sich noch mehr zwischen die beiden Körper seiner
Eltern. Doch der Engel kniete sich vor ihm hin und streckte vorsichtig
den rechten Arm zu ihm aus. Streichelte über seinen Kopf.
“Du brauchst keine Angst mehr haben. Du bist jetzt in Sicherheit.”
“Wer seit ihr?”, fragte Ian zögernd.
“Ich bin Gabriel!”.
Ian erforschte die positive Aura von Gabriel und erhaschte sogar
Gedanken. Sofort verschloß er sich wieder. So etwas war böse,
wie er überzeugt war.
Gabriels Stimme zeugte von Bewunderung als er sagte: “Du bist
etwas besonderes, Ian. Du mußt uns erzählen was hier
passiert ist.”
Jetzt streckte der Engel auch den anderen Arm aus und Ian ließ
sich bereitwillig hochnehmen.
Endlich konnte er seinen Gefühlen wieder freien lauf lassen.
Er fühlte sich geborgen und weinte hemmungslos an der Brust
des Engels Gabriel. Dieser hielt ihn einfach nur fest und litt mit
ihm.
Die beiden anderen Engel standen hinter ihm und hatten die schwarzen
Augen geschlossen. Das einzige was zu hören war, war das Weinen
des Jungen. Die Engel fühlten genau, was dem Jungen widerfahren
war. Das Leid, was er ertragen mußte...und Gabriel weinte!
...to be continued in a new story!
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